{"id":12352,"date":"2007-10-24T00:29:07","date_gmt":"2007-10-23T22:29:07","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12352"},"modified":"2012-12-30T12:06:03","modified_gmt":"2012-12-30T11:06:03","slug":"12352","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/10\/12352\/","title":{"rendered":"Der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch: Die Erinnerung       wachhalten, Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>  Dmitri Schostakowitsch war einer der bedeutendsten Komponisten des 20.   Jahrhunderts. Er erlebte fast alle Perioden der Sowjetunion &#8211; von der   Oktoberrevolution bis zur Stagnation unter Breschnew. In seiner Musik   sind die Hoffnungen und der Schrecken, die Freude und die   Entt&#228;uschungen, das Leben und der Tod dieser Epoche zu finden. <a href=\"\/?p=11969\">Der   erste Teil<\/a> dieses Artikels befasste sich mit den 20er und 30er   Jahren. 1936 hatte Stalin pers&#246;nlich Schostakowitschs Oper &quot;Lady Macbeth   von Mzensk&quot; mit dem Bannfluch belegt. Wir werden uns in diesem zweiten   und letzten Teil mit dem aktiven musikalischen Eingreifen Dmitri   Schostakowitschs in das Leben der stalinisierten Sowjetunion befassen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Ingmar Meinecke<\/i><\/p>\n<p>  1960 weilte Dmitri Schostakowitsch in der DDR, in Bad Gohrisch, nicht   weit von Dresden. Er sollte Musik f&#252;r den Film &quot;F&#252;nf Tage &#8211; f&#252;nf N&#228;chte&quot;   komponieren. Doch hier entstand etwas Bedeutenderes. Er berichtete in   einem Brief an den Freund Isaak Glikman: &#8222;Ich habe dort mein 8. Quartett   komponiert. Wie sehr ich mich bem&#252;hte, konnte ich bis jetzt nicht die   Arbeiten f&#252;r den Film im Entwurf ausf&#252;hren. Doch statt dessen habe ich   ein nutzloses und ideell verwerfliches Quartett geschrieben. Ich dachte   dar&#252;ber nach, dass, wenn ich irgendwann einmal sterbe, wohl kaum jemand   ein meinem Andenken gewidmetes Werk schreiben wird. Deshalb habe ich   beschlossen, selbst ein solches zu schreiben. Man k&#246;nnte auf den Einband   ohne weiteres schreiben: &quot;Gewidmet dem Andenken des Autors dieses   Quartetts&quot;. Hauptthema des Quartetts sind die Noten D, Es, C, H, das   hei&#223;t, meine Initialen (D. Sch.).&#8220;<\/p>\n<p>  Die offizielle Widmung des 8. Streichquartetts sollte allerdings anders   lauten. &#8222;Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges&#8220; stand   schlie&#223;lich auf der Partitur. Doch es ist in der Tat ein sehr   pers&#246;nliches Quartett, wenn man sorgf&#228;ltig zuh&#246;rt und die vielf&#228;ltigen   musikalischen Zitate registriert. In oben genanntem Brief f&#252;hrt   Schostakowitsch sie selbst auf: &#8222;Im Quartett verwende ich Themen aus   meinen Kompositionen und das Revolutionslied &quot;Gequ&#228;lt von schwerer   Gefangenschaft&quot;. Meine Themen sind folgende: aus der 1. Symphonie, der   8. Symphonie, aus dem Trio, dem Cellokonzert und aus &quot;Lady Macbeth&quot;. &#8230;   Ach ja, ich verga&#223; noch meine 10. Symphonie. Ein richtiges Sammelsurium.&#8220;<\/p>\n<p>  Schostakowitsch hielt das &quot;Sammelsurium&quot; zusammen und gedenkt seinem   musikalischen und realen &#220;berleben. Aber das Andenken geht weit &#252;ber ihn   pers&#246;nlich hinaus. Im vierten Teil des Quartetts, dem langsamen Largo,   ert&#246;nt zuerst ein Motiv, das deutlich nach dem H&#228;mmern schwerer F&#228;uste   an eine T&#252;r klingt. Und bei diesem H&#228;mmern k&#246;nnen wir an diejenigen   denken, die abgeholt wurden von den Geheimpolizeien dieser Welt. Aber   konkret hatte Schostakowitsch wohl die Schergen der Stalinschen GPU im   Ohr. Daf&#252;r spricht das danach erklingende Lied &quot;Gequ&#228;lt von schwerer   Gefangenschaft&quot;, gesungen von den Revolution&#228;ren im zaristischen   Russland und wohl leise gesungen von manchen alten Bolschewiken, die in   den 30ern in die Folterkeller Stalins oder die Lager der sibirischen   Arktis geworfen wurden. Das 8. Streichquartett war eine bittere   Abrechnung Schostakowitschs mit den letzten drei Jahrzehnten. Doch er   lebte und hatte Stalin &#252;berlebt.<\/p>\n<h4>  Tauwetter<\/h4>\n<p>  Am 5. M&#228;rz 1953 starb Joseph Stalin. Am selben Tag starb zuf&#228;lligerweise   auch der ber&#252;hmte Komponist Sergei Prokofjew. Dessen Tod nahm die   &#214;ffentlichkeit im Schatten der allgemeinen Trauer f&#252;r Stalin kaum zur   Kenntnis. Am 17. Dezember des gleichen Jahres wurde die 10. Symphonie   Schostakowitschs in Leningrad uraufgef&#252;hrt. Die vorherige Symphonie   Schostakowitschs lag acht Jahre zur&#252;ck. Kurt Sanderling, damals selbst   Dirigent der Leningrader Philharmoniker, erkl&#228;rte in einem Gespr&#228;ch 1995   auf die Frage, ob der Tod Stalins der Anlass f&#252;r die 10. Symphonie war,   folgendes: &#8222;Sicher war das nicht der Anlass, aber wenn er nach der   Neunten demonstrativ keine Symphonie mehr geschrieben und die Werke, die   er in seinem pers&#246;nlichen Stil schrieb, nicht mehr ver&#246;ffentlicht hat,   so hielt er jetzt die Zeit f&#252;r gekommen, das auszusprechen, zu   reflektieren, was ihm am Herzen lag. &#8230; Es ist eine Anti-Stalin-, eine   Anti-Regime-Symphonie. Die ersten drei S&#228;tze sprechen von der   Bedr&#252;ckung, von der Unterdr&#252;ckung, von der Vereinsamung, und im vierten   Satz bricht es pl&#246;tzlich, so ganz ohne Vorwarnung, aus ihm heraus, und   er schreibt einen Satz von Haydnschem Humor, voller Leichtigkeit, ja   t&#228;nzerischer Fr&#246;hlichkeit, als wolle er den neuen Tag begr&#252;&#223;en. Man hat   die Symphonie mit dem von Ilja Ehrenburg gepr&#228;gten Begriff   &quot;Tauwetter-Symphonie&quot; bezeichnet.&#8220;<\/p>\n<p>  Der zweite Satz der Symphonie wird mittlerweile allgemein als   musikalisches Portr&#228;t Stalins angesehen. Dieser Satz ist von einer   geradezu triumphalen B&#246;sartigkeit, in schnellem Tempo gesetzt. Im   dritten Satz tauchen dann zum ersten Mal die T&#246;ne d-es-c-h auf &#8211; die   Initialen D. Sch. des Komponisten. Schostakowitsch hatte Stalin   &#252;berlebt. Ein fast z&#228;rtlicher, hoffnungsvoller Einsatz der H&#246;rner folgt   sp&#228;ter. Ein erstes Aufschimmern der Hoffnung, dass es besser werden   k&#246;nnte, dass die Opfer nicht umsonst waren? Die H&#246;rner verstummen nicht,   doch der dritte Satz ist ein Nebeneinander und ein Kampf verschiedener   Kr&#228;fte, der alten Brutalit&#228;t und der neuen Hoffnung.<\/p>\n<p>  Die Stalinsche Kulturb&#252;rokratie war sofort misstrauisch und ablehnend   gegen&#252;ber der neuen Symphonie. Der Generalsekret&#228;r des sowjetischen   Komponistenverbandes, Tichon Chrennikow, &#228;u&#223;erte sich in einer Sitzung   am 1. April 1954 deutlich: &#8222;In meiner Vorstellung ist es so, als ob der   Held dieses Werkes ein verklemmter Intellektueller sei, der sich vor dem   Leben f&#252;rchtet. Das Leben scheint ihm ein schrecklicher Alptraum zu   sein, deswegen schreit und br&#252;llt er &#8211; die Symphonie ist von   neuropathischen Konvulsionen durchdrungen und nimmt die gesamte Umwelt   derart wahr, als ob es keinen Ausweg g&#228;be, sogar die einzelnen   Aufheiterungen, die in dieser Musik vorkommen wirken irgendwie   kindlich.&#8220; In seinen Ausf&#252;hrungen verplapperte sich Chrennikow fast.   Doch der Alptraum eines Lebens unter Stalin war f&#252;r viele nicht nur ein   Schein, sondern bittere Realit&#228;t. Dazu musste man kein Intellektueller   sein &#8211; unz&#228;hligen Arbeitern, Bauern und der gesamten alten Garde der   Bolschewiki hatte der Stalinsche Terror ebenso wie vielen   Intellektuellen das Leben gekostet.<\/p>\n<h4>  Schmuggelware Kunst<\/h4>\n<p>  In seinem 8. Streichquartett hatte Schostakowitsch auch die 8. Symphonie   und das 2. Klaviertrio zitiert. Beides sind Kriegswerke, genauer gesagt,   sie sind in der Zeit des 2. Weltkrieges entstanden. Die Schauprozesse   und der Gro&#223;e Terror in den 30ern hatten viele K&#252;nstler vor die Frage   gestellt, wie sie real und k&#252;nstlerisch weiterexistieren sollten.   Schostakowitschs Oper &quot;Lady Macbeth von Mzensk&quot; war von Stalin   h&#246;chstpers&#246;nlich angegriffen worden. Nun konnte jedes Wort &#8211; ein   gedrucktes, gesprochenes oder gesungenes &#8211; schnell ein falsches Wort   sein. Zig K&#252;nstler wussten vor Verzweiflung nicht mehr, was sie   schreiben, komponieren, singen sollten. Leo Trotzki zeichnete die   Situation aus dem Exil mit einigen pr&#228;gnanten Strichen: &#8222;Hervorragende   K&#252;nstler enden entweder durch Selbstmord, suchen ihren Stoff in   zur&#252;ckliegenden Zeiten oder schweigen ganz. Ehrliche und talentvolle   B&#252;cher erscheinen gleichsam aus Versehen, irgendwoher aus dem   Verborgenen hervorschl&#252;pfend, und stellen eine Art k&#252;nstlerischer   Schmuggelware dar.&#8220; Auch die Komponisten begannen zu schmuggeln.   Schostakowitsch schrieb keine Vokalwerke mehr, sondern konzentrierte   sich auf die Instrumentalmusik. 1938 stellte er sein 1. Streichquartett   vor.<\/p>\n<p>  1939 &#252;berfiel das faschistische Deutschland Polen. Hitler gelang es   einen Nichtangriffspakt mit Stalin abzuschlie&#223;en. Dieser   Nichtangriffspakt zusammen mit dem geheimen Zusatzprotokoll (welches die   Aufteilung Polens regelte) war einer der politischen und moralischen   Tiefpunkte der Au&#223;enpolitik Stalins. Die v&#246;llige Fehleinsch&#228;tzung, mit   Hitler zu einem &#220;bereinkommen zu kommen, r&#228;chte sich bitter. Am 22. Juni   1941 &#252;berfiel die faschistische Wehrmacht die Sowjetunion. Stalin war   &#252;berrascht. Die Rote Armee war ihrer F&#252;hrer, wie Marschall   Tuchatschewski, durch die Schauprozesse beraubt und begann trotz   verzweifelter Gegenwehr auf ganzer Linie zur&#252;ckzufluten.<\/p>\n<p>  Die Opfer dieses Krieges waren immens. Schreckliche Katastrophen brachen   &#252;ber die sowjetische Bev&#246;lkerung herein. Leningrad wurde 900 Tage lang   in eine Blockade eingeschlossen. Die Leningrader verhungerten in ihrer   Stadt. Allein der erste Blockade-Winter kostete etwa 470.000 Menschen   das Leben. Gleichzeitig leisteten die Arbeiterinnen und Arbeiter, die   Masse der Bev&#246;lkerung verzweifelten und ungeheuer mutigen Widerstand.   Sie zwangen die Faschisten zum R&#252;ckzug und besiegten sie schlie&#223;lich   ganz.<\/p>\n<p>  Wir sind aus der Geschichte gew&#246;hnt, dass ein Krieg mit dem Abbau von   demokratischen Freiheiten einhergeht. Zwangsarbeit wird eingef&#252;hrt. Die   Regierung erhebt sich selbstherrlich mit dem Milit&#228;r zusammen &#252;ber der   Gesellschaft. Es ist nur eine scheinbare Absurdit&#228;t, dass der Krieg in   der Sowjetunion dazu f&#252;hrte, dass sich in einiger Hinsicht der Zwang   etwas lockerte. Nat&#252;rlich wurde der Zwangsapparat weiter aufrecht   gehalten. Sowjetische Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten   waren, wurden grunds&#228;tzlich des Verrats verd&#228;chtigt. Aber doch konnten   Stalin und das Politb&#252;ro den Widerstand gegen Hitler nicht allein   organisieren. Neue f&#228;hige Milit&#228;rs wir Marschall Schukow konnten sich   etablieren. Der Kampf der Sowjetarmee und der Partisanen st&#228;rkte das   Selbstvertrauen der Bev&#246;lkerung. Auch in der Kunst brauchte die   sowjetische B&#252;rokratie eine idelle Unterst&#252;tzung der Kriegsanstrengungen.<\/p>\n<p>  Diese Situation kam auch Schostakowitschs Arbeit zugute. Er komponierte   direkt nach der Einschlie&#223;ung Leningrads Anfang September 1941 durch die   faschistische Wehrmacht in der belagerten Stadt seine 7. Symphonie, die   Leningrader. Er selbst datierte im April 1942 im &quot;Moskauer Bolschewik&quot;   die Fertigstellung der einzelnen S&#228;tze: &#8222;Der erste Satz war am 3.   September fertig, der zweite am 17. und der dritte am 29. September. Ich   habe Tag und Nacht gearbeitet. Manchmal h&#246;rte ich w&#228;hrend der Arbeit,   wie die Flaks feuerten und Bomben fielen. Doch das hielt mich vom   Schreiben nicht ab.&#8220; Den vierten Satz stellte er im Dezember nach   seiner, von der Regierung verf&#252;gten, Evakuierung aus Leningrad fertig.   Die Siebente galt allgemein als Kriegssymphonie. Sie ist wohl die   bekannteste seiner Symphonien. Das h&#228;ngt auch mit dem schnellen   internationalen Erfolg zusammen. Noch 1942 erlebte die Siebente   Auff&#252;hrungen in London, New York und Boston. Das US-Magazin &quot;Time&quot;   zeigte Schostakowitsch auf dem Titelbild mit einem Feuerwehrhelm, im   Hintergrund das zerst&#246;rte Leningrad. So kam der noch vor kurzem Verfemte   auf einmal zu internationalem Ruhm.<\/p>\n<p>  Die Interpretation der Siebenten ist in den letzten Jahrzehnten zum   Streitpunkt geworden. Es wird darauf verwiesen, dass Schostakowitsch die   Symphonie schon vor Kriegsausbruch im Kopf gehabt h&#228;tte. Manche gehen so   weit zu erkl&#228;ren, sie h&#228;tte daher mit dem Krieg gar nichts zu tun. Das   d&#252;rfte deutlich zu weit gehen. Schrieb Schostakowitsch die Partitur bei   fallenden Bomben auf seine geliebte Heimatstadt, so d&#252;rfte er diese wohl   kaum ignoriert haben. Aber gewiss war es den Komponisten nun auf einmal   m&#246;glich, Trauer, Verzweiflung und Angst in der Musik zu &#228;u&#223;ern. Dass sie   dabei nicht nur den unmittelbaren Krieg, sondern auch die noch nicht   lange zur&#252;ckliegenden Jahre des gro&#223;en Terrors im Kopf hatten, liegt auf   der Hand. Gerade die abstraktere Musik konnte besser als andere K&#252;nste   ihre Inhalte schmuggeln. Sie konnte ein Gesamtbild der Stimmung des   Landes in T&#246;ne setzen. Zu diesem Gesamtbild geh&#246;rte der Krieg, die   Greueltaten der Faschisten, aber auch der Verrat der Revolution durch   Stalin.<\/p>\n<p>  Die Hoffnung auf &#196;nderungen waren gro&#223;. Der Musiktheoretiker und   Komponist Boleslaw Jaworski schrieb am 13. Oktober 1942 an   Schostakowitsch: &#8222;Ich hoffe, dass wir bald deine Vierte h&#246;ren werden.   Die Leute von der RAPM (Russische Assoziation der Proletarischen   Musiker, d.A.) werden dann nicht dabei sein, der Gro&#223;e Vaterl&#228;ndische   wird sie hinwegfegen, und der bedeutende essentielle Inhalt dieser   Symphonie &#8211; K&#252;hnheit in Aktion &#8211; wird ert&#246;nen. Jetzt kann man niemandem   mehr den Mund stopfen, vorbei ist die despotische Zeit, wo man   Komponisten dem Formenzwang unterwerfen und ihnen vorschreiben konnte,   welche der ehrf&#252;rchtig-jubelnden &quot;Emotionen&quot; erlaubt sind.&#8220;   Schostakowitsch schien diesen Enthusiasmus nicht zu teilen.<\/p>\n<p>  Musikalisch belegt dies auch seine 8. Symphonie, die im November 1943   zur Auff&#252;hrung kam. Der Schriftsteller Ilja Ehrenburg bemerkte: &#8222;Ich kam   ersch&#252;ttert aus der Auff&#252;hrung &#8211; ich hatte die Stimme eines Chors der   griechischen Trag&#246;die vernommen. Musik hat einen gro&#223;en Vorteil: sie   kann, ohne zu sprechen, alles sagen.&#8220; Der erste Satz ist langsam   gehalten und dauert fast eine halbe Stunde. Er k&#246;nnte fast als Werk f&#252;r   sich stehen. Dieser Satz ist ein Satz des Leidens. &#220;berhaupt haben viele   Teile der Symphonie beinahe den Chrakter eines Requiems, einer   Trauermesse f&#252;r all die erlittenen Qualen, f&#252;r all das Unrecht und die   Willk&#252;r. Kontrastiert wird dies insbesondere vom zweiten der beiden   Scherzi. Dieser Satz ist die schiere Angst und die Folter eines   Menschen, sei sie seelisch oder k&#246;rperlich. Aber es ist nicht eine alte   archaische Folter, sondern die einer modernen, gut ge&#246;lten Maschinerie.   Die Wirkung des v&#246;lligen Ausgeliefertseins wird noch gesteigert durch   ein circa in der Mitte einsetzendes Thema, welches die sch&#228;bige   Fr&#246;hlichkeit und das geh&#228;ssige Frohlocken einer Milit&#228;r-Blaskapelle hat.   So l&#228;sst ein Folterknecht lustig aufspielen &#8211; zur Verh&#246;hnung seiner   Opfer. Die Symphonie geht im Finale zwar wieder in die hellere   C-dur-Tonart &#252;ber, aber sie endet nicht optimistisch oder vers&#246;hnlich.   Das Finale zeigt zwar auch die Sch&#246;nheit eines eventuell m&#246;glichen   anderen Lebens. Aber dieses erscheint st&#228;ndig bedroht und nicht wirklich   greifbar. Die Musik verliert sich am Ende. Der Widerspruch l&#246;st sich   nicht auf.<\/p>\n<p>  Die Autorit&#228;ten der Sowjetunion waren &#252;ber dieses Werk nicht sonderlich   erfreut. Ihr &#196;rger steigerte sich noch mehr mit der 9. Symphonie. Nach   dem Ende des Krieges wurde ein glorifizierendes Werk &#252;ber den Sieg   erwartet. Stalin freute sich auf einen vaterl&#228;ndischen Hymnus auf seine   Person. Doch Schostakowitsch verweigerte sich. Die Neunte dauert gerade   einmal eine knappe halbe Stunde. Von Feierlichkeit und Pathos keine   Spur. Stattdessen bekommen wir eine Leichtigkeit, durchsetzt mit Ironie   und Groteske, zu h&#246;ren. Der linientreue Musikfunktion&#228;r Kowal erboste   sich: &#8222;Der alte Haydn und ein waschechter Sergeant der US-Army, wenig   &#252;berzeugend auf Charlie Chaplin getrimmt, jagten im Galopp mit allen   Geb&#228;rden und Grimassen durch den ersten Satz dieser Symphonie.&#8220; Diese   &quot;Frechheit&quot; sollte nicht unges&#252;hnt bleiben.<\/p>\n<h4>  Musikalische Mordinstrumente<\/h4>\n<p>  Vom 10. bis 13. Januar 1948 tagte eine Sitzung im Zentralkomitee der   KPdSU, zu der mehr als 70 sowjetische Musiker eingeladen waren. Unter   ihnen befanden sich auch namhafte Komponisten wie Prokofjew,   Chatschaturjan und Schostakowitsch. Andrei Schdanow, Mitglied des   Politb&#252;ros der KPdSU und verantwortlich f&#252;r die Kulturpolitik, er&#246;ffnete   die Sitzung. Anlass dieses Treffens war die Oper &quot;Die gro&#223;e   Freundschaft&quot; des Komponisten Muradeli. Diese Oper bot aber nur den   Aufmacher. Die Schl&#228;ge Schdanows und des sich im Hintergrund haltenden   Stalins zielten auf die Gesamtentwicklung der Musik in der Sowjetunion   ab. Schdanow kam schnell darauf zu sprechen, dass &#8222;die M&#228;ngel der Oper   des Genossen Muradeli jenen sehr &#228;hneln, welche seinerzeit f&#252;r Genossen   Schostakowitschs Oper &quot;Lady Macbeth von Mzensk&quot; charakteristisch waren&#8220;.   Damit war die Sto&#223;richtung festgelegt. Hatte doch ein Leitartikel der   Prawda damals direkt Schostakowitschs sehr erfolgreiche Oper   angegriffen. Musikalisch gab es zwischen Schostakowitschs und Muradelis   Oper zwar nicht die geringste &#196;hnlichkeit, aber darum ging es auch nicht.<\/p>\n<p>  Schdanow gab am letzten Tag der Konferenz selber noch einmal klar die   Linie aus. Er malte das Bild von einem scharfen Kampf zwischen zwei   Richtungen in der sowjetischen Musik. Die eine sei realistisch und   entwickele sich in &#8222;tiefer, organischer Verbundenheit mit dem Volke&#8220;.   Die andere Richtung sei dagegen rein individualistisch und weigere sich   dem Volke zu dienen. Diese Musik wurde mit dem Schlagwort   &quot;formalistisch&quot; belegt und erinnere nach Schdanow &#8222;bald an eine   Bohrmaschine, bald an ein musikalisches Mordinstrument&#8220;. Eine   musikalischere Definition durfte bald darauf der neu bestellte Oberhirte   der sowjetischen Komponisten, Tichon Chrennikow, auf dem 1. Sowjetischen   Komponistenkongress geben: &#8222;Typische Kennzeichen einer solchen Musik   sind die Negierung der grundlegenden Prinzipien der klassischen Musik,   die Verherrlichung der Atonalit&#228;t, &#8230; der Verzicht auf solche &#228;u&#223;erst   wichtige Grundlage eines Musikwerkes wie die Melodie bzw. der Hang zu   chaotischen, neuropathischen Verbindungen, die die Musik in eine   Kakophonie, eine chaotische Anh&#228;ufung von Kl&#228;ngen verwandelt. Diese   Musik riecht ziemlich stark nach dem Ausdunst der zeitgen&#246;ssischen   modernistischen b&#252;rgerlichen Musik Europas und Amerikas &#8230;&#8220; Schdanow   fasste es einfacher, er verlangte &#8222;eine sch&#246;ne, formvollendete Musik&#8220;.<\/p>\n<p>  Die wichtigsten Komponisten der Sowjetunion wurden daraufhin des   Formalismus bezichtigt, darunter an erster Stelle Schostakowitsch. Viele   seiner Werke erhielten Auff&#252;hrungsverbot, darunter die 6., 8. und 9.   Symphonie. Er wird aus dem Moskauer Konservatorium entlassen. Trotzdem   musste er im Stil der Schauprozesse eine Selbstbezichtigung abgeben und   Besserung geloben. Der Alptraum von 1936 schien sich zu wiederholen. Am   12. Dezember 1948 schrieb er an seinen Freund Isaak Glikman: &#8222;Innerhalb   der letzten Woche, oder etwas mehr, bin ich sehr gealtert, und dieser   Alterungsprozess geht mit unerh&#246;rter Schnelligkeit voran.&#8220;<\/p>\n<p>  Doch er reagierte wie schon 1936 mit Arbeit, wenn nun auch oftmals f&#252;r   die Schublade. Seine sch&#228;rfste Satire, die erst in den 80ern erstmalig   zur Auff&#252;hrung kam, war der &quot;Antiformalistische Rajok&quot;. Der Rajok war an   sich eine Rummelplatz-Attraktion, derb und oft anz&#252;glich.   Schostakowitsch zeigt uns nun eine Versammlung von Musikfunktion&#228;ren,   auf der unter anderem die Genossen Jedinizyn und Dwoikin (auf Deutsch   die Nummer Eins und Zwei) auftreten. Wie unschwer zu erraten, sind damit   Stalin und Schdanow gemeint. Jedinizyn singt zur Melodie eines   georgischen Suliko, Stalins Lieblingslied. Nach seinem formelhaften   Vortrag singen die Musikfunktion&#228;re im Chor:<\/p>\n<p>  <i>Wir danken dir, <\/i><\/p>\n<p>  <i>Genosse Nummer Eins, <\/i><\/p>\n<p>  <i>Danke f&#252;r die v&#228;terliche F&#252;rsorge!<\/i><\/p>\n<p>  Schlie&#223;lich wird zu den Kl&#228;ngen eines schmissigen franz&#246;sischen Cancans   zur Bek&#228;mpfung der b&#252;rgerlichen Ideologie aufgerufen. Und die   willf&#228;hrigen Lakaien jubeln frenetisch:<\/p>\n<p>  <i>Wachsamkeit, Wachsamkeit <\/i><\/p>\n<p>  <i>immer und &#252;berall! <\/i><\/p>\n<p>  <i>Wachsamkeit, Wachsamkeit stets <\/i><\/p>\n<p>  <i>und in jeder Lage! Seid &#252;berall <\/i><\/p>\n<p>  <i>wachsam und verratet nichts!<\/i><\/p>\n<p>  Besser h&#228;tte der spie&#223;ige und beschr&#228;nkte Musikgeschmack des   sowjetischen B&#252;rokraten nicht l&#228;cherlich gemacht werden k&#246;nnen. Der   &quot;Antiformalistische Rajok&quot; ist einer der besten musikalischen Satiren,   auch wenn man kein Russisch versteht.<\/p>\n<p>  Doch die Antiformalismus-Kampagne erkl&#228;rt sich nicht allein aus dem   beschr&#228;nkten Geschmack der Elite des Apparats mit Stalin an der Spitze.   Nat&#252;rlich wollten die B&#252;rokraten tats&#228;chlich auf ihren ger&#228;umigen   Datschen keine beunruhigenden Dissonanzen h&#246;ren. Doch die Kampagne gegen   den Formalismus muss vor allem als Versuch der herrschenden B&#252;rokratie   begriffen werden, die sich im und nach dem Krieg selbstbewusster   agierenden K&#252;nstler und Wissenschaftler wieder in den Griff zu bekommen.   Eine freie Kunst und Wissenschaft barg die M&#246;glichkeit in sich, dass   sich die Diskussion aus der kulturellen Ebene in die politische Arena   begab. Doch jedes Aufkommen einer freien Diskussion unter den Massen   sollte erstickt werden. Dazu bedurfte es zum Einen eines Feindbildes,   was man Formalismus nannte und womit man alle Einfl&#252;sse von au&#223;en, die   des &quot;dekadenten b&#252;rgerlichen Europas und Amerikas&quot;, meinte. Zum Anderen   brauchten Stalin, Schdanow &amp; Co eine positive Leitlinie, die sie mit der   Besinnung auf das Volkst&#252;mliche und die gro&#223;e russische Klassik   herzustellen suchten. Nat&#252;rlich war die stalinistische Volkst&#252;mlichkeit   eine billige Propagandashow im volkst&#252;mlichen Stil, die mit eigentlicher   Volksmusik wenig gemeinsam hat. Die gro&#223;artige russische Klassik war ein   recht willk&#252;rlicher R&#252;ckgriff auf das 19. Jahrhundert, passte jedoch gut   in den allgemeinen Aufschwung des gro&#223;russischen Nationalismus, den   Stalin im Krieg wiederentdeckte.<\/p>\n<p>  Und deshalb bin ich ein wirklicher Jude<\/p>\n<p>  Eine der reaktion&#228;rsten Begleiterscheinungen der Stalin-Zeit war das   Wiederaufkommen des Antisemitismus. Wir k&#246;nnen hier nicht diskutieren,   ob Stalin ein Antisemit war, aber gewiss bediente er sich des   Antisemitismus in geschickter Weise. Gegen Ende seines Lebens setzte bei   ihm auch tats&#228;chlich eine gewisse antij&#252;dische Paranoia ein, die in der   Anschuldigung gipfelte, die j&#252;dischen Kreml&#228;rzte trachteten ihm nach dem   Leben. Die &#196;rzte rettete nur der tats&#228;chliche Tod Stalins.<\/p>\n<p>  Schostakowitsch nahm den wachsenden Antisemitismus genau zur Kenntnis.   Schon in seinem 1. Klavierkonzert von 1933 hatte er ein j&#252;disches Thema   aufgegriffen. Ein j&#252;disches Thema h&#246;ren wir auch im bewegenden 2.   Klaviertrio, das er 1944 zum Andenken an seinen gerade gestorbenen engen   Freund Iwan Sollertinskij schrieb. Dieses Thema griff er 1960 im 8.   Streichquartett wieder auf.<\/p>\n<p>  Schostakowitschs Verh&#228;ltnis zu j&#252;discher Volksmusik hatte zwei Seiten,   eine musikalische und eine politische. In den Memoiren1 beschrieb er das   so: &#8222;Ich glaube, wenn man von musikalischen Einfl&#252;ssen spricht, so hat   die j&#252;dische Volksmusik mich am st&#228;rksten beeindruckt. Ich werde nicht   m&#252;de, mich an ihr zu begeistern. Sie ist so facettenreich. Sie kann   fr&#246;hlich erscheinen und in Wirklichkeit tief tragisch sein. Fast immer   ist es ein Lachen durch Tr&#228;nen. Diese Eigenschaft der j&#252;dischen   Volksmusik kommt meiner Vorstellung, wie Musik sein soll, sehr nahe. Die   Musik muss immer zwei Schichten enthalten. Die Juden wurden so lange   gequ&#228;lt, dass sie es gelernt haben, ihre Verzweiflung zu verbergen. Ihre   Verzweiflung dr&#252;cken sie in Tanzmusik aus. Jede echte Volksmusik ist   sch&#246;n, aber von der j&#252;dischen muss ich sagen, sie ist einzigartig.&#8220;<\/p>\n<p>  Schostakowitsch trat dem sich ausbreitenden Antisemitismus mit seiner   Musik aktiv entgegen. 1948, nach seiner Ma&#223;regelung, schrieb er &quot;Aus der   jiddischen Volkspoesie&quot;, einen Vokalzyklus, der auf jiddischen   Volksliedern beruhte. Zu dieser Zeit nutzte die sowjetische F&#252;hrung den   Antisemitismus als Blitzableiter des Unmuts. Es wurde nicht in direkter   Weise gegen Juden Stellung genommen, aber man wurde auch so verstanden.   Der Kampf gegen den &quot;Kosmopolitismus&quot; bekam einen deutlichen   antisemitischen Unterton, den das damals umgehende Liedchen gut   beschrieb: &#8222;Willst du sein kein Antisemit, dann nenn &quot;nen Jid nur   Kosmopolit.&#8220; Erst 1955 durfte der Vokalzyklus aufgef&#252;hrt werden.<\/p>\n<p>  In der Tauwetterperiode unter Nikita Chruschtschow unternahm   Schostakowitsch einen neuen Anlauf gegen den Antisemitismus. Er vertonte   Anfang der 60er das Gedicht &quot;Babi Jar&quot; des jungen Dichters Jewgeni   Jewtuschenko. Es handelt von dem Massaker, dass die Nazis in der   Schlucht Babi Jar in der N&#228;he Kiews zwischen dem 29. September und dem   12. Oktober 1941 an der j&#252;dischen Bev&#246;lkerung begingen. 51.000 Juden   wurden in diesen Tagen durch Maschinengewehrfeuer niedergem&#228;ht. Danach   sprengten die Nazis Teile der Schlucht, um die Leichenberge zu bedecken.   Jewtuschenko klagt in seinem Gedicht den Antisemitismus insgesamt an.   Die letzten Zeilen lauten in der &#220;bersetzung von Paul Celan:<\/p>\n<p>  <i>Und bin &#8211; bin selbst <\/i><\/p>\n<p>  <i>ein einziger Schrei ohne Stimme <\/i><\/p>\n<p>  <i>&#252;ber tausend und aber <\/i><\/p>\n<p>  <i>tausend Begrabene hin. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Jeder hier erschossene Greis &#8211; <\/i><\/p>\n<p>  <i>ich. Jedes hier erschossene Kind &#8211; <\/i><\/p>\n<p>  <i>ich. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Nichts, keine Faser in mir, <\/i><\/p>\n<p>  <i>vergi&#223;t das je! <\/i><\/p>\n<p>  <i>Die Internationale &#8211; <\/i><\/p>\n<p>  <i>ert&#246;nen, erdr&#246;hnen soll sie, <\/i><\/p>\n<p>  <i>wenn der letzte Antisemit, den sie tr&#228;gt, diese Erde, <\/i><\/p>\n<p>  <i>im Grab ist, f&#252;r immer. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Ich habe kein j&#252;disches Blut in den Adern. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Aber verhasst bin ich allen Antisemiten. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Mit w&#252;tigem, schwieligem Hass, <\/i><\/p>\n<p>  <i>so hassen sie mich &#8211; <\/i><\/p>\n<p>  <i>wie einen Juden. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und deshalb bin ich <\/i><\/p>\n<p>  <i>ein wirklicher Jude.<\/i><\/p>\n<p>  Schostakowitsch vertonte das Gedicht als ersten Satz seiner 13.   Symphonie, die auch den Namen &quot;Babi Jar&quot; tr&#228;gt. Doch den Beh&#246;rden gefiel   die allgemeine Anklage des Antisemitismus nicht. Sie wollten auch nicht   daran erinnert werden, dass einige Ukrainer mit den Nazis kollaboriert   hatten. Jewtuschenko musste einige Zeilen erg&#228;nzen, um klarzumachen,   dass auch nicht-j&#252;dische Russen und Ukrainer zusammen mit den Juden in   Babi Jar gestorben sind. Auch die anderen S&#228;tze der Vokalsymphonie,   denen ebenfalls Gedichte von Jewtuschenko zugrunde lagen, trugen nicht   zur Beruhigung der Funktion&#228;re bei. Im dritten Satz schildert er das   schwere Leben, der sowjetischen Frauen, die noch nach Arbeit an den   L&#228;den Schlange stehen m&#252;ssen, um ihre Eink&#228;ufe zu erledigen:<\/p>\n<p>  <i>Frauen warten ohne Ende, <\/i><\/p>\n<p>  <i>Freundlich ist ihr Haus bestellt, <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und es halten ihre H&#228;nde <\/i><\/p>\n<p>  <i>Stumm das schwerverdiente Geld. <\/i><\/p>\n<p>  <i>&#8230; <\/i><\/p>\n<p>  <i>Unser Schicksal lastet lange schon <\/i><\/p>\n<p>  <i>Auf den Frauen, die in harter Fron. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Sch&#228;ndlich ist&quot;s, sie zu betr&#252;gen, <\/i><\/p>\n<p>  <i>Falsch zu wiegen, welch ein Hohn!<\/i><\/p>\n<p>  Diese konkrete Schilderung des Alltags der Frauen wollte die B&#252;rokratie   nicht h&#246;ren, auch nicht unter Chruschtschow. Das Tauwetter erwies sich   als tr&#252;gerisch. Der Fr&#252;hling sollte keinen Sommer erleben.<\/p>\n<h4>  Die Revolutionen Russlands<\/h4>\n<p>  Die Tauwetter-Periode nach Stalins Tod brachte Schostakowitsch &#252;ber die   Jahre die Auff&#252;hrung einer Reihe von Werken, die er in der Schublade   hatte lassen m&#252;ssen. 1955 kam der Vokalzyklus &quot;Aus jiddischer   Volkspoesie&quot; sowie das 1. Konzert f&#252;r Violine und Orchester an die   &#214;ffentlichkeit. 1961 wurde sogar seine 4. Symphonie endlich aufgef&#252;hrt,   deren Premiere 1935 geplant war, die er aber wegen der Angriffe auf ihn   damals unterlie&#223;. Erf&#252;llten sich also die Hoffnung auf &#196;nderung, den die   H&#246;rner in der 10. Symphonie 1953 vorsichtig ausstie&#223;en?<\/p>\n<p>  Der Zehnten folgten zwei epische Symphonien, die sich mit den beiden   bedeutenden Revolutionen in Russland besch&#228;ftigten. 1957 erschien die   11. Symphonie &quot;Das Jahr 1905&quot;. Vier Jahre sp&#228;ter wurde die Zw&#246;lfte mit   dem Titel &quot;Das Jahr 1917&quot; uraufgef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Die Elfte ist ein episches Werk mit vier umfangreichen S&#228;tzen. Sie   erz&#228;hlt die Ereignisse des Blutsonntags, des 9. Januar 1905. An diesem   Sonntag demonstrierten unbewaffnete Arbeiterinnen und Arbeiter, um dem   Zaren eine Petition zu &#252;bergeben. Zaristische Polizei und Kosaken   er&#246;ffneten das Feuer auf die Demonstration und t&#246;teten viele Menschen.   Das war der Beginn der Revolution von 1905.<\/p>\n<p>  Die Symphonie beginnt im ersten Satz mit der angespannten Stimmung im   Lande, in Petersburg insbesondere. Die Macht scheint noch stark, aber   wir h&#246;ren die Unzufriedenheit, das Leiden der Massen, die beginnen ihren   R&#252;cken zu strecken. Der zweite Satz erz&#228;hlt direkt vom 9. Januar, dem   Anflehen des Zaren um Besserung, der anwachsenden Demonstration, den   wartenden Kosaken und schlie&#223;lich dem schrecklichen Massaker an der   Volksmenge. Der dritte Satz &quot;Ewiges Angedenken&quot; ist ein Requiem f&#252;r die   Gestorbenen. Er zitiert das bekannte Revolutionslied &quot;Unsterbliche   Opfer&quot;. Das Finale des viertes Satzes ist &#252;berschrieben mit &quot;Die   Sturmglocke&quot;. Es ist die Kampfansage an die Tyrannen, ihre Verfluchung.<\/p>\n<p>  Die Elfte schildert aber nicht einfach die Revolution von 1905. Das   Sich-Aufb&#228;umen gegen die Tyrannen war ein aktuelles Thema im Jahre 1957.   Im Vorjahr 1956 fand die ungarische Revolution statt, die von   sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde. Mehrere Zeitzeugen verweisen   darauf, dass Schostakowitsch die ungarischen Ereignisse beim Schreiben   der Elften im Kopf hatte. Es stand die Frage, wie es weiterging. W&#252;rde   das Tauwetter anhalten und die politische Herrschaft der B&#252;rokratie   brechen? Oder bliebe letztlich alles beim alten? Die St&#228;rke und das   Ersch&#252;tternde der Elften liegen darin, dass sie direkt an der alten   revolution&#228;ren Tradition ankn&#252;pft. Sie vereinigt sehr viele alte   Revolutionslieder in sich. H&#246;ren wir in der Elften &quot;Unsterbliche Opfer&quot;   oder die &quot;Warschawjanka&quot;, so f&#228;llt der hohle Pathos der Stalinisten von   diesen Liedern ab. Wir kehren zur&#252;ck zum urspr&#252;nglichen Kampf, erinnern   uns der Opfer und des Enthusiasmus der revolution&#228;ren Bewegung. Die   Elfte strahlt eine gro&#223;e moralische St&#228;rke aus.<\/p>\n<p>  Auf diese H&#246;he kommt die Zw&#246;lfte, die sich der Oktoberrevolution   annimmt, bei weitem nicht. Zu stark hatte die offizielle Maschinerie der   Ideologieproduktion sich &quot;die Tage, die die Welt ersch&#252;tterten&quot;, wie   John Reed einst schrieb, einverleibt. 1961 in der Sowjetunion die   Oktoberrevolution zu preisen hie&#223; nach au&#223;en hin auch das aktuelle   Regime zu preisen, das den Oktober f&#252;r sich beanspruchte. Das konnte   Schostakowitsch nicht aufrechten Herzens tun.<\/p>\n<h4>  All dessen m&#252;d<\/h4>\n<p>  1964 gab es eine Restauration im Apparat. Chruschtschow wurde   entmachtet, der farblose Apparatschik Leonid Breschnew &#252;bernahm das   Ruder. F&#252;r Dmitri Schostakowitsch fiel die Stagnationsphase unter   Breschnew mit einer zunehmend ruinierten Gesundheit seiner selbst   zusammen. Oftmals werden Schostakowitschs Sp&#228;twerke seinem sich stetig   verschlechternden Gesundheitszustand zugeschrieben. Aber damit greift   man zu kurz. Seine Krankheiten machten ihm schwer zu schaffen. Er   kommentierte sie jedoch mit lakonischer Ironie. Schostakowitschs Musik   blieb weiterhin an der Gesellschaft orientiert.<\/p>\n<p>  Die B&#252;rokratie versuchte in der Sp&#228;tphase der UdSSR nur noch ihre Macht   zu bewahren. Die Gesellschaft versank zunehmend in einen Zustand der   Agonie. Die Wirtschaftsdaten verschlechterten sich, Korruption und   Raffgier wurden eine Alltagserscheinung. Die Hoffnungen des Tauwetters   hatten sich zerschlagen. Die B&#252;rokratie konnte sich nicht selbst als   herrschende Schicht abschaffen.<\/p>\n<p>  Es ist vor diesem Hintergrund wenig verwunderlich, dass sich   Schostakowitschs Musik mehr und mehr mit dem Thema des Todes zu   besch&#228;ftigen begann. Wobei es das nicht ganz trifft. Er hat sich   vielmehr mit dem Tod als Teil und Ende des Lebens zugleich befasst. Das   Thema war ihm keineswegs fremd, umgab ihn doch der Tod von Freunden und   die Todesangst seit den 30er Jahren. Schon 1942, nicht allzu lange nach   dem Gro&#223;en Terror und dem Beginn des Krieges, hatte er &quot;Sechs Romanzen&quot;   zu Gedichten von Raleigh, Burns und Shakespeare vertont, damals f&#252;r   Bass-Stimme und Klavier. 1971 nahm er die Arbeit daran wieder auf und   erarbeitete eine neue Fassung f&#252;r Bass-Stimme und Kammerorchester. Unter   anderen Gedichten befand sich darunter das Sonett Nr. 66 von William   Shakespeare. Eine Gesellschaft im Verfall k&#246;nnten keine anderen Zeilen   besser wiedergeben (hier in der &#220;bersetzung von Christa Schuenke):<\/p>\n<p>  <i>All dessen m&#252;d, nach Rast im Tod ich schrei. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Ich seh es doch: Verdienst muss betteln gehn <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und reinste Treu am Pranger steht dabei <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und kleine Nullen sich im Aufwind bl&#228;hn <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und Talmi-Ehre hebt man auf den Thron <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und Tugend wird zur Hure frech gemacht <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und wahre Redlichkeit bedeckt mit Hohn <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und Kraft durch lahme Herrschaft umgebracht <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und Kunst das Maul gestopft vom Apparat <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und Dummheit im Talar Erfahrung checkt <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und schlichte Wahrheit nennt man Einfalt glatt <\/i><\/p>\n<p>  <i>Und Gutes Schlechtesten die Stiefel leckt. <\/i><\/p>\n<p>  <i>All dessen m&#252;d, m&#246;cht ich gestorben sein, <\/i><\/p>\n<p>  <i>Blieb nicht mein Liebster, wenn ich sterb, allein.<\/i><\/p>\n<p>  Schostakowitsch schrieb in den 60ern und 70ern wieder mehr Vokalwerke.   Er wollte durch die Texte offenbar eindeutiger verstanden werden. Auch   die 14. Symphonie von 1969 vertonte Dichtungen von Garcia Lorca,   Brentano\/Appolinaire, K&#252;chelbecker und Rilke. Schostakowitsch wurde   Pessimismus und Todessehnsucht vorgehalten. Er erkl&#228;rte allerdings   selbst sehr gut, worum es ging: &#8222;Beachten Sie folgenden Umstand: bei den   Klassikern der Tonkunst setzt nach den tragischen Episoden h&#228;ufig eine   Art Verkl&#228;rung ein. Boris Godunow stirbt &#8211; und es erklingt weiche   Dur-Musik, die beruhigt und tr&#246;stet. Das Gleiche nach Hermanns Ende in   Tschaikowskis &quot;Pique Dame&quot;. Ebenso im Finale von Verdis &quot;Othello&quot;. Und   Richard Strauss nennt eine seiner symphonischen Dichtungen direkt &quot;Tod   und Verkl&#228;rung&quot;. Das h&#228;ngt hier mit der Religion zusammen, mit dem   Glauben an ein jenseitiges Leben. Solche Ideen waren sehr verbreitet.   Ich l&#246;se dieses Problem anders: materialistisch. In meiner Symphonie   gibt es nichts Tr&#246;stendes, Bes&#228;nftigendes.&#8220; In der Tat, ist die   Vierzehnte kompromisslos und sieht dem Tod direkt ins Angesicht. Der   Vers Rilkes brachte das Erleben so vieler Menschen dieser Periode auf   den Punkt:<\/p>\n<p>  <i>Der Tod ist gro&#223;. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Wir sind die Seinen <\/i><\/p>\n<p>  <i>lachenden Munds. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Wenn wir uns mitten im Leben meinen, <\/i><\/p>\n<p>  <i>wagt er zu weinen <\/i><\/p>\n<p>  <i>mitten in uns.<\/i><\/p>\n<h4>  In meiner Musik habe ich alles ausgesprochen<\/h4>\n<p>  Gerade die sp&#228;ten Kompositionen bis hin zu seinem Tod 1975 sind nicht   geschmeidig. Vom Thema nicht, auch von der Musik nicht. Schostakowitsch   setzte nun &#246;fters Zw&#246;lftonreihen ein. Auch dieses Mittel der modernen   klassischen Musik war ihm also nicht fremd.<\/p>\n<p>  Dmitri Schostakowitsch hat sich in seinen letzten Jahren konsequent wie   immer verhalten. Er wurde nicht zum Zyniker. Er war traurig und   verzweifelt, aber nicht zynisch. Schostakowitsch wusste selbst keinen   Ausweg aus dem Dilemma des &quot;real existierenden Sozialismus&quot;. Dies kann   ihm keiner vorhalten. Wir werden seine Einstellung zur Sowjetunion   vielleicht nie mit letzter Sicherheit kl&#228;ren. Zu viel Versteckspiel war   n&#246;tig, um leben und arbeiten zu k&#246;nnen. Aber zwei Dinge stehen fest.   Sein Hass und seine tiefe Verachtung f&#252;r die Stalinisten und die   B&#252;rokratie. Aber auch seine Hoffnungen auf das, was einmal die   Revolution verk&#246;rperte, Gerechtigkeit und Gleichheit f&#252;r alle.<\/p>\n<p>  Der Kapitalismus schien f&#252;r ihn keine Alternative zu sein. Er versuchte   nie zu emigrieren. Auch aus diesem Grund unterst&#252;tzte er nicht die   Dissidenten. Der religi&#246;se Sendungswahn eines Solschenizin war ihm   fremd. Auch f&#252;r den Physiker, Entwickler der Wasserstoffbombe und   prominenten Dissidenten Sacharow hatte er nicht viel Sympathien. In   Anspielung auf ihn meinte er in den Memoiren: &#8222;Er sollte sich &#8230; nicht   als Staatsanwalt aufspielen, denn mit einem Eichenkn&#252;ppel kann man nur   einen einzelnen totschlagen, mit einer Wasserstoffbombe aber Millionen.&#8220;   Schostakowitsch war nicht &#252;berzeugt von der Alternative der Dissidenten.<\/p>\n<p>  Schostakowitsch hasste das Pathos, den sch&#228;bigen verordneten Optimismus   der B&#252;rokratie. Er war besorgt um die allt&#228;glichen Sorgen der Menschen,   um ihr tats&#228;chliches Leben &#8211; in seiner Musik und in seinen zahlreichen   Verpflichtungen. In vielen Petitionen setzte er sich als Abgeordneter   f&#252;r Verurteilte ein oder versuchte die Wohnungsprobleme einfacher   Menschen zu l&#246;sen.<\/p>\n<p>  Schostakowitsch besa&#223; eine umfassende musikalische Bildung, sowohl der   russischen wie der internationalen Musik. Er sch&#246;pfte aus vielen   Quellen. Mussorgski und Mahler waren ihm als Komponisten besonders   wichtig. Musikalisch befand er sich des &#246;fteren wohl zwischen vielen   St&#252;hlen. Durchaus avantgardistisch in der Jugend, wurde er sp&#228;ter   &quot;klassischer&quot; indem er auf Traditionen z.B. von Mahler zur&#252;ckgriff. Er   verarbeitete Popul&#228;rmusik und Volksmusik. Er hatte keine Probleme,   Revolutionslieder in seinen Symphonien erklingen zu lassen &#8211; gewiss der   Schreck eines so manchen westlichen Modernisten.<\/p>\n<p>  Vor allem aber war Schostakowitsch selbst &#8211; neben allem Talent &#8211; ein   harter musikalischer Arbeiter. Wahrscheinlich rettete ihm seine Arbeit   oft genug das Leben und lie&#223; ihn klaren Verstandes bleiben. Er war in   der Lage, 1950 nach seiner totalen &#196;chtung die musikalisch   unwahrscheinlich reichen 24 Pr&#228;ludien und Fugen zu schreiben, in denen   alle menschlichen Gef&#252;hle, aber auch bei&#223;ender Spott &#252;ber das paranoide   Regime zu finden sind. Seinen Anspruch macht er selber in einer   Bemerkung &#252;ber Bach klar: &#8222;Jedes Pr&#228;ludium und jede Fuge von Bach lassen   sich in einem beliebigen Tempo, mit dynamischer Abstufung oder ohne   spielen, und es ist trotzdem wundersch&#246;n. So muss man Musik schreiben,   so dass keine Canaille sie verpfuschen kann.&#8220; Schostakowitsch hat uns   viele Musikwerke hinterlassen, die im Endeffekt keine Canaille   verpfuschen k&#246;nnen wird.<\/p>\n<p>  Welchen Einfluss Schostakowitsch auf die Musik dauerhaft hinterlassen   wird, wird uns die Geschichte zeigen. Maxim Schostakowitsch sagte &#252;ber   seinen Vater: &#8222;Ich bin der Ansicht, dass er ein Meister einer gro&#223;en   Gegenwart ist, aber auch einer nicht weniger gro&#223;en Zukunft. Er ist ein   Meister gro&#223;er Verallgemeinerungen. Wieviel Freude gibt es auf der Welt   und wieviel Ungl&#252;ck: Kriege, Revolutionen, Katastrophen, in die sich die   Menschheit hineinst&#252;rzt, und leider wird sich &#8211; begleitet von   Schostakowitschs Musik &#8211; noch vieles ereignen &#8230;&#8220; Wir sind mit Maxim   Schostakowitsch wohl unterschiedlicher Ansicht &#252;ber die Aufgabe von   Revolutionen. Sind sie auch gewaltige Umw&#228;lzungen und bringen manchem   unmittelbares Leid, so werden wir nur durch sie eine Chance haben, das   allgemeine Leid loszuwerden. Aber auch wir finden, dass die Musik Dmitri   Schostakowitschs den Unterdr&#252;ckten, den Leidenden im Kapitalismus oft   aus der Seele sprechen wird, sie trauern l&#228;sst um die Opfer, sie   ermutigt nicht aufzugeben. Viele Menschen werden auch in Zukunft tief   bewegt sein von der Musik Schostakowitschs und sie auch ohne das reale   Erlebnis des Stalinismus verstehen &#8211; ebenso wie wir heute Bachs Musik   verstehen k&#246;nnen, ohne die tiefe Religi&#246;sit&#228;t Johann Sebastian Bachs zu   teilen.<\/p>\n<p>  Wir haben nun viele Worte &#252;ber die Musik und das Leben dieses   musikalischen Chronisten des 20. Jahrhunderts verloren. Dabei konnten   wir seine Musik stets nur umschreiben, die Historie hinzuf&#252;gen, Analysen   versuchen und Anekdoten einstreuen. &#220;ber Musik sollte man jedoch nicht   nur lesen, man sollte sie h&#246;ren. Denn Schostakowitsch sagte ganz zu   recht: &#8222;In meiner Musik habe ich alles ausgesprochen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Dmitri Schostakowitsch war einer der bedeutendsten Komponisten des 20.<br \/>\n      Jahrhunderts. 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