{"id":12350,"date":"2007-11-07T00:36:52","date_gmt":"2007-11-06T23:36:52","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12350"},"modified":"2012-08-21T13:05:11","modified_gmt":"2012-08-21T11:05:11","slug":"12350","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/11\/12350\/","title":{"rendered":"90 Jahre nach der Russischen Revolution: Einige Lehren des Roten Oktober"},"content":{"rendered":"<p>Die russische Oktoberrevolution des Jahres 1917 war das gr\u00f6\u00dfte und bedeutendste Ereignis der bisherigen Menschheitsgeschichte. Heute vertreten nur die wenigen Marxistinnen und Marxisten diese Ansicht. F\u00fcr die offizielle b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung \u2013 die in der Schule gelehrt und in den Massenmedien verbreitet wird \u2013 war die Oktoberrevolution ein kommunistischer Putsch, ein abenteuerliches Experiment, ein Schritt zur stalinistischen Diktatur. F\u00fcr uns jedoch ist sie der Beweis, dass eine von den Massen der Arbeiterklasse und Bauernschaft getragene sozialistische Revolution m\u00f6glich ist und sie birgt zahlreiche Lehren f\u00fcr die heutigen und zuk\u00fcnftigen Klassenauseinandersetzungen weltweit.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><em>von Sascha Stanicic<\/em><\/p>\n<p>Dieser Artikel wird versuchen, einige der wichtigsten Lehren der Oktoberrevolution zu benennen und auf die heutige Situation anzuwenden. Er verzichtet daher auf eine Darstellung der Ereignisse der Russischen Revolution. Der Leser und die Leserin seien auf die verschiedenen Artikel, die die SAV zum Verlauf der Revolution publiziert hat (zu finden auf www.archiv.sozialismus.info\/1917) und auf das die Ereignisse des Jahres 1917 behandelnde Buch von Wolfram Klein verwiesen (siehe Anzeige in diesem Magazin).<\/p>\n<h4>\u201eAlle Macht den R\u00e4ten\u201c<\/h4>\n<p>Die revolution\u00e4ren Ereignisse des Jahres 1917 begannen mit der spontanen Erhebung der Massen, die als Februarrevolution in die Geschichte einging. Kriegsm\u00fcde und von den Entbehrungen der Kriegsjahre und der zaristischen Unterdr\u00fcckung nieder gedr\u00fcckt, erhoben sich die ArbeiterInnen Petrograds. Ihre Klassenbr\u00fcder und -schwestern im ganzen Zarenreich folgten ihnen. Die Februarrevolution st\u00fcrzte Zar Nikolaus II., sie beendete aber weder den Krieg, noch l\u00f6ste sie die Landfrage oder hob den Lebensstandard der verarmten und hungernden Massen. Sie leitete eine \u00dcbergangsphase ein, die mit der Machteroberung der Sowjets im Oktober ihr Ende fand.<\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen Petrograds und anderer St\u00e4dte, die Soldaten an der Front und, mit etwas Verz\u00f6gerung, auch die b\u00e4uerlichen Massen kn\u00fcpften mit der Februarrevolution an die gescheiterte Russische Revolution des Jahres 1905 an, die von dem F\u00fchrer der bolschewistischen Partei Lenin als Generalprobe f\u00fcr die Oktoberrevolution bezeichnet wurde. Im Jahre 1905 wurden erstmals in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung R\u00e4te gebildet, im Russischen hei\u00dft Rat &#8222;Sowjet&#8220;. Diese R\u00e4te waren Kampf- und Machtorgane der Arbeiterklasse in einem.<\/p>\n<p>Nach dem Februar ging nichts ohne die sofort ins Leben gerufenen R\u00e4te, aber sie bildeten nicht die neue Regierung des Landes. Diese wurde von den b\u00fcrgerlichen Parteien in Kooperation mit den gem\u00e4\u00dfigten Arbeiterparteien \u2013 den Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4ren \u2013 gebildet. Es gab eine Doppelherrschaft zwischen Sowjets und der offiziellen Regierung. Diese aufeinander folgenden so genannten provisorischen Regierungen, die kaum Anstalten machte einen Endpunkt ihrer vor\u00fcbergehenden Amtszeit zu benennen, f\u00fchrte den Krieg fort, widersetzte sich dem Acht-Stunden-Tag, verhinderte die Verteilung des Landes auf die b\u00e4uerlichen Massen und dachte gar nicht daran, die im Nationalit\u00e4tengef\u00e4ngnis des gro\u00dfrussischen Reiches eingesperrten unterdr\u00fcckten Nationen in die Freiheit zu entlassen.<\/p>\n<p>Die gem\u00e4\u00dfigten Linken beteiligten sich an der Regierung, mit Kerenski sollte sogar ein Mitglied der sozialrevolution\u00e4ren Partei zum Ministerpr\u00e4sidenten mit diktatorischen Anspr\u00fcchen werden. Sie taten dies, weil sie davon ausgingen, dass dem Sturz des Zaren die Herrschaft der Bourgeoisie folgen m\u00fcsse, eine kapitalistische parlamentarische Republik. In den Sowjets hatten diese Linken, Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re, in den ersten Monaten nach der Februarrevolution die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit. Sie sahen die Sowjets als ein Mittel, um Druck auf die provisorische Regierung auszu\u00fcben. Gleichzeitig nutzten sie ihre Position in den Sowjets, um die ArbeiterInnen von einer Steigerung des Kampfes zur\u00fcck zu halten und faktisch die Aufl\u00f6sung der Sowjets als Kampf- und Machtorgane vorzubereiten.<\/p>\n<p>Wie verhielt sich der linke Fl\u00fcgel der russischen Arbeiterbewegung \u2013 die Partei der Bolschewiki? Tats\u00e4chlich fanden innerhalb der bolschewistischen Partei zwischen Februar und Oktober nicht wenige heftige politische Richtungsstreits statt. Ein Teil der alten Garde der Partei &#8211; namentlich Kamenew, Sinowjew und in den ersten Monaten auch Stalin \u2013 ging nicht in prinzipielle und scharfe Opposition gegen\u00fcber der provisorischen Regierung, sondern verfolgte eine Politik der kritischen Unterst\u00fctzung von au\u00dfen. Selbst eine Vereinigung mit den Menschewiki wurde von einigen bolschewistischen F\u00fchrern nicht ausgeschlossen. Eine sozialdemokratisch-reformistische Str\u00f6mung existierte in der Partei der Oktoberrevolution. Es bedurfte eines bewussten und heftig gef\u00fchrten Kampfes von Lenin, um die Partei f\u00fcr eine revolution\u00e4re Politik unter der Parole \u201eAlle Macht den Sowjets\u201c zu gewinnen. Noch vor seiner R\u00fcckkehr nach Russland telegrafierte er aus der Schweiz an die Partei: &#8222;Unsere Taktik: kein Vertrauen; keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Regierung; misstraut besonders Kerenski; die Bewaffnung der Arbeiterklasse ist die einzige Garantie; (&#8230;) keine Ann\u00e4herung an andere Parteien. (&#8230;) Die geringste Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Provisorische Regierung ist Verrat.&#8220;<\/p>\n<p>Die Politik der Menschewiki und des rechten Fl\u00fcgels der Bolschewiki findet heute ihre Entsprechung in der Politik der Koalitionsregierungen mit b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Parteien, wie sie von &#8222;linken&#8220; und &#8222;sozialistischen&#8220; Parteien in vielen L\u00e4ndern verfolgt werden. Ob es sich um die Partito Rifondazione Comunista in Italien, die Partei DIE LINKE im Berliner Senat oder die Regierung von Lulas PT (Arbeiterpartei) in Brasilien handelt: sie alle betreiben die falsche menschewistische Politik der Klassenzusammenarbeit mit den Kapitalisten und der Politik des so genannten &#8222;kleineren \u00dcbels&#8220;. Es soll Druck ausge\u00fcbt werden auf die Parteien der b\u00fcrgerlichen Mitte, auf die Kapitalisten und ihre Banken und Konzerne. Aber ihr System, ihre Institutionen der Macht und ihr Eigentum an den Banken und Konzernen wird nicht angetastet. Dabei heraus kommen Privatisierungen, Sozialabbau, Lohnk\u00fcrzungen, Stellenabbau und Unterst\u00fctzung von kapitalistischen Milit\u00e4reins\u00e4tzen (wie im Fall der italienischen Truppen in Afghanistan und der brasilianischen Intervention auf Haiti) \u2013 genauso, wie die provisorische Regierung nach der Februarrevolution unter dem Banner der Vaterlandsverteidigung den Krieg fortsetzte, das Land nicht an die Bauern und B\u00e4uerinnen verteilte und sich weitgehenden Sozialreformen widersetzte.<\/p>\n<h4>Die Permanente Revolution<\/h4>\n<p>Der Verlauf der Russischen Revolution war kein historischer Zufall. Revolutionen haben Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Die Basis ihrer Entwicklung wird von objektiven Faktoren geleitet, wenngleich subjektive Faktoren \u2013 also handelnde Individuen und Gruppen von Individuen \u2013 eine entscheidende Rolle f\u00fcr den Ausgang der Ereignisse spielen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu den objektiven Bedingungen z\u00e4hlen wir den Stand der Produktivkr\u00e4fte, also die \u00f6konomische Situation einer Gesellschaft und deren Folgen auf das Bewusstsein der unterschiedlichen Gesellschaftsklassen, auf die K\u00e4mpfe dieser Klassen und die Verh\u00e4ltnisse zwischen den Nationen (im Falle der Russischen Revolution war der Erste Weltkrieg ein entscheidender objektiver Faktor). Einige MarxistInnen haben entscheidende Faktoren des Verlaufs der Russischen Revolution vorhergesehen. Insbesondere Leo Trotzki hat mit seiner 1906 entwickelten Theorie der Permanenten Revolution vorausgesagt, dass in einer Revolution in Russland die Arbeiterklasse die f\u00fchrende Rolle \u00fcbernehmen wird, dass sie selber die Macht ergreifen muss und dass sie neben den noch nicht erf\u00fcllten Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution auch an sozialistische Aufgaben herangehen wird.<\/p>\n<p>Dies war f\u00fcr so Manchen ein geradezu unfassbarer Bruch mit dem offiziellen Marxismus. Dieser ging, einige von Marxens Aussagen zu einem schematischen Dogma erhebend, davon aus, dass ein halbfeudales Land, wie Russland es war, eine Phase b\u00fcrgerlich-kapitalistischer Demokratie durchlaufen muss, um die Basis f\u00fcr eine sozialistische Revolution zu schaffen. Diese wiederum k\u00f6nne nur in entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern vollzogen werden. Wie Trotzki, so hatte auch Lenin schon zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts erkannt, das die russische Bourgeoisie unf\u00e4hig war, eine revolution\u00e4re Rolle gegen die Selbstherrschaft des Zaren und gegen den Feudalismus zu spielen. Doch er ging nur so weit, die allgemeine Formel von der &#8222;demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern&#8220; zu pr\u00e4gen. Diese erkannte zwar, dass die ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen im Kampf gegen die Kapitalisten die f\u00fchrende Rolle in der Revolution spielen m\u00fcssen, aber beantwortete nicht die Frage, welche Aufgaben diese l\u00f6sen sollten und welchen Charakter (proletarisch oder b\u00e4uerlich) die Revolution genau haben wird.<\/p>\n<p>Doch mit dem Ausbruch der Februarrevolution handelte Lenin getreu seiner Aussage \u201eNicht den alten Formeln, sondern der neuen Wirklichkeit muss man sich anpassen.\u201c Als er im April 1917 in Russland ankam begr\u00fc\u00dfte ihn ein junger Marinekommandeur mit den Worten, er hoffe, &#8222;dass Lenin Teil der Provisorischen Regierung werde&#8220;. Lenin wandte diesem W\u00fcrdentr\u00e4ger den R\u00fccken zu und sprach zu den ArbeiterInnen am Bahnhof: &#8222;Die Russische Revolution, die Ihr erreicht habt, hat eine neue Epoche er\u00f6ffnet. Lang lebe die sozialistische Weltrevolution!&#8220;<\/p>\n<p>Er ver\u00f6ffentlichte seine Aprilthesen, in denen er zur Machtergreifung durch die Arbeiterklasse und zur Bildung einer Arbeiterdemokratie aufrief. Unter anderem schreib er: &#8222;Nicht parlamentarische Republik \u2013 eine R\u00fcckkehr von den Arbeiterdeputiertenr\u00e4ten zu dieser w\u00e4re ein Schritt r\u00fcckw\u00e4rts \u2013, sondern eine Republik von Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputiertenr\u00e4ten im ganzen Lande, von unten bis oben. Abschaffung der Polizei, der Armee, des Beamtentums. Entlohnung aller Beamten, die durchweg w\u00e4hlbar und jederzeit absetzbar sein m\u00fcssen, nicht \u00fcber den Durchschnittslohn eines qualifizierten Arbeiters.&#8220;<\/p>\n<p>Damit \u00fcbernahm er faktisch Trotzkis Konzept der Permanenten Revolution.<\/p>\n<p>Dieses erkannte an, dass in einem wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndigen, halbfeudalen Land die nationale Bouregoisie zu schwach ist und zu stark mit der Klasse der Gro\u00dfgrundbesitzer einerseits und dem ausl\u00e4ndischen Imperialismus andererseits verbunden ist, um eine revolution\u00e4re Rolle spielen zu k\u00f6nnen. Die ungel\u00f6sten Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution \u2013 Landverteilung, Demokratie, Entwicklung einer nationalen Industrie, reale nationale Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 k\u00f6nnen in diesem Fall nicht unter F\u00fchrung der Kapitalistenklasse in einer b\u00fcrgerlichen Demokratie erreicht werden. Die Arbeiterklasse muss die F\u00fchrung der Nation \u00fcbernehmen und mit den Fesseln von Gro\u00dfgrundbesitz und Monarchie auch die Fesseln des kapitalistischen Privateigentums abstreifen und in einem &#8222;ununterbrochenen&#8220; (oder eben &#8222;permanenten&#8220;) Prozess von der b\u00fcrgerlichen in die sozialistische Revolution \u00fcbergehen. Genau dies geschah im Jahr 1917 in Russland.<\/p>\n<p>Auch einen weiteren Aspekt der Theorie der Permanenten Revolution machte Lenin sich zu eigen und auch dieser wurde, wenn auch negativ in den Jahren nach der Oktoberrevolution best\u00e4tigt: der Gedanke, dass der Aufbau des Sozialismus nicht isoliert in einem Lande siegen kann, sondern aufgrund der Ausdehnung des Kapitalismus zum Weltsystem und Weltmarkt eine internationale Abschaffung des Kapitalismus die Voraussetzung f\u00fcr eine sozialistische Entwicklung ist.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke w\u00fcrde auch nach einer sozialistischen Revolution in einem entwickelten kapitalistischen Land zutreffen. Im r\u00fcckst\u00e4ndigen Russland galt er in gewisser Hinsicht doppelt, denn dessen schwache \u00f6konomische Basis erschwerte selbst den Aufbau einer Arbeiterdemokratie auch nur f\u00fcr eine l\u00e4ngere \u00dcbergangsphase bis zur internationalen Ausdehnung der Revolution. Lenin und die Bolschewiki setzten in den Jahren nach dem Oktober alle Hoffnungen auf den Sieg der Revolution in anderen L\u00e4ndern, vor allem in Deutschland. Sie hofften, dass eine siegreiche Arbeiterklasse in einem oder mehreren entwickelteren kapitalistischen L\u00e4ndern, ihnen wirtschaftlich und politisch zur Hilfe eilen k\u00f6nnte. Die Entartung der Revolution zur stalinistischen Diktatur und die kapitalistische Restauration nach siebzig Jahren best\u00e4tigten Trotzkis und Lenins Annahme von der Unm\u00f6glichkeit eines \u201eSozialismus in einem Lande\u201c.<\/p>\n<p>Diese Fragen haben nicht nur einen historischen Charakter, sie sind brandaktuell. Insbesondere f\u00fcr diejenigen Regionen, in denen die Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution noch nicht vollst\u00e4ndig gel\u00f6st sind, die in imperialistischer Abh\u00e4ngigkeit und mit starken Elementen von Gro\u00dfgrundbesitz existieren \u2013 Afrika, Asien, Lateinamerika.<\/p>\n<p>Ein Blick nach Nepal oder Venezuela reicht, um zu erkennen, dass die Arbeiterbewegung dort vor ganz \u00e4hnlichen Fragen steht, wie die Arbeiterbewegung Russlands im Jahr 1917. Aber heute gehen die Kommunistischen Parteien Nepals und Venezuelas, aber auch die Regierung von Hugo Ch\u00e1vez nicht den Weg von Lenin und Trotzki (auch wenn Ch\u00e1vez sich auf Trotzki positiv bezieht), sondern folgen der politischen Logik der Menschewiki, die wiederum in den drei\u00dfiger Jahren von der stalinisierten Kommunistischen Internationale mit der so genannten &#8222;Etappentheorie&#8220; wieder aufgew\u00e4rmt wurde. Diese besagt, dass in L\u00e4ndern, in denen die Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution noch nicht vollendet sind, erst eine Etappe kapitalistischer Demokratie n\u00f6tig sei, bevor eine sozialistische Revolution m\u00f6glich wird. Die aus dieser Theorie entsprungene Politik der &#8222;Volksfront&#8220;, des B\u00fcndnisses der Kommunistischen Parteien mit b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Parteien zur Verteidigung des kapitalistischen Parlamentarismus unter Verzicht auf den Kampf f\u00fcr die sozialistische Revolution, f\u00fchrte seit der Mitte der drei\u00dfiger Jahre in einem Land nach dem anderen zu Niederlagen und Katastrophen f\u00fcr die revolution\u00e4re Arbeiterbewegung \u2013 ob in der Spanischen Revolution 1936-39, der Nachkriegsperiode in Griechenland, Italien und anderen L\u00e4ndern, in Indonesien in den 60er Jahren oder im Iran 1979.<\/p>\n<p>Heute tritt die maoistische KP Nepals trotz der Tatsache, dass sie gro\u00dfe Teile der l\u00e4ndlichen Gebiete des Landes kontrolliert und trotz der revolution\u00e4ren Massenbewegung in den St\u00e4dten im letzten Jahr in eine kapitalistische Koalitionsregierung ein und verzichtet auf die Machtergreifung. Die Folge ist, dass die kapitalistischen und halbfeudalen Strukturen, die das Elend der nepalesischen Massen zu verantworten haben, nicht zerschlagen werden und der revolution\u00e4re Aufschwung dieser Massen nicht genutzt wird, um ein sozialistisches Signal auszusenden, dass auf den indischen Subkontinent, S\u00fcdostasien und den Mittleren Osten ausstrahlen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ebenso verzichtet Hugo Ch\u00e1vez, trotz aller Rhetorik vom Sozialismus des 21. Jahrhunderts, darauf, Ma\u00dfnahmen einzuleiten, die einen tats\u00e4chlichen Bruch mit dem Kapitalismus bedeuten w\u00fcrden. MarxistInnen unterst\u00fctzen jede fortschrittliche Ma\u00dfnahme der Regierung Ch\u00e1vez \u2013 die verschiedenen Sozialprogramme, den Anspruch eine sozialistische Massenpartei zu schaffen, die Verstaatlichungen einzelner Unternehmen. Aber diese bisherigen Schritte stellen Macht und Eigentum der venezolanischen Bourgeoisie noch nicht grundlegend in Frage. Die Verstaatlichungen betreffen einen relativ kleinen Teil der Wirtschaft. Von demokratischer Kontrolle und Verwaltung der verstaatlichten Betriebe durch die Besch\u00e4ftigten oder durch demokratisch gew\u00e4hlte Arbeiterr\u00e4te kann, trotz aller Experimente mit unterschiedlichen Formen von Arbeiter-Mitbestimmung, keine Rede sein. Der Staatsapparat hat sich, trotz gewisser personeller Ver\u00e4nderungen, seit dem Regierungsantritt von Ch\u00e1vez 1998 nicht grundlegend ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Wie wir an anderer Stelle geschrieben haben, gilt: \u201eN\u00f6tig w\u00e4re stattdessen ein Programm, das die wirtschaftliche und politische Macht in die H\u00e4nde der Arbeiterklasse bringt und die \u00dcberwindung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse sich zum Ziel setzt.<\/p>\n<p>Dazu w\u00e4re vor allem die Verstaatlichung der entscheidenden Bereiche der Wirtschaft n\u00f6tig, der Banken, Lebensmittelindustrie, verarbeitenden Industrie und der Medienkonzerne (die \u00d6lindustrie befindet sich weitgehend in staatlicher Hand).<\/p>\n<p>Gleichzeitig muss ein Kampf gegen die B\u00fcrokratie gef\u00fchrt werden, die ein wachsendes Problem darstellt. Dies w\u00e4re durch die Bildung von Selbstverwaltungsorganen auf allen Ebenen m\u00f6glich: Betriebskomitees, Nachbarschaftskomitees und Milizen. Diese k\u00f6nnten den kapitalistischen Staats- und Verwaltungsapparate, der ja weiterhin existiert und mehrheitlich aus Gegnern von Ch\u00e1vez besteht, ersetzen.<\/p>\n<p>Ein solches Programm kann nur durch die unabh\u00e4ngige Aktion der Arbeiterklasse erreicht werden, Dazu braucht sie ihre eigenen unabh\u00e4ngigen Organisationen \u2013 Gewerkschaften und eine revolution\u00e4r-sozialistische Arbeiterpartei. Auch wenn es von Ch\u00e1vez viele Ank\u00fcndigungen in diese Richtung gegeben hat, ist praktisch bisher wenig geschehen und vollziehen sich die Prozesse in der Arbeiterbewegung bisher stark von oben nach unten.\u201c1<\/p>\n<p>Das w\u00e4re die Anwendung der Lehren der Oktoberrevolution auf die heutige Lage. Ohne sie bleibt die Gefahr eines Siegs der Reaktion in Venezuela gro\u00df. Dass diese Lehren nicht gezogen werden, hat etwas mit einer weiteren Lehre des Oktobers zu tun: der Rolle der revolution\u00e4ren Partei.<\/p>\n<h4>Ohne Partei kein Sieg der Revolution<\/h4>\n<p>Revolutionen sind das, was MarxistInnen &#8222;objektive&#8220; Prozesse nennen. Sie werden nicht gemacht, sondern erwachsen aus den Klassenwiderspr\u00fcchen, sind Folge von Krisen, Kriegen und Klassenk\u00e4mpfen, die sich zuspitzen. Revolutionen gibt es auch ohne revolution\u00e4re Organisationen. Oftmals in der Geschichte waren gerade die (selbsternannten) revolution\u00e4ren Organisationen nicht auf der H\u00f6he der Zeit, wurden von revolution\u00e4ren Massenbewegungen \u00fcberrascht und standen nicht an ihrer Spitze, sondern trabten ihnen hinterher.<\/p>\n<p>In mancherlei Hinsicht galt das auch f\u00fcr den Februar 1917. Die ArbeiterInnen bildeten die Sowjets auf eigene Initiative und trieben die Arbeiterparteien in diese hinein. Die damalige Inlandsf\u00fchrung der bolschewistischen Partei war, wie oben erw\u00e4hnt, anfangs nicht auf der H\u00f6he der Zeit und vertrat kein Programm, das den Anspr\u00fcchen und Erwartungen der Massen an die Revolution gen\u00fcgt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Aber der Sieg der Revolution im Oktober 1917, die Machtergreifung der Sowjets und die Verteidigung dieser Macht in den darauf folgenden Jahren des B\u00fcrgerkriegs und der vielf\u00e4ltigen Versuche der Konterrevolution w\u00e4ren ohne die bolschewistische Partei nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>In seiner ber\u00fchmten Kopenhagener Rede aus dem Jahr 1932 spricht Trotzki von acht geschichtlichen Voraussetzungen f\u00fcr die Oktoberrevolution. Dazu z\u00e4hlte er unter anderem den spezifischen Charakter der herrschenden Klassen Russlands, den revolution\u00e4ren Charakter der Bauernfrage und des Proletariats der unterdr\u00fcckten Nationen, die zur Bildung von Sowjets f\u00fchrende Lehre der Revolution von 1905 und die Versch\u00e4rfung aller Gegens\u00e4tze durch den Krieg. Nach der Aufz\u00e4hlung von sieben Bedingungen dieser &#8222;objektiven&#8220; Art f\u00fcgte Trotzki hinzu: \u201eDoch alle diese Bedingungen, die vollst\u00e4ndig gen\u00fcgten f\u00fcr den Ausbruch der Revolution, waren ungen\u00fcgend, um den Sieg des Proletariats in der Revolution zu sichern. F\u00fcr dessen Sieg war noch eine Bedingung n\u00f6tig:<\/p>\n<p>8.Die Bolschewistische Partei.<\/p>\n<p>Wenn ich diese Bedingung als letzte in der Reihenfolge aufz\u00e4hle, so nur, weil dies der logischen Konsequenz entspricht und nicht, weil ich der Partei der Bedeutung nach die letzte Stelle zuteile.<\/p>\n<p>Nein, ich bin weit entfernt von diesem Gedanken. Die liberale Bourgeoisie, ja, sie kann die Macht ergreifen und hat sie schon mehr als einmal ergriffen als Ergebnis von K\u00e4mpfen, an denen sie nicht teil gehabt hatte: sie besitzt hierzu auch prachtvoll entwickelte Greiforgane. Die werkt\u00e4tigen Massen befinden sich indes in einer anderen Lage: Man hat sie daran gew\u00f6hnt, zu geben und nicht zu nehmen. Sie arbeiten, dulden so lange es geht, hoffen, verlieren die Geduld, erheben sich, k\u00e4mpfen, sterben, bringen den anderen den Sieg, werden betrogen, verfallen in Mutlosigkeit, wieder beugen sie den Nacken, wieder arbeiten sie. Dies ist die Geschichte der Volksmassen unter allen Regimen. Um fest und sicher die Macht in seine H\u00e4nde zu nehmen, braucht das Proletariat eine Partei, die die \u00fcbrigen Parteien an Klarheit des Gedankens und an revolution\u00e4rer Entschlossenheit weit \u00fcbertrifft.\u201c<\/p>\n<p>Spontan k\u00f6nnen Regierungen zu Fall gebracht werden und k\u00f6nnen Situationen der Doppelherrschaft, wie sie zwischen Februar und Oktober 1917 in Russland bestand, entstehen. Daf\u00fcr gibt es unz\u00e4hlige Beispiele in der Geschichte: von der Spanischen Revolution 1936 \u00fcber den Mai 1968 in Frankreich bis zu den Massenaufst\u00e4nden in Argentinien im Jahr 2001, die innerhalb weniger Wochen vier Pr\u00e4sidenten st\u00fcrzte. In all diesen F\u00e4llen lag die Macht regelrecht auf der Stra\u00dfe, aber die revoltierenden Massen hatten keine organisierte Kraft, die diese h\u00e4tte aufnehmen und organisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trotzki benutzt in seiner &#8222;Geschichte der Russischen Revolution&#8220; ein passendes Bild f\u00fcr die Rolle der Partei. Er schreibt: &#8222;Ohne eine leitende Organisation w\u00fcrde die Energie der Massen verfliegen wie Dampf, der nicht in einem Kolbenzylinder eingeschlossen ist. Die Bewegung erzeugt indes weder der Zylinder noch der Kolben, sondern der Dampf.&#8220;<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das konkret? Ohne eine Partei, die eine genaue Vorstellung von den Zielen der Revolution und von den notwendigen Mitteln zur Erreichung der Ziele hat, haben die Massen kein geeingnetes Instrument, um die vielf\u00e4ltigen Versuche der Reformisten und Konterrevolution\u00e4re, die Revolution \u2013 oftmals mit den revolution\u00e4rsten Reden \u2013 abzulenken, zu begegnen. So geschehen zum Beispiel in der Russischen und auch in der Spanischen Revolution mit der Bildung von Koalitionsregierungen, die als Verteidiger der Masseninteressen pr\u00e4sentiert wurden.<\/p>\n<p>Ohne eine Partei sind notwendige Schritte der Koordination unm\u00f6glich \u2013 so geschehen zum Beispiel im Mai 1968 in Frankreich, als es keine Schritte gab, die spontan entstandenen Arbeiterkomitees landesweit zu vernetzen und zu einer alternativen Machtstruktur auszubauen.<\/p>\n<p>Ohne eine Partei ist auch ein revolution\u00e4rer Aufstand nicht erfolgreich zu organisieren. Trotzki hat in seinen Texten \u00fcber die Oktoberrevolution immer wieder darauf hingewiesen, dass der Aufstand eine Kunst mit eigenen Regeln und Gesetzen ist. Diese Kunst muss sich eine revolution\u00e4re Partei aneignen, die Regeln und Gesetze aus dem Studium der Geschichte und der praktischen Partizipation im Klassenkampf erlernen. Die Partei ist auch ein Ged\u00e4chtnis der Arbeiterbewegung, ohne sie w\u00fcrden viele historische Erfahrungen in Vergessenheit geraten. Nicht zuletzt ist ohne eine Partei das richtige und notwendige Timing kaum einzuhalten \u2013 und die richtige Aktion zum richtigen Zeitpunkt durchzuf\u00fchren, spielt keine kleine Rolle in revolution\u00e4rer Politik. Im Juli 1917 dr\u00e4ngten die ArbeiterInnen Petrograds zum Aufstand. Die Bolschewiki erkannten, dass dies verfr\u00fcht war, da die Massen im Rest des Landes Petrograd noch nicht folgen w\u00fcrden. Sie sprachen sich f\u00fcr Zur\u00fcckhaltung aus. Kurze Zeit sp\u00e4ter hatte sich die Lage ge\u00e4ndert und Lenin erkannte, dass die Chance zum Sieg f\u00fcr eine Massenbewegung nur in einer sehr kurzen Zeitspanne vorhanden sein kann. Nicht zuletzt deshalb dr\u00e4ngte er ab September 1917 so sehr darauf, an die Organisierung des Aufstands zu gehen.<\/p>\n<p>Das Gesagte \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass die Partei letztlich nur die Rolle einer Geburtshelferin spielt. Sie macht die Revolution nicht, sie verhilft ihr &#8222;nur&#8220; zum Erfolg. Tr\u00e4ger der Revolution ist die Arbeiterklasse und andere unterdr\u00fcckte Bev\u00f6lkerungsteile, die sich Organe schaffen, mit denen sie ihren Kampf f\u00fchren und ihre Macht aus\u00fcben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Organe waren in der Russischen Revolution und in vielen anderen Revolutionen R\u00e4te. Aus der historischen Erfahrung heraus sehen MarxistInnen eine R\u00e4terepublik als die ideale Form der Organisierung einer Arbeiterdemokratie, also der nach-revolution\u00e4ren \u00dcbergangsgesellschaft zum Sozialismus. Das bedeutet jedoch nicht, dass MarxistInnen einen Fetisch aus den R\u00e4ten als Kampforgan f\u00fcr die erfolgreiche Durchf\u00fchrung einer Revolution machen. Gerade die russische Erfahrung des Jahres 1917 zeigt dies. In den H\u00e4nden der reformistischen Parteien gab es auch die Gefahr, dass die R\u00e4te nicht zum Instrument der Machteroberung der ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen wurden (so wie dies auch im Deutschland der Jahre 198\/19 der Fall war). Es war gerade Lenin, der diese Gefahr sah und zeitweilig daf\u00fcr argumentierte, nicht auf die R\u00e4te, sondern auf die Gewerkschaften oder die Fabrikkomitees zu setzen, da diese zwischenzeitlich die revolution\u00e4re Dynamik der Arbeiterklasse besser zum Ausdruck brachten.<\/p>\n<p>Auch heute w\u00e4re es ein Fehler, wenn MarxistInnen die Bildung von auf den Betrieben basierenden R\u00e4ten zu einem Dogma erheben w\u00fcrden. Es ist zum Beispiel in den revolution\u00e4ren Prozessen in Lateinamerika sehr wohl m\u00f6glich bzw. es ist der Fall, dass solche betrieblichen R\u00e4te nur eine von verschiedenen Organisationsformen einer revolution\u00e4ren Bewegung sind. Nachbarschaftskomitees, gewerkschaftliche Kampfstrukturen, Selbstorganisationen der indigenen Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnen weitere sein. Eine R\u00e4testruktur kann also m\u00f6glicherweise auch erst nach einer erfolgreichen sozialistischen Revolution geschaffen werden.<\/p>\n<h4>Die Nationalit\u00e4tenpolitik als Voraussetzung des Erfolgs<\/h4>\n<p>Es gibt viele weitere Aspekte der Russischen Revolution, die eine Erw\u00e4hnung und genauere Untersuchung verdienen w\u00fcrden. Die bolschewistische Bauernpolitik w\u00e4re einer davon. Der Bauernaufstand, der sich im Herbst 1917 \u00fcber das ganze Land ausbreitete, war eine wichtige Triebkraft der Revolution. Aufgrund der Weigerung bzw. Unf\u00e4higkeit der b\u00fcrgerlichen Klasse Russlands, die Agrarfrage zu l\u00f6sen, blieb der Bauernschaft nichts anderes \u00fcbrig als das B\u00fcndnis mit der Arbeiterklasse zu suchen. Eine sensible Herangehensweise der Bolschewiki an die Bauernfrage war jedoch eine notwendige Voraussetzung daf\u00fcr, dass dieses B\u00fcndnis hielt und zum Erfolg der Oktoberrevolution entscheidend beitrug. Entscheidend hierbei war nicht zuletzt, dass die Bolschewiki erkannten, dass sie eine sozialistische Agrarpolitik \u2013 die Verstaatlichung des Landes und dessen Verwaltung und Bearbeitung durch die Bauernr\u00e4te \u2013 vor\u00fcbergehend zur\u00fcckstellen mussten und sich die \u2013 b\u00fcrgerliche &#8211; Forderung nach der Aufteilung des Landes auf die Bauernmassen zu eigen machten. Diese Politik machte die Landbev\u00f6lkerung zur Partnerin in der sozialistischen Revolution.<\/p>\n<p>So konnte der Feudalherr Boborkin nur jammern: \u201eIch bin Gutsbesitzer und es will mir nicht in den Kopf, dass ich meinen Boden verlieren soll und noch dazu f\u00fcr ein unglaubliches Ziel, f\u00fcr das Experiment der sozialistischen Lehre.\u201c Trotzki kommentierte diesen Ausspruch mit der Feststellung, dass \u201eRevolutionen eben die Aufgabe haben, das zu vollbringen, was in die K\u00f6pfe der herrschenden Klassen nicht hinein will.\u201c2<\/p>\n<p>Genauso wenig wollte in die K\u00f6pfe der gro\u00dfrussischen Chauvinisten, dass sie ihre Macht \u00fcber die unterdr\u00fcckten Nationen des Zarenreiches verlieren sollten. Diese bildeten 57 Prozent der Bev\u00f6lkerung des Staates.<\/p>\n<p>Diese Massen mussten in den Monaten zwischen Februar und Oktober die Erfahrung machen, dass die b\u00fcrgerlichen und reformistischen Kr\u00e4fte nicht vor hatten, ihnen ein Recht auf Selbstbestimmung zu gew\u00e4hren. Genau f\u00fcr dieses Recht waren Lenin und die Bolschewiki immer eingetreten, was ihnen im Laufe des Jahres das Vertrauen der Massen der unterdr\u00fcckten Nationen einbrachte.<\/p>\n<p>Die Forderung nach dem Recht auf nationale Selbstbestimmung inklusive des Rechts auf staatliche Lostrennung ist eine wichtige Waffe im Arsenal revolution\u00e4rer Politik. Sie erm\u00f6glicht es, das durch Jahrzehnte und oftmals Jahrhunderte der nationalen Unterdr\u00fcckung geschaffene Misstrauen der ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen der unterdr\u00fcckten Nationen gegen\u00fcber den ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen der unterdr\u00fcckenden Nation ab zubauen.Nur wenn die Arbeiterbewegung der unterdr\u00fcckenden Nation, im Falle von 1917 die russische, deutlich erkl\u00e4rt, dass sie keinerlei Anspr\u00fcche auf das Territorium, die Bodensch\u00e4tze, die Arbeitskraft der unterdr\u00fcckten Gebiete hat, k\u00f6nnen die unterdr\u00fcckten Massen lernen, zwischen Arbeiterklasse und herrschender Klasse der unterdr\u00fcckenden Nation zu unterscheiden. Dies wiederum wird ihnen auch dabei helfen in ihrer eigenen Nation zwischen Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten auf der einen Seite und der Masse der ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen auf der anderen Seite zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Das Programm des Marxismus ist nicht das der staatlichen Lostrennung, sondern des Rechts darauf, sollte die Mehrheit einer Nation dies w\u00fcnschen. Dies w\u00e4re aus Sicht der Arbeiterklasse ein zeitweiliger Umweg, um auf der Basis neuen Vertrauens Arbeitereinheit zu schaffen.<\/p>\n<p>Eines der ersten Dekrete der neuen Sowjetregierung rief dementsprechend zu einem \u201efreiwilligen und ehrlichen B\u00fcndnis der V\u00f6lker Russlands\u201c auf und erkl\u00e4rte unter anderem die \u201eGleichheit und Souver\u00e4nit\u00e4t der V\u00f6lker Russlands\u201c und \u201edas Recht der V\u00f6lker Russlands auf freie Selbstbestimmung bis zur Lostrennung und Bildung eines selbst\u00e4ndigen Staates\u201c.<\/p>\n<p>Diese Politik des Rechts auf freie Selbstbestimmung bei gleichzeitiger Propagierung eines revolution\u00e4ren B\u00fcndnisses der V\u00f6lker f\u00fchrte gerade nicht zum Zerfall Russlands, sondern zur Bildung der freiwilligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, dem gr\u00f6\u00dften V\u00f6lkerb\u00fcndnis, das die Menschheitsgeschichte kennt. Dass die Bolschewiki ihre Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht ernst meinten, zeigt das Beispiel Finnland. Die Finnen wurden in die staatliche Unabh\u00e4ngigkeit entlassen, obwohl die sozialistische Revolution hier nicht gesiegt hatte.<\/p>\n<p>Zweifellos kann es und hat es Situation gegeben, in denen die Interessen der Arbeiterklasse und der sozialistischen Revolution nicht mit nationalen Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen einher gingen, insbesondere in solchen F\u00e4llen, in denen reaktion\u00e4re Nationalisten versuchten das Nationalbewusstsein und die Frage der Unabh\u00e4ngigkeit gegen die Arbeiterklasse zu richten. Es ist in diesem Artikel nicht der Platz, um diese Spezifika auszuf\u00fchren. Es muss reichen, die grunds\u00e4tzliche Bedeutung der marxistischen Nationalit\u00e4tenpolitik f\u00fcr den Erfolg der Oktoberrevolution zu betonen und darauf hinzuweisen, dass dies keine Frage ist, die nur von historischem Interesse ist.<\/p>\n<p>Die nationale Frage ist in vielen Staaten der Welt auch heute nicht gel\u00f6st. Die 90er Jahre zeugten blutig davon, dass auch der Stalinismus nicht in der Lag war die nationale Frage tats\u00e4chlich zu l\u00f6sen. Der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens belegen dies. In diesen F\u00e4llen nutzten die aufstrebenden nationalen kapitalistischen Klassen das Gef\u00fchl der nationalen Diskriminierung, um die Arbeiterklassen der verschiedenen Nationalit\u00e4ten gegeneinander aus zuspielen und einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Teil des zu verteilenden Kuchens der nun zu privatisierenden Volkswirtschaften ab zubekommen.<\/p>\n<p>Das Fehlen einer starken Arbeiterbewegung und einer marxistischen Partei erm\u00f6glichten es den Nationalisten, Teile der Arbeiterklasse zeitweilig hinter sich zu sammeln. Doch MarxistInnen h\u00e4tten in diesen Auseinandersetzungen zu Beginn der 90er Jahre die nationale Frage nicht ignorieren und das Selbstbestimmungsrecht nicht negieren k\u00f6nnen, sondern h\u00e4tten dies mit der Notwendigkeit des Sozialismus verbinden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch heute gilt zum Beispiel im Kosova, dass die Forderung nach dem Recht auf Selbstbestimmung ein Bestandteil eines marxistischen Programms sein muss, denn die Bev\u00f6lkerung kann nicht frei dar\u00fcber entscheiden, in welchem Staat sie leben will und es werden ihr die grundlegendsten demokratischen Rechte vorenthalten. Sie muss aber einher gehen mit zwei ebenso zentralen Forderungen: erstens der Verteidigung der Rechte aller nationalen Minderheiten, namentlich der SerbInnen, Roma und anderen. Zweitens der Forderung nach einem sozialistischen Kosova und einer freiwilligen sozialistischen F\u00f6deration der Balkan-L\u00e4nder, um deutlich zu machen, dass unter der F\u00fchrung der rechts-nationalistischen b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte, ein unabh\u00e4ngiges, kapitalistisches Kosova weder tats\u00e4chliche nationale Selbstbestimmung genie\u00dfen w\u00fcrde (aufgrund des Fortbestehens \u00f6konomischer Abh\u00e4ngigkeit vom Imperialismus) noch die sozialen Probleme der Bev\u00f6lkerung l\u00f6sen k\u00f6nnte und diese auch nur durch regionale und internationale Kooperation gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch in anderen L\u00e4ndern m\u00fcssen MarxistInnen heute auf das Bewusstsein nationaler Minderheiten eingehen, deren Selbtbestimmung fordern und ggf. sogar eine staatliche Lostrennung auf sozialistischer Grundlage unterst\u00fctzen. Dies gilt zum Beispiel f\u00fcr Schottland, wo die dortige Schwesterorganisation der SAV, die International Socialists, f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges sozialistisches Schottland und f\u00fcr die Bildung einer freiwilligen sozialistischen F\u00f6deration von Schottland, England, Wales und Irland eintreten. Letzteres, um deutlich zu machen, dass Kleinstaaterei keinen Weg hin zu \u00f6konomischer und sozialer Entwicklung weist, sondern Kooperation auf sozialistischer Basis eine Notwendigkeit ist.<\/p>\n<p>Dass jedoch nicht in jeder Situation Forderungen nach Unabh\u00e4ngigkeit oder Autonomie unterst\u00fctzt werden k\u00f6nnen, zeigt das heutige Bolivien. Hier f\u00fchren die Kapitalisten und reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte eine Kampagne gegen die links-reformistische Regierung der MAS (Bewegung zum Sozialismus) von Evo Morales unter dem Banner der Autonomie bzw. Lostrennung der \u00f6konomisch entwickeltesten Region um Santa Cruz. Diese Forderung dr\u00fcckt weniger die ehrlichen nationalen Bestrebungen einer unterdr\u00fcckten Minderheit aus, als vielmehr einen Versuch die Sozialreformen der Morales-Regierung zu sabotieren. In diesem Fall hat also das Streben nach Unabh\u00e4ngigkeit keinen fortschrittlichen Kern, sondern eine rein konterrevolution\u00e4re Charakter.<\/p>\n<h4>Revolutionen studieren<\/h4>\n<p>Die Oktoberrevolution von 1917 ist reich an Lehren f\u00fcr die sozialistische Bewegung. Nicht weniger reich ist die Geschichte der gescheiterten Revolutionen, wie in Deutschland zwischen 1918 und 1923, China 1927, Spanien 1936 usw.<\/p>\n<p>Revolutionen geh\u00f6ren nicht der Vergangenheit an. Lateinamerika durchl\u00e4uft einen lang gezogenen revolution\u00e4ren Prozess, Nepal hatte im letzten Jahr die M\u00f6glichkeit einer sozialistischen Revolution. Die Lehren des Oktober sind wichtig f\u00fcr die Ausarbeitung eines sozialistischen Programms f\u00fcr diese L\u00e4nder. Ebenso wichtig sind sie f\u00fcr die Herausbildung einer neuen Generation von Marxistinnen und Marxisten, die in Deutschland und international, den K\u00e4mpfen und dem Wiederaufbau der Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdr\u00fccken k\u00f6nnen. In diesem Sinne wiederholen wir Trotzkis Aufruf aus dem Jahre 1924: \u201eEs ist notwendig, den Oktoberumsturz zu studieren.\u201c<\/p>\n<h4>Lesehinweise:<\/h4>\n<p>1. Leo Trotzki \u2013 Geschichte der Russischen Revolution (Neuauflage ist im Arbeiterpresse Verlag geplant)<\/p>\n<p>2. Leo Trotzki \u2013 Von der Oktoberrevolution zum Brester Friedensvertrag (Neuer ISP-Verlag)<\/p>\n<p>3. John Reed \u2013 10 Tage, die die Welt ersch\u00fctterten (Dietz-Verlag, nur antiquarisch erh\u00e4ltlich)<\/p>\n<p>4. Wolfram Klein \u2013 Die Russische Revolution 1917 (herausgegeben von der SAV)<\/p>\n<p>5. Daniel Behruzi \u2013 Die Sowjetunion 1917-1924 (Neuer ISP-Verlag)<\/p>\n<p>6. Artikel auf www.archiv.sozialismus.info\/1917<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die russische Oktoberrevolution des Jahres 1917 war das gr\u00f6\u00dfte und bedeutendste Ereignis der bisherigen Menschheitsgeschichte.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[95],"tags":[270,253],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12350"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12350"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12350\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}