{"id":12314,"date":"2007-10-03T00:02:50","date_gmt":"2007-10-02T22:02:50","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12314"},"modified":"2012-08-21T13:05:33","modified_gmt":"2012-08-21T11:05:33","slug":"12314","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/10\/12314\/","title":{"rendered":"1917: \u201e&#8230; dass ein Tagel\u00f6hner Stadthauptmann, ein Schlosser Werkleiter       wird\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>90 Jahre Russische Revolution <\/em><\/p>\n<p>1917 ereignete sich in Russland das bislang weltbewegendste Ereignis in der Geschichte der Menschheit: Arbeiter- und Bauernmassen setzten ihrer Unterdr\u00fcckung durch eine kleine Minderheit von Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten ein Ende.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><strong>Die Russische Revolution bedeutete f\u00fcr die arbeitende Bev\u00f6lkerung die Befreiung nicht nur von der Diktatur des Zaren, sondern auch von der Herrschaft von Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten.<\/strong><em> <\/em><\/p>\n<p><em>von Anne Engelhardt, Berlin<\/em><\/p>\n<p>Kapitaleigner und Gro\u00dfgrundbesitzer hatten nach der Oktoberrevolution nichts mehr zu melden. Die arbeitenden Menschen waren gemeinsam mit der Bauernschaft am Ruder. Eine R\u00e4tedemokratie entstand. Funktion\u00e4re besa\u00dfen keine Privilegien mehr. Richter waren jederzeit w\u00e4hl- und abw\u00e4hlbar.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Rolle der Frau \u00e4nderte sich durch die Verteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung auf die gesamte Gesellschaft: So wurden Kantinen und Kinderkrippen eingerichtet.<\/p>\n<p>Es gab unz\u00e4hlige Initiativen, die soziale Lage zu verbessern. Nur die damals vorherrschende Armut setzte dem Grenzen.<\/p>\n<p>Von den 150 Millionen im russischen Reich lebenden Menschen geh\u00f6rten 57 Prozent zur nichtrussischen Bev\u00f6lkerung. Die verschiedenen Nationen, die unter dem Zarenregime gewaltsam unterdr\u00fcckt wurden, konnten nach den Ereignissen im Oktober 1917 (das bezieht sich wie alle folgenden Daten auf den alten russischen Kalender) frei \u00fcber ihre Zukunft verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahrzehnten wurde unter dem Stalinismus erneut ein System der Entm\u00fcndigung der ArbeiterInnen und Bauern installiert. Die Sowjetunion brach Anfang der neunziger Jahre komplett zusammen. Seitdem herrscht nun wieder fast \u00fcberall auf der Welt Kapitalismus. Heute klafft deshalb auch in Russland die Schere zwischen Arm und Reich \u2013 mit einer wachsenden Schicht von Milliard\u00e4ren, vor allem in Moskau \u2013 weiter denn je auseinander.<\/p>\n<p>Trotzdem war die Menschheit dem Sozialismus noch nie so nah gewesen wie durch die Russische Revolution vor 90 Jahren.<\/p>\n<h4>Putsch oder Revolution?<\/h4>\n<p>Schaut man sich die b\u00fcrgerlichen Tageszeitungen aus den Jahren w\u00e4hrend und nach der Russischen Revolution an, war dieses Ereignis ein Putsch. Sie hofften auf seine Zerschlagung in nur ein bis zwei Wochen durch ein Kosakenregiment.<\/p>\n<p>Als diese Vorhersage nicht eintraf, gaben Tageszeitungen wie die New York Times Artikel \u00fcber Lenin heraus, der Trotzki erschlagen haben soll oder Trotzki, der wiederum Lenin im Suff umgebracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Schon diese willk\u00fcrlichen Behauptungen in den Medien sprechen B\u00e4nde f\u00fcr die Angst der herrschenden Klasse vor diesem Ereignis.<\/p>\n<p>Das ist auch nicht verwunderlich, denn drei Monate nach der Russischen Revolution gingen zwei Drittel der IndustriearbeiterInnen in Berlin auf die Stra\u00dfe und forderten Frieden. 1917 war das dritte Jahr des Ersten Weltkrieges, des ersten imperialistische Krieges zur Neuaufteilung der Welt zwischen den f\u00fchrenden kapitalistischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Als der Sieg der Oktoberrevolution sich verbreitete, fingen deutsche Arbeiter in den Daimler-Werken an, die Produktion der Panzer zu sabotieren. BergarbeiterInnen in Wales umarmten sich vor Freude auf der Stra\u00dfe. Ermutigt durch die Russische Revolution l\u00f6sten ArbeiterInnen weltweit eine Welle von Streiks und Protesten aus, die beispielsweise 1918 in Deutschland in die Novemberrevolution m\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Die Behauptung der Herrschenden, dass es sich beim Oktober 1917 um einen Putsch gehandelt h\u00e4tte, der in seiner logischen Kosequenz zu einer Diktatur der B\u00fcrokratie f\u00fchrte, bleibt hartn\u00e4ckig bis heute aufrecht erhalten.<\/p>\n<p>Ein Putsch wird als Verschw\u00f6rung einer Minderheit zum Sturz einer Regierung \u2013 beziehungsweise zur Beseitigung eines politischen Regimes \u2013 verstanden. Eine Revolution ist dagegen die aktive Einmischung der Massen selbst. Genau das vollzog sich in Russland 1917. Millionen waren einbezogen bei Demonstrationen, Streiks und den Versammlungen der R\u00e4te. Die \u00dcbernahme der Fabriken beispielsweise wurde nach dem Oktober 1917 nicht von oben herab, sondern von den \u00f6rtlichen R\u00e4ten beschlossen.<\/p>\n<h4>R\u00e4te<\/h4>\n<p>Schon w\u00e4hrend der ersten Russischen Revolution 1905, die vom Zaren blutig niedergeschlagen worden war, hatte sich die russische Arbeiterklasse in Fabrikversammlungen ihre Vertretungen und F\u00fchrung aus ihren eigenen Reihen gew\u00e4hlt. An den Versammlungen durfte sich jeder Arbeiter beteiligen. F\u00fcr 500 Besch\u00e4ftigte wurde ein Delegierter in den Rat gew\u00e4hlt, f\u00fcr 500 Gewerkschafter ebenfalls. Linke Parteien entsendeten Vertreter mit beratendem Stimmrecht.<\/p>\n<p>Auf diese Form der demokratischen Selbstorganisation wurde 1917 wieder zur\u00fcckgegriffen. Die Vertreter in den R\u00e4ten konnten von den Versammlungen jederzeit wieder abgew\u00e4hlt und ersetzt werden und hatten selbst keinerlei Privilegien.<\/p>\n<p>Die R\u00e4te breiteten sich nach der Februarrevolution innerhalb weniger Wochen im ganzen Land aus. Auch die Bauern organisierten sich in den Sowjets (russisch f\u00fcr \u201eR\u00e4te\u201c).<\/p>\n<h4>Doppelherrschaft<\/h4>\n<p>Landesweite Vertretung der Sowjets war der Sowjetkongress, der das Exekutivkomitee w\u00e4hlte. Es setzte sich zun\u00e4chst mehrheitlich zusammen aus den Menschewiki, einer gem\u00e4\u00dfigten Arbeiterpartei, und den Sozialrevolution\u00e4ren, einer Partei, die sich auf die Bauern st\u00fctzte, sowie einer kleinen Minderheit \u2013 den Bolschewiki, dem marxistischen Fl\u00fcgel der russischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Mit der Februarrevolution wurde zwar die Macht des Zaren gebrochen, doch parallel zu den Sowjets bildete nun das alte Establishment die \u201eProvisorische Regierung\u201c, um ihre eigene Macht wieder zu stabilisieren und gegen die R\u00e4te und die Revolution ihre Interessen durchzusetzen. Dabei kooperierten sie mit den gem\u00e4\u00dfigten linken Parteien. Die politischen Repr\u00e4sentanten der Herrschenden waren gezwungen, der Revolution zu applaudieren, auch wenn ihre Angst vor der Macht der Massen gro\u00df und ihre Interessen weiterhin grunds\u00e4tzlich gegens\u00e4tzlicher Natur waren.<\/p>\n<p>Dadurch entstand eine Doppelherrschaft: Auf der einen Seite die R\u00e4te und mit ihnen die Interessen der ArbeiterInnen und Bauern und auf der anderen Seite die Provisorische Regierung, die von der Errichtung einer kapitalistischen Republik im westlichen Stil tr\u00e4umte.<\/p>\n<h4>Brot, Friede, Land \u2013 aber wie?<\/h4>\n<p>Russland war 1917 ein r\u00fcckst\u00e4ndiges Land. Die Arbeiterklasse stellte nur acht Prozent der Bev\u00f6lkerung, w\u00e4hrend 80 Prozent der Menschen in meist \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen auf dem Lande lebten. Trotzdem hatte es, versp\u00e4tet, eine Industrialisierung in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten wie Petrograd und Moskau gegeben. Diese wurde jedoch nicht durch die schwache russische Kapitalistenklasse erreicht. Investiert wurde durch ausl\u00e4ndische Kapitaleigner.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf dem Land noch Produktionsweisen wie im 17. Jahrhundert vorherrschten, gab es in den St\u00e4dten einzelne Fabriken mit modernster Technik. Ohne vorher Landstra\u00dfen zu bauen, entwickelte man in Russland schon ein Eisenbahnnetz.<\/p>\n<p>Diese Widerspr\u00fcche f\u00fchrten nicht zuletzt auch unter den Bolschewiki zu Unklarheit: F\u00fchrende Mitglieder wie Kamenew, Sinowjew und Stalin unterst\u00fctzten im M\u00e4rz 1917 die Provisorische Regierung \u2013 eine kapitalistische Regierung.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Klasse selbst war viel zu schwach und zu verflochten mit den Gro\u00dfgrundbesitzern, als dass sie f\u00fcr die Landverteilung oder die L\u00f6sung der nationalen Frage eingestanden w\u00e4re. Sie waren auch zu feige, den Weg f\u00fcr eine b\u00fcrgerliche parlamentarische Demokratie freizumachen. Die Provisorische Regierung ging keine dieser Aufgaben an. Auch der Krieg wurde nicht beendet. Viele Soldaten starben weiter an der Front. In Russland selber litt die Bev\u00f6lkerung an Hungersnot. Vor den L\u00e4den standen lange Menschenschlangen nach Brot an.<\/p>\n<p>Den ArbeiterInnen, Bauern und Soldaten blieb letztendlich nichts \u00fcbrig, als selbst die kriegstreibenden und parasit\u00e4ren Herrschenden zu st\u00fcrzen, denn es ging f\u00fcr sie um nichts anderes als ums \u00dcberleben \u2013 um \u201eBrot, Friede, Land\u201c, so der Slogan der Bolschewiki.<\/p>\n<h4>Lenins Aprilthesen<\/h4>\n<p>Am 3. April kam Wladimir Lenin aus dem Exil in Z\u00fcrich nach Petrograd und trug einen Tag sp\u00e4ter seine so genannten Aprilthesen vor. Darin forderte er unter anderem, dass die kapitalistischen Minister aus der Regierung verschwinden m\u00fcssten. Ferner trat er f\u00fcr die Losung \u201eAlle Macht den Sowjets\u201c ein.<\/p>\n<p>Lenin entwickelte die selbe Auffassung, die der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki schon seit 1905\/1906 mit seiner Theorie der Permanenten Revolution vertreten hatte.<\/p>\n<p>Lenin war auch vor 1917 daf\u00fcr eingetreten, dass ArbeiterInnen und Bauern kein Vertrauen in die B\u00fcrgerlichen haben d\u00fcrfen und unabh\u00e4ngig f\u00fcr ihre Interessen k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Anders als Lenin hatte Trotzki aber schon nach der Revolution 1905 erkannt, dass die Bauern keine eigenst\u00e4ndige Rolle spielen k\u00f6nnen, sondern entweder den B\u00fcrgerlichen oder der Arbeiterklasse folgen. Trotzki trat f\u00fcr eine Arbeiterregierung ein. \u00dcbernimmt aber die Arbeiterklasse \u2013 gest\u00fctzt auf die benachteiligten Bauernmassen \u2013 die Macht, wird sie nicht bei den b\u00fcrgerlichen Aufgaben wie der Durchf\u00fchrung der Landreform oder der L\u00f6sung der nationalen Frage stehenbleiben k\u00f6nnen. Sie wird, so Trotzki, nicht in die Betriebe zur\u00fcckkehren und sich den kapitalistischen Interessen der Unternehmer unterordnen.<\/p>\n<p>Und so geschah es auch nach der Oktoberrevolution: Die ArbeiterInnen verstaatlichten die Betriebe und Banken und bauten eine geplante Wirtschaft auf, die nicht die Anh\u00e4ufung von Profiten, sondern die Befriedigung der Bed\u00fcrfnisse der Menschen zum Ziel hatte.<\/p>\n<h4>Putschversuch von rechts<\/h4>\n<p>Doch zun\u00e4chst versuchten die alten Herrschenden alles, um die Revolution zu stoppen und ihre Macht wieder herzustellen.<\/p>\n<p>Im Juli 1917 war es den B\u00fcrgerlichen gelungen, die Arbeiterklasse massiv zu schw\u00e4chen, indem sie Demonstrationen der Petrograder Bauernregimenter und der Besch\u00e4ftigten f\u00fcr die \u00dcbernahme der Macht durch die Sowjets in Petrograd niederschlugen.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki klagte man an, im Auftrag Deutschlands Spionage und Sabotage zu betreiben. Sie wurden verboten und viele Mitglieder wurden verhaftet oder mussten fliehen, um der Verbannung nach Sibirien zu entgehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es die ArbeiterInnen und Bauern waren, die Demokratie verlangten und durch die R\u00e4te versuchten, sie durchzusetzen, waren es die B\u00fcrgerlichen, die sich letztendlich f\u00fcr Putschversuche und die Abschaffung der Demokratie einsetzten. Sie hielten an einer nichtgew\u00e4hlten Regierung fest und z\u00f6gerten Wahlen immer wieder hinaus.<\/p>\n<p>Kerenski von den Sozialrevolution\u00e4ren hatte mittlerweile den Posten des Ministerpr\u00e4sidenten erlangt. Er ernannte den General Kornilow zum H\u00f6chstkommadierenden, wissend, dass dieser einen Milit\u00e4rputsch plante.<\/p>\n<p>Erst als Kerenski erfuhr, dass er ebenfalls gest\u00fcrzt werden sollte, schreckte er vor den Pl\u00e4nen zur\u00fcck und setzte Kornilow ab. Doch der Putschversuch im August konnte nur durch die Eisenbahner, die die Regimenter fehlleiteten und die Z\u00fcge anhielten, und die Besch\u00e4ftigten der Post und der Telegrafen\u00e4mter, die Nachrichten Kornilows nicht weiterleiteten, vereitelt werden. Wichtig war zudem das Milit\u00e4rische Revolutionskommitee, das Delegationen zu den Regimentern Kornilows schickte, um sie von dem Putschversuch abzubringen.<\/p>\n<p>Unter der arbeitenden Bev\u00f6lkerung war nun das Vertrauen in die Regierung schlagartig gesunken. Die Bolschewiki gewannen daf\u00fcr an Unterst\u00fctzung. Das Verbot gegen sie musste aufgehoben werden.<\/p>\n<p>In den Julitagen hatten die Bolschewiki gewarnt, nicht verfr\u00fcht einen Aufstand durchzuf\u00fchren. Ein Beweis mehr daf\u00fcr, dass sie sich nicht an die Macht putschen wollten. Sie setzten vielmehr darauf, f\u00fcr ihr sozialistisches Programm Mehrheiten zu gewinnen \u2013 nicht zuletzt wegen der Unf\u00e4higkeit der Provisorischen Regierung, der Menschewiki und der rechten Sozialrevolution\u00e4re. Nach und nach erlangten sie dann auch die Mehrheit in den Sowjets. Auf dem Land n\u00e4herte sich der linke Fl\u00fcgel der Sozialrevolution\u00e4re zunehmend der Linie der Bolschewiki an.<\/p>\n<h4>Oktoberrevolution<\/h4>\n<p>Unruhen und Unzufriedenheit sowie das Misstrauen in die Regierung nahmen zu. Die Regimenter h\u00f6rten nur noch auf die Befehle des Milit\u00e4rischen Revolutionskommitees, dessen Vorsitzender Leo Trotzki war, der seit Mai der Partei der Bolschewiki angeh\u00f6rte. Auch die Waffenarsenale, die der Regierung unterlagen, gaben nur noch Waffen unter der Anweisung des Revolutionskomitees heraus.<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit zu handeln ergab sich durch Kerenskis erneuten Versuch am 23. Oktober, die bolschewistischen Zeitungen zu verbieten.<\/p>\n<p>\u201eDer Sowjet ist in Gefahr\u201c war die Parole, die zur \u00dcbernahme der Macht f\u00fchrte. In der Nacht zum 24. Oktober besetzten Arbeitermilizen und Rote Garden Bahnh\u00f6fe, Post- und Telegrafen\u00e4mter, die Nationalbank und andere strategische Punkte sowie die Versorgungszentren.<\/p>\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter wurde der Regierungssitz, das Winterpalais, gest\u00fcrmt. In ganz Russland gab es \u2013 als bekannt wurde, dass Kerenski gest\u00fcrzt war \u2013 Aufst\u00e4nde zur Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Der Allrussische R\u00e4tekongress tagte am 25. Oktober. Dort wurde demokratisch dar\u00fcber abgestimmt, ob die R\u00e4te landesweit die Absetzung der Regierung und damit die vollst\u00e4ndige \u00dcbernahme der Macht unterst\u00fctzten. Mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit sprach man sich daf\u00fcr aus und mit den Bolschewiki an der Spitze wurde damit die erste R\u00e4terepublik \u00fcberhaupt gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Entgegen der heutigen Propaganda dr\u00fcckte die Oktoberrevolution den Willen der gew\u00e4hlten Vertreter der Sowjets aus und war damit demokratisch vollzogen worden.<\/p>\n<h4>Wie konnte die Revolution siegen?<\/h4>\n<p>Noch am 29. Oktober gab es einen Putschversuch der mittlerweile abgesetzten Gro\u00dfgrundbesitzer, Kapitalisten und Gener\u00e4le, der erneut verhindert wurde. Das war jedoch nur durch die Machtergreifung vier Tage zuvor m\u00f6glich gewesen. Die Haltung der Bolschewiki, die die Mehrheit im Revolutionskomitee und in den Sowjets hatten, war dabei entscheidend. Sie h\u00e4tten auf Grund der erbitterten Offensive von Kerenksi keinen Tag l\u00e4nger warten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Dass die Russische Revolution im Gegensatz zu den folgenden Revolutionen wie in Deutschland und Ungarn sowie sp\u00e4ter in China und Spanien erfolgreich war, lag nicht daran, dass die russischen ArbeiterInnen und Bauern k\u00e4mpferischer waren oder mehr Willen und Entschlossenheit zeigten.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu diesen Revolutionen gab es die Bolschewiki \u2013 eine revolution\u00e4re sozialistische Partei, die verankert in der Arbeiterklasse war. Sie war so etwas wie das Ged\u00e4chtnis der Klasse. Sie analysierte die Fehler der Vergangenheit und zog Konsequenzen aus fr\u00fcheren Bewegungen und K\u00e4mpfen. Obwohl die Bolschewiki zu Beginn des Jahres nur 8.000 Mitglieder hatten (wobei sie vor dem Ersten Weltkrieg auch schon mehrere zehntausend Mitglieder gez\u00e4hlt hatten), wuchsen sie bis Ende 1917 auf 240.000 Mitglieder an. Gerade die erste Revolution in Russland 1905, die im so genannten Blutsonntag vom Zaren ertr\u00e4nkt worden war, ist eine wichtige Schule f\u00fcr die bolschewistische Partei gewesen. Die Lehren, die sie daraus gezogen hatte, waren entscheidend f\u00fcr den Erfolg 1917.<\/p>\n<p>Dieser wichtige Aspekt \u2013 die Notwendigkeit einer marxistischen Partei \u2013 wurde durch die Russische Revolution eindr\u00fccklich herausgestellt. Dies ist f\u00fcr MarxistInnen die wichtigste Schlussfolgerung aus der Oktoberrevolution.<\/p>\n<h4>F\u00fchrte der Oktober zum Stalinismus?<\/h4>\n<p>In der b\u00fcrgerlichen Geschichtsschreibung wird von der unweigerlichen Folge des Stalinismus auf die Russische Revolution gesprochen. Der tats\u00e4chliche Grund, warum die Verwirklichung sozialistischer Demokratie in Russland nicht gelang, war jedoch das Scheitern der internationalen Revolution.<\/p>\n<p>Russland war auf Grund seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung allein auf sich gestellt nicht reif f\u00fcr eine sozialistische Revolution. Trotzdem hatte die Arbeiterklasse keine andere Wahl, als gegen ihre Ausbeuter und Unterdr\u00fccker vorzugehen, die sie in einen blutigen Krieg f\u00fcr deren Profitinteressen schickten und sie verhungern lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Um aber mit der Planwirtschaft tats\u00e4chlich die Bed\u00fcrfnisse der Menschen befriedigen zu k\u00f6nnen, bedurfte es der Unterst\u00fctzung der arbeitenden Menschen in den L\u00e4ndern, in denen die Produktivkr\u00e4fte am weitesten enwickelt waren. Man hoffte auf die Erfolge der Arbeiterklasse beispielsweise in Deutschland und England, doch diese blieben aus.<\/p>\n<p>Stattdessen kamen die ehemals Herrschenden mit Hilfe der imperialistischen Verb\u00fcndeten zur\u00fcck und warfen das Land in einen dreij\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg, der Elend und Hunger \u2013 teilweise bis zum Kanibalismus \u2013 wieder auf die Tagesordnung setzte.<\/p>\n<p>Die Revolution in Russland blieb isoliert. Viele der k\u00e4mpferischsten ArbeiterInnen starben an der Front oder den Folgen der Unterversorgung.<\/p>\n<p>Beim Aufbau des Staatsapperates musste auf ehemalige zaristische Beamte zur\u00fcckgegriffen werden. Ab dem Jahr 1922 entwickelte sich daher eine wuchernde B\u00fcrokratie, zu deren Sprachrohr Stalin wurde (Lenin starb nach schwerer Krankheit bereits 1924). Diese Schicht aus B\u00fcrokraten gestand sich selbst Privilegien zu, konnte sich jedoch nicht als eigene herrschende Klasse entwickeln, da sie durch ihr Monopol der Verwaltung weiterhin an die verstaatlichten Produktionsmittel und die Planwirtschaft gebunden war.<\/p>\n<p>Diese B\u00fcrokratie setzte sich in der bolschewistischen Partei mit brutalen Mitteln durch. Die Arbeiterklasse war durch den B\u00fcrgerkrieg extrem geschw\u00e4cht und hatte nicht mehr die Kraft, sich gegen die Stalinisten zu wehren. Hunderttausende wurden verschleppt, in Lagern ermordet. Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitz blieben bis 1989 abgeschafft, doch die politische Macht lag nicht mehr bei der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Die Opposition, angef\u00fchrt von Leo Trotzki, verteidigte die Methoden der Russischen Revolution und k\u00e4mpfte gegen die stalinistische Form der Konterrevolution. \u201eTrotzkismus\u201c als Inbegriff des ungebrochenen Kampfes um Sozialismus weltweit wurde daher f\u00fcr die Stalinisten zum schlimmsten Schimpfwort. Der Trotzkismus wurde aber auch eine Str\u00f6mung in der Arbeiterbewegung, die die Ideen des Marxismus verteidigte und auf die neuen Entwicklungen anwendete.<\/p>\n<p>Die Tradition der russischen Revolution\u00e4re, zun\u00e4chst des Kampfes gegen Kapitalismus und Imperialismus, dann gegen die Diktatur einer abgehobenen B\u00fcrokratie f\u00fcr sozialistische Demokratie, ist heute so aktuell wie vor 90 Jahren. n<\/p>\n<p><em>Anne Engelhardt ist Mitglied im SAV-Bundesvorstand und Bezirksverordnete in Berlin-Mitte f\u00fcr die BASG <\/em><\/p>\n<h3>Zeitleiste vom Februar bis zum Oktober 1917<\/h3>\n<p><strong>23. Februar:<\/strong> Beginn der Februarrevolution. 90.000 Textilarbeiterinnen gehen in Petrograd auf die Stra\u00dfe und fordern Brot und Frieden<\/p>\n<p><strong>2. M\u00e4rz:<\/strong> Die Provisorische Regierung wird errichtet. Sie wird nicht gew\u00e4hlt<\/p>\n<p><strong>3. April:<\/strong> Lenin kommt aus dem Exil in Petrograd an. Einen Tag sp\u00e4ter tr\u00e4gt er seine Aprilthesen vor<\/p>\n<p>3.-10. Juni: Tagung des ersten Allrussischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te<\/p>\n<p><strong>3.\/4. Juli:<\/strong> Julitage. Bewaffnete Demonstrationen in Petrograd, um das Exekutivkomitee zur Macht\u00fcbernahme zu bewegen. Diese werden niedergeschlagen. Einen Tag sp\u00e4ter beginnt die Offensive gegen die Bolschewiki, sie werden verboten und unterdr\u00fcckt<\/p>\n<p><strong>25. August:<\/strong> Kornilow-Putsch<\/p>\n<p><strong>9. September: <\/strong>Die Bolschewiki erlangen die Mehrheit im Petrograder Sowjet. Trotzki wird Vorsitzender<\/p>\n<p><strong>24. Oktober: <\/strong>Arbeitermilizen und Rote Garden besetzen Versorgungs- und Verwaltungszentren<\/p>\n<p><strong>25.\/26. Oktober:<\/strong> Oktoberrevolution und zweiter Allrussischer Sowjetkongress: \u00dcbernahme der Macht, Enteignung der Gutsbesitzer, Errichtung der revolution\u00e4ren Regierung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>90 Jahre Russische Revolution <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[95],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12314"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12314"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12314\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12314"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12314"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12314"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}