{"id":12411,"date":"2007-11-23T00:40:31","date_gmt":"2007-11-23T00:40:31","guid":{"rendered":".\/?p=12411"},"modified":"2007-11-23T00:40:31","modified_gmt":"2007-11-23T00:40:31","slug":"12411","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/11\/12411\/","title":{"rendered":"K&#252;rzungen im britisches Gesundheitssystem: Protest statt Party gefordert"},"content":{"rendered":"<p>  Ein Interview mit Lois Austin, gesundheitspolitische Sprecherin, der   Socialist Party in England und Wales &#8211; Schwesterorganisation der SAV<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Seit zwei Jahren gibt &#252;berall in Gro&#223;britannien Demonstrationen, an   denen sich selbst in kleinen D&#246;rfern oft &#252;ber 15.000 Menschen beteiligt   haben. Es geht um den Erhalt der Krankenh&#228;user, gegen die K&#252;rzungen im   Pflege- und Renigungsbereich und gegen den voranschreitenden   Komplettausverkauf des NHS (Nationales Gesundheitssystem).<\/b><\/p>\n<p>  <i>Das Interview f&#252;hrte Anne Engelhardt<\/i><\/p>\n<h5>  In seinem Film &#8222;Sicko&#8220; vergleicht Michael Moore das amerikanische   Gesundheitssystem unter anderem auch mit dem Gro&#223;britanniens. Hat er   recht, mit dem wie positiv er das NHS darstellt?<\/h5>\n<p>  In der Vergangenheit geh&#246;rte das NHS tats&#228;chlich zu den besten Modellen   weltweit. Es wird nicht &#252;ber die Krankensversicherungen finanziert,   sondern komplett &#252;ber die Steuern und die Behandlung war komplett   kostenlos. Die Indentifizierung der Leute mit ihrem Gesundheitssystem   war sehr gro&#223;, denn sie waren sehr stolz darauf. Besonders RentnerInnen   sind daher heute sehr aktiv bei dem Protesten gegen den Ausverkauf des   NHS, denn sie k&#246;nnen sich noch sehr gut daran erinnern, dass man vor   1948 den Arzt direkt nach der Untersuchung bezahlen musste. Derzeit wird   man in den &#246;ffentlichen Krankenh&#228;usern komplett kostenlos behandelt und   bekommt auch Medikamente umsonst mit nach Hause.<\/p>\n<p>  Michael Moore hat aber eine rosarote Brille auf, wenn er das US-Modell   mit dem Britischen vergleicht. K&#252;rzlich hat er in einem Fernsehinterview   doch eingelenkt und ist darauf eingegangen, dass die derzeitige Praxis   der regierenden Labourparty &#8211; sich an der USA zu orientieren und zu   privatisieren etc. &#8211; falsch sei.<\/p>\n<h5>  Haben die K&#252;rzungen erst unter Blair begonnen?<\/h5>\n<p>  Nein, Margeret Thatcher hat damals damit angefangen, indem sie einen   &#8222;Internen Markt&#8220; einf&#252;hrte. Bei den &#246;ffentlichen Krankenh&#228;usern wurde   fr&#252;her immer erst gepr&#252;ft in welcher Gegend sie liegen und wie man sie   ausrichtet: z.B. in dem Teil von London leben eher &#228;ltere Menschen oder   dort wohnen eher Familien mit Kleinkindern. Diese Planung der Gelder   wurde durch den &#8222;internen Markt&#8220; total aufgebrochen. Ab da an mussten   die Krankenh&#228;user &#252;ber ihre Finanzierungen untereinander konkurrieren.   Seitdem gibt es keine Zusammenarbeit mehr in der Forschung und Heilung.   Jedes Krankenhaus ist zu einem Markt geworden und muss gucken, wo es   bleibt. Diese Gesetzes&#228;nderung vor allem bewirkt, dass privaten   Konzernen T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde.<\/p>\n<p>  1997 meinte die Labourregierung unter Blair, dass es ja egal sei, ob   private oder &#246;ffentliche Krankenh&#228;user einen Patienten kurieren. Somit   bekommen nun auch die privaten Krankenh&#228;user und Konzerne Milliarden von   &#246;ffentlichen Geldern. Dabei f&#252;hren sie nur Behandlungen durch, die wenig   kosten, da sie nicht kompliziert sind, aber viel Geld einbringen. Grob   gesagt: W&#228;hrend sich das NHS um Unf&#228;lle, Krebspatienten und   Notoperationen k&#252;mmert, f&#252;hren Privatkliniken Sch&#246;nheitsops durch.<\/p>\n<p>  Das NHS kann neben den kommerziellen Unternehmen kaum bestehen und   bekommt daher mittlerweile weitaus weniger Geld als die Privaten.<\/p>\n<p>  Der krankenhausinterne Lieferdienst des NHS wurde nun zum Teil an den   Deutschen Logistikkonzern DHL verkauft. Auch die Reinigung der   Krankenh&#228;user wurde schon komplett an Privatunternehmen ver&#228;u&#223;ert.   Reinigungskr&#228;fte haben nun oft weniger als 40 Minuten f&#252;r eine Station   zur Verf&#252;gung, die eigentlich dreimal am Tag gereinigt werden soll.<\/p>\n<p>  Das f&#252;hrte vor wenigen Monaten zu einem Skandal, da sich in einem   Krankenhaus in Kent (an der S&#252;dk&#252;ste Englands) in k&#252;rzester Zeit 90   Personen an einem resistenten Virus infizierten und daran starben.<\/p>\n<p>  Die Regierung hat nun einen Vertrag mit 14 Privatfirmen unterschrieben,   die das Gesundheitssystem auf &#8222;Gewinnorientierung&#8220; untersuchen. Daf&#252;r   wurde denen 6 Mrd Pfund gegeben. Dabei sind darunter vier   US-Wirtschaftsunternehmen, die im eigenen Land schon in Korruptionsf&#228;lle   verwickelt sind.<\/p>\n<h5>  Wie ist derzeit die Stimmung unter der Bev&#246;lkerung und unter den NHS   Besch&#228;ftigten?<\/h5>\n<p>  Die Besch&#228;ftigen beim NHS sind wirklich sauer. Es gab Massenproteste im   ganzen Land, aber die F&#252;hrung der Gewerkschaften, vor allem von UNISON &#8211;   der gr&#246;&#223;ten britischen Gewerkschaft &#8211; ist stark mit der Labourparty   verbunden.<\/p>\n<p>  Sie organisieren daher keine Streiks oder Demonstrationen. Schon vor   zwei Jahren wurde auf der Gewerkschafterkonferenz von UNISON beschlossen   eine landesweite Demo in London zu organisieren. Ohne den Druck den die   SP (Socialist Party) mit ihren Gewerkschaftsmitgliedern ausge&#252;bt hat,   w&#228;re das am 4. November gar nicht passiert. Wir haben die Kampagne &#8222;Ruft   zur Demonstration auf, jetzt!&#8220; gestartet und letztendlich fand die   Demonstration nicht angemeldet als Protestdemo, sondern als   &#8222;Geburtstagsfeier des NHS&#8220; statt, zu der sogar der Gesundheitsminister,   der selbst die K&#252;rzungen verordnet in der Gewerkschaftszeitung aufrief.   Die Zeitung mit dem Aufruf zur Demo erschien auch erst einen Tag vorher.   Die SP konnte zumindest durchsetzen, dass man auf der &#8222;Geburtstagsfeier&#8220;   auch gegen die K&#252;rzungen demonstrierte.<\/p>\n<p>  Trotzdem kamen landesweit nur etwa 8.000 Menschen zusammen, obwohl   selbst in kleinen D&#246;rfern viel mehr los war, weil sie dort zum Beispiel   das einzige Krankenhaus schlie&#223;en wollten. Wenn die Gewerkschaften   ernsthaft mobilisiert h&#228;tten, w&#228;ren bestimmt mehr als 100.000 Menschen   nach London gekommen, um zu demonstrieren.<\/p>\n<h5>  Gab es in den zwei Jahren, seitdem es die Massenproteste und Aktionen   gibt, denn trotzdem Erfolge zum Beispiel gegen Krankenhausschlie&#223;ungen   oder Ausgr&#252;ndung von Krankenhausbereichen?<\/h5>\n<p>  Ja, wobei dabei die Gewerkschaftsf&#252;hrung an den Erfolgen keinen Anteil   hatte, da sie sehr konservativ ist. Aber beispielsweise haben die   Proteste vor einiger Zeit in Swansea in Wales die Schlie&#223;ung eines   Krankenhauses verhindert. Nat&#252;rlich versucht die Regierung das jetzt   wieder zu kippen. In Wiltshire wollten sie sechs Krankenh&#228;user schlie&#223;en   und zu einem zusammenlegen. Das konnte durch erfolgreiche Prosteste und   Streiks verhindert werden.<\/p>\n<p>  In Manchester sind derzeit Krankenschwestern &#8211; und Pfleger im Streik   gegen die K&#252;ndigung einer Kollegin, die sich &#252;ber die Bedingungen auf   der psychatrischen Station aufgeregt hat, was vom Management als   &#8222;konzernsch&#228;digend&#8220; verurteilt wurde.<\/p>\n<p>  Um die Angriffe von Oben aber wirklich stoppen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen   Arbeitsniederlegungen auch von anderen Besch&#228;ftigten in anderen Branchen   aktiv unterst&#252;tzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Interview mit Lois Austin, gesundheitspolitische Sprecherin, der<br \/>\n      Socialist Party in England und Wales &#8211; Schwesterorganisation der SAV\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12411"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12411"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12411\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}