{"id":12279,"date":"2007-09-10T00:32:56","date_gmt":"2007-09-10T00:32:56","guid":{"rendered":".\/?p=12279"},"modified":"2007-09-10T00:32:56","modified_gmt":"2007-09-10T00:32:56","slug":"12279","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/09\/12279\/","title":{"rendered":"Deutscher Militarismus: Auf dem Kriegspfad"},"content":{"rendered":"<p>  Vor 110 Jahren forderte Kaiser Wilhelm II. einen &#8222;Platz an der Sonne&#8220;.   Als Afrika damals von den Kolonialm&#228;chten aufgeteilt wurde, kam   Deutschland zu sp&#228;t. Es musste sich mit wenigen L&#228;ndern wie Namibia und   Togo begn&#252;gen. Nun hat ein neuer Wettstreit um Afrika eingesetzt und   Deutschland will nicht abseits stehen. Das Kongo-Aufgebot von 2006   bedeutet den gr&#246;&#223;ten Einsatz deutscher Soldaten auf dem afrikanischen   Kontinent seit der Kapitulation des Hitler-Korps 1943.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Das Establishment verkauft das Gr&#252;ndungsjahr der Bundeswehr 1955 als   Neuanfang. Dabei besteht sehr wohl eine Kontinuit&#228;t im deutschen   Militarismus. Bereits 1946 erkl&#228;rte der US-Au&#223;enminister J. F. Dulles in   der New York Herald Tribune, Deutschland sei &#8222;neben der Atombombe die   gr&#246;&#223;te politische Macht&#8220; gegen die Sowjetunion. Darum stellte der   US-Generalstab mehr als 200 Spitzenmilit&#228;rs der Wehrmacht von   Strafverfolgungen frei. Von 1947 an tagten Zirkel aus Nazi-Gener&#228;len und   westdeutschen Politikern, um die Re-Militarisierung vorzubereiten.<\/p>\n<p>  Jahrzehntelang mussten sich die deutschen Unternehmer milit&#228;risch   zur&#252;ckhalten. Seit der kapitalistischen Wiedervereinigung versuchen sie   aus dem Schatten, vor allem der USA, zu treten.<\/p>\n<p>  Damals wie heute kommt dem deutschen Milit&#228;r die Aufgabe zu, die   Interessen ihrer Konzernherren zu verfechten.<\/p>\n<h4>  Agenda 2010 und SkI 2010<\/h4>\n<p>  Im Januar 2004 &#8211; nachdem Gerhard Schr&#246;der seine Agenda 2010 vorgelegt   hatte &#8211; pr&#228;sentierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)   &#8222;SkI 2010 &#8211; Streitkr&#228;fte und Industrie&#8220;. Darin fordert der   Unternehmerverband eine &#8222;Transformation der Bundeswehr von einer   klassischen Verteidigungsarmee zur flexiblen Krisen-Interventionsarmee&#8220;,   Bundeswehreins&#228;tze im Inneren und die stetige Erh&#246;hung der   R&#252;stungsausgaben.<\/p>\n<p>  Die Gro&#223;e Koalition agiert auf Basis der beiden Programme 2010. W&#228;hrend   man Sozialausgaben senkt, wird der R&#252;stungsetat aufgestockt. 10.000   Bundeswehrsoldaten sind heute auf drei Kontinenten stationiert.<\/p>\n<p>  Die Herrschenden sehen sich l&#228;ngst noch nicht am Ziel. Darum werden f&#252;r   neue Waffensysteme in zehn Jahren 150 Milliarden ausgegeben. Darum mahnt   der SPIEGEL: &#8222;Wenn es ernst wird in der Welt, hat Berlin nichts zu   melden&#8220; (32\/2007).<\/p>\n<h4>  EU-Milit&#228;r<\/h4>\n<p>  Als die EU mit ihrem Verfassungs-Entwurf Gegenwind bekam, setzte sie die   EU-R&#252;stungsagentur vorab in Kraft. Diese soll alle R&#252;stungspl&#228;ne b&#252;ndeln   und die Mitgliedsstaaten bei der Umsetzung unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Der Milit&#228;rblock der EU (mit der EU-Armee, den &#8222;battlegroups&#8220; und dem   R&#252;stungsriesen EADS) ist f&#252;r die Kapitalistenklassen in Europa ein   Zweckb&#252;ndnis. Dass sie ebenfalls in Konkurrenz zueinander stehen, daran   erinnerten die j&#252;ngsten Streitigkeiten zwischen Frankreich und   Deutschland &#8211; ob um die Vorherrschaft beim EADS-Konzern oder um die   Verhandlungen mit Libyen. Als der franz&#246;sische Pr&#228;sident Sarkozy mit dem   libyschen Staatschef Gaddafi Vertr&#228;ge f&#252;r Waffenlieferungen und den Bau   eines AKW abschloss, protestierte Berlin lautstark. Was sie st&#246;rt, ist   nicht die Diktatur, sondern dass mit Frankreich ein direkter Konkurrent   bei den Gesch&#228;ften die Nase vorn hatte (wobei Siemens mitverdient, weil   das Gesch&#228;ft &#252;ber das Unternehmen Areva NP abgewickelt wird, an dem   Siemens mit 34 Prozent beteiligt ist).<\/p>\n<h4>  Merkels Griff nach Afrika<\/h4>\n<p>  Angela Merkel r&#252;ckte Afrika in den Mittelpunkt ihrer G8-Pr&#228;sidentschaft.   Bundespr&#228;sident K&#246;hler besucht den Kontinent j&#228;hrlich. Im August war   Au&#223;enminister Steinmeier dort, im Herbst will Merkel hin. Im Dezember   soll in Lissabon eine EU-Afrika-Strategie vorgestellt werden, die   Deutschland vorbereitet.<\/p>\n<p>  &#8222;Deutschland sieht mit Sorge, dass hier ein ganzer Kontinent mit 900   Millionen Menschen als Markt von China erschlossen wird&#8220;, so die   Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. August. China hat gerade   Gro&#223;britannien vom dritten Platz als Handelspartner verdr&#228;ngt (nur die   USA und Frankreich liegen noch vor China).<\/p>\n<p>  Aber die deutschen Industriellen sind nicht nur auf einen Absatzmarkt   aus. Den Fokus richten sie auf die Bodensch&#228;tze. Zw&#246;lf Prozent des   globalen Erd&#246;ls werden in Nigeria gef&#246;rdert. &#214;lfelder gibt es auch im   Sudan oder in Angola. Es ist kein Zufall, dass 780 Bundeswehrsoldaten   ausgerechnet im Kongo sind. Dort finden sich neben &#214;l gro&#223;e Vorkommen an   Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt und Coltan. Die FAZ betont, dass Afrika   Deutschlands &#8222;Nachbarkontinent&#8220; sei. Dank seiner fr&#252;heren Kolonien   bietet es sich f&#252;r den deutschen Imperialismus an, gerade hier Fu&#223;   fassen zu wollen. Der Wettlauf um Afrika hat erst begonnen. Die   Bundeswehr will dem deutschen Kapital helfen, sich wieder einen &#8222;Platz   an der Sonne&#8220; zu sichern.<\/p>\n<\/p>\n<h3>  Kein Verlass auf &#8222;humanit&#228;re Missionen&#8220;<\/h3>\n<h5>  Auch die Vereinten Nationen bieten keine L&#246;sung<\/h5>\n<p>  In der Antikriegsbewegung taucht immer wieder die Frage auf, ob   Blauhelm-Eins&#228;tze unter bestimmten Auflagen nicht eine Antwort auf Krieg   oder B&#252;rgerkrieg sein k&#246;nnten. Manche halten eine Beteiligung der   Bundeswehr bei &#8222;humanit&#228;ren Missionen&#8220;, im Gegensatz zu Kriegsmandaten,   f&#252;r begr&#252;&#223;enswert.<\/p>\n<p>  Die Partei DIE LINKE fordert den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan.   Weitergehende Beschl&#252;sse hat sie noch nicht gefasst. In der PDS gab es   wiederholt Kontroversen &#252;ber die Unterst&#252;tzung von UN-Kampfeins&#228;tzen.   R&#252;ckblende in das Jahr 2000: Auf dem Parteitag in M&#252;nster stimmten zwei   Drittel gegen Gregor Gysis Antrag, UN-Milit&#228;reins&#228;tze unter Umst&#228;nden   gut hei&#223;en zu k&#246;nnen. Trotzdem ver&#246;ffentlichte Lothar Bisky als PDS-Chef   2005 eine Presseerkl&#228;rung, in der verk&#252;ndete, dass seine Partei einen   Blauhelm-Einsatz im S&#252;d-Sudan nicht ablehnen w&#252;rde. Bei der Abstimmung   &#252;ber die Verl&#228;ngerung dieses Sudan-Einsatzes der Bundeswehr votierten   zwar 50 Abgeordnete der LNKEN mit Nein, 15 enthielten sich aber der   Stimme.<\/p>\n<h4>  UNO<\/h4>\n<p>  Wer vertritt Deutschland bei den Vereinten Nationen? Merkel. Wer   vertritt die USA? Bush. Diese werden bei den Generalversammlungen nicht   von dem abweichen, was sie sonst leitet &#8211; die Interessen der   Herrschenden.<\/p>\n<p>  Die UNO ist keine neutrale Institution. Sie ist der Zusammenschluss von   192 Staaten, die fast ohne Ausnahme den W&#252;nschen des Kapitals dienen.   Und die M&#228;chtigsten haben besonderes Gewicht. Die USA, Russland, China,   Frankreich und Gro&#223;britannien besitzen Vetorecht.<\/p>\n<p>  Die dominierenden Staaten sehen die UNO, wie Merkel es im Februar   formulierte, als einen Ort, &#8222;an dem die Legitimation f&#252;r globale   Verantwortung geschaffen werden kann&#8220;. Tanzt die UNO nicht nach der   Pfeife der USA und anderer Gro&#223;m&#228;chte, setzen sich diese &#252;ber die UNO   hinweg. Der Irak-Krieg 1991 lief mit dem Segen der UNO, der Angriff 2003   fand ohne UN-Billigung statt.<\/p>\n<h4>  Hilfsma&#223;nahmen?<\/h4>\n<p>  Kameraschwenk USA: Zwei Jahre nach dem Wirbelsturm Katrina sind in New   Orleans weiterhin Zehntausende ohne Job und ein Zuhause. Und das im   reichsten Land der Welt, das sich seine Waffen j&#228;hrlich &#252;ber 500   Milliarden Dollar kosten l&#228;sst. Wenn die Herrschenden nicht mal in ihrem   eigenen Land f&#252;r umfassende Hilfsma&#223;nahmen sorgen, wieviel weniger ist   dann bei internationalen &#8222;Rettungsaktionen&#8220; zu erwarten. Nat&#252;rlich   braucht es aus Sicht des Kapitals nach Zerst&#246;rungen die   Wiederherstellung von Infrastruktur, Arbeitskr&#228;ften, Betrieben &#8211; um   Handel treiben zu k&#246;nnen. Bei Auslandseins&#228;tzen &#8211; egal, welche Farben   die Uniformen tragen &#8211; sind die beteiligten kapitalistischen L&#228;nder   vorrangig darauf aus, wirtschaftliche Auftr&#228;ge abzuschlie&#223;en und sich   Unternehmen oder Bodensch&#228;tze unter den Nagel zu rei&#223;en.<\/p>\n<p>  Kameraschwenk Afghanistan: Seit der Bombardierung vor sechs Jahren haben   die Invasionkr&#228;fte dort f&#252;r milit&#228;rische Zwecke 85 Milliarden Dollar,   f&#252;r Entwicklung aber nur 7,5 Milliarden aufgebracht. Bildung und   Gesundheit haben keine Priorit&#228;t. Daf&#252;r baut die Bundeswehr afghanische   Polizei- und Milit&#228;rverb&#228;nde auf &#8211; zum Schutz deutscher Einflussbereiche   und zum Schutz deutscher Gesch&#228;fte.<\/p>\n<\/p>\n<h3>  UNO-Truppen im Sudan<\/h3>\n<p>  Ende Juli beschloss der UN-Sicherheitsrat die Entsendung von bis zu   26.000 Soldaten und Polizisten in die westsudanesische Provinz Darfur.   Bislang sind dort 7.000 Soldaten der Afrikanischen Union (AU) mit   UN-Mandat stationiert. Monika Knoche begr&#252;&#223;te den j&#252;ngsten Beschluss.   Monika Knoche ist die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im   Bundestag.<\/p>\n<p>  Die bewaffneten K&#228;mpfe zwischen dem Regime und seinen &#8222;arabischen   Reitermilizen&#8220; auf der einen und den Rebellengruppen in Darfur auf der   anderen Seite f&#252;hrten in den letzten drei Jahren zu Hunderttausenden von   Todesopfern und zwei Millionen Fl&#252;chtlingen. Hintergrund ist das   Aufbegehren in Darfur gegen die jahrzehntelange Unterdr&#252;ckung durch die   Zentralregierung, aber auch die Machtk&#228;mpfe in der Provinz. Das ist ein   Erbe der Teile-und-Herrsche-Politik des britischen Imperialismus, von   dem der Sudan erst 1956 unabh&#228;ngig wurde. Die Kolonialherren st&#252;tzten   sich vor allem auf die AraberInnen im Zentrum des Landes. Die   Bev&#246;lkerung im S&#252;den (wo zwischen 1983 und 2004 ein B&#252;rgerkrieg tobte)   f&#252;hlte sich benachteiligt. Gleiches gilt f&#252;r mehrere afrikanische   Ethnien in Darfur, die Ackerbauern sind &#8211; w&#228;hrend viele AraberInnen zu   den Nomaden geh&#246;ren.<\/p>\n<p>  Wenn die USA, Frankreich und andere nun auf die milit&#228;rische Karte   setzen, dann nicht aus humanit&#228;ren Gr&#252;nden. Vielmehr sind ihre Blicke   auf die &#214;lvorkommen im Sudan gerichtet. Die franz&#246;sische Total Fina Elf   hat Rechte an &#214;lfeldern erworben. ChevronTexacco bem&#252;ht sich seit Jahren   mitzumischen. ThyssenKrupp und Siemens bauen Transportwege. Der Westen   will China, das derzeit 60 Prozent des sudanesischen &#214;ls importiert,   seine Stellung streitig machen. Zudem f&#252;rchtet er eine Destabilisierung   der gesamten Region, die zwischen Afrika und dem Nahen Osten liegt. Der   westliche Sudan-Nachbar Tschad (auch von einem bewaffneten Konflikt   ersch&#252;ttert) ist ebenfalls ein &#214;lstaat. Hier hat Frankreich als   ehemalige Kolonialmacht eine starke Position erlangt.<\/p>\n<p>  Die imperialistischen Kr&#228;fte, die sich fr&#252;her Afrika unterworfen hatten,   sind verantwortlich f&#252;r die heutige Armut, aber auch f&#252;r die Zuspitzung   ethnischer und religi&#246;ser Konflikte. An die Adresse von Knoche, Gysi und   Bisky gerichtet, sei gesagt: Mit den Armeen des Imperialismus ist kein   Frieden zu machen &#8211; weder in Darfur, noch in Afghanistan oder anderswo.<\/p>\n<p>  <i> <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Aron Amm ist Mitglied der SAV-Bundesleitung<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Vor 110 Jahren forderte Kaiser Wilhelm II. einen &#8222;Platz an der Sonne&#8220;.<br \/>\n      Als Afrika damals von den Kolonialm&#228;chten aufgeteilt wurde, kam<br \/>\n      Deutschland zu sp&#228;t. Es musste sich mit wenigen L&#228;ndern wie Namibia und<br \/>\n      Togo begn&#252;gen. Nun hat ein neuer Wettstreit um Afrika eingesetzt und<br \/>\n      Deutschland will nicht abseits stehen. Das Kongo-Aufgebot von 2006<br \/>\n      bedeutet den gr&#246;&#223;ten Einsatz deutscher Soldaten auf dem afrikanischen<br \/>\n      Kontinent seit der Kapitulation des Hitler-Korps 1943.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[64],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12279"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12279"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12279\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}