{"id":12293,"date":"2007-09-19T10:31:03","date_gmt":"2007-09-19T08:31:03","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12293"},"modified":"2012-07-02T19:35:05","modified_gmt":"2012-07-02T17:35:05","slug":"12293","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/09\/12293\/","title":{"rendered":"&#8222;In Italien ist eine politische Wende bitter n&#246;tig&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Linke Oppositionelle der italienischen Rifondazione Comunista (PRC) im   Gespr&#228;ch<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>Seit den Parlamentswahlen im April 2006 bildet das   Mitte-Links-B&#252;ndnis &#8222;L&#8217;Unione&#8220; (die Vereinigung) die neue italienische   Regierung. Mit Romano Prodi an der Spitze, hegten anfangs viele die   Hoffnung nach f&#252;nf Jahren Berlusconi endlich einen Politikwechsel zu   erleben. Doch bereits Ende des Jahres machten sich Ern&#252;chterung und   Entt&#228;uschung breit. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Das neue Haushaltsgesetz f&#252;r 2007, die &#8222;Finanziaria&#8220;, setzt die   Umverteilungspolitik Berlusconis unver&#228;ndert fort. Durch Steuer- und   Abgabenerh&#246;hungen auf der einen Seite sowie K&#252;rzung der Sozialausgaben   auf der anderen Seite sollen rund 34 Milliarden Euro Mehreinnahmen   erzielt werden. Die im Juli diesen Jahres verabschiedete mittelfristige   Finanzplanung, sieht f&#252;r die kommenden zwei Jahre die Privatisierung des   Postwesens (&#8222;Poste Italiane&#8220;), der staatlichen Druckanstalt   (&#8222;Poligrafico Italiano&#8220;) sowie der M&#252;nzpr&#228;geanstalt &#8222;Zecco dello Stato&#8220;   vor. Die staatliche Werft &#8222;Fincantieri&#8220; und der staatliche Reeder   &#8222;Tirrenia&#8220; sollen teilprivatisiert werden (Bundesagentur f&#252;r   Au&#223;enwirtschaft\/ www.bfai.de, 6.7.07). <\/i><\/p>\n<p>  <i>Auch die neue Rentenreform zielt an den Bed&#252;rfnissen der   italienischen Arbeiterklasse vorbei. Statt die gesetzliche   Rentenversicherung auszubauen, soll durch die Einf&#252;hrung einer   individuellen Zusatzrente, die Altersversorgung verst&#228;rkt in die H&#228;nde   privater Zusatzvorsorge-Einrichtungen gelegt werden (Pensionsfonds,   Lebensversicherungen, etc.). Dabei soll die Betriebsrente nur dann dem   Arbeitnehmer direkt ausgezahlt werden, wenn dieser innerhalb einer   bestimmten Frist eine schriftlichen Erkl&#228;rung dazu einreicht. Geschieht   dies nicht, wird sein Guthaben, das Tfr (trattamento fine rapporto),   automatisch einem vom Arbeitgeber ausgew&#228;hlten Pensionsfonds zugef&#252;hrt.   Bis 2013 soll zudem das Rentenalter von derzeit 57 auf 61 Jahre erh&#246;ht   werden. (www.bfai.de, 27.7.07) <\/i><\/p>\n<p>  <i>Im Februar diesen Jahres geriet das Mitte-Links-B&#252;ndnis an der Frage   der weiteren Finanzierung des Afghanistan-Einsatzes in Zerw&#252;rfnis und   brachte die Regierung kurzzeitig ins Wanken. Wenige Tage zuvor hatten   200.000 Demonstranten gegen die Erweiterung der us-amerikanischen   Milit&#228;rbasis in Vicenza protestiert. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Grundlage f&#252;r die Wiederaufnahme der Regierungsgesch&#228;fte war   schlie&#223;lich ein nicht verhandelbarer &#8222;12-Punkte-Pakt&#8220;, den Prodis   Regierung den Parteien des Mitte-Links-B&#252;ndnisses vorlegte. Dieser sieht   unter anderem den weiteren Einsatz italienischer Truppen in Afghanistan   vor, sowie die sofortige Umsetzung der Senkung &#246;ffentlicher Ausgaben.   Das seit Monaten umstrittene Gesetzesvorhaben, welches eingetragene   Lebensgemeinschaften f&#252;r homosexuelle Paare erm&#246;glichen sollte, wird   nicht mal mehr erw&#228;hnt (www.spiegel.de, 24.2.07). Ganz zu schweigen von   Ma&#223;nahmen gegen Arbeitslosigkeit und prek&#228;re Besch&#228;ftigung. <\/i><\/p>\n<p>  <i>F&#252;nf Millionen Besch&#228;ftigte arbeiten derzeit in Italien unter   prek&#228;ren Arbeitsbedingungen. Acht Millionen italienischen Haushalten   reicht das Einkommen nicht, um die Monatsausgaben zu decken. 43 Prozent   des nationalen Reichtums hingegen ist in H&#228;nden von nur 10 Prozent der   Familien. W&#228;hrend 2005 die Profite der 36 wichtigsten italienischen   Industrieverb&#228;nde um 71 Prozent gestiegen sind, sank der   durchschnittliche Arbeiterlohn zwischen 2000 und 2004 um 3,4 Prozent,   der eines Angestellten sogar um 4,9 Prozent. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Der italienischen Arbeiterklasse fehlt es an einer k&#228;mpferischen,   klassenbewussten Partei, die ihre Interessen vertritt und ihre K&#228;mpfe   unterst&#252;tzt. Die Rifondazione Comunista (PRC), die Teil des   Mitte-Links-B&#252;ndnisses ist, hat Prodis &#8222;12-Punkte-Pakt&#8220;   mitunterzeichnet, ihre Politik bildet l&#228;ngst keine Alternative zu   Kapitalismus und Neoliberalismus. Darauf machen Teile ihrer eigenen   Mitgliedschaft aufmerksam und k&#228;mpfen f&#252;r die St&#228;rkung der linken,   antikapitalistischen Kr&#228;fte. Die marxistische Str&#246;mung &#8222;Controcorrente&#8220;   (&#8222;Gegen den Strom&#8220;), spielt hierbei eine wichtige Rolle. In ihr aktiv   sind Mara Armellin und Alessandro Leni. In einem Gespr&#228;ch erl&#228;uterten   sie, warum sie bisher nicht aus der PRC ausgetreten sind und wof&#252;r sie   stehen.<\/i><\/p>\n<\/p>\n<h5>  Welche Einsch&#228;tzung habt ihr von der aktuellen politischen Lage in   Italien?<\/h5>\n<p>  Italien befindet sich momentan in einer akuten politischen Krise, die   vor allem in der Linken sp&#252;rbar ist, aber auch in den Gewerkschaften.   Die Regierung Prodi hat nur eine kleine Mehrheit im Parlament. Aufgrund   dessen k&#246;nnte jegliche Opposition &#8211;sei sie noch so klein- die Regierung   gef&#228;hrden. Die CGIL, der nationale Gewerkschaftsbund, hat aus diesem   Grund beschlossen, nicht in die Opposition zu gehen. Die Arbeiter sind   folglich nicht nur von der Regierung entt&#228;uscht, sondern auch von den   Gewerkschaften.<\/p>\n<h5>  Wann habt Ihr Euch als marxistische Str&#246;mung gegr&#252;ndet?<\/h5>\n<p>  Controcorrente hat sich im Jahr 2006 formiert, ihre Mitglieder waren   zuvor in &#8222;progetto comunista&#8220; (&#8222;Kommunistisches Projekt&#8220;) vernetzt. Als   es zum Regierungsantritt Prodis kam, beschlossen ein Gro&#223;teil der   Genossen von &#8222;progetto comunista&#8220; unter der F&#252;hrung Marco Ferrandos aus   der PRC auszutreten und eine neue kommunistische Partei zu gr&#252;nden. Von   denen, die zur&#252;ckblieben, gr&#252;ndete ein Teil controcorrente.<\/p>\n<h5>  Wieso seid ihr in der PCR geblieben, und nicht mit der Gruppe Ferrando   ausgetreten?<\/h5>\n<p>  Die Entscheidung in der PRC zu bleiben haben wir insbesondere aus zwei   Gr&#252;nden getroffen: Erstens, waren wir nicht der Meinung, dass die Gruppe   um Ferrando die Kr&#228;fte habe etwas neues und eigenes aufzubauen.   Zweitens, war die PRC nach wie vor eine Referenz f&#252;r die meisten   kritischen Arbeiter Italiens. Die Arbeiter sahen im Regierungsantritt   allein nicht einen &#8222;Verrat&#8220; der Ideen und waren noch auf die PRC   orientiert. Wir waren der Meinung, dass ein Austritt aus der PRC f&#252;r die   meisten nicht nachvollziehbar gewesen w&#228;re, da der Rechtsruck der PRC zu   diesem Zeitpunkt f&#252;r viele noch nicht sichtbar war. Wir h&#228;tten uns   dadurch von unseren Kolleginnen und Kollegen distanziert statt sie in   neue Formierungsprozesse einzubeziehen.<\/p>\n<h5>  Wie lief Euer Formierungsprozess dann ab?<\/h5>\n<p>  Angefangen haben wir mit Ortsgruppeen Genua und Turin. In diesen beiden   St&#228;dten waren eine &#252;berwiegende Mehrheit der linken Kr&#228;fte in der Partei   geblieben, in Turin um die 80 Prozent, in Genua &#252;ber 90 Prozent. Wir   haben dann Kontakt zu Genossen aus anderen Orten gekn&#252;pft und dar&#252;ber   hinaus den Kontakt zu Arbeitern des Fiat-Werkes in Melfi erstellt. Im   Juli 2006 haben wir in der &#8222;Liberazione&#8220;, der Zeitung der PRC, mit Ach   und Krach einen offenen Brief ver&#246;ffentlichen k&#246;nnen, in dem wir   &#246;ffentlich erkl&#228;rten, dass wir als linke Kraft in der Partei bleiben und   alle Linken auffordern sich uns anzuschlie&#223;en um eine starke linke   Opposition aufzubauen.<\/p>\n<h5>  Wie viele seid ihr heute und wie stark ist Euer Organisationsgrad?<\/h5>\n<p>  Heute sind wir in circa 12 St&#228;dten vertreten und in verschiedenen   Regionen, unter anderem in Kalabrien, Abbruzzen, Apulien, Venezien.<\/p>\n<p>  Bisher haben wir noch keine klare Struktur da wir uns noch im   Formierungsprozess befinden und mit vielen sympathisierenden Genossen in   Diskussionen stehen. Wir haben ein internetportal eingerichtet und geben   auf nationaler Ebene ein eigenes Heft heraus, das sich &#8222;Resistenza&#8220;   nennt (&#8220;Widerstand&#8220;), in dem wir unsere Position und Meinung vertreten.   Wir finanzieren uns durch Mitgliedsbeitr&#228;ge und den Verkauf von   Material, das beinhaltet auch B&#252;cherverkauf.<\/p>\n<p>  In den kommenden Monaten werden wir uns im Rahmen einer Konferenz auf   nationaler Ebene zusammensetzen, auf der wir weitere Schritte besprechen   werden. Klar ist jedenfalls, dass wir auf der Seite der Arbeiter aktiv   gegen die Angriffe der Prodi-Regierung k&#228;mpfen. So haben Genossen von   Controcorrente eine wichtige Rolle bei den Protesten gegen die   Privatisierung der Fincantiere gespielt. Unser Protest richtet sich   dabei auch gegen die Gewerkschaftsf&#252;hrung der CGIL und gegen ihre   bremsende Rolle. Wir k&#228;mpfen f&#252;r die Verteidigung der Renten und des   &#246;ffentlichen Gesundheitssystems, das nach und nach ausgeh&#246;hlt wird.   Durch unsere laufende Arbeit lernen wir neue Leute kennen, die wir in   unsere Arbeit einbinden.<\/p>\n<h5>  Was sind eure n&#228;chsten Ziele?<\/h5>\n<p>  Unser n&#228;chstes Ziel ist es, im Hinblick auf die anstehende nationale   Konferenz der PRC, kritischen Schichten innerhalb der PRC zu vereinen.   Ebenso denken wir, dass auch &#252;ber die Mitgliedschaft der PRC hinaus, die   Vernetzung mit anderen linken Kr&#228;ften gesucht werden muss und &#252;ber den   Aufbau einer klassenbewussten, antikapitalistischen Linken diskutiert   werden muss. In Italien ist eine politischer Wende bitter n&#246;tig, die   Linke muss sich organisieren, und in ihr eine neue Generation von   antikapitalistischen Aktivisten entwickeln. Es gilt die linken Kr&#228;fte zu   b&#252;ndeln und zusammenzuf&#252;hren. Als revolution&#228;re Marxisten und   Kommunisten k&#228;mpfen wir daf&#252;r, innerhalb und au&#223;erhalb der PRC.<\/p>\n<p>  <b><i>Weitere Infos unter: <a href=\"http:\/\/www.controcorrentesinistraprc.org\">www.controcorrentesinistraprc.org<\/a>   (italienisch)<\/i><\/b><\/p>\n<\/p>\n<p>  <i>Alessandro Leni hat Politikwissenschaften studiert und ist zur Zeit   arbeitssuchend. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Er war eine Legislaturperiode lang Stadtrat f&#252;r die PRC in Genua. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Mara Armellin ist Soziologin und arbeitet als prek&#228;r Besch&#228;ftigte in   Rahmen von sozio-kulturellen Projekten. In der PRC ist sie Mitglied des   politischen Komitees der F&#246;deration Treviso.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Linke Oppositionelle der italienischen Rifondazione Comunista (PRC) im<br \/>\n      Gespr&#228;ch\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[44],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12293"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12293"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12293\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}