{"id":12339,"date":"2007-10-11T13:01:01","date_gmt":"2007-10-11T13:01:01","guid":{"rendered":".\/?p=12339"},"modified":"2007-10-11T13:01:01","modified_gmt":"2007-10-11T13:01:01","slug":"12339","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/10\/12339\/","title":{"rendered":"Frankreich: Protest gegen die Angriffe der Sarkozy-Regierung"},"content":{"rendered":"<p>  Streiktag der Bahnbesch&#228;ftigten am 18.10.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Tinette Schnatterer, Montargis bei Paris<\/i><\/p>\n<p>  Am 13.10. erkl&#228;rte&#160; der franz&#246;sische Pr&#228;sident Sarkozy vor Abgeordneten   seiner Partei im Elysee Palast: &quot; Es gibt keine Pause in den Reformen,   meine Politik ist Ver&#228;nderung, ist Reformen und das sofort&quot;. Und   tats&#228;chlich hat die franz&#246;sische Regierung in den letzten Wochen   Angriffe auf fast alle Lebensbereiche von Besch&#228;ftigten und Jugendlichen   angek&#252;ndigt. Ob die Erh&#246;hung des Renteneinstiegsalters f&#252;r viele   Berufsgruppen, die faktische Abschaffung der&#160;35-Stunden-Woche, eine   Eigenbeteiligung von 50 Euro pro Jahr an Arztkosten, die Erh&#246;hung der   Mehrwertsteuer&#160;oder die Schlie&#223;ung von&#160;Gerichten und G&#252;terbahnh&#246;fen: es   vergeht kaum ein Tag ohne neue Ank&#252;ndigungen. Und dabei kann es der   Sarkozyregierung gar nicht schnell genug gehen. Die meisten &quot;Reformen&quot;   sollen bis Ende des Jahres beschlossen werden.<\/p>\n<p>  Dahinter steht, dass Frankreich in den Augen der franz&#246;sischen   Kapitalisten Nachholbedarf hat. In den letzten Jahren ist es den   franz&#246;sischen Herrschenden nicht im gleichen Umfang gelungen den   Lebensstandart der franz&#246;sischen Arbeiterklasse anzugreifen wie in den   meisten europ&#228;ischen L&#228;ndern. Nicht zuletzt wegen der k&#228;mpferischen   Tradition der franz&#246;sischen Besch&#228;ftigten. Das soll sich jetzt &#228;ndern.   &#196;hnlich wie Thatcher in den 80er Jahren in Gro&#223;britannien haben sich die   franz&#246;sischen Herrschenden mit Sarkozy an der Spitze zum Frontalangriff   entschlossen.&#160; Das dr&#252;ckt sich auch in der Wortwahl aus, so&#160;bezeichnete   Sarkozy sein &quot;Reformpaket&quot; am 19.9. als eine &quot;kulturelle Revolution&quot;.<\/p>\n<p>  Es ist auch kein Zufall dass gerade die franz&#246;sische Bahn (SNCF) am   h&#228;rtesten angegriffen wird. Auch wenn es in diesem Bereich in den   letzten Jahren wenig K&#228;mpfe gegeben hat, ist sie traditionell eine der   kampfstarken Bereiche der franz&#246;sischen Arbeiterklasse. In den letzten   Wochen wurde die Schlie&#223;ung von &#252;ber 400 G&#252;terbahnh&#246;fen angek&#252;ndigt.   Ganz abgesehen davon, dass diese Schlie&#223;ung und die damit einhergehende   Verlagerung von G&#252;terverkehr auf die Stra&#223;e ein Hinweis darauf ist wie   ernst es die franz&#246;sische Regierung mit ihrem viel diskutierten   Umweltprogramm (Grenelle de l&quot;environnement) meint, hat der Chef des   G&#252;terverkehrs Olivier Marembaud bereits erkl&#228;rt, er schlie&#223;e einen   Stellenabbau im gr&#246;&#223;eren Stil nicht aus. Auch von der geplanten Erh&#246;hung   des Rentenalters sind die Bahnbesch&#228;ftigten betroffen. Genau wie die   Besch&#228;ftigten der Pariser Verkehrsbetriebe, die Gas- und   Strombesch&#228;ftigten und andere, kleinere Berufsgruppen, sollen sie in   Zukunft erst nach 40 Jahren Beitragszahlung die volle Rente erhalten   (bisher durchschnittlich 37,5 Jahre). Ab dem Jahr 2012 sogar erst nach   41 Jahren. Das bedeutet im Klartext eine Rentenk&#252;rzung, da viele   Besch&#228;ftigte die n&#246;tigen Beitragsjahre nicht aufweisen werden k&#246;nnen.   W&#252;rden alle Besch&#228;ftigten solange arbeiten bis diese erreicht sind, w&#228;re   dies zum Beispiel im Falle der Lokf&#252;hrer ein Sicherheitsrisiko.<\/p>\n<p>  Begr&#252;ndet wurde dieser Angriff damit, dass angebliche Privilegien   bestimmter Berufsgruppen abgebaut werden m&#252;ssen. Tats&#228;chlich werden sie   weiteren Angriffen auf das Renteneintrittsalter aller Besch&#228;ftigten die   T&#252;re &#246;ffnen. Abgeordnete und Senatoren sind neben Bergarbeitern und der   Marine von der Erh&#246;hung interessanterweise ausgenommen.<\/p>\n<h4>  Streikrecht eingeschr&#228;nkt<\/h4>\n<p>  Als Vorbereitung auf diese Angriffe hat die franz&#246;sische Regierung im   Sommer mit dem Gesetz &quot;Service Minimum&quot; das Streikrecht im &#214;PNV   eingeschr&#228;nkt.&#160; Das Gesetz, dessen genaue Umsetzung noch verhandelt   wird, sieht vor, dass Streiks 48 h vor Beginn angek&#252;ndigt werden m&#252;ssen,   so dass ein Minimalservice durch die Bahn sichergestellt wird und alle   &quot;wichtigen&quot; Linien weiter in Betrieb sind. Nichts anderes, als die   Deutsche Bahn aktuell im Konflikt mit der GDL betreibt. Das Gesetz   Service Minimum ist nichts anderes als Streikbruch per Gesetz. Zudem   soll die Unternehmenseitung (!) nach acht Streiktagen die M&#246;glichkeit   bekommen eine Urabstimmung durchzuf&#252;hren ob der Streik fortgesetzt   werden soll. Damit wird den Besch&#228;ftigten die M&#246;glichkeit genommen   selbst zu entscheiden wie sie ihren Streik organisieren wollen. Dass die   Gewerkschaften gegen den Beschluss dieses Gesetzes bislang keinen   nennenswerten Widerstand organisierten haben hat die Sarkozy-Regierung   ermutigt. Das selbe gilt auch f&#252;r das im Sommer beschlossene Gesetz der   Autonomie der Universit&#228;ten das einen ersten Schritt in Richtung   Privatisierung bedeutet.<\/p>\n<h4>  Streiktag am 18.10.<\/h4>\n<p>  F&#252;r den 18.10. ist jetzt ein Streiktag der Bahnbesch&#228;ftigten geplant.   Zum ersten Mal seit der gro&#223;en Bewegung 1995 rufen alle in diesem   Bereich vertretenen Gewerkschaften gemeinsam auf.&#160;Dieser Tag k&#246;nnte zum   Beginn eines hei&#223;en Winters werden.<\/p>\n<p>  Noch im Fr&#252;hjahr wurden Sarkozy und die UMP-Regierung mit einer gro&#223;en   Mehrheit, auch von einem Teil der Arbeiterklasse, gew&#228;hlt.&#160; Weil die   sozialdemokratische SP in zahlreichen Regierungen bewiesen hat dass sie   keine Alternative ist, weil es Sarkozy durch geschickten Populismus   gelungen ist verschiedene Teile der Bev&#246;lkerung anzusprechen, aber auch   weil der Wirtschaftsaufschwung&#160; viele W&#228;hler dazu gebracht hat die   Regierungspartei wieder zuw&#228;hlen. In Umfragen ist die Unterst&#252;tzung f&#252;r   Sarkozy zwar noch hoch, sinkt aber bereits (55 Prozent im Vergleich zu   noch 66 Prozent im August). Auf die Frage wer von den aktuellen   &quot;Reformen&quot; der Regierung profitiere antworteten 44% : die Wohlhabenden,   nur 3 Prozent die &#228;rmeren Teile der Bev&#246;lkerung, 11Prozent gaben an die   Mittelklasse und 33 Prozent die Gesamtbev&#246;lkerung (Umfrage f&#252;r Journal   de dimanche 13.- 21.9.).<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich war die erste Amtshandlung der Sarkozy-Regierung eine   Steuerreform in H&#246;he von 15 Milliarden Euro, die ganz direkt den   Superreichen zu Gute kommt.<\/p>\n<p>  Bernhard Thibault, der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, &#228;u&#223;erte sich   &#252;ber den Streiktag am 18.10.: &quot;Ich rate der Regierung die Mobilisierung   am 18.10. nicht zu leicht zu nehmen und zu denken die sei eine kleine   schlechte&#160;Episode die vorbeigeht und dann regeln sich die Dinge.&quot; Damit   diese Drohung allerdings Wahrheit wird m&#252;ssen die Gewerkschaften den   18.10. als Auftakt sehen und einen gemeinsamen Streiktag aller   Besch&#228;ftigten zum Beispiel im Dezember planen.&#160;Die Gewerkschaft CGT hat   bereits auch die Kollegen der Minen und Energie aufgerufen, Sud   Education fordert die Beteiligung der Lehrer am 18.10.&#160;<\/p>\n<p>  An der Heraufsetzung des Rentenalters ist 1995 bereits der damalige   Premierminister Jupp&#233; gescheitert, der in Anbetracht einer   Massenbewegung des &#246;ffentlichen Dienstes und des Privatsektors einen   R&#252;ckzieher machen musste. Eine vergleichbare Bewegung muss auch jetzt   aufgebaut werden, denn die Regierung hat sich zum Generalangriff   entschlossen. Dass in den letzten Wochen die Wachstumserwartungen&#160;f&#252;r   Frankreich mehrfach nach unten korrigiert wurden wird den Druck auf die   Regierung die &quot;Reformen&quot; durchzuf&#252;hren weiter verst&#228;rken . Einzelne   Streiktage werden deshalb nicht reichen diese zur&#252;ckzudr&#228;ngen.<\/p>\n<h4>  Neue antikapitalistische Partei?<\/h4>\n<p>  Die sozialdemokratische SP hat in mehrfachen Regierungen bewiesen dass   sie keine Alternative zur neoliberalen Politik hat. Die Kr&#246;nung war   jetzt dass die ehemalige PS-Spitzenkandidatin S&#233;gol&#232;n Royal nach der   Wahl &#246;ffentlich verk&#252;ndete sie habe sowieso nie an die eigenen   Wahlversprechen geglaubt und dass einige Mitglieder direkt in die   UMP-Regierung eingetreten sind. Gleichzeitig ist das Potenzial f&#252;r eine   neue Arbeiterpartei in den letzten Jahren mehrfach deutlich geworden,   zum Beispiel durch die guten Wahlergebnisse von LO und LCR (zwei   Organisationen die sich selbst als trotzkistisch bezeichnen). W&#228;hrend   Gauche R&#233;volutionnaire (die Schwesterorganisation der SAV) die   Notwendigkeit zur Gr&#252;ndung einer solchen neuen Partei in den letzten   Jahren immer betonte, haben diese Organisationen es vers&#228;umt Schritte in   diese Richtung zu unternehmen. In diesem Sommer hat die LCR (Ligue   Communiste R&#233;volutionnaire), gest&#228;rkt durch die 4,1Prozent bei den   Pr&#228;sidentschaftswahlen, &#246;ffentlich erkl&#228;rt dass eine antikapitalistische   Partei n&#246;tig sei. Besancenot (Spitzenkandidat der LCR) wiederholte   diesen Aufruf am 25.8. Gauche R&#233;volutionnaire hat diesen Aufruf begr&#252;&#223;t   und erkl&#228;rt dass sie sofort bereit sind sich am Aufbau einer solchen   antikapitalistischen neuen Arbeiterpartei zu beteiligen. Leider hat die   LCR schon wieder einen R&#252;ckzieher gemacht. In dem Besancenot am 9.9.   erkl&#228;rte &quot;wir befinden uns nicht in einem Hochgeschwindigkeitszug&quot;,   verk&#252;ndete auch der LCR-Vorstand er wolle bis zu ihrem Kongress im   Januar abwarten. Alles l&#228;uft auf eine Verz&#246;gerung des Projekts bis zu   den Kommunalwahlen im M&#228;rz 2008 hinaus. Die Besch&#228;ftigten und   Jugendlichen werden aber nicht in erster Linie bei den Kommunalwahlen   eine Alternative suchen. Es ist wahrscheinlich dass bei diesen Wahlen,   wie 2004, der Versuch vorherrschen wird eine Wahlniederlage f&#252;r die   Rechten herbeizuf&#252;hren. Jetzt im Moment, w&#228;re die Gr&#252;ndung einer solchen   Partei allerdings ein entscheidender Vorteil, der dazu beitragen k&#246;nnte   die momentane L&#228;hmung angesichts der Angriffe aufzubrechen. Gauche   R&#233;volutionnaire betont, dass jetzt Versammlungen in allen Orten n&#246;tig   w&#228;ren, zu denen mit Plakaten und Flugbl&#228;ttern vor Betrieben, Schulen und   auf Streiks eingeladen w&#252;rde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Streiktag der Bahnbesch&#228;ftigten am 18.10.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12339"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12339"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12339\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}