{"id":12442,"date":"2007-12-21T01:01:26","date_gmt":"2007-12-21T01:01:26","guid":{"rendered":".\/?p=12442"},"modified":"2007-12-21T01:01:26","modified_gmt":"2007-12-21T01:01:26","slug":"12442","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12442\/","title":{"rendered":"PKK f&#252;r t&#252;rkisches Milit&#228;r nur ein Vorwand"},"content":{"rendered":"<p>  T&#252;rkischer Aufmarsch an irakischer Grenze<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Nie zuvor lie&#223;en die Gener&#228;le der T&#252;rkei so viele Soldaten an der   nord-irakischen Grenze aufmarschieren. Der Irak-Krieg hat zu einer   Versch&#228;rfung der Jahrzehnte alten Konflikte gef&#252;hrt. Kurdistan droht zum   Schauplatz eines neuen gewaltigen Blutvergie&#223;ens zu werden.<\/b><\/p>\n<p>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Seit 1991 sind t&#252;rkische Truppen 24 Mal in den irakischen Teil   Kurdistans einmarschiert. Jetzt haben sie 100.000 Soldaten an der Grenze   zum Irak in Stellung gebracht. Das sind doppelt so viele wie bei den   beiden bislang gr&#246;&#223;ten Invasionen 1995 und 1997.<\/p>\n<p>  Der Grenz&#252;bergang Harbur gilt als Barometer f&#252;r die Lage im   t&#252;rkisch-irakischen Grenzgebiet. Vor zwei Monaten wurden t&#228;glich 2.000   Lastwagen in eine Richtung abgefertigt, heute warten dort nur noch   hundert. &#8222;Offenbar rechnen sie mit Krieg&#8220;, so ein Lkw-Fahrer (FAZ vom   31. Oktober).<\/p>\n<h4>  &#8222;Alarmstufe Rot&#8220;<\/h4>\n<p>  Am 17. Oktober gab das t&#252;rkische Parlament mit 509 zu 19 Stimmen den   Oberbefehlshabern gr&#252;nes Licht, in den Irak einzumarschieren.   Ministerpr&#228;sident Recep Tayyip Erdogan k&#252;ndigte eine Milit&#228;roffensive im   Nordirak an, falls die irakische Regierung nicht gegen die   Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vorgehen und PKK-F&#252;hrer aush&#228;ndigen   sollte. Der irakische Pr&#228;sident, Dschalal Talabani, selbst ein Kurde,   entgegnete darauf zun&#228;chst, dass er &#8222;nicht einmal eine kurdische Katze   ausliefern&#8220; w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Vor der Irak-Konferenz in Istanbul &#8211; an der auch der irakische   Ministerpr&#228;sident Nuri al-Maliki teilnahm &#8211; erkl&#228;rte dann   US-Au&#223;enministerin Condoleezza Rice: &#8222;Die PKK ist unser gemeinsamer   Feind.&#8220; In einer Blitzaktion schloss die nordirakische Regionalregierung   vor laufenden Fernsehkameras Kontaktb&#252;ros der PKK. Kurz darauf lie&#223; sie   die Zufahrtsstra&#223;en ins Kandilgebirge sperren, um die PKK von der   Lebensmittelversorgung abzuschneiden &#8211; mit fatalen Folgen f&#252;r die   Zivilbev&#246;lkerung.<\/p>\n<p>  Am 5. November besuchte Erdogan US-Pr&#228;sident George W. Bush. Hier   versuchte Bush, wie Rice zuvor in Istanbul, die Herrschenden in der   T&#252;rkei von einer umfassenden Invasion abzuhalten. Gleichzeitig sagte   Bush der t&#252;rkischen Armee logistische Hilfe und die Ausstattung mit   US-Geheimdienstinformationen zu. Immer wieder kreisen nun   US-Spionageflugzeuge &#252;ber der Region, t&#252;rkische Kampfhubschrauber   attackieren PKK-Lager in den Kandilbergen. &#8222;Wir haben hier Alarmstufe   Rot&#8220;, so ein PKK-K&#228;mpfer.<\/p>\n<p>  Parallel dazu wurde in der T&#252;rkei ein Verbotsverfahren gegen die   kurdische Partei f&#252;r demokratische Gesellschaft (DTP) eingeleitet (die   20 Parlamentsabgeordnete und 56 B&#252;rgermeister stellt).<\/p>\n<h4>  Hypothek des Irak-Krieges<\/h4>\n<p>  &#8222;In diesem Jahr war die Zahl der in Zusammenst&#246;&#223;en mit der PKK Get&#246;teten   nicht h&#246;her als in den beiden Jahren zuvor&#8220;, hei&#223;t es in der FAZ vom 31.   Oktober. Warum dann eine t&#252;rkische Milit&#228;roffensive zu diesem Zeitpunkt?<\/p>\n<p>  Im Machtkampf mit Erdogans islamistischer AKP (Partei f&#252;r Gerechtigkeit   und Entwicklung) hatte sich das t&#252;rkische Milit&#228;r ein blaues Auge   geholt. Die Armee, die in der T&#252;rkei zwischen 1960 und 1980 dreimal   putschte, war im Streit um den AKP-Pr&#228;sidentschaftsanw&#228;rter Abdullah G&#252;l   unterlegen. Um Einfluss und Prestige zur&#252;ckzugewinnen, forcieren die   Kr&#228;fte des Milit&#228;rs den Konflikt mit der PKK. Allerdings haben   Entwicklungen eingesetzt, die auch die AKP auf den Plan ruft: Im   September legte der US-Senat ein Konzept zur Teilung des Irak in drei   Teilstaaten vor. In den n&#228;chsten Monaten soll ein Referendum &#252;ber die   Zukunft der &#246;lreichen nordirakischen Stadt Kirkuk stattfinden. W&#252;rde   Kirkuk der kurdischen Autonomieregierung zugeschlagen, w&#228;re ihre   &#246;konomische Position stark verbessert.<\/p>\n<p>  Seit dem Irak-Krieg 2003 war der Norden des Irak im Vergleich zum Rest   des Landes relativ stabil. W&#228;hrend die Sunniten, aber auch Schiiten,   bewaffneten Widerstand gegen die US-Besatzer leisten, glaubten die   irakischen Kurden, echter Selbstbestimmung n&#228;her gekommen zu sein. Nach   dem Golfkrieg 1991 hatte der US-Imperialismus gegen&#252;ber Saddam Hussein   bewirkt, dass ihnen autonome Rechte zugestanden wurden. Von 2003 an   durften die KurdInnen auch eine eigene Regierung w&#228;hlen. Zudem stellten   die USA ihnen die Kontrolle &#252;ber die &#214;lvorkommen im Norden in Aussicht.   Alles Zugest&#228;ndnisse des Wei&#223;en Hauses, um das Hussein-Regime zu Fall zu   bringen und danach eine Ausweitung des B&#252;rgerkriegs zu stoppen.<\/p>\n<h4>  US-Interessen<\/h4>\n<p>  Der Imperialismus ber&#252;cksichtigt das Joch unterdr&#252;ckter Nationen nur   dann, wenn es ihnen einen Vorteil bringt. Als die USA auf Hussein   setzten, um die Ausdehnung der Iranischen Revolution aufzuhalten,   ignorierten sie die Verfolgung irakischer KurdInnen. Auch beim   Giftgasangriff auf das kurdische Halabja 1988 sahen sie weg.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die PKK zum Feind erkl&#228;rt wird, unterst&#252;tzen die USA derzeit die   der PKK nahe stehende Partei des freien Lebens Kurdistans (PJAK) im Iran   &#8211; um Mahmud Ahmadinedschad zu schw&#228;chen.<\/p>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs am Ende des Ersten   Weltkriegs teilten die imperialistischen Kr&#228;fte die Region unter sich   auf. Auf Kosten der KurdInnen, die bis heute die gr&#246;&#223;te Nation ohne   eigenen Staat sind. Jahrzehntelang wurden ihre Rechte im Irak, im Iran,   in Syrien und in der T&#252;rkei mit F&#252;&#223;en getreten.<\/p>\n<p>  Die T&#252;rkei ist einer der wichtigsten Verb&#252;ndeten der USA in der Region.   Zwar ist der US-Imperialismus in kaum einem Land so verhasst wie in der   T&#252;rkei (dem t&#252;rkische Regierungen Rechnung tragen m&#252;ssen). Trotzdem   wollen es Ankara und Washington nicht zum Bruch kommen lassen. F&#252;r den   t&#252;rkischen Kapitalismus ist es ausgeschlossen, ein eigenst&#228;ndiges   Kurdistan im Nordirak hinzunehmen. Schlie&#223;lich w&#252;rde das dem   Unabh&#228;ngigkeitsstreben der KurdInnen in der T&#252;rkei Auftrieb geben. Ein   unabh&#228;ngiges Kurdistan w&#252;rde wirtschaftliche und geostrategische   Einbu&#223;en bedeuten, die von den Herrschenden in der T&#252;rkei nicht   akzeptiert werden. Darum werden die USA die KurdInnen im Nordirak heute   genauso verraten wie in der Vergangenheit. Der Mohr hat &#8211; gegen Hussein   &#8211; seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Dazu kommt, dass die   US-Konzerne die &#214;lressoucen im Nordirak nicht den KurdInnen &#252;berlassen   wollen.<\/p>\n<p>  Die USA realisierten erschrocken, schreibt der SPIEGEL 44\/2007, &#8222;dass in   einer der heikelsten Regionen der Welt schon wieder ein Waffengang   droht. Noch laviert der Irak am Rande eines B&#252;rgerkriegs. Gleichzeitig   geraten die Erzfeinde Iran und USA &#252;ber das Teheraner Nuklearprogramm   immer heftiger aneinander. Jetzt droht auch noch ein Kurdenkrieg auf   irakischem Boden.&#8220; Und weiter: &#8222;Die neue Krise zeigt bereits   Auswirkungen: Mit neuen Rekordpreisen reagierten die &#214;lm&#228;rkte auf den   drohenden Waffengang im rohstoffreichen Nordirak.&#8220; Vor diesem   Hintergrund bedr&#228;ngten Rice und Bush die T&#252;rkei, keinen Gro&#223;angriff zu   starten. Allerdings haben Jahrzehnte imperialistischer Machtpolitik so   viele Sprengs&#228;tze in der Region gelegt, dass es jederzeit zu einer   Explosion kommen kann. In jedem Fall w&#228;re eine Eskalation nur   aufgeschoben.<\/p>\n<h4>  Ausweg f&#252;r KurdInnen?<\/h4>\n<p>  Dem t&#252;rkischen Milit&#228;r geht es nicht um die PKK; &#8222;oben in den   Kandilbergen&#8220;, so die FAZ, &#8222;hielten sich bestenfalls noch tausend   bewaffnete PKK-K&#228;mpfer auf. Die anderen viertausend oder mehr&#8220; sollen   l&#228;ngst in der T&#252;rkei zur&#252;ck sein. Es geht um das Streben der KurdInnen   nach Selbstbestimmung, das weiter verwehrt werden soll.<\/p>\n<p>  Wollen die unterdr&#252;ckten KurdInnen diesen Kampf erfolgreich f&#252;hren,   d&#252;rfen sie nicht auf die nordirakischen Parteien Patriotische Union   Kurdistans (PUK) und Demokratische Partei Kurdistans (KDP) setzen. Diese   vertreten nur die Anliegen kurdischer Stammesf&#252;rsten und machen eine   unternehmerfreundliche Politik. Im &#220;brigen w&#228;chst die Kritik gegen die   korrupte Politik der Autonomieregierung bereits.<\/p>\n<p>  Aber auch der Kurs der PKK ist kontraproduktiv. Mit ihren Anschl&#228;gen in   der T&#252;rkei sto&#223;en sie dort die Mehrheit vor den Kopf. Stattdessen   sollten sie auf den gemeinsamen Kampf von kurdischen und t&#252;rkischen   Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen gegen Krieg und Sozialk&#252;rzungen   hinarbeiten. Und f&#252;r eine sozialistische Alternative eintreten &#8211; statt   Hoffnungen in b&#252;rgerliche Kr&#228;fte wie die kurdischen Regierenden im   Nordirak zu setzen.<\/p>\n<p>  Um den Bed&#252;rfnissen der KurdInnen gerecht werden zu k&#246;nnen, sind   demokratische Organisationen n&#246;tig, um sich zu verteidigen und das   Streben nach Selbstbestimmung mit dem Widerstand gegen Krieg, Ausbeutung   und Profitwirtschaft zu verkn&#252;pfen. Da der Imperialismus und die   kapitalistischen Staaten in der Region nicht bereit sind, den KurdInnen   Territorien und Ressourcen abzutreten, muss der Kampf f&#252;r Unabh&#228;ngigkeit   in den Kampf f&#252;r ein sozialistisches Kurdistan &#8211; als Teil einer   sozialistischen F&#246;deration in der Region &#8211; m&#252;nden.<\/p>\n<p>  <i>Aron Amm ist Mitglied der SAV-Bundesleitung<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      T&#252;rkischer Aufmarsch an irakischer Grenze\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[199],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12442"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12442"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12442\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12442"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12442"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12442"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}