{"id":12290,"date":"2007-09-07T00:00:00","date_gmt":"2007-09-06T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12290"},"modified":"2012-07-02T19:35:24","modified_gmt":"2012-07-02T17:35:24","slug":"12290","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/09\/12290\/","title":{"rendered":"Polen: Zeltstadt der k&#228;mpfenden Schwestern"},"content":{"rendered":"<p>  &#220;ber die j&#252;ngsten Streiks der Krankenschwestern in Polen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Polen war eines der ersten L&#228;nder des stalinistischen Ostblocks,   welches die kapitalistische Restauration zu sp&#252;ren bekam. Nun ist es das   Land in Osteuropa, in dem sich im Moment die meisten K&#228;mpfe entwickeln.   Dar&#252;ber liest man in der b&#252;rgerlichen Presse allerdings recht wenig. Wir   sprachen Anfang August mit Wojtek Orowiecki und Paul Newbery von der   Gruppe f&#252;r eine Arbeiterpartei (GPR), der polnischen Sektion des   Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale (CWI) &#252;ber neue Entwicklungen   in Polen und vor allem dem Streik der Krankenschwestern.<\/b><\/p>\n<h5>  Paul, Polen erlebte gerade den heftigsten Massenprotest der letzten   Jahre, den Streik der Krankenschwestern. Weshalb legten sie die Arbeit   nieder?<\/h5>\n<p>  Paul: Sie forderten eine 30-prozentige Lohnerh&#246;hung. Diese war ihnen   vorher schon einmal gew&#228;hrt worden, aber nur f&#252;r 12 Monate. Sie sollte   nun nicht mehr erneuert werden. Das sahen die Krankenschwestern anders.   Sie demonstrierten daher f&#252;r die Beibehaltung dieser Lohnerh&#246;hung in   Warschau. Au&#223;erdem forderten sie auch, dass die Ausgaben f&#252;r das   Gesundheitswesen von derzeit 3 Prozent des Bruttosozialproduktes auf 6   Prozent angehoben werden. 20.000 gingen auf die Stra&#223;e. Die   Krankenschwestern zogen vor den Sitz des Premierministers Kaczinski und   verlangten ein Treffen mit ihm. Kaczinski lie&#223; sich jedoch verleugnen.   Daraufhin beschlossen die Krankenschwestern auf ihn zu warten. Die   Demonstration wurde zur Blockade.<\/p>\n<p>  Wojtek: Schlie&#223;lich r&#228;umte die Polizei und versuchte mit aller Gewalt   die Krankenschwestern auf die andere Stra&#223;enseite zu treiben. Eine   Krankenschwester erlitt dabei eine Herzattacke.<\/p>\n<p>  Paul: Das f&#252;hrte dazu, das sp&#228;ter die Krankenschwestern sich jeden Tag   um 7:19 Uhr, dem Zeitpunkt der Attacke, versammelten und vor dem Sitz   des Premierministers einen gewaltigen Krach machten. Sie steckten dazu   M&#252;nzen in leere Plastikflaschen und machten damit immer eine halbe   Stunde einen ohrenbet&#228;ubenden L&#228;rm, was f&#252;r den Premierminister   nat&#252;rlich alles andere als angenehm war.<\/p>\n<p>  Wojtek: Das wurde aber erst dadurch m&#246;glich, dass am Tag nach dem   Angriff auf die Demonstration Abordnungen von Bergarbeitern und   Stahlarbeitern eintrafen und die Verteidigung der Demo &#252;bernahmen. Diese   Solidarit&#228;tsaktion hatte eine enorme Wirkung auf das Selbstvertrauen und   das Bewusstsein der Streikenden. Die Krankenschwestern errichteten   schlie&#223;lich zusammen mit den anderen eine richtige Zeltstadt mitten in   Warschau.<\/p>\n<h5>  Wie entwickelte sich der Protest dann weiter? Wie reagierte die   Bev&#246;lkerung Warschaus?<\/h5>\n<p>  Paul: Wie gesagt, eine richtige Zeltstadt wurde aufgebaut. F&#252;r vier   Wochen. Es gab ein gro&#223;es Zelt, wo die Versammlungen abgehalten wurden.   Es gab diese Massenversammlungen jeden Tag. Nat&#252;rlich wurde eine riesige   K&#252;che errichtet. Und es war wirklich eine Art Stadt in der Stadt. Jedes   Zelt hatte eine Adresse, man konnte sogar Briefe an die einzelnen Zelte   schicken. Die Krankenschwestern gaben t&#228;glich eine Zeitung heraus. Die   Warschauer zeigten ungeheuer gro&#223;e Solidarit&#228;t. Sie brachten Essen,   Schlafs&#228;cke, alles. Die Krankenschwestern erwiderten diese Solidarit&#228;t,   indem sie kostenlose medizinische Hilfe zur Verf&#252;gung stellten. Man   konnte sich den Blutzucker testen lassen oder ein EKG durchf&#252;hren   lassen. Die Leute, gerade die &#228;lteren, standen stundenlang an, um die   kostenlosen Untersuchungen zu bekommen. Ein paar Leuten haben diese   Untersuchungen auch das Leben gerettet. Ansonsten gab es auch eine Reihe   von Konzerten in der Zeltstadt. Viele ber&#252;hmte Musiker spielten ohne   Gage.<\/p>\n<p>  Wojtek: Die Universit&#228;t von Warschau organisierte Vorlesungen &#252;ber   alternative Ansichten, wie Kinder aufwachsen k&#246;nnten.<\/p>\n<p>  Paul: Auch Aktivistinnen aus der Frauenbewegung sprachen &#252;ber ihren   Kampf. Die ganze Stimmung &#228;nderte sich in Warschau. Sie ging sehr nach   links und symphatisierte mit den Arbeiterinnen und Arbeitern. Auch die   Frage des Generalstreiks wurde aufgeworfen.<\/p>\n<h5>  Wie verhielten sich die Gewerkschaften?<\/h5>\n<p>  Wojtek: Es ist traurig: die eigene Gewerkschaft der Krankenschwestern   hatte sie im Stich gelassen. Doch es gab eine Reihe von   Solidarit&#228;ts-Demonstrationen, die die k&#228;mpferische Gewerkschaft &quot;August   80&quot; organisierte. Auf jeder dieser Demos waren 700 bis 1000 Leute dabei,   vorwiegend Arbeiter und Arbeiterinnen. Zu einer gemeinsamen   Gewerkschaftsdemo kamen 4000.<\/p>\n<p>  Paul: &quot;August 80&quot; hat die anderen Gewerkschaften unter Druck gesetzt.   Kaczinski meinte zu den Protesten: &#8222;Das sind Gesetzesbrecher. Ich   weigere mich mit Kriminellen zu reden.&#8220; Aber in Umfragen unterst&#252;tzten   72 Prozent den Streik.<\/p>\n<h5>  Wie ist der nun der Stand? Gibt die Regierung nach?<\/h5>\n<p>  Paul: Ende August soll ein Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht   werden, dass die 30 Prozent Lohnerh&#246;hung dauerhaft sind. Das w&#228;re ein   Teilsieg. Es wird auf jeden Fall eine Streikpostenkette vor dem   Parlament geben. Und am 19. September gibt es eine zentrale   Gewerkschaftsdemo. Am letzten Tag der Zeltstadt wurde gesagt, dass die   Regierung uns noch an Orten treffen wird, die sie sich noch nicht einmal   vorstellen kann.<\/p>\n<p>  Wojtek: Es kann auch gut sein, dass dieser Arbeitskampf Auswirkungen auf   den Energie- und Stahlsektor haben wird.<\/p>\n<p>  Paul: Ich denke, alle, die in der Zeltstadt waren, wurden vom   Enthusiasmus angesteckt. Einen Engl&#228;nder, der nun Musik macht und in   Polen eine bekannte Band hat, erinnerte dieser Kampf an den   Bergarbeiterstreik in Gro&#223;britannien in den 80ern. Er erz&#228;hlte davon in   der Zeltstadt. Ich hatte mit ihm zusammen eine Jam-Session. Er meinte   danach, er w&#228;re vor zwei Monaten auf dem gr&#246;&#223;ten Musikfestival des   Landes in Gdynia gewesen, doch seinen Auftritt in der Zeltstadt fand er   viel besser. Dieses Erlebnis hat ihm viel Kraft und Inspiration gegeben,   dass er nun wohl ein neues Album in Angriff nimmt.<\/p>\n<h5>  Ihr hattet die Gewerkschaft &quot;August 80&quot; erw&#228;hnt. K&#246;nnt ihr etwas mehr   &#252;ber diese Gewerkschaft sagen?<\/h5>\n<p>  Wojtek: Sie wurde 1993 gegr&#252;ndet und war eine Abspaltung von   &quot;Solidarnocz 80&quot;, die sich wiederum von &quot;Solidarnocz&quot; abgespalten   hatten. Mit ihrem Namen bezieht sie sich auf Traditionen des August 1980   (dem Streik auf der Gdansker Leninwerft, Anmerkung d. A.). &quot;Solidarnocz   80&quot; wollte damals einen Streik von Autoarbeitern nicht unterst&#252;tzen. Das   war der Anlass f&#252;r die Trennung. &quot;August 80&quot; wurde dann die Speerspitze   der Bergarbeiter-Demonstrationen. In Katorwicze gab es 1994 einen der   l&#228;ngsten Streiks in Europa. Vor zwei Jahren begann &quot;August 80&quot; dann sehr   schnell auch andere Branchen zu organisieren, wie zum Beispiel den   Transportbereich. Sie engagierten sich erfolgreich gegen Privatisierung   und k&#228;mpften auch als einzige Gewerkschaft f&#252;r die Vertragsarbeiter. Es   gab auch eine Menge lokaler Streiks, die &quot;August 80&quot; organisierte.<\/p>\n<p>  Sie sind auch die Hauptkraft in den Arbeiter-Verteidigungs-Komitees. Ein   F&#252;hrer der Bergarbeiter wurde nach einem Streik entlassen und mit ihm   eine Reihe anderer. &quot;August 80&quot;, unsere Gruppe und weitere linke   Aktivisten gr&#252;ndeten darauf die Arbeiter-Verteidigungs-Komitees. Wir   waren erfolgreich und konnten die Wiedereinstellung erreichen. Nun gibt   es diese Komitees in mehreren Gebieten.<\/p>\n<h5>  In vielen L&#228;ndern Europas steht die Neugr&#252;ndung einer wirklichen neuen   Arbeiterpartei auf der Tagesordnung. Wie steht es in Polen damit?<\/h5>\n<p>  Wojtek: 2001 wurde aus &quot;August 80&quot; heraus eine eigene Partei gegr&#252;ndet,   die Polnische Arbeiterpartei. Sie waren am Anfang sehr klein. Sie   engagierte sich dann f&#252;r Menschenrechte und soziale Fragen. In den   Wahlen 2005 forderten sich zum Beispiel auch schwule und lesbische   Partnerschaften zu legalisieren. Das Zusammenf&#252;hren der sozialen Frage   mit den Menschenrechten hatte auch praktische Auswirkungen. Die   Bergarbeiter sch&#252;tzten Demonstrationen f&#252;r Frauenrechte und   unterst&#252;tzten auch die Schwulen- und Lesbenbewegung. Konkret hatte sich   zum Beispiel der Bergarbeiter-F&#252;hrer, der entlassen werden sollte, f&#252;r   die Frauenbewegung engagiert.<\/p>\n<h5>  Wie sind die Perspektiven f&#252;r die n&#228;chste Zeit?<\/h5>\n<p>  Paul:Im Moment gibt es jeden Tag eine neue Meldung dar&#252;ber, ob es zu   Neuwahlen kommt oder nicht (mittlerweile sind Neuwahlen gewiss, d.A.).   Die Kaczinski-Regierung ist schwach und wird von einer Krise nach der   anderen gesch&#252;ttelt.<\/p>\n<p>  Wojtek:Die Regierung trat mit dem Versprechen an, die Korruption zu   bek&#228;mpfen. Nun ist Lepper (einer der f&#252;hrenden K&#246;pfe der Regierung)   selber in einen Korruptionsskandal verwickelt.<\/p>\n<p>  Paul:Es k&#246;nnte im Herbst auch zu einem Bergarbeiterstreik kommen.<\/p>\n<h5>  Wie sch&#228;tzt ihr die Arbeit eurer Gruppe, der Gruppe f&#252;r eine   Arbeiterpartei (GPR) ein? Was konntet ihr als kleine Kraft erreichen?<\/h5>\n<p>  Wojtek:Wir haben durch unsere beharrliche Arbeit und unsere Vorschl&#228;ge   eine gro&#223;e Autorit&#228;t gewonnen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sehen uns   als Verb&#252;ndete und manchmal sogar als F&#252;hrung. Vor kurzem baten uns   Busfahrer, dass wir f&#252;r sie auf einer Demonstration sprechen. Das ist   ein gutes Zeichen. Wir hoffen daher, auch in anderen Regionen des Landes   unsere Kr&#228;fte aufbauen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<h5>  Vielen Dank f&#252;r dieses Interview und viel Erfolg in den anstehenden   K&#228;mpfen!<\/h5>\n<p>  <i>Das Interview f&#252;hrte Ingmar Meinecke (Leipzig).<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#220;ber die j&#252;ngsten Streiks der Krankenschwestern in Polen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12290"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12290"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12290\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}