{"id":12242,"date":"2007-08-26T00:44:42","date_gmt":"2007-08-26T00:44:42","guid":{"rendered":".\/?p=12242"},"modified":"2007-08-26T00:44:42","modified_gmt":"2007-08-26T00:44:42","slug":"12242","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/08\/12242\/","title":{"rendered":"Sozialismus: Wie Kinder aufwachsen k&#246;nnten"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Das ewige Kind&#8220; wird Mozart genannt. Picasso hat ein Leben lang   gebraucht, um zu lernen, wie ein Kind zu malen. Und Einstein sagte von   sich, er habe die Relativit&#228;tstheorie entdeckt, da er so lange Kind   geblieben sei. L&#228;nger als andere konnte er sich &#252;ber Raum und Zeit   wundern.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Kim Opgenoorth, K&#246;ln<\/i><\/p>\n<p>  Kinder sind von Geburt an kleine Entdecker und gro&#223;e K&#252;nstler. Sie haben   Forschergeist, Sch&#246;pferdrang und k&#246;nnen das Staunen in vollen Z&#252;gen   genie&#223;en. Dieses Potenzial wird bei den allermeisten Kindern leider   abgew&#252;rgt.<\/p>\n<p>  Der Lebensalltag zwischen chronischem Zeitmangel der Erwachsenen und   st&#228;ndigen Gefahrenquellen l&#228;sst es nicht zu, dass Kinder sich voll   entfalten. Obwohl Regierung und Kapital wissen, dass ihnen die miserable   fr&#252;hkindliche Bildung Probleme bereiten wird, k&#246;nnen sie nicht einmal   Grundbedingungen bereitstellen: Platz zum Bewegen, Spielen und Lernen;   Fachpersonal; Schutz vor Gewalt und Verwahrlosung. Bewegungsmangel,   Umweltgifte und andere negative Einwirkungen f&#252;hren zu ADS   (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), Essst&#246;rungen und Lernschw&#228;chen.   Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit f&#246;rdern Schulangst und   Verrohung. Vereinsamung und Anonymit&#228;t sind die Folgen dieses   Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.<\/p>\n<p>  Laut einer aktuellen Unicef-Studie nehmen sich &#252;ber die H&#228;lfte der   deutschen Eltern keine Zeit, um mit ihren Kindern zu reden. Gestresste   Eltern erzeugen gestresste Kinder. Damit Kinder eine Bereicherung und   keine Belastung sind, brauchen Eltern beziehungsweise die Bezugspersonen   von Kindern mehr frei verf&#252;gbare Zeit, Zeit f&#252;r sich selbst und Zeit,   die sie gemeinsam mit ihren Kindern verbringen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Arbeitszeit<\/h4>\n<p>  In einer sozialistischen Demokratie kann die Arbeitszeit schnell auf 30,   25, 20 Stunden reduziert werden. Die Konzerne sind in Gemeineigentum   &#252;berf&#252;hrt. Die Wirtschaft wird demokratisch, nicht b&#252;rokratisch &#8211; wie in   den stalinistischen Staaten Osteuropas fr&#252;her &#8211; geplant. Die Arbeit wird   auf alle verteilt. Arbeitshetze, &#220;berstunden und Erwerbslosigkeit   geh&#246;ren der Vergangenheit an. Technische Neuerungen werden nicht   eingesetzt, um Besch&#228;ftigte zu entlassen und auf diesem Weg die Profite   zu steigern, sondern die Belastung aller zu minimieren. Motivation und   Arbeitsproduktivit&#228;t werden enorm steigen, da sich alle einbringen   k&#246;nnen, Leitungen gew&#228;hlt und abgew&#228;hlt werden.<\/p>\n<p>  Der von allen erarbeitete Reichtum flie&#223;t nicht in private Taschen,   sondern wird in Bildung und Gesundheit investiert. Wissenschaftler und   Physiker sind nicht mehr im R&#252;stungsbereich gebunden, sondern k&#246;nnen   sich den dr&#228;ngenden Umweltproblemen und anderen Fragen widmen.<\/p>\n<h4>  Kinderbetreuung<\/h4>\n<p>  Da Kinder am besten von Kindern lernen, werden Krippen- und   Kindergartenpl&#228;tze mit Hochdruck ausgebaut, bis jede und jeder einen   Platz bekommen kann. Es wird Wert auf eine hohe Qualit&#228;t der   Kinderbetreuung gelegt.<\/p>\n<p>  Der Personalschl&#252;ssel k&#246;nnte von 1:10 auf 1:4 beziehungsweise auf einen   Schl&#252;ssel, der als sinnvoll erachtet wird, aufgestockt werden.   Krankheit, Urlaub, Fortbildung sind jedenfalls fest eingeplant, so dass   nicht, wie heute regelm&#228;&#223;ig &#252;blich, eine Erzieherin mit 25 Kindern   alleine da steht. Der Beruf der ErzieherInnen wird als eine der   wichtigsten Aufgaben in der neuen Gesellschaft hoch gesch&#228;tzt und ihre   Arbeit von Fachleuten, K&#252;nstlerInnen und Handwerkern unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Kinder werden in den Kitas (und in den Schulen) nicht nur mit dem   gleichen Jahrgang zusammengesteckt. Sie k&#246;nnen von &#196;lteren viel   mitbekommen (ein Grund, warum sich j&#252;ngere Geschwister heute oft   schneller entwickeln) und sie geben gern eigene Kenntnisse an J&#252;ngere   weiter und wachsen daran selber. Auch Kinder mit Behinderungen geh&#246;ren   zu den Kita-Gruppen und werden nicht abgeschottet.<\/p>\n<p>  Das Programm (und sp&#228;ter der Schulunterricht) wird nach den Interessen   und W&#252;nschen der Kinder ausgerichtet &#8211; und nicht von der &#8222;Wirtschaft&#8220;   diktiert. Mittels demokratischer Strukturen k&#246;nnen auch Kinder an   Diskussion und Entscheidungsfindung beteiligt sein, ebenso wie Eltern,   P&#228;dagogen, aber auch VertreterInnen der Gesellschaft au&#223;erhalb der   Betreuungseinrichtungen.<\/p>\n<p>  Die R&#228;umlichkeiten in Kitas (und Schulen) sind gro&#223;z&#252;gig und   lichtdurchflutet angelegt. Sie werden als Treffpunkt f&#252;r Eltern,   Gro&#223;eltern, Freunde und Nachbarschaft genutzt. Es gibt gem&#252;tliche   Sitzecken zum Plaudern und viel Ausstellungsraum mit Dokumentationen und   Kunstwerken jeglicher Art. Theater- und Filmvorf&#252;hrungen finden   regelm&#228;&#223;ig statt.<\/p>\n<h4>  Spiel und Arbeit<\/h4>\n<p>  Kinder werden nicht mehr auf einfaltslose Spielpl&#228;tze mit Rutsche,   Wippe, Schaukel abgeschoben oder zu k&#252;nstlichen Kinder-Events gekarrt,   w&#228;hrend der Rest der Welt f&#252;r sie tabu ist.<\/p>\n<p>  In den Stadtvierteln werden immer weniger Autos fahren. Es wird   autofreie Zonen geben, in denen Kinder sich frei bewegen k&#246;nnen. Es gibt   &#252;berall Parks und Freifl&#228;chen oder gro&#223;e Abenteuerspielpl&#228;tze, mit   Wasserbahnen, Sport- und Bauger&#228;ten, Tieren und Cafes, die auch f&#252;r   Erwachsene interessant gestaltet sind.<\/p>\n<p>  Gen&#252;gend Schwimmb&#228;der und B&#252;chereien sind vorhanden und haben   vern&#252;nftige &#214;ffnungszeiten. Es gibt Kunstateliers, Klang- und   Musizierr&#228;ume, Forschungslabore und gut ausgestattete Werkst&#228;tten, die   f&#252;r Jung und Alt zug&#228;nglich sind. Fachleute bieten jederzeit   Hilfestellung. Fernsehen spielt keine gro&#223;e Rolle mehr, da es drau&#223;en   spannender ist.<\/p>\n<p>  Die Erwachsenen nehmen an der Kinderwelt teil, die Kinder haben Zugang   zum Erwachsenen-Alltag. In den Betrieben sind sie willkommen. Sie d&#252;rfen   sich alles genau ansehen und ihrem Alter und ihren Interessen   entsprechend &#8222;mitarbeiten&#8220;. Kleine Kinder wollen sich n&#252;tzlich machen,   sie wollen in die Aktivit&#228;ten der Gro&#223;en einbezogen werden. Einer der   h&#228;ufigsten Konfliktpunkte mit Zweij&#228;hrigen ist heute, dass ihnen das in   der jetzigen Gesellschaft immer wieder verboten wird.<\/p>\n<h4>  Wohnen und Leben<\/h4>\n<p>  Die Architekten sind aufgefordert, neue Wohnmodelle zu entwickeln:   mehrere Generationen unter einem Dach, Familien-Wohngemeinschaften und   so weiter. Bestehende H&#228;user werden umgebaut mit zum Beispiel einem   Spielzimmer f&#252;r mehrere Kinder im Haus, Gemeinschafts-Wohnk&#252;chen,   Bibliotheken, Medienzimmer oder Partykeller mit gemeinsamen G&#228;rten und   Innenh&#246;fen. Die Verschwendung von Arbeitskraft und Umweltressourcen in   Kleinsthaushalten mit Trockner, Wasch- und Sp&#252;lmaschinen, t&#228;glicher   K&#252;che und Einkaufsschlepperei wird ganz schnell einged&#228;mmt werden.<\/p>\n<p>  Bei der St&#228;dteplanung geben Kinder den Ton an. Der &#246;ffentliche   Nahverkehr ist kostenlos und sehr gut ausgebaut. Busse und Bahnen haben   gen&#252;gend Stauraum, damit man sein Fahrrad, seinen Roller oder einen   Grill mitnehmen kann, und fahren h&#228;ufig und in die entlegensten Winkel.<\/p>\n<h4>  Erziehung<\/h4>\n<p>  In Erziehungsfragen setzt eine &#246;ffentliche Debatte ein, &#252;ber den besten   Weg, um Kinder zu eigenst&#228;ndigen, selbstbewussten und   gemeinschaftsf&#228;higen Menschen aufwachsen zu lassen. Das Recht von   Kindern auf k&#246;rperliche und seelische Unversehrtheit wird ernst genommen   und in die Praxis umgesetzt. Kinder werden nicht als Privatsache   angesehen und Eltern mit schwierigen Fragen nicht alleine gelassen.<\/p>\n<p>  Die Unsicherheiten beim ersten Kind werden geringer ausfallen, da das   Leben mit und ohne Kindern nicht in zwei voneinander getrennten Welten   stattfindet. S&#228;uglingsstationen in den Stadtteilen helfen bei der   Babypflege und lassen Eltern Schlaf nachholen.<\/p>\n<p>  Statt Super-Nanny im TV werden in den Medien &#246;ffentliche Diskussionen   &#252;ber verschiedene p&#228;dagogische Ans&#228;tze gef&#252;hrt. Neueste   wissenschaftliche Erkenntnisse flie&#223;en in die Arbeit ein. Vor Ort wird   die Arbeit von Eltern, Bezugspersonen und ErzieherInnen ausgewertet und   st&#228;ndig weiterentwickelt.<\/p>\n<p>  Da alle gewohnt sind, mit Kindern umzugehen, werden sie nicht nur als   Nervens&#228;gen und Qu&#228;lgeister wahrgenommen, sondern ihre Bed&#252;rfnisse ernst   genommen. Die Kinder werden, da sie respektvoll behandelt werden,   ihrerseits R&#252;cksicht nehmen.<\/p>\n<p>  Erziehung wird als Gemeinschaftsaufgabe angesehen. Im Vordergrund steht   ein positives Bild vom Kind und der Wunsch, auf die verschiedenen   Entwicklungsstufen eines jedes Kindes angemessen eingehen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Die so genannte Reformp&#228;dagogik, wie Montessori oder die   Reggio-P&#228;dagogik, zeigt heute teilweise erstaunliche Ergebnisse auf.   Trotzdem sind diese Ans&#228;tze im Kapitalismus nur sehr begrenzt umzusetzen   und einige fortschrittliche Ideen als Insel-L&#246;sungen zu unsinnigen   Dogmen erstarrt. Diese Ans&#228;tze sind urspr&#252;nglich davon ausgegangen, dass   auch die Erwachsenenwelt ver&#228;ndert werden muss.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt, dass das Ziel einer kapitalistischen Wirtschaft und ihres   Staates nicht darin besteht, kritisches, unabh&#228;ngiges Denken zu f&#246;rdern,   und damit seine eigene Autorit&#228;ten und Hierarchien zu untergraben. Immer   noch sind Disziplin, Gehorsam und Unterw&#252;rfigkeit wichtige   Voraussetzungen f&#252;r das Funktionieren dieser undemokratischen   Produktionsweise.<\/p>\n<h4>  Beziehungen<\/h4>\n<p>  In einer sozialistischen Gesellschaft werden M&#252;tter von unn&#246;tiger   Mehrfachbelastung befreit. V&#228;ter d&#252;rfen V&#228;ter sein, anstatt ihre Kinder   nur beim Abendessen zu sehen. Die Partnerschaften basieren auf Sympathie   und nicht darauf, ein Haus abzahlen zu m&#252;ssen. Sie sind ehrlicher und   entspannter. Kinder dienen nicht der Selbstverwirklichung der Eltern und   sind auch nicht ihr Privateigentum.<\/p>\n<p>  Alle leben in gr&#246;&#223;eren Zusammenh&#228;ngen, statt der Kleinfamilie werden   neue und vielf&#228;ltigere Formen des Zusammenlebens gefunden. Kinder haben   mehrere Bezugspersonen und k&#246;nnen sich frei aussuchen, mit wem sie was   besprechen m&#246;chten. Die Fixierung und Abh&#228;ngigkeit von zwei, &#246;fter noch   nur einem Erwachsenen ist aufgehoben.<\/p>\n<h4>  Die Menschen werden sich radikal &#228;ndern<\/h4>\n<p>  Von einer kindgerechten Umgebung profitieren alle. Die Erwachsenen   werden im Sozialismus ihre Phantasie und Kreativit&#228;t wieder entdecken.   Sie werden staunen, Fragen stellen und sich Zeit f&#252;r kleine Dinge nehmen.<\/p>\n<p>  Wer unbek&#252;mmert seinen Begabungen und Leidenschaften nachgehen kann, ist   zu ganz anderen Leistungen f&#228;hig. Es wird ein friedliches, entspanntes   Klima und geniale Neu-Entdeckungen in Wissenschaft und Forschung geben.   Ohne Existenzsorgen und den nichtigen, t&#228;glichen Aufgaben wird das   Mensch-Sein auf eine neue Stufe gehoben.<\/p>\n<p>  Kinder, die in ihrer Kindheit mit Respekt und Achtung behandelt werden,   werden sich zu ausgeglichenen, selbstbewussten Pers&#246;nlichkeiten   entwickeln, die ihre F&#228;higkeiten gerne der Gemeinschaft zu Gute kommen   lassen m&#246;chten.<\/p>\n<p>  <i>Diskutier mit der Autorin: kimopg[at]web.de<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Das ewige Kind&#8220; wird Mozart genannt. Picasso hat ein Leben lang<br \/>\n      gebraucht, um zu lernen, wie ein Kind zu malen. Und Einstein sagte von<br \/>\n      sich, er habe die Relativit&#228;tstheorie entdeckt, da er so lange Kind<br \/>\n      geblieben sei. 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