{"id":12367,"date":"2007-11-08T00:48:03","date_gmt":"2007-11-08T00:48:03","guid":{"rendered":".\/?p=12367"},"modified":"2007-11-08T00:48:03","modified_gmt":"2007-11-08T00:48:03","slug":"12367","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/11\/12367\/","title":{"rendered":"Gewalt gegen Frauen: Von &#8222;Ehrenmorden&#8220; und &#8222;Familientrag&#246;dien&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Seit dem Mord an der Berliner Kurdin Hatun S&#252;r&#252;c&#252; im Februar 2005 wird   &#252;ber die sogenannten &#8222;Ehrenmorde&#8220; berichtet. Sie scheinen die   R&#252;ckst&#228;ndigkeit und Unterdr&#252;ckung der Frau im Islam zu symbolisieren.   Doch w&#228;hrend jeder &#8222;Ehrenmord&#8220; von allen Seiten beleuchtet wird, wird es   kurz und knapp als &#8222;Familientrag&#246;die&#8220; abgehandelt, wenn ein deutscher   Mann Frau und Kinder umbringt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Claus Ludwig, K&#246;ln<\/i><\/p>\n<p>  Die Ermordung von Frauen, weil sie die &#8222;Familienehre&#8220; verletzt haben,   zum Beispiel durch au&#223;ereheliche sexuelle Beziehungen, gibt es, seitdem   es patriarchalisch strukturierte Klassengesellschaften gibt (Patriarchat   = M&#228;nnerherrschaft). &#8222;Ehrenmorde&#8220; waren laut babylonischem Gesetzbuch   erlaubt und wurden unter anderem bei germanischen St&#228;mmen sowie in der   peruanischen Inka-Kultur praktiziert.<\/p>\n<p>  Laut einem Bericht der UN aus dem Jahr 2000 kommt es j&#228;hrlich zu   mindestens 5.000 &#8222;Ehrenmorden&#8220;, sowohl in islamischen L&#228;ndern wie   Afghanistan, T&#252;rkei und Pakistan als auch in Brasilien, Italien und   Indien.<\/p>\n<h4>  Der Islam<\/h4>\n<p>  In Deutschland werden &#8222;Ehrenmorde&#8220; in erster Linie von M&#228;nnern aus den   l&#228;ndlich gepr&#228;gten Gebieten der T&#252;rkei und Arabiens ver&#252;bt. Manche der   T&#228;ter m&#246;gen sich dabei auf den Islam berufen. Doch der Islam hat weder   diese Art von Morden erfunden, noch hei&#223;t er sie gut. Die islamische   Gesetzgebung, die Scharia, kennt den Begriff nicht, ein solcher   &#8222;Ehrenmord&#8220; f&#228;llt schlicht in die Kategorie des Mordes. Laut den   Buchstaben der Scharia darf nur ein hohes Gericht die Todesstrafe   verh&#228;ngen, nicht aber ein beleidigter Mann oder Vater oder ein   Dorfmullah.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich war die Einf&#252;hrung des Islams im 7. Jahrhundert unserer   Zeitrechnung ein Fortschritt f&#252;r die Rechte der Frauen in der arabischen   Gesellschaft. Doch die Anwendung der aus der Epoche der Sklavenhalter   oder Feudalgesellschaft stammenden Lehrs&#228;tze aus Altem und Neuem   Testament oder Koran auf die heutige Situation ist komplett reaktion&#228;r   und frauenfeindlich.<\/p>\n<p>  Nicht der Islam ist der gemeinsame Nenner der &#8222;Ehrenmorde&#8220;, sondern die   Herkunft von Opfer und T&#228;ter aus feudal-patriarchalen Gesellschaften, in   denen die Rechte der Frau und andere demokratische Rechte wenig gelten.<\/p>\n<p>  In der christlich gepr&#228;gten Bundesrepublik gibt es keine ausgesprochene   Tradition von Morden wegen &#8222;Ehebruch&#8220; und &#228;hnlichen &#8222;Vergehen&#8220;, aber   Gewalt und gesellschaftliche &#196;chtung von Frauen, die sich auflehnen und   Regeln verletzen, kennen alle christlichen L&#228;nder. Gewalt von V&#228;tern   beziehungsweise Eltern gegen T&#246;chter, die uneheliche Beziehungen hatten,   waren in vergangenen Jahrzehnten keine Seltenheit. Die Vormundschaft des   Mannes &#252;ber die Frau war bis in die sechziger Jahre festgeschrieben:   Verheiratete Frauen brauchten die schriftliche Zustimmung ihres Mannes,   um eine Arbeit aufnehmen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Deutsche &#8222;Familientrag&#246;dien&#8220;<\/h4>\n<p>  Gewaltverbrechen werden in Deutschland in erster Linie von M&#228;nnern   begangen. Sie sind f&#252;r 84,6 Prozent aller Morde und 98,8 Prozent aller   Vergewaltigungen und sexuellen N&#246;tigungen verantwortlich (Polizeiliche   Kriminalstatistik 2006). Bei vollendetem Mord und Totschlag an Frauen   sind die Tatverd&#228;chtigen zu &#252;ber 50 Prozent Verwandte, bei m&#228;nnlichen   Opfern sind es 23,6 Prozent. Der gef&#228;hrlichste Ort f&#252;r eine Frau ist die   eigene Wohnung. Es gibt zwar wesentlich mehr Mordversuche an M&#228;nnern,   aber bei den vollendeten Morden stellen Frauen 2006 mehr als die H&#228;lfte   der Opfer.<\/p>\n<p>  Als &#8222;Familientrag&#246;dien&#8220; finden einige dieser h&#228;uslichen Verbrechen den   Weg in die Schlagzeilen. Anlass ist oft die Trennung. Die   &#8222;Familientrag&#246;die&#8220; folgt einem brutalen Muster: Der Mann f&#252;hlt sich   verlassen, erniedrigt, &#8222;dreht durch&#8220;, t&#246;tet die Frau, oftmals auch die   Kinder und bringt sich danach selbst um. Der Selbstmord des M&#246;rders   f&#252;hrt zur neutralen, verharmlosenden Benennung der &#8222;Trag&#246;die&#8220;, als ob es   keine T&#228;ter sondern nur Opfer g&#228;be.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich gibt es &#196;hnlichkeiten zwischen dem &#8222;Ehrenmord&#8220; an Hatun   S&#252;r&#252;c&#252; und der &#8222;Trag&#246;die&#8220; von Rheinfelden, bei der im April 2005 ein   Mann seine Frau, die beiden Kinder und seine Eltern umbrachte, weil die   Frau sich scheiden lassen wollte. In beiden F&#228;llen wurde die Herrschaft   des Mannes in Frage gestellt, weil die Frau eigene Wege ging. In beiden   F&#228;llen wurde dies mit der Vernichtung der Frau beantwortet. In beiden   F&#228;llen gibt es klare T&#228;ter und Opfer. Dass im Fall einer   &#8222;Familientrag&#246;die&#8220; der T&#228;ter oft sich und sein chauvinistisches Elend   selbst ein Ende setzt, macht den Mord nicht weniger entsetzlich.<\/p>\n<p>  Es gibt allerdings auch klare Unterschiede. Oft sind &#8222;Ehrenmorde&#8220; k&#252;hl   geplante Morde, die von Teilen oder der gesamten Familie unterst&#252;tzt   werden. In einigen F&#228;llen wurden jugendliche T&#228;ter vorgeschickt, den   Auftrag auszuf&#252;hren, weil sie eine geringere Strafe zu erwarten haben.   M&#246;rder k&#246;nnen sich auch auf Sympathien bei r&#252;ckst&#228;ndigen Teilen einiger   Migranten-Gemeinden st&#252;tzen. Die Ideologie, Frauen zu unterwerfen und zu   disziplinieren, wird zum Teil offen unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Die T&#228;ter bei &#8222;Familientrag&#246;dien&#8220; sind Au&#223;enseiter. Sie rennen in eine   Sackgasse, vernichten die Schw&#228;cheren und stellen fest, dass es f&#252;r sie   keinen Weg mehr zur&#252;ck in die Gesellschaft gibt und t&#246;ten sich selbst.   Die Basis beider Arten von Verbrechen ist die gleiche, die konkrete Form   eine andere. Wer von &#8222;Ehrenmorden&#8220; redet, sollte zu &#8222;Familientrag&#246;dien&#8220;   nicht schweigen.<\/p>\n<h4>  Eine heuchlerische Debatte<\/h4>\n<p>  Die grausigen Morde an Frauen durch ihre Familien werden aber vor allem   politisch genutzt, um eine Frontstellung gegen &#8222;den Islam&#8220; aufzubauen.   Oft erregen sich diejenigen am Lautesten &#252;ber die &#8222;islamische   Frauenfeindlichkeit&#8220;, die selber besonders konservativ sind.   Fundamentalistische Katholiken in Deutschland rufen nicht zum Mord an   &#8222;Ehebrecherinnen&#8220; auf, aber sie propagieren die Herrschaft des Mannes   und des Staates &#252;ber die Frauen. Der K&#246;lner Kardinal Meisner bezichtigt   immer wieder abtreibende Frauen des Mordes und fordert, dass die   Abtreibung verboten wird.<\/p>\n<p>  F&#252;r Frauen aus der T&#252;rkei, Kurdistan oder arabischen L&#228;ndern ist der   Kampf gegen die Unterdr&#252;ckung und f&#252;r Gleichberechtigung zentral. Sie   m&#252;ssen dabei unterst&#252;tzt werden. Es darf keine Verharmlosung   patriarchalischer Gewalt in Migranten-Familien geben.<\/p>\n<p>  Doch die aktuelle Debatte wird genutzt, um die Realit&#228;t auf den Kopf zu   stellen. Frauenfeindliche Einstellungen und Gewalt gegen Frauen wird als   etwas von au&#223;en, aus dem &#8222;islamischen Kulturkreis&#8220; Kommendes dargestellt   &#8211; ausgerechnet von politischen Kr&#228;ften, die selber ein reaktion&#228;res   Frauenbild vertreten.<\/p>\n<p>  Die offene Unterdr&#252;ckung der Frau ist geschichtlich mit der   Sklavenhaltergesellschaft entstanden und im Feudalismus verfestigt   worden. Die Durchsetzung des Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert hat   die Lage der Frauen nicht verbessert. Erst die massiven Bewegungen der   Arbeiter und der Frauen haben demokratische Rechte erk&#228;mpfen k&#246;nnen,   auch wenn von Gleichberechtigung nie die Rede sein konnte.<\/p>\n<p>  Heute werden auf der Grundlage der kapitalistischen Krise die Rechte der   Frauen erneut beschnitten. Frauen werden oftmals zu Opfern der sozialen   Krise und der Verwahrlosung der Gesellschaft. Mittelalterliche   Reaktion&#228;re wie Kardinal Meisner sind die Vorreiter der modernen,   kapitalistischen Offensive gegen die Rechte der Frauen.<\/p>\n<p>  Durch Versch&#228;rfungen im Ausl&#228;nderrecht und das harte Vorgehen der   Ausl&#228;nderbeh&#246;rden wird die Lage von Migrantinnen, die unter h&#228;uslicher   Gewalt leiden, zus&#228;tzlich erschwert. SPIEGEL Online berichtete am 19.   Oktober: &#8222;In Sonntagsreden fordern Politiker besseren Schutz von   Ausl&#228;nderinnen vor Gewalt in der Ehe. Doch die Beh&#246;rden drohen den   geschundenen Frauen nach Angaben von Hilfsorganisationen immer &#246;fter mit   Abschiebung. Die Folge: Migrantinnen bleiben bei ihren pr&#252;gelnden   Ehem&#228;nnern.&#8220; Das deutsche Ausl&#228;nderrecht ist keine Hilfe f&#252;r die Frauen,   sondern kann zu einer Gefahr f&#252;r sie werden. Wer gegen M&#228;nnergewalt in   Migranten-Familien etwas tun will, muss daf&#252;r sorgen, dass alle Frauen   ein eigenst&#228;ndiges Aufenthaltsrecht bekommen.<\/p>\n<p>  Die Linke und die Arbeiterbewegung m&#252;ssen ohne Wenn und Aber f&#252;r die   Gleichberechtigung, gegen h&#228;usliche Gewalt und Unterdr&#252;ckung eintreten,   ob es um Frauen aus muslimischen oder nicht-muslimischen Familien geht.   Gleichzeitig muss die Linke der Demagogie gegen den Islam entgegentreten.<\/p>\n<p>  <i>Claus Ludwig ist Mitglied der K&#246;lner Stadtratsfraktion DIE   LINKE\/Gemeinsam gegen Sozialraub<\/i><\/p>\n<h5>  Weitere Infos unter:<\/h5>\n<p>  &#8222;Studie: Ehrenmord&#8220;: <a href=\"www.frauenrechte.de\/tdf\/pdf\/EU-Studie_Ehrenmord.pdf\">www.frauenrechte.de\/tdf\/pdf\/EU-Studie_Ehrenmord.pdf<\/a><\/p>\n<p>  Polizeiliche Kriminalstatistik: <a href=\"http:\/\/www.bmi.bund.de\/nn_ 122688\/Internet\/Content\/Broschueren\/2007\/Polizeiliche__ Kriminalstatistik__2006__de.html\">http:\/\/www.bmi.bund.de\/nn_   122688\/Internet\/Content\/Broschueren\/2007\/Polizeiliche__   Kriminalstatistik__2006__de.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Seit dem Mord an der Berliner Kurdin Hatun S&#252;r&#252;c&#252; im Februar 2005 wird<br \/>\n      &#252;ber die sogenannten &#8222;Ehrenmorde&#8220; berichtet. 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