{"id":12266,"date":"2007-08-23T00:39:56","date_gmt":"2007-08-23T00:39:56","guid":{"rendered":".\/?p=12266"},"modified":"2007-08-23T00:39:56","modified_gmt":"2007-08-23T00:39:56","slug":"12266","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/08\/12266\/","title":{"rendered":"Venezuela: RCTV und die Frage der Medien"},"content":{"rendered":"<p>  Die Entscheidung der venezolanischen Regierung von Hugo Ch&#225;vez, dem   oppositionellen Fernsehsender Radio Caracas Television (RCTV) im Mai die   Sendelizenz zu entziehen, wurde Gegenstand der Kritik der Weltpresse und   ein Brennpunkt der Kritik der Oppositionsparteien gegen die   Ch&#225;vez-Regierung.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Karl Debbaut, CWI London, Dienstag, 20 Juli 2007<\/i><\/p>\n<p>  Der US-Senat verabschiedete eine Erkl&#228;rung, ebenso wie das Europ&#228;ische   Parlament und die damalige deutsche EU-Pr&#228;sidentschaft. In ganz   Lateinamerika haben rechte und manche linken Regierungen zusammen mit   Presse und Medien die RCTV-Frage als weiteres Beispiel genutzt, um zu   zeigen, dass Venezuela unter Hugo Ch&#225;vez ein &#8222;autorit&#228;res Regime&#8220; werde.<\/p>\n<p>  Die Nichterneuerung der RCTV-Lizenz wurde der Gegenstand weltweiter   Debatte. Frage der Pressefreiheit, der Zug&#228;nglichkeit der Medien und der   Demokratie sind wichtige Themen f&#252;r die Arbeiterbewegung und f&#252;r   revolution&#228;re SozialistInnen. Die Aktion der Ch&#225;vez-Regierung rief viel   Unterst&#252;tzung unter den Linken in Venezuela und international hervor.   Besonders international wird das als Schlag gegen einen schlimmen   reaktion&#228;ren Sender gesehen. Alle SozialistInnen k&#246;nnen mit diesem   Gef&#252;hl sympathisieren, weil RCTV den von den USA 2002 unterst&#252;tzten   Putsch gegen Ch&#225;vez f&#246;rderte und aktiv mit ihm zusammenarbeitete und an   anderen Versuchen beteiligt war, die demokratisch gew&#228;hlte Regierung zu   st&#252;rzen.<\/p>\n<p>  Grunds&#228;tzlich betrachtet gibt es auch die Heuchelei der Vertreter des   Imperialismus, die behaupten, f&#252;r Demokratie und Pressefreiheit zu   sprechen. Dies geschieht, obwohl die Gro&#223;konzerne niemals zuvor solche   Macht hatten, wirkliche Debatten und Diskussionen zu ersticken und die   Medien als ihre Sprachrohr zu verwenden. Die Entscheidung der   Ch&#225;vez-Regierung, die Sendelizenz von RCTV nicht zu verl&#228;ngern, wurde   von verschiedenen Linken wie Tariq Ali und Tony Benn unterst&#252;tzt. Das   CWI tritt daf&#252;r ein, dass die Medienimperien, die gegenw&#228;rtig von den   Gro&#223;konzernen betrieben werden, in &#246;ffentliches Eigentum &#252;bernommen und   unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterbewegung gestellt werden.   Auf der Grundlage von Arbeiterkontrolle und demokratischer Verteilung   der Medienressourcen und -berichterstattung k&#246;nnte der &#252;berw&#228;ltigenden   Mehrheit der Bev&#246;lkerung Zugang zu den Medien garantiert werden.<\/p>\n<p>  Dieser Artikel untersucht, ob Ch&#225;vez&quot; Ma&#223;nahmen ein Schritt in die   Richtung der &#214;ffnung der Medien f&#252;r demokratische Massenbeteiligung   sind, und untersucht die Gefahren, die sich durch die Gegenoffensive der   venezolanischen rechten Opposition und ihrer Unterst&#252;tzer international   stellen.<\/p>\n<p>  Die Themen Demokratie, Pressefreiheit, Meinungs- und Ausdrucksfreiheit   sind in der heutigen Welt von solcher Bedeutung, dass sie eine   umfassendere Herangehensweise erfordern, besonders in revolution&#228;ren   oder halbrevolution&#228;ren Situtionen. Die Gegner des Ch&#225;vez-Regimes   suchten nach einer Handhabe, ihre Kampagne gegen Ch&#225;vez zu st&#228;rken und   den Wiederaufbau ihrer Basis in der Gesellschaft zu beginnen. Die   Anti-Ch&#225;vez-Opposition in Venezuela und die Vertreter des Imperialismus   st&#252;rzten sich auf die Entscheidung von Ch&#225;vez, RCTV f&#252;nf Jahre nach dem   Putsch die Lizenz zu entziehen, weil dies potenziell ein Thema ist, das   sie zum Untergraben der Unterst&#252;tzung der Bolivarianischen Regierung zu   benutzen hoffen.<\/p>\n<h4>  Portugal<\/h4>\n<p>  Es ist nicht das erste Mal in der Revolutionsgeschichte, dass die   Vertreter der Reaktion &#8222;demokratische Fragen&quot; nutzen, um eine   revolution&#228;re Lage einzud&#228;mmen oder zum Entgleisen zu bringen. In   Portugal wurde 1975 in einer viel g&#252;nstigeren und entwickelteren   revolution&#228;ren Lage eine internationale Kampagne von der Portugiesischen   Sozialistischen Partei im Bunde mit ihrem westdeutschen Gegenst&#252;ck gegen   die Besetzung der PS-freundlichen Zeitung Rep&#250;blica organisiert. Die   Ereignisse in Portugal enthalten wichtige Lehren f&#252;r die   Arbeiterbewegung und Jugend in Venezuela.<\/p>\n<p>  In Portugal besetzten 1975 w&#228;hrend der Regierung von Gon&#231;alves von der   MFA (Bewegung der Streitkr&#228;fte) Druck- und ProduktionsarbeiterInnen das   B&#252;ro von Rep&#250;blica, eine Zeitung die die Partido Socialista (PS, die   sozialdemokratische Partei) unterst&#252;tze. Die MFA organisierte 1974 einen   popul&#228;ren Putsch und st&#252;rzte die am l&#228;ngsten dauernde Diktatur der Welt   von Marcello Caetano, der 1968 den Diktator Antonio Salazar abl&#246;ste. Der   Sturz der Diktatur durch Offiziere mittleren Ranges entfesselte eine   m&#228;chtige revolution&#228;re Bewegung der portugiesischen Arbeiterklasse.   Politische Parteien, die w&#228;hrend der Diktatur eine gef&#228;hrdete Existenz   im Untergrund gef&#252;hrt hatten, wurden &#252;ber Nacht Massenkr&#228;fte. Das galt   insbesondere f&#252;r die Portugiesische Kommunistische Partei (PCP), die   gest&#252;tzt auf ihre Untergrundarbeit in den Gewerkschaften einen kleinen   Apparat aufrechterhalten hatte.<\/p>\n<p>  Die PS war die sozialdemokratische Partei unter der F&#252;hrung von Mario   Soares. Sie erlebte auch ein schnelles Wachstum. Anf&#228;nglich schwenkte   sie unter dem Druck der Massen nach links. Sie beanspruchte, eine   marxistische Partei zu sein und die Ideen der sozialistischen Revolution   und der Verstaatlichung der Schl&#252;sselbereiche der Wirtschaft zu   verteidigen. Aber durch die Mobilisierung zu &#8222;demokratischen&#8220; Themen wie   der Kampagne zur Verteidigung von Rep&#250;blica stabilisierte sie ihre Basis   und begann, sich entschlossen nach rechts zu bewegen. Sie wurde bald als   die einzige Kraft erkannt, die in der Lage war Portugal f&#252;r den   Kapitalismus zu retten, und wurde das Hauptwerkzeug der Konterrevolution.<\/p>\n<p>  Die Fr&#252;hgeschichte der portugiesischen Revolution vom Sturz der Diktatur   durch die MFA am 25. April 1974 brachte Putsche und Gegenputsche,   Demonstrationen und Gegendemonstrationen, Landbesetzungen,   Fabrikbesetzungen und Verstaatlichungen.<\/p>\n<p>  Die Portugiesische Kommunistische Partei und die linke MFA-Regierung von   Gon&#231;alves unterst&#252;tzten die Besetzung von Rep&#250;blica. Dies geschah zu   einer entscheidenden Zeit f&#252;r die portugiesische Revolution. Die linken   MFA-F&#252;hrer, die unter der Gon&#231;alves-Regierung 1975 im Vordergrund   standen, versuchten, die Macht in ihren H&#228;nden zu konzentrieren und   Schritte zu ergreifen, was sie als den Beginn des Aufbaus einer   &#8222;sozialistischen&#8220; Gesellschaft von oben sahen. Die Portugiesische   Kommunistische Partei unterst&#252;tzte die linke MFA-Regierung von au&#223;en und   nutzte ihren Einfluss auf die organisierte Industriearbeiterklasse zur   Festigung ihrer Macht auf der Grundlage von administrativen Man&#246;vern und   b&#252;rokratischen Ma&#223;nahmen. Sie schaffte es vor&#252;bergehend, Teile des   Staatsapparats zu kontrollieren, dr&#228;ngte auf die &#220;bernahme der Kontrolle   &#252;ber Gemeinder&#228;te und hatte einen vorherrschenden Einfluss auf die   Presse. Zur Zeit der Besetzung der B&#252;ros von Rep&#250;blica war die Mehrheit   der Tageszeitungen in &#246;ffentliches Eigentum &#252;berf&#252;hrt worden. Dies war   eine Folge der Verstaatlichung der Banken nach dem erfolglosen rechten   Putsch vom 11. M&#228;rz 1975. Die PCP machte keine Versuche, ein   demokratisches System der Einsetzung demokratischer Redaktionen   einzuf&#252;hren. Sie nutzte die Besetzung von Rep&#250;blica, um die einzige   Tageszeitung unter ihre Kontrolle zu bringen, die noch nicht von ihr   beherrscht war.<\/p>\n<p>  Dieses ganze Thema wurde von der Portugiesischen Sozialistischen Partei   (international koordiniert von ihrer westdeutschen Schwesterpartei SPD)   benutzt, um eine nationale und internationale Kampagne gegen die linken   MFA-F&#252;hrer und die PCP anzustimmen. Sie st&#252;tzte sich auf die &#196;ngste,   dass die linke MFA-Regierung im B&#252;ndnis mit der PCP schlie&#223;lich eine   Milit&#228;rdiktatur errichten und die Macht in ihren eigenen H&#228;nden   konzentrieren w&#252;rde. Sie nutzte ebenfalls die &#196;ngste der Mittelschicht,   der Bauernschaft und des l&#228;ndlichen Kleinb&#252;rgertums vor der Einf&#252;hrung   eines Einparteienregime nach dem Modell der stalinistischen Regime von   Osteuropa und der Sowjetunion durch die PCP aus. Die PS-gef&#252;hrte   Kampagne war ein Wendepunkt in der portugiesischen Revolution, denn sie   stellt den Punkt dar, wo die PS eine starke Basis festigte, die sie   sp&#228;ter nutzte, um Portugal f&#252;r den Kapitalismus zu retten.<\/p>\n<p>  Diese Ereignisse in Portugal zeigen wichtige Lehren, die sich die   ArbeiterInnen in Venezuela zunutze machen m&#252;ssen und die zeigen, wie   sich die Konterrevolution noch den Sieg sichern kann, indem sie zu   diesen Themen mobilisiert, selbst wenn sie sich am Rande der Niederlage   befindet.<\/p>\n<p>  Bis jetzt konnte Ch&#225;vez auf der Welle des hohen Weltmarktpreises f&#252;r &#214;l   reiten, um seine armenfreundlichen Reformen zu finanzieren. Eine   &#196;nderung im &#214;lpreis, ein allgemeiner Abschwung oder eine Rezession in   der Weltwirtschaft k&#246;nnten tief greifende Folgen f&#252;r die   Ch&#225;vez-Regierung und die Zukunft des revolution&#228;ren Prozesses in   Venezuela haben. Weil es keinen Bruch mit dem Kapitalismus gegeben hat,   die entscheidenden Sektoren der Wirtschaft nicht verstaatlicht wurden   und die herrschenden Klasse wirtschaftlich und politisch nicht   entwaffnet wurde, k&#246;nnte die rechte Opposition gegen Ch&#225;vez durch eine   sich verschlechternde soziale Lage provozierte soziale Bewegungen   nutzen, um ihre Basis zu st&#228;rken und einen weiteren Versuch der   Konterrevolution vorzubereiten.<\/p>\n<h4>  Die hohe Schule der Heuchelei des Imperialismus<\/h4>\n<p>  Nat&#252;rlich ist die Aufregung in Washington, London, Berlin und Br&#252;ssel   &#252;ber die Nichterneuerung der RCTV-Lizenz der Gipfel der Heuchelei.   Grunds&#228;tzlich waren die Medien nie so undemokratisch und wenig   repr&#228;sentativ wie heute. Die Menschen haben ihnen auch nie so sehr   misstraut. Das trifft nicht zuf&#228;llig mit der fast absoluten Kontrolle   von weltweiten Medienkonzernen &#252;ber die Massenmedien zusammen, die den   Geboten der Reichen und M&#228;chtigen folgen, Berichte &#252;ber Arbeiter- oder   andere K&#228;mpfe unterdr&#252;cken und verzerren. Laut Studien waren 1945 mehr   als 80 Prozent der US-Medien unabh&#228;ngig. Heute geh&#246;ren mehr als 80   Prozent der US-Medien nur 23 Konzernen. Diese Medienkonzerne dienen   zunehmend als die &#8222;Gedankenpolizei&#8220; des Kapitalismus. Sie entscheiden in   gro&#223;em Ausma&#223;, was eine Nachricht ist, wie sie berichtet wird und was   wir &#252;ber sie denken sollen.<\/p>\n<p>  Time Warner, der gr&#246;&#223;te Medienkonzern der Welt, hat ein Verm&#246;gen, das   gr&#246;&#223;er ist als das Bruttoinlandsprodukt von Bolivien, Jordanien,   Nicaragua, Albanien, Liberia und Mali zusammen. Konzerne wie Time Warner   und Rupert Murdochs News Corporation wurden wichtige Faktoren, mit denen   Politiker rechnen m&#252;ssen, wenn sie eine &#8218;demokratische&quot; Wahl gewinnen   wollen. Um ein Beispiel zu geben: Es war f&#252;r Tony Blair wichtiger   Murdoch, den Eigent&#252;mer unter anderem der britischen Boulevardzeitung   &#8222;The Sun&#8221; zu &#252;berzeugen, dass er ein sicherer Kandidat sei, um England   im Interesse der herrschenden Klasse zu regieren, als die Mehrheit der   Arbeiterklasse von seiner Politik zu &#252;berzeugen.<\/p>\n<p>  Die Beziehung ist wechselseitig. Die Resolution des US-Senats, die die   venezolanische Regierung wegen Angriffs auf die Pressefreiheit   verurteilte, verga&#223; passender Weise die L&#252;cken der Berichterstattung in   ihren eigenen Medien zu erw&#228;hnen; so hat die Bush-Regierung die Medien   daran gehindert, die Ankunft von Leichens&#228;cken und S&#228;rgen mit toten   Soldaten zu zeigen, die aus dem Irak &#8222;heimkommen&#8220;.<\/p>\n<h4>  Was passierte mit RCTV?<\/h4>\n<p>  In Venezuela sind 95% aller Medien (Fernsehen, Radio, und Zeitungen) in   Privateigentum. Sie sind in den H&#228;nden der superreichen Minderheit, die   in Ruhe gelassen wurde und auf der Grundlage des &#214;lbooms reicher   geworden ist, obwohl die Ch&#225;vez-Regierung seit acht Jahren im Amt ist.<\/p>\n<p>  Die Opposition gegen Ch&#225;vez kommt von dieser Elite zur Zeit nicht, weil   sie sich vom Pr&#228;sidenten und seinem &#8222;Sozialismus des 21. Jahrhunderts&#8220;   direkt bedroht f&#252;hlen. Die Opposition gegen Ch&#225;vez gibt es wegen der   M&#246;glichkeit, dass die Arbeiterklasse und Armen selber Politik machen und   die armenfreundlichen Reformen der Ch&#225;vez-Regierung nutzen, um den Weg   bis zum Ende zu gehen und die zu enteignen, die durch die Organisierung   der Ausbeutung der Massen erstaunliche Verm&#246;gen ansammeln. Sie warten   nur auf den passenden Zeitpunkt, um die Regierung zu st&#252;rzen und die   Massen in v&#246;llige Unterwerfung zur&#252;ck zu sto&#223;en.<\/p>\n<p>  Der April 2002 schien ein g&#252;nstiger Zeitpunkt zu sein, um das zu   versuchen. Der kurzlebige Putsch bekam die Unterst&#252;tzung der   &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der privaten Medien. RCTV stand in der ersten   Reihe mit manipulierten Berichten, wonach Ch&#225;vez unterst&#252;tzende   DemonstrantInnen auf Oppositionsunterst&#252;tzerInnen schie&#223;en w&#252;rden. Sie   versuchten Millionen Menschen etwas als Wahrheit zu verkaufen, das nie   geschehen war &#8230; als dann die Massen und der Ch&#225;vez unterst&#252;tzende Fl&#252;gel   der Armee den Pr&#228;sidenten zur&#252;ckbrachte, sendete RCTV die Meldung nicht   und versuchte, Millionen Menschen im Dunkeln zu lassen, als in   Wirklichkeit der Putsch besiegt war.<\/p>\n<p>  Dies wurde nie in Frage gestellt. Die Eigent&#252;mer von RCTV waren auch an   der Aussperrung und Sabotage der Wirtschaft durch die Arbeitgeber 2002   und 2003 beteiligt. Dies war ein weiterer Versuch, die Regierung zu   st&#252;rzen. Schlie&#223;lich machten bei dem Abwahl-Referendum 2004 alle   Oppositionskan&#228;le eine harte Kampagne gegen den gew&#228;hlten Pr&#228;sidenten.<\/p>\n<h4>  Timing?<\/h4>\n<p>  Warum hat Ch&#225;vez die Entscheidung, RCTV die Lizenz zu entziehen, jetzt   getroffen?<\/p>\n<p>  Er h&#228;tte das nach dem niedergeschlagenen Putsch 2002, nach der besiegten   Aussperrung durch die Bosse 2003 oder auch nach dem besiegten   Abwahl-Referendum 2004 machen k&#246;nnen. Aber leider war seine Reaktion   damals, einen Kompromiss zu suchen, zu nationaler Einheit aufzurufen und   die Vertreter der herrschenden Klasse einzuladen, an Bord zu kommen. Um   den damaligen Innenminister, Vicente Rangel, zu zitieren: &#8222;Nehmen Sie   institutionelle politische Positionen ein&#8220;. Im Juni 2004 stimmte Ch&#225;vez   einem medialen Waffenstillstand mit dem anderen f&#252;hrenden   Oppositionskanal Venevision zu. Diese Abkommen wurde von dem fr&#252;heren   US-Pr&#228;sidenten Jimmy Carter vermittelt. Laut Berichten stimmte der   Eigent&#252;mer des Senders, Gustavo Cisneros (ein kubanisch-venezolanischer   Medienmogul, der einer der reichsten M&#228;nner der Welt ist und etwa 70   Medien in 39 L&#228;ndern kontrolliert) zu, seine Anti-Ch&#225;vez-Propaganda zu   d&#228;mpfen als Gegenleistung f&#252;r Ch&#225;vez&#8217; Hilfe, Cisneros bei Brasiliens   Pr&#228;sident Lula einzuf&#252;hren. In der Tat wurden die Sendungen von   Venevision weniger anti-chavistisch.<\/p>\n<p>  Timing ist in der Politik wichtig und in einem revolution&#228;ren Prozess   entscheidend. Wenn Ch&#225;vez entschlossen gegen die Interessen der   Medienzaren vorgegangen w&#228;re, die den Putsch unterst&#252;tzten und zugleich   Ma&#223;nahmen zur demokratischen Organisierung der Medien eingef&#252;hrt h&#228;tte,   h&#228;tten Millionen Menschen das verstanden und sich beteiligt. Direkt nach   dem Putsch, w&#228;hrend der Aussperrung durch die Arbeitgeber und im Vorfeld   des Abwahlreferendums 2004 waren Zeitpunkte der Massenbeteiligung am   venezolanischen revolution&#228;ren Prozess.<\/p>\n<p>  Revolution&#228;re SozialistInnen unterst&#252;tzen die Verstaatlichung der   Ressourcen (Papier, Druckereien, Fernsehsender, Computerhersteller,   Kabelanbieter) und die demokratische Umverteilung dieser Ressourcen.   Wenn die Medien demokratisch organisiert sind, k&#246;nnen politischen   Parteien, Pressure Groups und B&#252;rgerinitiativen Ressourcen und Zugang zu   Fernsehen, Radio etc. gem&#228;&#223; ihrer Unterst&#252;tzung in der Gesellschaft   zugeteilt werden (auf der Grundlage ihrer Mitgliedschaft, ihres   Einflusses, ihrer Stimmergebnissen bei Wahlen etc.). Die   Arbeiterbewegung mit ihren Gewerkschaften und Parteien w&#252;rde die   Massenbeteiligung in diesem Prozess durch demokratisch gew&#228;hlte Komitees   organisieren. Bei einer Organisierung entlang dieser Linien g&#228;be es   echten und freien demokratischen Zugang zu den Medien f&#252;r alle Meinungen   und Ideen, einschlie&#223;lich von Minderheitsmeinungen in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>  Unter einer Arbeiterregierung w&#252;rden die Medien nicht allein von   politischen Parteien, Gewerkschaften und B&#252;rgerinitiativen genutzt und   keine Unterhaltung und Kultur ver&#246;ffentlicht. Im Gegenteil g&#228;be es eine   Bl&#252;te von Unterhaltung und Kultur unter Einschluss aller k&#252;nstlerischen   Talente, die gegenw&#228;rtig in einer Medienlandschaft ausgeschlossen sind,   die von Gro&#223;konzernen und Hollywood dominiert ist.<\/p>\n<p>  Die Medien w&#252;rden nicht funktionieren wie die Teleschirme in George   Orwells &#8222;1984&#8220;, die die ganze Zeit dieselbe regierungsunterst&#252;tzte   Botschaft wiederholen. Eine Arbeiterregierung w&#252;rde die Massenmedien   einschlie&#223;lich des Internets nutzen, um die Masse der Bev&#246;lkerung an   einer weit reichenden Debatte dar&#252;ber zu beteiligen, wie die   Gesellschaft organisiert werden muss und wie die Probleme gel&#246;st werden   k&#246;nnen. Minderheitsmeinungen sollte Zeit und Sendeplatz garantiert   werden. Die Sehnsucht nach echter Meinungs- und Ausdrucksfreiheit ist   heute so gro&#223;, dass alles andere eine Verletzung dieses Rechts w&#228;re und   die Menschen vom Aufbau einer neuen Gesellschaft entfremden, statt sie   daran beteiligen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Die Schaffung von wirklich offenen und demokratischen Medien kann nicht   von der Hauptaufgabe getrennt werden, vor der die Arbeiterklasse steht.   Dies ist die Schaffung einer verstaatlichten Wirtschaft unter der   demokratischen Kontrolle und Verwaltung der Arbeiterklasse, und ein   echtes System von Arbeiterdemokratie. Dies sollte Teil eines   ausgearbeiteten landesweiten Plans zur vollen Entwicklung und Verwendung   der Produktivkr&#228;fte mit dem Ziel der Befriedigung der Bed&#252;rfnisse der   Bev&#246;lkerung sein.<\/p>\n<p>  Bedauerlicherweise ist das nicht das, was die Ch&#225;vez-Regierung gemacht   oder als Programm f&#252;r die Zukunft aufgestellt hat. Statt die Beteiligung   der Arbeiterklasse und der Massen bei der &#220;bernahme der Gesellschaft aus   dem W&#252;rgegriff der venezolanischen herrschenden Klasse und des   Imperialismus zu organisieren und anzuregen, haben Ch&#225;vez und seine   Regierung sie mehr als eine Hilfskraft gesehen, die bei Bedarf   mobilisiert wird. Statt sich auf die aktive Teilnahme der Massen zu   st&#252;tzen, &#252;bernahmen Ch&#225;vez und seine Regierung eine Herangehensweise von   oben.<\/p>\n<p>  Diese Herangehensweise spiegelte sich in der Ank&#252;ndigung wider, dass die   Sendelizenz von RCTV nicht erneuert werde. Mit dieser Entscheidung sind   die popul&#228;rsten Gameshows und Telenovelas von den Bildschirmen in den   Arbeiter- und Armenvierteln verschwunden und k&#246;nnen nur von denen   gesehen werden, die sich Kabel-, Satelliten- oder Internetverbindungen   leisten k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Die Regierung hat die Lizenz einem neuen Sender namens Tves (Soziales   Fernsehen Venezuela) gegeben, der weithin als regierungsfreundlicher   Sender gesehen werden wird. Dies wurde von der ch&#225;vezfeindlichen   Opposition genutzt, um ihre Kr&#228;fte zu sammeln und eine Machtprobe mit   der Regierung zu organisieren. Nach Wochen von Demonstrationen im   Vorfeld der Beendigung der Sendelizenz machte die Ch&#225;vez-Regierung ernst   und nahm RCTV aus dem &#196;ther. Angesichts mehrerer Meinungsumfragen, in   denen 70 Prozent der VenezolanerInnen nicht wollten, dass RCTV   abgeschaltet w&#252;rde, hat Ch&#225;vez ein Eigentor geschossen, indem er eine   Ma&#223;nahme durch dr&#252;ckte, die in diesem Stadium keineswegs entscheidend   f&#252;r die Fortsetzung des revolution&#228;ren Prozesses in Venezuela war. Wenn   man bedenkt, dass RCTV weiterhin &#252;ber Kabel und Satellit senden kann,   scheint die Wirksamkeit der Ma&#223;nahme noch mehr zweifelhaft zu sein.<\/p>\n<p>  Es ist kein Zufall, dass die imperialistischen M&#228;chte und die   venezolanische Opposition zu diesem Zeitpunkt in der Lage sind, eine   internationale Kampagne gegen die Nichterneuerung der RCTV-Lizenz   loszutreten. Es gibt zwar immer noch Mehrheitsunterst&#252;tzung f&#252;r die   Ch&#225;vez-Regierung, aber die Opposition hatte ein Comeback. Dies zeigte   sich bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen mit einem relativ guten Ergebnis f&#252;r   Manuel Rosales, dem Oppositionskandidaten. Es gibt auch sich langsam   aufstauende Wut &#252;ber die B&#252;rokratisierung des Landes, die Korruption der   Politiker und Funktion&#228;re und das Fehlen von grundlegendem Wandel in dem   Leben vieler einfacher Menschen. Der &#214;lboom und die scheinbar   unbegrenzten Geldbetr&#228;ge, die ausgegeben werden k&#246;nnen, verlangsamen   momentan das Ticken dieser potenziellen Zeitbombe. Leider ist der Entzug   der Lizenz von RCTV wegen seinem Timing und der Art, wie er durchgef&#252;hrt   wurde, ein taktischer Fehler der Ch&#225;vez-Regierung, der der Opposition in   die H&#228;nde gespielt hat.<\/p>\n<p>  Sie hat der vom US-Imperialismus unterst&#252;tzten venezolanischen   Opposition Nahrung und eine Chance gegeben, ihre Kampagne gegen Ch&#225;vez   zu st&#228;rken. Im In- und Ausland hat sie den b&#252;rgerlichen Medien   erm&#246;glicht, die Aufmerksamkeit von den armenfreundlichen Reformen der   venezolanischen Regierung abzulenken und sie als &#8222;autorit&#228;res&#8220; und   &#8222;diktatorisches Regime&#8220; darzustellen.<\/p>\n<p>  In ganz Lateinamerika gibt es weit verbreitete Bewunderung f&#252;r die   Errungenschaften der kubanischen Revolution, besonders in Bezug auf   freie Gesundheitsversorgung und Bildung. Aber es gibt auch ein   Misstrauen unter Schichten von ArbeiterInnen wegen dem Fehlen echter   demokratischer Rechte und dem Ein-Parteien-Regime. Dieses Misstrauen   gegen&#252;ber Kuba ist im Bewusstsein der Massen verbunden mit einer noch   gr&#246;&#223;eren Entschlossenheit, niemals eine R&#252;ckkehr der rechten   Milit&#228;rdiktaturen zuzulassen, die in der zweiten H&#228;lfte des 20.   Jahrhunderts den Kontinent in Blut tauchten.<\/p>\n<p>  Der Entzug der RCTV-Lizenz erlaubte der Opposition gegen Ch&#225;vez auch,   dieses Thema mit ihrer allgemeinen Propaganda zu verbinden, dass eine   langsame &#8222;Kubanisierung&#8220; von Venezuela stattfinden werde.<\/p>\n<h4>  Tves betritt die B&#252;hne<\/h4>\n<p>  Die Sendelizenz, die einst RCTV hatte, wurde einem neuen Sender namens   Tves &#8211; Soziales Fernsehen Venezuela- gegeben. Dieser Sender wird Shows   bringen, die weitgehend von unabh&#228;ngigen Parteien produziert werden. Es   wird sehr betont, dass er nicht unter direkter Kontrolle der Regierung   steht, sondern von einer Stiftung von &#8222;Mitgliedern der Community&#8220;   betrieben wird, die jeweils einen Vertreter haben. Die Leitung wird auch   einen Vertreter der Regierung beinhalten. Wer staatliches Fernsehen in   Venezuela gesehen hat, wird kaum leugnen k&#246;nnen, dass diese Sender in   der Tat so regierungsfreundlich sind wie die privaten Sender   oppositionsfreundlich sind. Die Menschen f&#252;rchten, von mehr   Regierungssendungen bombardiert zu werden, die von Ministern und   B&#252;rokraten geleitet werden, die stundenlang auf sie einreden.<\/p>\n<p>  Es w&#228;re falsch, dies als demokratischere, arbeiterfreundlichere Medien   oder als Modell f&#252;r die Zukunft zu verfechten. Der Sender wird praktisch   ein Mittel f&#252;r Regierungssendungen sein. So wie Telesur, der   Fernsehsender, der gemeinsam von der venezolanischen, argentinischen,   kubanischen, uruguayischen und bolivianischen Regierung betrieben wird,   ein Sprachrohr dieser Regierungen im Medienkampf gegen US-freundliche   Nachrichtensender wie CNN en Espa&#241;ol ist. Die unabh&#228;ngige Stimme der   Masse der ArbeiterInnen kommt nicht zu Wort.<\/p>\n<p>  Unter dem Kapitalismus, so lange die Ressourcen in Privateigentum sind,   ist es nicht m&#246;glich, die Freiheit und Zug&#228;nglichkeit von Presse und   Medien zu garantieren. Die Mediengesetze in Venezuela m&#246;gen liberaler   als in anderen L&#228;ndern sein, aber das hei&#223;t nicht, dass staatliche und   andere vom Staat betriebene oder beeinflusste Medienkan&#228;le eine   unabh&#228;ngige Plattform f&#252;r Arbeiter bieten oder, allgemeiner gesagt, das   politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben der Gesellschaft   wirklich widerspiegeln.<\/p>\n<p>  Die Frage der Presse und Informationsfreiheit ist ein wichtiges Thema.   Es unterstreicht den Punkt, den das CWI beharrlich gemacht hat. Zur   Verteidigung des revolution&#228;ren Prozesses und der armenfreundlichen   Reformen in Venezuela ist es notwendig, den Kapitalismus zu st&#252;rzen und   den Aufbau des Sozialismus zu beginnen. Die Rolle der Arbeiterklasse und   ihrer zur Verteidigung ihrer Klasseninteressen unabh&#228;ngigen   Organisationen ist in diesem Prozess von grundlegender Bedeutung. Die   Arbeiterklasse im B&#252;ndnis mit der Stadt- und Landarmut muss mobilisieren   und eine Regierung der ArbeiterInnen und Armen fordern um die   venezolanische Revolution zu vollenden und sie wirklich sozialistisch zu   machen als ersten Schritt zur Verbreitung der sozialistischen Revolution   in andere L&#228;nder von Lateinamerika.<\/p>\n<p>  <i>Karl Debbaut ist Mitarbeiter im Internationalen B&#252;ro des Komitees f&#252;r   eine Arbeiterinternationale. Er hat Venezuela in den letzten Jahren   regelm&#228;&#223;ig besucht. Der Artikel wurde am 20. Juli 2007 erstmals auf <a href=\"http:\/\/www.socialistworld.net\">www.socialistworld.net<\/a>   ver&#246;ffentlicht.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Entscheidung der venezolanischen Regierung von Hugo Ch&#225;vez, dem<br \/>\n      oppositionellen Fernsehsender Radio Caracas Television (RCTV) im Mai die<br \/>\n      Sendelizenz zu entziehen, wurde Gegenstand der Kritik der Weltpresse und<br \/>\n      ein Brennpunkt der Kritik der Oppositionsparteien gegen die<br \/>\n      Ch&#225;vez-Regierung.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[253],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12266"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12266"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12266\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}