{"id":12349,"date":"2007-10-22T13:22:09","date_gmt":"2007-10-22T13:22:09","guid":{"rendered":".\/?p=12349"},"modified":"2007-10-22T13:22:09","modified_gmt":"2007-10-22T13:22:09","slug":"12349","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/10\/12349\/","title":{"rendered":"Auftakt der Proteste in Frankreich: &quot;Schwarzer Donnerstag&quot; f&#252;r Sarkozy"},"content":{"rendered":"<p>  Bei einem ersten Streiktag gegen die Angriffe der Sarkozyregierung sind   am Donnerstag den 18.10. 300.000 Menschen in ganz Frankreich auf die   Stra&#223;e gegangen, davon 25.000 alleine in Paris, obwohl es wegen des   Streiks des Nahverkehrs nicht einfach war, zum Kundgebungsort zu   gelangen.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Tinette Schnatterer, Montargis bei Paris<\/i><\/p>\n<p>  Wesentlich mehr KollegInnen beteiligten sich am gleichzeitig   stattfindenden Streik: 73,5% der Besch&#228;ftigten der SNCF (franz&#246;sischen   Bahn), 58% bei den Pariser Verkehrsbetrieben, &#252;ber 50% bei Gas- und   Elektrizit&#228;tswerken &#8230; . <\/p>\n<p>  In diesen Bereichen erreichte die Streikbeteiligung weitaus h&#246;here   Ergebnisse als bei den letzten Bewegungen 1995 oder 2003. Die Folge   davon war, dass nur 46 von 700 t&#228;glichen TGVs fahren konnten und der   Personennahverkehr in Paris und vielen anderen Orten Frankreichs v&#246;llig   zum Erliegen kam.<\/p>\n<p>  Urspr&#252;nglich war der 18.10. als Protesttag der Bahnbesch&#228;ftigten gegen   die angek&#252;ndigte Rentenreform geplant gewesen. Mit der Abschaffung der   sogenannten &quot;Regime Speciaux&quot; sollen bestimmte Berufsgruppen, darunter   Bahnbesch&#228;ftigte, Angestellte der Gas- und Elektrizit&#228;tswerke &#8230; erst   nach 40 bzw. 41 Jahren Beitragszahlung die volle Rente erhalten (bisher   durchschnittlich 37,5 Jahre). Jaques Voisin, von der Gewerkschaft CFTC   erkl&#228;rte, dass dies real einer Rentenk&#252;rzung von bis zu 25% gleich k&#228;me.<\/p>\n<p>  Trotz der eher bremsenden Rolle der Gewerkschaftsf&#252;hrungen schlossen   sich andere Berufsgruppen dem Streik an. Nachwuchs&#228;rzte sind bereits am   15.10. in einen unbefristeten Streik gegen die Einschr&#228;nkung der   Niederlassungsfreiheit getreten, Anw&#228;lte streikten gegen   Gerichtsschliessungen und Besch&#228;ftigte der Elektrizit&#228;tswerke,   Post&#228;mter, Schulen, M&#252;llabfuhr, Flugh&#228;fen sowie Studierende einiger   Universit&#228;ten schlossen sich dem Streik der Bahnbesch&#228;ftigten an. An der   Pariser Oper wurde die Auff&#252;hrung des St&#252;cks Traviata bestreikt und an   der Com&#233;die Francaise &quot;Der eingebildete Kranke&quot;.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend in diesen Bereichen mangels entschlossener Aufrufe h&#228;ufig nur   eine Minderheit streikte, war es hingegen das erste Mal seit der gro&#223;en   Streikbewegung 1995, dass alle sechs Gewerkschaften der SNCF   (Franz&#246;sische Bahn) gemeinsam zum Streik aufriefen. Dementsprechend ging   dort bereits seit Mittwochabend gar nichts mehr. Selbst h&#246;here   Funktion&#228;re der Bahn beteiligten sich am Streik, weil sie, so Bernhard   Aubin (Gewerkschftssekret&#228;r der CFTC-Transport), keine Lust haben   Regierungsanweisungen nach unten weiterzugeben. Stattdessen formulierten   sie ihren Unmut in einem offenen Brief an die Regierung. Auch dies ist   ein Ausdruck der Wut und Entschlossenheit unter den Besch&#228;ftigten der   SNCF.<\/p>\n<p>  Immer wieder wurden in den letzten Tagen Vergleiche mit der   Protestbewegung 1995 gezogen: Damals hatte eine Bewegung von &#252;ber einem   Monat den damaligen Premierminister Jupp&#233;e mit einer geplanten   Rentenerh&#246;hung (quasi dem identischen Projekt Sarkozys) zum R&#252;ckzug   gezwungen.<\/p>\n<p>  Dass die Regierung Angst vor der potentiellen St&#228;rke einer gemeinsamen   Bewegung aller Besch&#228;ftigten hat, wurde auch an der massiven Propaganda   deutlich. Rein zuf&#228;llig gab Sarkozy auch genau am gro&#223;en Streiktag seine   (lange geplante) Sche&#237;dung bekannt, so dass viele b&#252;rgerliche Zeitungen   am n&#228;chsten Tag die Gelegenheit nutzten Mitleid mit dem verlassenen   Pr&#228;sidenten auf die Titelseiten zu setzen. <\/p>\n<p>  Im Vorfeld wurde der 18.10. von den Medien zum &quot;schwarzen Donnerstag&quot;   erk&#228;rt, Raffarin, der vizepr&#228;sident der regierungspartei UMP fand es   &quot;einfach archaisch, dass die Gewerkschaften ein land blockieren k&#246;nnen&quot;   und immer wider wurden Umfragen zitiert, nach denen eine Mehrheit f&#252;r   Sarkozys Reformen sei und den Streik f&#252;r nicht gerechtfertigt hielte.   Abgesehen davon, dass diese Zahlen je nach Erhebung massiv schwankten,   hat der Protest gegen das Ersteinstellungsgesetz CPE gezeigt wie schnell   sich eine solche Stimmung unter dem Eindruck einer Bewegung &#228;ndern kann:   Auch damals war anfangs eine Mehrheit f&#252;r das Projekt des   Premierministers Villepin gewesen. Bereits nach den ersten Demos hatte   sich dieses Bild allerdings deutlich gewandelt.<\/p>\n<p>  Wichtig ist deshalb, dass die Gewerkschaften die Br&#252;cke zwischen den   verschiedenen angegriffenen Besch&#228;ftigtengruppen schlagen. Didier le   Reste, Sekret&#228;r der Gewerkschaft CGT, erkl&#228;rte richtigerweise, dass die   momentanen Angriffe nur der Auftakt sind und nach den Kommunalwahlen im   M&#228;rz die Erh&#246;hung des Renteneinstiegsalters f&#252;r alle Besch&#228;ftigten   droht. Das Fronttransparent des Pariser Demozugs trug die Aufschrift:&quot;   Gemeinsam f&#252;r h&#246;here L&#246;hne, Arbeit, Renten, soziale Absicherung, den   &#214;ffentlichen Dienst&quot;.<\/p>\n<p>  Gef&#228;hrlich sind dagegen Versuche wie der Gewerkschaft CFDT, die versucht   die Besch&#228;ftigten zu bremsen indem sie erkl&#228;rt, Forderungen d&#252;rften   nicht &quot;vermischt&quot;werden.<\/p>\n<p>  Drei der Gewerkschaften (FO, FGaac, SUD-Rail) die bei der SNCF vertreten   sind, hatten angek&#252;ndigt es nicht bei einem 24-Stunden-Streik zu   belassen sondern weiterzustreiken. Die drei Bezirke der CGT: Lyon,   Marseille und Paris Nord k&#252;ndigten daraufhin an, sich ebenfalls nicht an   den Beschluss ihrer nationalen Organisation zu halten und die Arbeit   nicht wiederaufzunehmen.<\/p>\n<p>  Eine solche Fortsetzung des Streiks von einem Teil der Besch&#228;ftigtne   kann verschiedene Folgen haben. Zum einen hat bereits die Ank&#252;ndigung   die gro&#223;e Gewerkschaft CGT unter Druck gesetzt, weitere Streiktage   anzuk&#252;ndigen. Im Gespr&#228;ch ist z.B. der 24.10. was den Reiseverkehr der   Herbstferien betr&#228;fe. Es besteht aber auch die Gefahr wenn nur ein Teil   der Besch&#228;ftigten streikt, dass diese sich isolieren. Und den   Unternehmern kommt jede M&#246;glichkeit zur Spaltung recht. <\/p>\n<p>  Zur allgemeinen &#220;berraschung streikte die Fgaac, die 30% der Zugfahrer   organisiert, am Freitag nicht weiter. Sie hatte immer verk&#252;ndet die   Arbeit erst wieder aufzunehmen wenn die besondere Arbeitsbelastung von   Zugfahren ber&#252;cksichtigt w&#252;rde. Laut der Zeitschrift Le Monde hatte die   SNCF der FGaac daraufhin zugesichert Lokf&#252;hrer k&#246;nnten auch in Zukunft   fr&#252;her in Rente gehe als ihre anderen KollegInnen, daf&#252;r k&#246;nnte eine   Regelung z.B. &#252;ber Arbeitszeitkonten gefunden werden. Indem die FGaac   dieses Angebot angenommen hat, hat sie die Bewegung doppelt geschw&#228;cht:   erstens in dem sie eine Spaltung der verschiedenen Besch&#228;ftigungsgruppen   zul&#228;sst und zweitens weil sie wage Versprechungen die nach wie vor eine   Verschlechterung bedeuten zum Anlass nimmt die Streiktaktik zu &#228;ndern.<\/p>\n<p>  Insgesamt war der 18.10. ein gro&#223;er Erfolg. Er hat nicht nur dass   Selbstbewusstsein der franz&#246;sischen Besch&#228;ftigten gehoben er hat auch an   vielen Stellen gezeigt wie schnell eine Regierung nerv&#246;s wird wenn sie   eine Bewegung f&#252;rchtet. Der Sprecher der Elys&#233;e sagte in einem   Presseinterview bezeichnenderweise: &quot;Wir verfolgen die Spannungen&#8230; &#228;h   die Situation mit Spannung.&quot;<\/p>\n<p>  Die Wut und Kampfbereitschaft der Bahnbesch&#228;ftigten muss jetzt genutzt   werden um gemeinsame Streiks aller Besch&#228;ftigten, im &#214;ffentlichen Dienst   und der Privatwirtschaft, aufzubauen. Denn der Angriff auf die Renten   ist erst der Anfang eines gro&#223;en Angriffspakets der franz&#246;sischen   Regierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bei einem ersten Streiktag gegen die Angriffe der Sarkozyregierung sind<br \/>\n      am Donnerstag den 18.10. 300.000 Menschen in ganz Frankreich auf die<br \/>\n      Stra&#223;e gegangen, davon 25.000 alleine in Paris, obwohl es wegen des<br \/>\n      Streiks des Nahverkehrs nicht einfach war, zum Kundgebungsort zu<br \/>\n      gelangen.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12349"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12349"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12349\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}