{"id":12382,"date":"2007-11-17T00:22:45","date_gmt":"2007-11-17T00:22:45","guid":{"rendered":".\/?p=12382"},"modified":"2007-11-17T00:22:45","modified_gmt":"2007-11-17T00:22:45","slug":"12382","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/11\/12382\/","title":{"rendered":"Bildung: Grundrecht statt Privileg, Lust statt Last"},"content":{"rendered":"<p>  Eine andere Gesellschaft braucht eine andere Bildung<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>&#8222;Nicht f&#252;r die Schule &#8211; f&#252;r das Leben lernen wir.&#8220; Das haben wir in   unserer Schullaufbahn wohl alle schon mal geh&#246;rt. F&#252;r SozialistInnen   wirft diese Aussage vor allem die Frage auf, f&#252;r welches Leben hier   eigentlich gelernt werden soll.<\/b><\/p>\n<p>  <i>von Hans-Christian Funke, Kassel<\/i><\/p>\n<p>  Jede Gesellschaft braucht Bildung. Ohne Bildung ist es nicht m&#246;glich,   bereits gemachte Fortschritte zu halten, geschweige denn diese weiter zu   entwickeln. Die Art und Weise, wie die Bildung organisiert ist, h&#228;ngt   jedoch davon ab, was die Menschen in einer Gesellschaft k&#246;nnen m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Nun leben wir heute im Kapitalismus. Alles ist bestimmt durch die   Profitlogik. Alles, was wir tun, muss &#8222;sich rechnen&#8220;, muss dazu dienen,   dass die Besitzer der Produktionsmittel ihr Geld optimal vermehren   k&#246;nnen. Das gesamte Bildungssystem hat prim&#228;r die Aufgabe, die breite   Masse auf den kapitalistischen Produktionsprozess vorzubereiten.<\/p>\n<p>  Da nur eine kleine Schicht die Wirtschaft leiten soll, reicht es, eine   kleine Minderheit entsprechend zu schulen. F&#252;r die Mehrzahl gen&#252;gt   dagegen eine mehr oder weniger einfache Grundbildung. Das Konzept der   Elitebildung passt zur elit&#228;r strukturierten Gesellschaft. Der   kapitalistische Produktionsprozess zergliedert die arbeitende   Bev&#246;lkerung weiter in Ingenieure, Facharbeiter, Hilfsarbeiter.   Entsprechend haben wir die Spaltung in ein dreigliedriges Schulsystem.<\/p>\n<p>  Dabei ist es aus p&#228;dagogischer Sicht uneffektiv, in getrennten,   angeblich gleichm&#228;&#223;igen Lerngruppen im Gleichschritt zu lernen.   Gemeinsames Lernen erh&#246;ht den Horizont aller Beteiligten. F&#252;r Kinder   unterschiedlicher Begabungen ist der Austausch mit anderen wichtig, um   sich gegenseitig Dinge beizubringen. Der Vorwurf, in einer gemeinsamen   Schule gingen Talente verloren, ist nur eine Ausrede f&#252;r das Fehlen von   individueller F&#246;rderung, von differenziertem Umgang mit den einzelnen   Sch&#252;lerInnen innerhalb der Lerngruppen. Dies funktioniert aber nur in   kleinen Lerngruppen, das hei&#223;t mit mehr Lehrerstellen pro Sch&#252;ler.<\/p>\n<h4>  Klassenschranken<\/h4>\n<p>  Von Anfang an bekommen wir heute die Auswirkungen der   Klassengesellschaft zu sp&#252;ren. Wir sollen lernen, uns Autorit&#228;ten   unterzuordnen. Gelernt wird in Konkurrenz zu Mitsch&#252;lerInnen um bessere   Noten. Schule im Kapitalismus ist undemokratisch: Von oben wird   bestimmt, was, wie und in welcher Zeit zu lernen ist.   Mitbestimmungsrechte an Schulen werden immer weiter abgebaut.<\/p>\n<p>  Der (heimliche) Lehrplan bereitet darauf vor, den Arbeitgeber zu   akzeptieren und Arbeitskollegen als Gegner statt als Verb&#252;ndete   anzusehen. Der 45-Minuten-Takt, aus lernpsychologischer Sicht unhaltbar,   sowie die strengen Anfangs- und Endzeiten in der Schule spiegeln den   Alltag im Betrieb. Die Pausenklingel erinnert nur zu deutlich an die   Fabriksirenen industrieller Gro&#223;betriebe.<\/p>\n<p>  Kein Wunder, dass die meisten ein ungutes Gef&#252;hl haben, wenn sie an ihre   Schulzeit zur&#252;ckdenken. Dabei lernen Kinder gerne, dies beweist die hohe   Freizeitaktivit&#228;t von Kindern. Sch&#252;lerInnen werden zu   Computerspezialisten, k&#246;nnen in der sechsten Klasse programmieren,   Musikinstrumente spielen, lernen von Freunden deren Muttersprache und so   weiter.<\/p>\n<p>  Die Bildung in der heutigen Gesellschaft ist die konsequente   Vorbereitung auf das Leben &#8211; in einer Klassengesellschaft. In einer   Gesellschaft, die auf Spaltung aufbaut, wird es keine Chancengleichheit   geben, weil es sie gar nicht geben soll.<\/p>\n<h4>  Bildung f&#252;r alle &#8211; m&#246;glich und n&#246;tig<\/h4>\n<p>  Eine sozialistische Gesellschaft dagegen beruht darauf, dass jede und   jeder sich in die Gesellschaft einbringt und am politischen Leben dieser   Gesellschaft teilnimmt, so dass demokratisch &#252;ber alle Lebensbereiche   entschieden werden kann. Deshalb wird das Bildungssystem in einer   sozialistischen Gesellschaft den Kindern und Jugendlichen nicht von oben   verordnete Inhalte und Arbeitsweisen aufzwingen. Die Lehrinhalte und   Lernmethoden w&#252;rden gemeinsam demokratisch auf verschiedenen Ebenen von   den Lehrenden, Eltern und Sch&#252;lerInnen diskutiert und erstellt.<\/p>\n<p>  Zur Organisation einer durch und durch demokratisch organisierten   Gesellschaft sind nur eigenst&#228;ndig denkende, kreativ planende Menschen   in der Lage. Heute sind wir fremdbestimmt &#8211; nicht wir, sondern eine   kleine Minderheit entscheidet &#252;ber den Inhalt unserer Arbeit in Fabrik   und B&#252;ro, bestimmt den Lehrplan in Schule und Uni, entscheidet, was wir   in der Zeitung lesen und &#252;ber das Fernsehprogramm. Weil wir im   Sozialismus &#252;ber alle Aspekte unseres Lebens demokratisch selbst   bestimmen werden, brauchen wir umfassende Kenntnisse und F&#228;higkeiten. In   einer sozialistischen Gesellschaft wird eine allseitige Ausbildung aller   daher zum Ziel. Im Kapitalismus ist eine umfassende Bildung aus Sicht   der Herrschenden von &#220;bel. Nicht nur, weil es Geld kostet. Unwissende   Menschen und Fachidioten lassen sich auch leichter regieren.<\/p>\n<p>  Im Sozialismus w&#252;rden sich alle Menschen allseitig und entsprechend der   pers&#246;nlichen Neigungen k&#252;nstlerisch, kulturell und wissenschaftlich   bilden und bet&#228;tigen, ganz einfach, weil sie es m&#246;chten, weil es die   M&#246;glichkeiten dazu gibt und weil niemand mehr ein Interesse hat, sie   daran zu hindern.<\/p>\n<h4>  Neue Bildungsinstitutionen<\/h4>\n<p>  Mit der Ver&#228;nderung der Bildungsaufgaben m&#252;ssen sich auch die Schulen   &#228;ndern. Nat&#252;rlich muss jedes Kind lesen, schreiben und rechnen lernen.   Dies d&#252;rfte in Kleingruppen am Sinnvollsten umzusetzen sein. Es g&#228;be   jedoch keine starren Unterrichtszeiten. Die Schule w&#228;re ein Ort, an dem   es ganztags m&#246;glich w&#228;re zu lernen und zu lehren. Lerngruppen w&#228;ren   kleiner, der Lehrer Lernhelfer statt Autorit&#228;tsperson. Druck durch Noten   w&#228;re abgeschafft, vielmehr w&#252;rde Wert gelegt auf individuelle F&#246;rderung   und gegenseitige Hilfestellung.<\/p>\n<p>  Je &#228;lter die Kinder werden, je komplexer die eigene Lebenswelt au&#223;erhalb   der Schule, desto flexibler muss die Bildungseinrichtung auf die   jeweiligen Bed&#252;rfnisse der Lerngruppen eingehen. Diese Lerngruppen   m&#252;ssen nicht fest stehen, sondern k&#246;nnen f&#252;r bestimmte &#8222;Projekte&#8220; immer   wieder neu zusammengestellt werden. Diese Projekte besch&#228;ftigten sich   dann mit realen Fragen wie zum Beispiel der Energieversorgung von   Kassel-Bettenhausen, nicht mit k&#252;nstlichen Lernaufgaben.   &#8222;Projektarbeit&#8220;, das hei&#223;t ein selbst gew&#228;hlter, selbstst&#228;ndig   organisierter Lernprozess an einem bestimmten Thema &#8211; in der   kapitalistischen Gesellschaft nur tageweise vor den Ferien oder in   besonders gef&#246;rderten &#8222;Modellschulen&#8220; m&#246;glich &#8211; erg&#228;be sich im   Sozialismus von selbst, da es tats&#228;chliche &#8222;Projekte&#8220; aus dem Leben der   Sch&#252;lerInnen sind, die es gemeinsam anzugehen gilt.<\/p>\n<h4>  Schule als Schule des Lebens<\/h4>\n<p>  F&#252;r die weiterf&#252;hrende Bildung sind Lernorte notwendig, in denen neben   Kindern und Jugendlichen auch Erwachsene lernen k&#246;nnen, bestimmte   Aufgaben des Lebens zu meistern &#8211; echtes lebenslanges Lernen.   LernhelferInnen begleiten die Lernenden bei ihren Problemen und   Versuchen, diese gemeinsam zu l&#246;sen.<\/p>\n<p>  Dies erfordert eine starke Verzahnung von Praxis und Theorie.   &#8222;Au&#223;erschulische Lernorte&#8220; &#8211; heute exotische Randerscheinung des   Regelunterrichts &#8211; sind im Sozialismus der Normalfall. Letztendlich   bedeutet das den Wegfall der Trennung von Lerninhalten und konkreten   allt&#228;glichen Belangen der Lernenden. St&#246;&#223;t man in der &#8222;privaten&#8220;   Umgebung oder bei der Arbeit auf Verst&#228;ndnisgrenzen, sucht man einen   Lernort auf, um mit Hilfe von Gleichgesinnten und &#8222;Experten&#8220; die   Wissensl&#252;cke aufzuf&#252;llen.<\/p>\n<h4>  &#8222;Tausende gl&#228;nzende Talente&#8220;<\/h4>\n<p>  Bildung im Sozialismus bedeutet die M&#246;glichkeit, sich nach seinen   Interessen neu orientieren zu k&#246;nnen. Ein einmal erlernter Beruf muss   nicht ein Leben lang beibehalten werden, nur aus Angst, keinen neuen zu   bekommen. Immer wieder werden Menschen ihre Neigungen ausprobieren und   sich neue Wissensbereiche aneignen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  August Bebel schrieb dazu in seinem Buch &#8222;Die Frau und der Sozialismus&#8220;:   &#8222;<i>Ein in der Menschennatur tief begr&#252;ndetes Bed&#252;rfnis ist die   Freiheit der Wahl und die M&#246;glichkeit der Abwechslung der Besch&#228;ftigung.   Wie best&#228;ndige Wiederholung schlie&#223;lich die beste Speise widerlich   macht, so ist es mit einer sich t&#228;glich tretm&#252;hlenartig wiederholenden   T&#228;tigkeit. Es liegen in einem Menschen eine Reihe von F&#228;higkeiten und   Trieben, die nur geweckt und entwickelt werden brauchen, um in   Best&#228;tigung gesetzt die sch&#246;nsten Dinge erzeugen. Diesem   Abwechslungsbed&#252;rfnis wird die sozialistische Gesellschaft die vollste   Gelegenheit bieten. [&#8230;] Tausende gl&#228;nzende Talente, die bisher   unterdr&#252;ckt wurden, werden zur Entfaltung kommen und sich in ihrem   Wissen und K&#246;nnen zeigen, wo die Gelegenheit sich bietet.<\/i>&#8220;<\/p>\n<h3>  Stell dir vor&#8230;<\/h3>\n<p>  &#8230;du kommst morgens in deine Klasse und hast nicht mehr als 14   Mitsch&#252;lerInnen. Ihr selbst bestimmt, was ihr an diesem Tag lernen   wollt. Schlie&#223;lich ist nicht jeder Tag gleich und auch eure Vorlieben   sind nicht immer die selben.<\/p>\n<p>  In deiner Klasse ist es m&#246;glich, dass die Lehrerin oder der Lehrer deine   Fragen ausf&#252;hrlich beantwortet und du traust dich auch, einfach   mitzureden. Monologe der LehrerInnen gibt es nicht, stattdessen   erarbeitet ihr alles in eurer Gruppe. Und das nicht nur theoretisch,   sondern auch praktisch: Immer wieder geht ihr in Betriebe, sei es eine   Solarzellen-Fabrik, ein Stahlwerk, oder eine Softwarefirma.<\/p>\n<p>  Weil es keine Noten und keine Angst um die berufliche Zukunft gibt, gibt   es auch keine Konkurrenz zwischen den Mitsch&#252;lerInnen. Du kannst jede   und jeden fragen, ob er oder sie dir hilft, wenn du etwas nicht   verstehst.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend des Unterrichts sind endlich Fragen von Bedeutung, die du schon   immer stellen wolltest &#8211; alles das wird im Unterricht behandelt, weil   ihr es gemeinsam so abgesprochen habt. Spannende Diskussionen werden   nicht durch ein Klingelzeichen beendet, schlie&#223;lich sind Menschen keine   Computer, die nach einem festgelegten Zeitintervall funktionieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine andere Gesellschaft braucht eine andere Bildung\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[50,96],"tags":[198],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12382"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12382"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12382\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}