{"id":12243,"date":"2007-08-17T00:00:11","date_gmt":"2007-08-16T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12243"},"modified":"2012-07-18T15:45:31","modified_gmt":"2012-07-18T13:45:31","slug":"12243","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/08\/12243\/","title":{"rendered":"Der &#8222;Deutsche Herbst&#8220; vor 30 Jahren"},"content":{"rendered":"<p>  &#220;ber die Aufr&#252;stung des Staatsapparates und die falschen Methoden des   individuellen Terrorismus<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  In der zweiten H&#228;lfte der sechziger Jahre kam es in der Bundesrepublik   zur Studentenbewegung und zur APO, aber auch zu Unruhen in den   Betrieben. Vor diesem Hintergrund entstanden neue Organisationen,   darunter die Rote Armee Fraktion (RAF). Die Herrschenden nutzten die   Jagd auf die RAF damals, um den Polizeiapparat auszubauen, demokratische   Rechte einzuschr&#228;nken und Linke und SozialistInnen als &#8222;Sympathisanten&#8220;   zu diffamieren und einzusch&#252;chtern. Vor 30 Jahren, 1977, erreichte die   Auseinandersetzung einen H&#246;hepunkt, als Arbeitgeberpr&#228;sident Schleyer   entf&#252;hrt wurde.<\/p>\n<p>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen (bei Stuttgart)<\/i><\/p>\n<p>  Ende der sechziger Jahre gab es international eine Welle von politischer   Radikalisierung und Jugendprotesten. In vielen L&#228;ndern war der Kampf   gegen den Vietnam-Krieg der USA ein zentrales Thema. In Deutschland   spielte auch der Widerstand gegen die Einf&#252;hrung der Notstandsgesetze   durch die Gro&#223;e Koalition (1966-69) eine wichtige Rolle. Da es wegen der   CDU\/CSU\/SPD-Regierung fast keine parlamentarische Opposition gab,   beg&#252;nstigte das die Entstehung der Au&#223;erparlamentarischen Opposition   (APO). Besonders radikalisierend wirkte der Schock des 2. Juni 1967, als   der (gegen den Staatsbesuch des Shahs von Persien) friedlich   demonstrierende Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen   wurde. Durch die Proteste politisierte sich eine ganze Generation von   Studierenden, auch auf Sch&#252;lerInnen und Auszubildende dehnte sich die   Bewegung aus.<\/p>\n<p>  Die mit der mitregierenden SPD verbundenen Gewerkschaftsf&#252;hrer bem&#252;hten   sich, die Bewegung von den Besch&#228;ftigten fern zu halten. Allerdings   g&#228;rte es auch dort. 1966\/67 war es in Westdeutschland zur ersten   Rezession nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen. Im Ruhrgebiet wurden   viele Zechen geschlossen. Daraufhin votierten &#252;ber 96 Prozent im   Fr&#252;hsommer 1966 f&#252;r einen Streik zur Durchsetzung von Lohnerh&#246;hungen und   Arbeitszeitverk&#252;rzung &#8211; der dann in letzter Sekunde von oben vereitelt   wurde. Im September 1969 begann im Ruhrgebiet ein &#8222;wilder Streik&#8220; von   140.000 ArbeiterInnen, der mehr erreichte, als zu Streikbeginn gefordert   worden war.<\/p>\n<p>  Die Studierendenproteste, denen damals der Br&#252;ckenschlag zur   Arbeiterklasse nicht gelang, stie&#223;en Ende der sechziger Jahre an ihre   Grenzen, AktivistInnen zogen verschiedene Schlussfolgerungen: viele   gingen in die Jusos, die Jugendorganisation der SPD (die damals als   m&#246;gliches Instrument f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderungen betrachtet   wurde), andere engagierten sich bei den aufkommenden B&#252;rgerinitiativen,   andere gingen in stalinistische oder maoistische Gruppen, eine winzige   Minderheit versuchte, den &#8222;bewaffneten Kampf&#8220; zu beginnen. Daraus   entstand unter anderem die Rote Armee Fraktion.<\/p>\n<h4>  Die Entstehung der RAF<\/h4>\n<p>  Der Tod von Ohnesorg, die st&#228;ndige Polizeigewalt gegen Demonstrationen,   das Attentat auf den Studentenf&#252;hrer Rudi Dutschke (nach einer   Hetzkampagne der Springer-Presse) f&#252;hrten zu Diskussionen, auf die   Gewalt mit Gegengewalt zu reagieren. Verwiesen wurde auf die bewaffneten   Konflikte in Teilen der &#8222;Dritten Welt&#8220;. Die allermeisten verstanden,   dass sich die dortigen Kampfformen nicht auf die BRD-Verh&#228;ltnisse   &#252;bertragen lie&#223;en.<\/p>\n<p>  Aber einzelne hatten genug von langen Diskussionen und wollten etwas   tun, ausprobieren, ob es ging. &#8222;Ob es richtig ist, den bewaffneten Kampf   jetzt zu organisieren, h&#228;ngt davon ab, ob es m&#246;glich ist; ob es m&#246;glich   ist, ist nur praktisch zu ermitteln&#8220; (Ulrike Meinhof). So war der   &#8222;bewaffnete Kampf&#8220;, wie der individuelle Terror besch&#246;nigend genannt   wurde, ein St&#252;ck weit eine Art Menschenversuch. Dass sich Menschen auf   ein solches Experiment einlie&#223;en, lag auch daran, dass es zun&#228;chst   leicht schien. Dass ihr Waffen- und Sprengstofflieferant Peter Urbach   f&#252;r den Berliner Verfassungsschutz arbeitete, konnten sie ja nicht   wissen. Dazu kam der Wunsch, denjenigen, die bereits in die M&#252;hlen der   Justiz geraten waren, zu helfen: als Geburtsstunde der RAF gilt die   Befreiung von Andreas Baader aus dem Gef&#228;ngnis am 14. Mai 1970.<\/p>\n<p>  1971 verfasste Ulrike Meinhof &#8222;Das Konzept Stadtguerilla&#8220;. Darin   behauptete sie, dass &#8222;der bewaffnete Kampf als &#8218;die h&#246;chste Form des   Marxismus-Leninismus&#8216; (Mao) jetzt begonnen werden kann und muss, dass es   ohne das keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt. &#8220;   Die RAF traute den ArbeiterInnen nicht viel zu. In &#8222;&#220;ber den bewaffneten   Kampf in Westeuropa&#8220; (Mai 1971) hie&#223; es, dass die Arbeiterklasse &#8222;auch   nicht ann&#228;hernd das Erfahrungswissen und den Grad von   Abstraktionsf&#228;higkeit vermittelt bekommt, die notwendig sind, um aus dem   im gesellschaftlichen Bereich gesammelten sinnlichen Erfahrungen   richtige Schlussfolgerungen ziehen zu k&#246;nnen&#8220;.<\/p>\n<p>  Noch bevor die RAF ihre erste Aktion durchgef&#252;hrt hatte, waren eine   ganze Reihe ihrer Mitglieder festgenommen worden. Zwei waren bei der   Verhaftung erschossen worden. Im Mai 1972 unternahm die RAF mehrere   Bombenanschl&#228;ge auf US-Milit&#228;reinrichtungen, den Springer-Konzern,   Polizeieinrichtungen und einen Richter. Es gab eine Reihe von Toten und   Verletzten (einfache Soldaten, Springer-Besch&#228;ftigte, die Ehefrau des   Richters). Die RAF verspielte sich mit solchen Aktionen Sympathien, die   sie wegen der angestrebten Ziele bei Teilen der Linken hatte.<\/p>\n<p>  Am 1. Juni 1972 wurden Jan-Karl Raspe, Andreas Baader und Holger Meins   festgenommen, am 7. Juni Gudrun Ensslin, am 9. Juni Brigitte Mohnhaupt,   am 16. Juni Ulrike Meinhof. Das h&#228;tte das Ende der RAF sein k&#246;nnen. Dass   es nicht das Ende war, lag vor allem am Vorgehen des Staatsapparates:   brutale Polizeiaktionen, unmenschliche Haftbedingungen, Abbau   demokratischer Rechte. Bei der Terroristenjagd griff die Polizei schnell   zur Waffe, was neben RAF-Mitgliedern zum Beispiel einem schottischen   Handelsvertreter in Stuttgart das Leben kostete. Den Polizisten wurde   regelm&#228;&#223;ig &#8222;Notwehr&#8220; oder &#8222;putative Notwehr&#8220; (irrt&#252;mlich angenommene   Notwehr) bescheinigt.<\/p>\n<p>  In den Gef&#228;ngnissen wurden die RAF-Verd&#228;chtigen von einander isoliert;   von anderen Gefangenen ebenfalls. KritikerInnen der Haftbedingungen   wurden jahrelang als &#8222;Sympathisanten&#8220; der RAF diffamiert. Die Gefangenen   traten wiederholt in Hungerstreiks, die Beh&#246;rden griffen lieber zu   qualvoller Zwangsern&#228;hrung, als die Haftbedingungen zu lockern.<\/p>\n<h4>  Neue Gesetze<\/h4>\n<p>  Schon am 28. Januar 1972 kam der Radikalenerlass. NRW-Ministerpr&#228;sident   Heinz K&#252;hn (SPD) sagte: &#8222;Ulrike Meinhof als Lehrerin oder Andreas Baader   bei der Polizei, das geht nicht.&#8220; Tats&#228;chlich wurde der Radikalenerlass   vor allem gegen Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) im   &#214;ffentlichen Dienst angewandt, die an ihrer Ablehnung der RAF-Methoden   nie einen Zweifel gelassen hatte.<\/p>\n<p>  Ende 1974 wurde die Strafprozessordnung versch&#228;rft: Rechtsanw&#228;ltInnen   konnten vom Verfahren ausgeschlossen werden, wenn sie im Verdacht   standen, Mitt&#228;terInnen ihrer MandantInnen zu sein. Neu war hier, dass   der Verdacht reichte, denn nat&#252;rlich standen Rechtsanw&#228;lte auch vorher   nicht &#252;ber dem Gesetz. Damit wurden Willk&#252;r und Denunziation T&#252;r und Tor   ge&#246;ffnet, die Verteidigung von Terrorismus-Verd&#228;chtigen wurde hoch   riskant.<\/p>\n<p>  Aufgrund der 1976 eingef&#252;hrten, 1981 wieder abgeschafften   &#8222;Gewaltparagraphen&#8220; 88a und 130a wurden zahlreiche linke Buchl&#228;den,   Druckereien, Wohngemeinschaften durchsucht, viele Verfahren eingeleitet,   die meisten von ihnen jedoch wieder eingestellt.<\/p>\n<p>  1976 wurde der &#167; 129a (Bildung einer terroristischen Vereinigung)   eingef&#252;hrt. Auch Beihilfe und Werbung war strafbar. Wer &#252;ber die   Haftbedingungen informierte, konnte als Terrorist behandelt werden.   Damit hatten Polizei und Staatsanwaltschaft eine Handhabe f&#252;r die   Bespitzelung der gesamten linken Szene. Die meisten Verfahren wurden   wieder eingestellt. Aber in der Zwischenzeit gab es Hausdurchsuchungen,   Ermittlungen am Arbeitsplatz, Telefon&#252;berwachung, Untersuchungshaft   unter Isolationsbedingungen.<\/p>\n<h4>  Der RAF-Prozess<\/h4>\n<p>  Angesichts der vorherigen Einschr&#228;nkung der Verteidigerrechte war ein   fairer Prozess gegen Baader, Ensslin, Raspe und Meinhof von vornherein   ausgeschlossen. Eine Befragung zu den Motiven der Angeklagten wurde   nicht zugelassen, obwohl das in einem normalen Strafprozess zumindest   f&#252;r die H&#246;he des Strafma&#223;es notwendig gewesen w&#228;re. Gegen Ende des   Prozesses wurde bekannt, dass Gespr&#228;che zwischen Verteidigung und   Angeklagten abgeh&#246;rt worden waren. Das Gericht verurteilte die drei noch   lebenden Angeklagten 1977 zu &#8222;lebensl&#228;nglich&#8220; (Ulrike Meinhof hatte 1976   angeblich Selbstmord begangen).<\/p>\n<p>  All diese staatlichen Ma&#223;nahmen trieben der RAF neue Mitglieder zu. Die   Urheber des &#167; 129a waren die erfolgreichsten Werber f&#252;r die RAF. Am 30.   Juli 1977 sollte der Bankier J&#252;rgen Ponto entf&#252;hrt werden, um die   Gefangenen frei zu pressen, wurde dabei aber get&#246;tet.<\/p>\n<h4>  RAF und Reaktion<\/h4>\n<p>  Die Herrschenden f&#252;rchteten damals die Radikalisierung der   Arbeiterklasse, die Berg- und Stahlarbeiter im Ruhrgebiet allen voran.   &#8222;Wenn die Ruhr brennt, gibt es im Rhein nicht genug Wasser zum L&#246;schen&#8220;,   hatte schon Konrad Adenauer (CDU, Kanzler von 1949 bis 1966) gesagt. Die   RAF wurde zum &#8222;Staatsfeind Nr. 1&#8220; aufgebauscht, um zu verwischen, wo die   wirkliche Kraft liegt, die die Gesellschaft grundlegend ver&#228;ndern kann.   Zugleich sollte jeder radikale Kampf mit den Methoden der RAF   gleichgesetzt werden, um die Arbeiterklasse davon abzuschrecken. Die RAF   nutzte also objektiv der Reaktion.<\/p>\n<p>  Sie hatte keinerlei Verbindung zu den wirklichen Massenk&#228;mpfen: Im April   1972 kam es zu politischen Streiks gegen den Versuch der CDU\/CSU, die   SPD\/FDP-Regierung unter Willy Brandt durch ein Misstrauensvotum zu   st&#252;rzen, die Bev&#246;lkerung war extrem politisiert &#8211; die RAF unternahm im   Mai ihre Anschlagsserie und versuchte nicht einmal, sich darauf zu   beziehen.<\/p>\n<p>  Ein Kerngedanke des individuellen Terrorismus besteht darin, darauf   hinzuarbeiten, dass die Herrschenden ihr &#8222;wahres Gesicht&#8220; zeigen. So   meinte die RAF zum Beispiel, dass sie es &#8222;mit Strau&#223; leichter&#8220; h&#228;tten   (der CSU-Chef Franz-Josef Strau&#223; war f&#252;r die Linken seinerzeit eine   Symbolfigur f&#252;r alles Reaktion&#228;re). Die RAF verstand nicht, dass es die   Bedingungen f&#252;r Gegenwehr erschwert, wenn der b&#252;rgerliche Staatsapparat   seine Aufr&#252;stung forcieren kann &#8211; und damit bei einem Teil der   Arbeiterklasse Verst&#228;ndnis und Unterst&#252;tzung findet, der von der   Anschlagsserie der RAF entsetzt und ver&#228;ngstigt war.<\/p>\n<h4>  Schleyer wird entf&#252;hrt<\/h4>\n<p>  Am 5. September 1977 entf&#252;hrte ein Kommando der RAF Hanns-Martin   Schleyer, Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie und zugleich   des Bundesverbands der Deutschen Arbeitgeberverb&#228;nde. Sein Fahrer und   drei Polizisten starben dabei.<\/p>\n<p>  Die Entf&#252;hrung bestimmte die bundesdeutschen Medien &#252;ber viele Wochen.   In der &#214;ffentlichkeit behauptete die Regierung, das Leben Schleyers habe   oberste Priorit&#228;t. In Wirklichkeit hatte die Staatsr&#228;son Vorrang: Die   BRD sollte nicht als erpressbar gelten. Die RAF war durch diese   staatliche Reaktion v&#246;llig aus dem Konzept gebracht. Denn das widerlegte   die Idee, die dem individuellen Terror &#252;berhaupt zugrunde liegt, dass   die einzelnen Vertreter der herrschenden Klasse gro&#223;e Bedeutung h&#228;tten   und ihre Beseitigung einen gewaltigen Unterschied machen w&#252;rde. Selbst   ein so wichtiger Stratege der herrschenden Klasse wie Schleyer war zur   Not austauschbar. MarxistInnen haben immer betont, dass es nicht um   einzelne Vertreter des kapitalistischen Systems geht, sondern darum,   durch eine Massenbewegung die ganzen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse   umzuw&#228;lzen.<\/p>\n<p>  Nachdem die Schleyer-Entf&#252;hrung nicht den von der RAF erwarteten Druck   erzeugte, versuchte die Volksfront f&#252;r die Befreiung Pal&#228;stinas (PFLP),   der RAF zu helfen. Sie entf&#252;hrte ein Passagierflugzeug, die Landshut,   das voll mit UrlauberInnen war, die von Mallorca nach Deutschland   zur&#252;ckflogen. Nach einer kleinen Odyssee landete die Landshut in   Mogadischu in Somalia. Hier hatte die Regierung noch weniger Hemmungen.   Ein Spezialkommando der GSG 9 st&#252;rmte das Flugzeug. Dass es kein Blutbad   gab, sondern die Geiseln befreit wurden (wogegen fast alle   Entf&#252;hrerInnen den Tod fanden), war vorher keineswegs sicher gewesen.   Bei solchen Ereignissen spielen Zuf&#228;lligkeiten zwangsl&#228;ufig eine gro&#223;e   Rolle. Das krasseste Beispiel ist &#252;brigens die Schleyer-Entf&#252;hrung   selbst, bei der die &#246;rtliche Polizei binnen zwei Tagen das Versteck   entdeckt hatte, aber die Information im b&#252;rokratischen Fahndungsapparat   versickerte. Dass der &#8222;deutsche Herbst&#8220; nicht nach 48 oder 72 Stunden   vorbei war, war purer Zufall, hatte aber gravierende Folgen.<\/p>\n<h4>  Kriminalisierung von Linken<\/h4>\n<p>  Vor allem die Unionsparteien nutzten die RAF, um Linke bis weit in die   SPD hinein als &#8222;SympathisantInnen&#8220; zu attackieren. Selbst Leute, die die   RAF als &#8222;Baader-Meinhof-Gruppe&#8220; statt als &#8222;Baader-Meinhof-Bande&#8220;   bezeichneten, waren f&#252;r den sp&#228;teren rheinland-pf&#228;lzischen   Ministerpr&#228;sidenten Bernhard Vogel &#8222;Sympathisanten&#8220;. Unionspolitiker   forderten das Verbot linker Organisationen. Zudem sollte politisches   Engagement an den Universit&#228;ten untersagt und die Verfassten   Studierendenschaften verboten werden (was in Baden-W&#252;rttemberg und   Bayern bis heute der Fall ist).<\/p>\n<p>  Am 24. September fand in Kalkar eine Gro&#223;demonstration gegen das dort   geplante Atomkraftwerk (&#8222;Schneller Br&#252;ter&#8220;) statt. Es gab massive   Polizeikontrollen, Anreisende wurden f&#252;nf bis zehn Mal gefilzt, oft mit   entsicherter Maschinenpistole im Anschlag. 20.000 konnten deshalb gar   nicht rechtzeitig eintreffen. Trotzdem war es mit 50.000 die bis dahin   gr&#246;&#223;te Anti-AKW-Demo. Trotz Verbots schafften sie es, friedlich direkt   am Bauzaun zu demonstrieren. Allerdings war von vornherein darauf   verzichtet worden, wie noch wenige Monate vorher in Brokdorf oder   Grohnde, den Bauzaun niederzurei&#223;en.<\/p>\n<h4>  Stammheim<\/h4>\n<p>  Im Gef&#228;ngnis von Stuttgart-Stammheim war extra f&#252;r die RAF-Gefangenen   ein Hochsicherheitstrakt gebaut worden. Mit Beginn der   Schleyer-Entf&#252;hrung wurde &#252;ber die RAF-Gefangenen eine &#8222;Kontaktsperre&#8220;   verh&#228;ngt. Sie durften weder mit einander noch mit Angeh&#246;rigen noch mit   Anw&#228;lten Kontakt haben. Nachdem diese Verwaltungsma&#223;nahme von Gerichten   f&#252;r unzul&#228;ssig erkl&#228;rt wurde, wurde ein weiteres Sondergesetz, das   &#8222;Kontaktsperregesetz&#8220;, durch den Bundestag gejagt. Das   Kontaktsperregesetz gilt nicht nur f&#252;r Verurteilte, sondern auch f&#252;r   wegen Terrorverdachts Festgenommene.<\/p>\n<p>  Laut offizieller Lesart verabredeten Baader und Co. in der Nacht der   Befreiung der Geiseln einen gemeinsamen Selbstmord. Am Morgen des 18.   Oktober wurde Baader erschossen, Ensslin erh&#228;ngt, Raspe mit t&#246;dlichen   Schussverletzungen und M&#246;ller mit schweren Stichverletzungen gefunden.   Die einzig &#220;berlebende, Irmgard M&#246;ller, hat vehement bestritten, dass es   eine gemeinsame Selbstmord-Verabredung gab und sie Selbstmord versucht   habe.<\/p>\n<p>  Am 19. Oktober wurde Schleyers Leiche gefunden. Schleyer war schon 1931   der Hitlerjugend beigetreten. Sp&#228;ter war er SS-Funktion&#228;r im   Hochschulbereich, leitete dann die Mobilmachung der tschechischen   Industrie f&#252;r den Krieg und wurde nach 1945 von den Alliierten f&#252;r drei   Jahre gefangen gesetzt. Aber als Schleyer nach sechs Wochen Geiselhaft   von der RAF get&#246;tet wurde, da war es klar, dass die Menschen in der BRD   in ihm nicht den alten Nazi oder den Arbeitgeber-Scharfmacher sahen,   sondern einen gequ&#228;lten Menschen, der wochenlang zwischen Todesangst und   Hoffnung geschwebt hatte, f&#252;r den sie Mitleid empfinden mussten.<\/p>\n<h4>  Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>  Das b&#252;rgerliche Establishment wird in diesem Herbst anl&#228;sslich des 30.   Jahrestags der Ereignisse von 1977 erneut versuchen, gegen Linke   Stimmung zu machen. Aufs Neue werden sie mit ihrer Darstellung des   &#8222;deutschen Herbstes&#8220; suggerieren wollen, dass jede Form von Widerstand   letztendlich in &#8222;sinnlose Gewalt&#8220; m&#252;nden m&#252;sste.<\/p>\n<p>  Allerdings liefert das kapitalistische System tagt&#228;glich neue Argumente   daf&#252;r, aktiv zu werden gegen die bestehenden Verh&#228;ltnisse. Der   Kapitalismus erweist sich als unf&#228;hig, Armut, Arbeitslosigkeit und   soziales Elend zu beseitigen. Und produziert selber Tag f&#252;r Tag Gewalt.<\/p>\n<p>  Um wirksam dagegen vorzugehen, sind kollektive Formen der Gegenwehr,   sind Massenproteste statt individuelle Handlungen n&#246;tig. Um die Masse   von Jugendlichen, ArbeiterInnen, Erwerbslosen anzusprechen sind   politische Argumente, ein Programm und die Darstellung von Alternativen   statt terroristische Aktionen &#8211; die im Fall der RAF nicht selten das   Leben der arbeitenden Menschen selber gef&#228;hrdet haben &#8211; erforderlich.<\/p>\n<p>  Schlie&#223;lich ist es die Arbeiterklasse, die den ganzen gesellschaftlichen   Reichtum schafft und bei der durch ihre Stellung im Produktionsprozess   kollektives Bewusstsein und gemeinsame Protestformen gef&#246;rdert werden.   Sie ist es, die dieses System aus den Angeln heben und eine neue,   sozialistische Gesellschaft aufbauen kann.<\/p>\n<h3>  Marxismus heute: Die Sackgasse von Stadtguerilla und individuellem Terror<\/h3>\n<p>  In der Russischen Revolution 1917 war die Arbeiterklasse unter F&#252;hrung   der Bolschewiki in der Lage gewesen, den Kapitalismus zu st&#252;rzen und   eine R&#228;tedemokratie zu errichten. Die gro&#223;e Mehrheit der Bev&#246;lkerung   waren damals B&#228;uerInnen, die &#8211; in ihrem Kampf gegen die   Gro&#223;grundbesitzer &#8211; die Revolution unterst&#252;tzten. Da die Revolution sich   nicht international ausdehnte, entwickelte sich daraus die   stalinistische Diktatur.<\/p>\n<p>  Nach dem Zweiten Weltkrieg siegten eine Reihe von Revolutionen, bei   denen nicht die ArbeiterInnen der St&#228;dte, sondern der l&#228;ndliche   Guerillakampf im Mittelpunkt stand. Bei dem damaligen internationalen   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis f&#252;hrte das in einigen L&#228;ndern zum Sturz des   Kapitalismus (China, Vietnam, Kuba). Aber da die arbeitende Bev&#246;lkerung   in den St&#228;dten nicht wie in Russland 1917 die F&#252;hrung hatte, gab es   nicht mal vor&#252;bergehend eine R&#228;tedemokratie. Vielmehr gingen die   milit&#228;rischen Kommandostrukturen der Guerilla nahtlos in die   stalinistische Kommandowirtschaft &#252;ber. Der l&#228;ndliche Guerillakampf kann   dort, wo eine gro&#223;e b&#228;uerliche Bev&#246;lkerung existiert, zwar unter   bestimmten Verh&#228;ltnissen eine legitime Kampfmethode sein &#8211; aber nur als   Erg&#228;nzung, nicht als Ersatz zum Kampf der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>  Die Tupamaros in Uruguay (ein Vorbild f&#252;r die RAF) versuchten in den   sechziger Jahren, die Guerilla-Methode in die St&#228;dte zu verpflanzen. Die   Folgen waren verheerend. Die &#8222;Stadtguerilla&#8220; wurde brutal unterdr&#252;ckt   und lieferte dem Milit&#228;r einen Vorwand, eine Diktatur zu errichten.<\/p>\n<p>  Seitdem gab es Bewegungen wie die Iranische Revolution 1978\/79, die   Massenk&#228;mpfe in den s&#252;dafrikanischen Townships gegen die Apartheid Mitte   der achtziger Jahre und ab Ende 1987 die mehrj&#228;hrige Intifada in   Pal&#228;stina. Alle drei Bewegungen hatten politische Schw&#228;chen, die hier   nicht diskutiert werden k&#246;nnen. Aber alle drei haben gezeigt, dass unter   bestimmten Bedingungen auch brutale Milit&#228;rdiktaturen oder   Besatzungsregime Massenk&#228;mpfe in den St&#228;dten nicht verhindern k&#246;nnen.   Diese Bedingungen k&#246;nnen nicht k&#252;nstlich geschaffen werden. Aber wenn   sie fehlen, k&#246;nnen sie weder durch Heroismus von Einzelnen noch durch   das Basteln von Bomben ersetzt werden.<\/p>\n<p>  Die RAF kn&#252;pfte an die Ideen der Stadtguerilla an, in der Praxis waren   ihre Aktionen aber einfach individueller Terror. Im g&#252;nstigsten Fall   (wenn er sich gegen ein verhasstes Regime richtet) n&#228;hrt er in den   Massen die falsche Vorstellung, die Terroristen w&#252;rden stellvertretend   f&#252;r sie k&#228;mpfen und sie br&#228;uchten nichts zu tun. Viel h&#228;ufiger aber   st&#246;&#223;t er die Massen ab, treibt sie in die Arme des kapitalistischen   Staates und verwischt die Klassengegens&#228;tze. Ein Paradebeispiel daf&#252;r   konnte man 1991 sehen: In Ostdeutschland gab es Massenproteste gegen die   Arbeitsplatzvernichtung durch die Treuhand. Da wurde der Treuhand-Chef   Detlef Karsten Rohwedder ermordet (angeblich durch die RAF) &#8211; und mit   der Bewegung war es erstmal vorbei.<\/p>\n<\/p>\n<hr>\n<p>Debatte im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.sozialismustage.de\">Sozialismustage<\/a>: <\/p>\n<p>  28.-30. Sept., Berlin<\/p>\n<h5>  30 Jahre &#8222;Deutscher Herbst&#8220; &#8211; Marxisten und Terrorismus<\/h5>\n<p>  mit Bommi Baumann (ehemals Bewegung 2. Juni) und Gaetan Kayitar&#233;   (SAV-Bundesvorstand)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#220;ber die Aufr&#252;stung des Staatsapparates und die falschen Methoden des<br \/>\n      individuellen Terrorismus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[98],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12243"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12243"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12243\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}