{"id":12421,"date":"2007-12-12T00:29:38","date_gmt":"2007-12-11T23:29:38","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12421"},"modified":"2012-07-18T14:48:36","modified_gmt":"2012-07-18T12:48:36","slug":"12421","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12421\/","title":{"rendered":"Rezension: &quot;Menschenfreunde in zerlumpten Hosen&quot;"},"content":{"rendered":"<p>  <i>Furchterregend aktuell<\/i><\/p>\n<p>  Robert Tressels &#8222;Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen&#8220; als   Taschenbuch erschienen. Von Sascha Stanicic<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Es ist &#8222;das Meisterwerk der Arbeiterliteratur um die Jahrhundertwende&#8220;   (Hanna Behrend), in Gro&#223;britannien wurde es hunderttausendfach aufgelegt   und doch ist es in der deutschen Arbeiterbewegung und Linken so gut wie   unbekannt. Die Rede ist von Robert Tressells (1870 &#8211; 1911, mit   wirklichem Namen Robert Noonan) Ragged trousered philantropists &#8211; den   Menschenfreunden in zerlumpten Hosen. Im Jahr 2002 ist dank der   unerm&#252;dlichen &#220;bersetzungsarbeit von Else Tonke eine deutsche Ausgabe im   Scheunenverlag erschienen. Nun ist endlich eine Taschenbuchausgabe auf   den Markt gekommen.<\/p>\n<h4>  Zw&#246;lf Monate in der H&#246;lle<\/h4>\n<p>  &#8222;Das ist die Geschichte von zw&#246;lf Monaten in der H&#246;lle, erz&#228;hlt von   einem der Verdammten und von Robert Tressell niedergeschrieben.&#8220; Die   H&#246;lle ist im Buch die Stadt Mugsborough und dort die Firma Rushton &amp; Co,   Bausausf&#252;hrungen und Dekorationsarbeiten (welche auch als   Bestattungsunternehmen fungiert). Der Autor beschreibt die   Arbeitsbedingungen und das Leben der Arbeiter und ihrer Familien,   entlarvt die Kapitalisten der Stadt, die gleichzeitig den Stadtrat   kontrollieren und in ihrer Mehrzahl auch die Kirchengemeinde stellen.   Die Menschenfreunde ist eine Abrechnung mit der kapitalistischen   Ausbeutung, mit dem Profitsystem und gleichzeitig auch eine bei&#223;ende   Anklage gegen die Unt&#228;tigkeit der Betroffenen, der Arbeiter, die sich   nicht gegen diese Ausbeutung erheben.<\/p>\n<p>  Tressell wusste, wor&#252;ber er schrieb: er selber arbeitete als Bauarbeiter   im englischen Hastings nachdem er, eigentlich aus b&#252;rgerlichen   Verh&#228;ltnissen stammend, nach Jahren des Aufenthalts in S&#252;dafrika nach   Gro&#223;britannien zur&#252;ckgekehrt war. In seiner Vorbemerkung schreibt er,   das Werk besitze &#8222;zumindest einen Vorzug &#8211; es ist wahr. Ich habe nichts   erfunden. Es gibt keine Szenen oder Vorf&#228;lle in dieser Geschichte, die   ich nicht entweder selbst bezeugen kann oder von denen ich keine   zuverl&#228;ssigen Beweise h&#228;tte.&#8220; Ob dies nun f&#252;r jede Szene zutrifft oder   nicht, Tressells Menschenfreunde strahlen eine solche Wahrhaftigkeit,   eine solch lebendige Realit&#228;t aus, dass man geneigt ist, diese Aussage   zu glauben. &#8222;Meine Absicht beim Schreiben dieses Buches war es, in Form   einer interessanten Geschichte ein wahres Bild vom Leben der   Arbeiterklasse &#8211; insbesondere der Leute im Baugewerbe in einer kleinen   Stadt im S&#252;den Englands darzustellen.&#8220; Das ist ihm hundertprozentig   gelungen. &#8222;Es kam mir darauf an, die Bedingungen zu zeigen, die sich aus   Armut ergeben, die Sinnlosigkeit der Ma&#223;nahmen blo&#223;zulegen, die   ergriffen werden, diese Probleme anzupacken, und auf die meiner Meinung   nach einzige wirkliche Abhilfe hinzuweisen, n&#228;mlich &#8211; den Sozialismus.   Ich wollte erkl&#228;ren, was Sozialisten unter dem Wort &#8222;Armut&#8220; verstehen,   die Gr&#252;nde der Armut anhand der sozialistischen Theorie definieren und   erkl&#228;ren, was Sozialisten vorschlagen, um die Armut abzuschaffen.&#8220; Das   ist ihm, aus marxistischer Sicht, nur teilweise gelungen, was den Wert   des Buches aber kaum schm&#228;lert.<\/p>\n<h4>  Die Geschichte<\/h4>\n<p>  Im Mittelpunkt des Buches steht der Bauarbeiter und Dekorateur Frank   Owen, seine Kollegen, seine Familie, die Familien seiner Kollegen. &#8222;Der   Roman ist wie ein Wagenrad konstruiert. An der Radnabe werden die M&#228;nner   bei der Arbeit geschildert. Dorthin kehrt die Handlung stets wieder   zur&#252;ck, nachdem der Autor, den einzelnen Speichen entlang Einsicht in   das &quot;Privat&quot;- oder Familienleben der Arbeiter, ihre Freizeitgestaltung   und Vergn&#252;gungen, ihre &quot;politischen&quot; Aktivit&#228;ten usw. gegeben hat. So   erkennen wir, dass die Art und Weise, in der die M&#228;nner arbeiten, ihre   ganze Lebensweise bestimmt, dass die unfreie Arbeit der Ausgangspunkt   ihrer ganzen Unfreiheit ist.&#8220; ( Jack Mitchell)<\/p>\n<p>  Owen ist ein Arbeiterintellektueller, ein Sozialist. Er ist der &#8222;Held&#8220;   der Geschichte und ist doch wenig heldenhaft. Und genau das ist eine   gro&#223;e St&#228;rke der Menschenfreunde: die darin beschriebenen Menschen   werden als Menschen dargestellt, mit all ihrer Widerspr&#252;chlichkeit und &#8211;   im Falle Frank Owens &#8211; ihren Schw&#228;chen. So versucht er immer wieder   seine Kollegen von seinen sozialistischen Idealen zu &#252;berzeugen, doch   ist er kein gro&#223;er Agitator und verzweifelt selber daran, dass er nicht   dir richtigen Worte findet (darin steckt m&#246;glicherweise eine allgemeine   Kritik Tressells an den Sozialisten seiner Zeit und ihren   Schwierigkeiten die Arbeiterklasse zu erreichen). So wird Owen immer   wieder von (Selbst-)Zweifeln geplagt und spielt mit dem Gedanken sich   und seine Familie umzubringen.<\/p>\n<p>  Der Roman beschreibt ein Jahr im Leben von Frank Owen und seinen   Kollegen. Ein Jahr voll harter Arbeit, voller Angst vor der Entlassung,   die doch f&#252;r die meisten nicht zu umgehen ist. Er beschreibt die Willk&#252;r   der Bosse und Vorarbeiter, die Not in die die Arbeiter und ihre Familien   gest&#252;rzt werden, die Verzweiflung und das Sterben der Menschen aus der   arbeitenden Klasse. Er beschreibt die Ignoranz und Heuchelei der   besitzenden Klasse, ihre Intrigen und Machenschaften, um die Profitraten   zu steigern und die Ausbeutung zu versch&#228;rfen. Mit bei&#223;endem Spott und   Ironie rechnet Tressell mit der Kirche ab und zeigt ein ums andere Mal   auf, dass diese &#8222;Christen&#8220; nichts mit den urspr&#252;nglichen Ideen des   Christentums zu tun haben. Gleichzeitig betont er selber, dass es sich   dabei nicht um einen Angriff auf &#8222;aufrichtige Religi&#246;sit&#228;t&#8220; handelt. Er   beschreibt auch die urspr&#252;ngliche proletarische Solidarit&#228;t, die sich   vor allem &#8211; aber nicht nur &#8211; in der Person Frank Owens ausdr&#252;ckt. Auch   andere Kollegen, die keine Sozialisten sind, sind zum Beispiel bereit   f&#252;r notleidende entlassene Klassenbr&#252;der die Sammelm&#252;tze rumgehen zu   lassen.<\/p>\n<h4>  Das Bewusstsein der Proleten<\/h4>\n<p>  Wie ein roter Faden zieht sich die Kritik Tressells an der politischen   Beschr&#228;nktheit des Bewusstseins der Arbeiter durch den Roman. Mit   bei&#223;ender Ironie f&#252;hrt Tressell dem Leser und der Leserin immer wieder   vor Augen, dass die mangelnde Einsicht der Arbeiter in die Ursachen f&#252;r   ihr menschenunw&#252;rdiges Dasein und ihre Passivit&#228;t ihre Lage nur   verfestigt. Hanna Behrend weist darauf hin, dass dies schon der Titel   des Buches aussagt: &#8222;In der Tat ist bereits der Titel Die   Menschenfreunde in zerlumpten Hosen bittere Ironie. Die unorganisierten   und ignoranten Arbeiter sind nur ihren Ausbeutern gegen&#252;ber   &quot;Menschenfreunde&quot;. Aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes,   erm&#246;glichen sie diesen, ihre Konkurrenten zu unterbieten, indem sie   dulden dass man sie gnadenlos antreibt und zur Pfuscharbeit n&#246;tigt.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Mehrheit der Arbeiter im Roman unterst&#252;tzen die konservativen Tories   oder die Liberalen. In den Debatten machen sie sich immer wider &#252;ber die   Sozialisten Owen und Barrington lustig. Sozialistische Propagandisten   werden von ihnen aus der Stadt vertrieben. Sie schlucken die Propaganda   der M&#228;chtigen: schimpfen auf Ausl&#228;nder, diskutieren das Pro und Contra   von Schutzz&#246;llen und Freihandel. Selbst diejenigen Kollegen, die Owens   Ideen am n&#228;chsten stehen wiederholen immer wieder die Meinung &#8222;eine   Ver&#228;nderung ist nicht m&#246;glich&#8220;. Der Autor ist weit davon entfernt die   Arbeiterklasse zu idealisieren. Er stellt sie so dar, wie sie ist bzw.   zu seiner Zeit und in seiner Umgebung war: ohne Klassenbewusstsein,   geschweige denn sozialistischem Bewusstsein. Dies ist zweifelsfrei   Ausdruck der Zeit, in der das Buch entstanden ist und wahrscheinlich   auch des spezifischen Charakters von Bauarbeitern in einer Kleinstadt,   die keine Industrieansiedlungen hat. Die Entstehungsjahre der   Menschenfreunde waren von einem niedrigen Niveau an Klassenk&#228;mpfen und   gewerkschaftlicher und politischer Selbstorganisation der Arbeiterklasse   gepr&#228;gt. Einen Aufschwung nahm die sozialistische Arbeiterbewegung in   England erst nach Tressells Tod. F&#252;r Hanna Behrend macht diese   schonungslose Darstellung des Bewusstseins der Arbeiter eine der St&#228;rken   der Menschenfreunde aus und ist ein Geheimnis seines Erfolges in der   britischen Arbeiterklasse: &#8222;Gerade weil Tressell die negative Reaktion   eben jener unaufgeschlossenen Arbeiter auf Owens und Barringtons   sozialistische Agitation so ungeschminkt darstellte, war das Buch unter   wenig aufgeschlossenen, unorganisierten Arbeitern so popul&#228;r. Sie   konnten &#252;ber diese lachen, denn der Autor gab auch die Eastons, Harlows   oder Philpots (Namen einiger Kollegen von Owen, d.A.) nicht preis, ja   nicht einmal den Polier Crass. Die Leser der RTP (engl. Abk&#252;rzung f&#252;r   den Buchtitel, d.A.) mussten sich nicht mit den sozialistischen   &quot;Vorlesungen&quot; identifizieren, sie erkannten sich in den Arbeitern   wieder, was bei den meisten von ihnen stillschweigend ein gewisses Ma&#223;   politischer Selbstkritik ausl&#246;ste.&#8220;<\/p>\n<p>  Gleichzeitig gelingt es Tressell die Widerspr&#252;chlichkeit des Denkens und   der Ansichten der Arbeiter darzustellen. Sie sind nicht v&#246;llig blind f&#252;r   ihre Lage. Wie k&#246;nnten sie das auch sein sp&#252;ren sie doch t&#228;glich am   eigenen Leibe, was die Auswirkungen der kapitalistischen Ausbeutung   sind. Sie erkennen nicht, dass das kapitalistische System f&#252;r diese   Auswirkungen verantwortlich ist, aber ihre Wut richtet sich regelm&#228;&#223;ig   doch gegen die Menschenschinder von Kapitalisten. So ist ein   rudiment&#228;res Klassenbewusstsein auch bei den r&#252;ckst&#228;ndigeren Arbeitern   hin und wieder erkennbar.<\/p>\n<p>  Aus heutiger Sicht r&#228;umt Tressell mit der romantischen Sichtweise, die   so manche &#8222;Linke&#8220; auf die Arbeiterklasse zu Zeiten von Marx und Lenin   haben, auf. Diese halten die Arbeiterklasse von heute f&#252;r verb&#252;rgerlicht   und haben die unzutreffende Vorstellung eines homogenen,   klassenbewussten und sozialistischen Proletariats in der Zeit des sp&#228;ten   19. und fr&#252;hen 20. Jahrhunderts. Wer einmal August Bebels Erinnerungen   gelesen hat, wei&#223;, dass sich auch die Pioniere der deutschen   Sozialdemokratie mit &#228;hnlich r&#252;ckst&#228;ndigen Vorstellungen in den K&#246;pfen   der Arbeiter herumschlagen mussten, wie es Frank Owen in den   Menschenfreunden tun muss, und dass aus erst aus der Kombination von   Erfahrungen, Klassenk&#228;mpfen und dem Eingreifen von Sozialisten die   starken sozialistischen Arbeiterparteien erwachsen sind.<\/p>\n<p>  Und auch wenn Tressell seinen Roman nicht mit einem Siegeszug des   Sozialismus enden l&#228;sst, so waren die Anstrengungen von Owen und anderen   Sozialisten nicht g&#228;nzlich fruchtlos. Nach dem &#8222;Jahr in der H&#246;lle&#8220;   verstehen sich mehr Arbeiter als Sozialisten oder haben zumindest ein   wachsendes Verst&#228;ndnis f&#252;r ihre Lage entwickelt. Trotzdem ist es eine   Schw&#228;che des Buches, dass der Klassenkampf weder in seiner Handlung,   noch in den politisch-theoretischen Erkl&#228;rungen der in dem Roman   auftretenden Sozialisten eine Rolle spielt. Die kollektive Macht der   Arbeiterklasse wird nicht dargestellt. Und obwohl die Hauptfigur Frank   Owen sowohl in der Gewerkschaft als auch in der Social Democratic   Federation aktives Mitglied und Funktion&#228;r ist, ist die organisierte   T&#228;tigkeit beider Organisationen nur eine Randerscheinung im Buch.<\/p>\n<h4>  Furchterregende Aktualit&#228;t<\/h4>\n<p>  Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen ist ein historischer Roman. Er   spielt vor 97 Jahren. H&#228;tte ein deutscher Leser oder eine deutsche   Leserin ihn vor zehn Jahren gelesen, so w&#228;re er vor allem von einem   historischen und politisch-theoretischen Blickwinkel interessant   gewesen. Heute muss man bei der Beschreibung der Arbeitsverh&#228;ltnisse,   der Lohndr&#252;ckerei, des Heuern und Feuerns unweigerlich denken: genau das   steht uns wieder bevor &#8211; und der Anfang ist mit den Hartzgesetzen, der   Agenda 2010 und den Ma&#223;nahmen zu Arbeitszeitverl&#228;ngerung und   Lohnsenkungen gemacht. Das Buch ist von einer geradezu furchterregenden   Aktualit&#228;t. Klaus Wondratschek fasst dies treffend in seinem Nachwort   zusammen: &#8222;Die Zust&#228;nde auf dem Bau (der Umbau Berlins zur Deutschen   Hauptstadt z.B. h&#228;tte ohne solche Ma&#223;nahmen zu einer Explosion der   Baukosten gef&#252;hrt) sind heute von den im Buch geschilderten nicht weit   entfernt. Dasselbe gilt f&#252;r viele andere Bereiche: Geb&#228;udereinigung,   Handel, Transport, Medien, Gastronomie, Landwirtschaft,   Klitschenproduktion, Prostitution &#8211; die Entwicklung in den letzten   Jahren ist gepr&#228;gt von Lohndr&#252;ckerei, massiver Verschlechterung der   Lebens- und Arbeitsbedingungen, Aufl&#246;sung der Gro&#223;betriebe, in denen   Reste organisierter Belegschaften an erk&#228;mpften Standards festhalten.&#8220;<\/p>\n<p>  Umso wichtiger ist es, dass die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen   heute von Arbeitern gelesen und diskutiert werden.<\/p>\n<h4>  Tressells Sozialismus<\/h4>\n<p>  Je ausf&#252;hrlicher Tressell den Sozialismus zu erkl&#228;ren versucht, desto   gr&#246;&#223;er werden die Schw&#228;chen des Buches. Es ist erfrischend wie Owens   Frau (ebenfalls eine Sozialistin) ihrem Sohn im sechsten Kapitel die   Ausbeutung in wenigen Worten erkl&#228;rt, gipfelnd in der Schlussfolgerung:   &#8222;Es ist f&#252;r keinen m&#246;glich, reich zu werden, ohne andere Leute zu   betr&#252;gen.&#8220; Je l&#228;nger die Reden von Owen und Barrington jedoch werden,   desto mehr politische Schw&#228;che haben sie aus marxistischer Sicht. Vor   allem Barringtons &#8222;gro&#223;er Diskurs&#8220; die wichtigste sozialistische   Grundsatzerkl&#228;rung im gesamten Roman &#8211; ist durch und durch   reformistisch. Hier ist keine Rede von Klassenkampf, Selbstorganisation,   Revolution. Der Sozialismus soll auf parlamentarischem Weg eingef&#252;hrt   werden &#8211; Labour w&#228;hlen ist Barringtons Rat an seine Kollegen. Per Gesetz   soll der Kapitalismus Schritt f&#252;r Schritt zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden und   dadurch, dass verstaatlichte Betriebe die verbleibenden Privatbetriebe   in der Konkurrenz besiegen. Hier sind utopisch-fr&#252;hsozialistische   Kooperativen-Ideen dominant, die Rolle des Staates wird nicht   problematisiert. Dieser Reformismus gipfelt in dem Ausspruch: &#8222;Wenn ihr   wollt, dass diese Dinge getan werden, m&#252;sst ihr aufh&#246;ren, eure Stimme   f&#252;r die liberalen oder Tory-Ausbeuter, Aktion&#228;re von Gesellschaften,   Rechtsanw&#228;lte, Aristokraten und Kapitalisten zu geben, und ihr m&#252;sst das   Unterhaus mit revolution&#228;ren Sozialisten anf&#252;llen, das hei&#223;t &#8211; mit   M&#228;nnern, die bereit sind, das gegenw&#228;rtige System vollst&#228;ndig zu   ver&#228;ndern. Und an dem Tag, an dem ihr das tut, werdet ihr das   Armuts&quot;problem&quot; gel&#246;st haben.&#8220;<\/p>\n<p>  Und trotzdem enth&#228;lt das Buch Unmengen von wichtigen und richtigen   politischen Positionen, die ausgef&#252;hrt werden. Nicht zuletzt betont   Tressell zurecht die Bedeutung der Demokratie in der sozialistischen   Gesellschaft: &#8222;Der vollkommene Weg (der Organisierung der   sozialistischen Wirtschaft, d.A.) wird m&#246;glicherweise nur nach   Experimenten und durch Erfahrungen entwickelt werden k&#246;nnen. Die einzige   Sache, die wir unverr&#252;ckbar als wesentliche Grundregel festlegen m&#252;ssen   ist: Staatliche Besch&#228;ftigung oder Nationaler Dienst, Produktion zum   Gebrauch und nicht zum Profitmachen, also die nationale Organisation der   Wirtschaft unter demokratischer Kontrolle.&#8220;<\/p>\n<p>  Und immer wieder werden &#8222;typische&#8220; Gegenargumente entkr&#228;ftet. So   antwortet Barrington zum Beispiel auf das Vorurteil im Sozialismus w&#252;rde   niemand mehr arbeiten wollen mit den S&#228;tzen: &#8222;Heutzutage haben die Leute   alles zu gewinnen und wenig zu verlieren, wenn sie der Arbeit aus dem   Weg gehen. Im Sozialismus w&#228;re es genau umgekehrt. Die   Arbeitsbedingungen w&#252;rden so erfreulich, die obligatorischen   Arbeitsstunden so gering und das Entgelt so hoch sein, dass die   Vorstellung absurd ist, irgendeiner werde so n&#228;rrisch sein, die   Verachtung seiner Mitmenschen in Kauf zu nehmen und sich selber zum   gesellschaftlichen Au&#223;enseiter zu machen, indem er den kleinen Anteil an   der Arbeit verweigerte, den die Gemeinschaft von ihm erwarten kann, zu   der er doch geh&#246;rt.&#8220;<\/p>\n<h4>  Optimismus<\/h4>\n<p>  Der Optimismus, den der Roman an seinem Ende verspr&#252;ht ist umso   bemerkenswerter, weil er nicht auf einer einsetzenden gesellschaftlichen   Ver&#228;nderung, wie zum Beispiel einer Zunahme der Klassenk&#228;mpfe beruht,   sondern auf der unersch&#252;tterlichen &#220;berzeugung, dass nur eine   sozialistische Ver&#228;nderung der Gesellschaft den arbeitenden Massen eine   lebenswerte Zukunft bieten kann. Diese &#220;berzeugung ist heute genauso   angebracht, wie zu Robert Tressells Zeiten.<\/p>\n<p>  Die Menschenfreund in zerlumpten Hosen hat wahrscheinlich mehr englische   Arbeiterinnen und Arbeiter die Augen f&#252;r den Sozialismus ge&#246;ffnet als so   manche Parteibrosch&#252;re. Man kann nur hoffen, dass bald auch wieder   Arbeiterromane geschrieben werden, die die heutige Realit&#228;t &#228;hnlich   lebendig darstellen, die ebenso voll Witz und Ironie stecken und die   sich auch zur Aufgabe stellen, die Leserinnen und Leser vom Sozialismus   zu &#252;berzeugen.<\/p>\n<p>  <i>Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen, Scheunenverlag K&#252;ckenshagen,   ISBN: 3-934301-75-4, Taschenbuch, 766 Seiten, 19,80 Euro.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      <i>Furchterregend aktuell<\/i>\n    <\/p>\n<p>\n      Robert Tressels &#8222;Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen&#8220; als<br \/>\n      Taschenbuch erschienen. 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