{"id":12336,"date":"2007-10-07T12:48:57","date_gmt":"2007-10-07T12:48:57","guid":{"rendered":".\/?p=12336"},"modified":"2007-10-07T12:48:57","modified_gmt":"2007-10-07T12:48:57","slug":"12336","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/10\/12336\/","title":{"rendered":"Ver.di im freien Fall"},"content":{"rendered":"<p>  Ver.di steuert weiter ungebremst auf den Abgrund zu. Die Chance zum   Umsteuern wurde beim zweiten Bundeskongress der   Dienstleistungsgewerkschaft in Leipzig, der am Samstag, 6. Oktober 07,   zu Ende ging, vertan. Statt sich mit den dr&#228;ngenden Problemen zu   besch&#228;ftigen, wurde im Plenum und auf den G&#228;ngen des noblen Leipziger   Congress Centers in erster Linie &#252;ber Struktur- und Personalfragen   gestritten.<\/p>\n<p>  <i>von Daniel Behruzi, Leipzig<\/i><\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Der Niedergang der vor sechseinhalb Jahren aus der Fusion der   Gewerkschaften &#214;TV, hbv, DPG, DAG und IG Medien hervorgegangenen   Mega-Organisation ver.di ist dramatisch. Seit ihrer Gr&#252;ndung hat die   Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft netto ein F&#252;nftel ihrer Mitglieder   verloren. Und die Gr&#252;nde hierf&#252;r liegen keineswegs allein in &#8222;objektiven   Ver&#228;nderungen&#8220; der Wirtschaftsweise, wie ver.di-Chef Frank Bsirske in   seinem Gesch&#228;ftsbericht Glauben machen wollte. Die Politik der   Gewerkschaftsspitze hat entscheidend zu den Verlusten an St&#228;rke und   Einfluss beigetragen. Vor allem der Tarifvertrag f&#252;r den &#246;ffentlichen   Dienst (TV&#214;D), der deutliche Einkommensverluste f&#252;r die Besch&#228;ftigten   bei Bund, L&#228;ndern und Kommunen bedeutet, sorgt in den Betrieben und   Verwaltungen f&#252;r Unmut. Der Abschluss bei der Telekom, wo sich der   Konzern mit seinen Ausgliederungs- und Lohnsenkungspl&#228;nen nach einem   wochenlangem Streik fast vollst&#228;ndig durchsetzen konnte, ist ein   weiteres Beispiel f&#252;r die katastrophale Strategie der ver.di-Spitze, die   das Ergebnis zu allem &#220;berfluss auch noch als Erfolg preist.<\/p>\n<h4>  Aufstand ausgeblieben<\/h4>\n<p>  Doch wer auf einen Aufstand der rund 900 in Leipzig versammelten   Delegierten gegen diese Politik gehofft hatte, wurde bitter entt&#228;uscht.   Die brennenden Themen wurden nicht einmal ernsthaft diskutiert.   Stattdessen dominierten Personalquerelen und Machtgerangel den Kongress.   Strittigster Kontroverse, an der die Tagung zeitweise ins Chaos   abzurutschen drohte, war die Zahl und Besetzung des Bundesvorstands. Auf   dem letzten (und ersten) ver.di-Kongress war eine Verkleinerung des   Gremiums auf elf Mandate beschlossen worden. Inzwischen wurden die   Strukturen auf unterer und mittlerer Ebene bereits aus Kostengr&#252;nden   verschlankt. Ausgerechnet der Bundesvorstand sollte aber kaum   schrumpfen. Das brachte etliche Delegierte auf die Palme. Dennoch   beschloss der Kongress letztlich, 14 Vorstandsmitglieder zu w&#228;hlen,   damit alle 13 Fachbereiche in dem Gremium repr&#228;sentiert sein k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Dies weist auf einen Geburtsfehler der Dienstleistungsgewerkschaft hin.   In Zusammenhang mit der Fusion wurde gegen Kritiker &#8211; u.a. die SAV und   das Netzwerk f&#252;r eine k&#228;mpferische und demokratische ver.di &#8211; immer   wieder das Argument vorgebracht, der Zusammenschlu&#223; werde zu gr&#246;&#223;erer   Einheitlichkeit, Solidarit&#228;t und Schlagkraft f&#252;hren. Das Gegenteil ist   eingetreten. Statt f&#252;nf Einzelgewerkschaften sind jetzt 13 kleine   Gewerkschaften unter dem Dach von ver.di versammelt. Die Fachbereichs-   und Landesbezirksleitungen verfolgen jeweils ihre eigene Politik und   wachen eifers&#252;chtig &#252;ber ihre Kompetenzen. Passt ihnen eine Entscheidung   nicht &#8211; wie beispielsweise der Aufruf zu Arbeitsniederlegungen gegen die   Rente mit 67 &#8211; werden diese schlicht ignoriert. Dass sich an diesen   Verh&#228;ltnissen etwas &#228;ndern k&#246;nnte, ist nicht absehbar. Die komplizierte   &#8222;Matrix&#8220;-Struktur mit sich &#252;berschneidenden Kompetenzen von   Fachbereichen und Bezirken wurde nicht angetastet. Die Niederlagen auf   der tarif- und gesellschaftspolitischen Ebene wurden sch&#246;ngeredet. &#220;ber   allem thront Frank Bsirske, der Linke und Rechte gleicherma&#223;en   integriert und den Status Quo dadurch erh&#228;lt. Mit 94,3 Prozent erhielt   der ver.di-Chef einen noch gr&#246;&#223;eren Stimmenanteil als bei der letzten   Wahl.<\/p>\n<p>  Die gewerkschaftliche Linke hat sich zur koordinierten Intervention in   den Kongress als weitgehend unf&#228;hig erwiesen. Es ist nur ansatzweise   gelungen, die zentralen politischen Fragen zu thematisieren und die   Debatten zu pr&#228;gen. Auch bei den Wahlen trat die Linke schlecht   koordiniert und unvorbereitet auf.<\/p>\n<h4>  Kurswechsel n&#246;tig<\/h4>\n<p>  Ein Kurswechsel in der Politik von ver.di ist dringender denn je. Wenn   es so weitergeht, steht in nicht allzu ferner Zukunft die Existenz von   ver.di auf dem Spiel. Statt &#8222;Matrix&#8220;-Struktur und R&#228;nkespielchen der   oberen Funktion&#228;re braucht die Organisation eine grundlegende   Demokratisierung und politische Erneuerung. Die jederzeitige W&#228;hl- und   Abw&#228;hlbarkeit der Funktion&#228;re und das Ende aller Privilegien f&#252;r den   Apparat w&#228;ren Schritte in diese Richtung. Tarif- und   gesellschaftspolitisch ist ein Bruch mit der &#8222;Sozialpartnerschaft&#8220;   geboten. Statt die Tarifvertr&#228;ge im Sinne der Unternehmer zu   &#8222;modernisieren&#8220;, mu&#223; die Gewerkschaft wieder konsequente   Kampforganisation im Interesse der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten werden. Der   Aufbau einer handlungsf&#228;higen linken Gewerkschaftsopposition ist auf   diesem Weg unabdingbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ver.di steuert weiter ungebremst auf den Abgrund zu. Die Chance zum<br \/>\n      Umsteuern wurde beim zweiten Bundeskongress der<br \/>\n      Dienstleistungsgewerkschaft in Leipzig, der am Samstag, 6. Oktober 07,<br \/>\n      zu Ende ging, vertan. Statt sich mit den dr&#228;ngenden Problemen zu<br \/>\n      besch&#228;ftigen, wurde im Plenum und auf den G&#228;ngen des noblen Leipziger<br \/>\n      Congress Centers in erster Linie &#252;ber Struktur- und Personalfragen<br \/>\n      gestritten.\n    <\/p>\n<p>\n      <i>von Daniel Behruzi, Leipzig<\/i>\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12336"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12336\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}