{"id":12224,"date":"2007-07-26T00:07:27","date_gmt":"2007-07-26T00:07:27","guid":{"rendered":".\/?p=12224"},"modified":"2007-07-26T00:07:27","modified_gmt":"2007-07-26T00:07:27","slug":"12224","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/07\/12224\/","title":{"rendered":"T&#252;bingen: Tausende stoppen Nazi-Demonstration"},"content":{"rendered":"<p>  Am 21. Juli hatten die Jungen Nationaldemokaten (JN), die   Jugendorganisation der neofaschistischen NPD mit etwa 200 Leuten   demonstrieren wollen. Die Jungnazis begr&#252;ndeten ihre Demonstration mit   der angeblichen gro&#223;en linken Szene in T&#252;bingen. Es handelte sich also   um eine bewusste Provokation.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen<\/i><\/p>\n<p>  Der vor einigen Monaten gew&#228;hlte OB Palmer (Gr&#252;ne) lie&#223; den   Naziaufmarsch verbieten, an vielen Stellen in der Stadt wurden   Gegenaktionen angemeldet. Trotzdem genehmigte das Verwaltungsgericht   Sigmaringen den Naziaufmarsch, allerdings mit einigen Auflagen.<\/p>\n<p>  Nach verschiedenen Auftaktveranstaltungen in verschiedenen Stadtteilen   und auf dem Marktplatz sammelten sich die GegendemonstrantInnen am   Omnibusbahnhof (Europaplatz), von der genehmigten Nazi-Demoroute nur   durch Absperrgitter und Polizei getrennt. Die Beteiligung der T&#252;binger   Bev&#246;lkerung war beeindruckend, Junge und Alte, Familien mit Kindern,   sehr viele Sch&#252;lerInnen kamen, um die Nazis nicht in T&#252;bingen   marschieren zu lassen. Die Polizei gab 10.000 GegendemonstrantInnen an.   Etwa 100 DemonstrantInnen, die versuchten, schon auf dem Bahnhof das   Aussteigen der Nazis zu verhindern, wurden von der Polizei abgedr&#228;ngt   und schlossen sich dann den anderen DemonstrantInnen an. Sp&#228;ter kam die   Nachricht, dass zwei DemonstrantInnen im Bahnhof festgenommen worden   seien, die aber sp&#228;ter wieder freigelassen worden sein sollen. Insgesamt   sollen vier GegendemonstrantInnen vor&#252;bergehend festgenommen worden sein. <\/p>\n<h4>  Gr&#252;ner OB verteidigt Polizei<\/h4>\n<p>  Als die Meldung kam, dass die Nazis auf dem Bahnhof ankamen und von der   Polizei gefilzt wurde, nahm die Spannung zu. Es gab immer wieder   Sprechch&#246;re, von einem Lautsprecherwagen kam Musik und Reden wurden   gehalten. Nach mehrmaliger Aufforderung redete auch OB Palmer. Er   erkl&#228;rte, dass der Aufmarsch vom Gericht genehmigt worden sei und die   Polizei ihn deshalb gew&#228;hrleisten m&#252;sse. Die Polizei w&#252;rde nicht die   Nazis sch&#252;tzen, sondern das Demonstrationsrecht und damit die   Verfassung. (Wie es mit dem Demonstrationsrecht tats&#228;chlich aussieht,   haben wir in Rostock erlebt.) Er appellierte an die TeilnehmerInnen,   nicht die Absperrungen zu &#252;bersteigen, da gewaltsame   Auseinandersetzungen genau das seien, was die Nazis wollten. Der weitere   Verlauf zeigte, dass es neben der von Palmer an die Wand gemalten   Alternative, die Nazis marschieren zu lassen oder sich mit ihnen zu   pr&#252;geln, noch eine dritte M&#246;glichkeit gab.<\/p>\n<p>  Denn die Polizei hat sehr wohl die M&#246;glichkeit, auch eine genehmigte   Demonstration abzusagen, wenn sie die Sicherheit nicht gew&#228;hrleisten zu   k&#246;nnen meint. Palmer hat mit seiner Abwiegelei die Chance verringert,   dass die Polizei diesen Weg einschlagen w&#252;rde. Erfreulicherweise   argumentierten ein Kollege von ver.di und Heike H&#228;nsel   (Bundestagsabgeordnete der Linken) anders als Palmer. Nat&#252;rlich riefen   sie nicht zur Gewalt auf, aber sie wiesen darauf hin, dass es eine   gewaltige Provokation darstellen w&#252;rde, wenn die Neonazis direkt vor der   Nase von Tausenden DemonstrantInnen vorbeimarschieren w&#252;rden und dass   die Folgen unkalkulierbar seien und forderten daher die Polizei auf, die   Nazis nicht marschieren zu lassen.<\/p>\n<h4>  Reichskriegsflagge akzeptiert<\/h4>\n<p>  Schlie&#223;lich sammelten sich etwa 230 Neonazis an einem Ende des Bahnhofs   und die Polizei lie&#223; sie von den GegendemonstrantInnen weg, entgegen der   genehmigten Demorichtung laufen. Wie der Lautsprecherwagen den   GegendemonstrantInnen mitteilte, f&#252;hrten die Neonazis auch eine   &#8222;Reichskriegsflagge&#8220; mit sich, obwohl das in den gerichtlichen Auflagen   ausdr&#252;cklich verboten worden war. Die Polizei schritt nicht ein, um den   Gerichtsbeschluss durchzusetzen.<\/p>\n<p>  Weit kam der Marsch aber nicht, weil etwa 150 GegendemonstrantInnen die   Stra&#223;e blockierten. Das f&#252;hrte nicht zu den von Palmer an die Wand   gemalten Gewaltszenen, sondern dazu, dass die Nazis wieder umdrehen   mussten, auf die Masse der GegendemonstantInnen am Omnibusbahnhof zu,   aber auch auf den Bahnhof zu.<\/p>\n<p>  Jetzt musste es sich entscheiden: w&#252;rde die Polizei die Nazis an der   Gegendemonstration vorbeimarschieren lassen, oder w&#252;rde sie sie zum   Bahnhof zur&#252;cklotsen? Angesichts der Zahl und Stimmung der   DemonstrantInnen sah sich die Polizei zu letzterem gezwungen. Mit   Sprechch&#246;ren, Liedern etc. versuchten die DemonstrantInnen, der   Entscheidung nachzuhelfen. Vom Lautsprecherwagen erhielten die Nazis   praktische Lebenshilfe, indem ihnen die Abfahrtszeit des n&#228;chsten Zuges   mitgeteilt wurde.<\/p>\n<h4>  NPD-Verbot?<\/h4>\n<p>  In weiteren Redebeitr&#228;gen wurde von anderen erfolgreichen Antifaaktionen   berichtet. Gut war auch, dass ein Kollege der Vereinigung der Verfolgten   des Naziregimes (VVN) darauf hinwies, dass T&#252;bingen nicht ganz so   nazifrei sei, wie es Palmer &amp; Co darstellten. Immerhin gibt es dort seit   mehr als einem halben Jahrhundert einen der ber&#252;chtigtsten   rechtsradikalen Verlage (&#8222;Grabert&#8220;). Weniger gut war sein Orientieren   auf ein staatliches NPD-Verbot. Gerade an einem Tag, an dem die Polizei   demonstriert, dass sie nicht willens oder f&#228;hig ist, eine so einfache   Ma&#223;nahme wie das Verbot des Mitf&#252;hrens einer Reichskriegsflagge auf   einer Demonstration durchzusetzen, sollte man nicht die Illusion   sch&#252;ren, dass dieser Staatsapparat etwas so viel aufwendigeres wie ein   wirksames NPD-Verbot umsetzen w&#252;rde. Wenn wir die Nazis stoppen wollen,   d&#252;rfen wir uns nicht auf den Staat verlassen, sondern m&#252;ssen auf   Massenmobilisierung von unten setzen. So k&#246;nnen die Nazis gestoppt   werden, selbst wenn ihnen Gerichte freie Bahn geben, wie T&#252;bingen   gezeigt hat.<\/p>\n<p>  Eine weitere gravierende Schw&#228;che war, dass die Nazis in Redebeitr&#228;gen   etc. einfach als Idioten abgetan wurden. Wie der Staat durch seinen   Rassismus Wasser auf die M&#252;hlen der Nazis leitet, wie der neoliberale   Sozialkahlschlag den Nazis Propagandathemen liefert wurde in den   Beitr&#228;gen, die ich h&#246;rte, nicht thematisiert. Damit hat man sich zwar   Konflikt mit einem Teil der Demoaufrufer einschlie&#223;lich OB Palmer   (dessen Partei &#8222;Hartz&#8220; ja mit verbrochen hat) erspart (es herrschte   trotzdem nicht eitel Harmonie unter den DemonstrantInnen, weil z.B.   gem&#228;&#223;igte TeilnehmerInnen radikaleren TeilnehmerInnen eskalierende   Redebeitr&#228;ge vorwarfen), aber auch die Chance vertan, Tausenden von   Menschen, von denen viele sicher zum ersten Mal auf einer Demonstration   waren, neue Ideen zu vermitteln.<\/p>\n<h4>  Erfolg<\/h4>\n<p>  Trotz dieser Schw&#228;chen war es nat&#252;rlich ein gro&#223;artiger Erfolg, dass die   Nazis nur ein paar Schritte marschieren konnten und dann T&#252;bingen wieder   verlassen mussten. Sie wollten nach ihrem Fiasko eine Spontandemo in   Hechingen weiter s&#252;dlich organisieren. Ein Teil der DemonstrantInnen   wollte ihnen nachfahren, was die Polizei zum Anlass nahm, wesentlich   massiver vorzugehen als bisher. Laut Medien gelang es dann nur einer   kleinen Gruppe von GegendemonstrantInnen, nach Hechingen durchzukommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Am 21. Juli hatten die Jungen Nationaldemokaten (JN), die<br \/>\n      Jugendorganisation der neofaschistischen NPD mit etwa 200 Leuten<br \/>\n      demonstrieren wollen. Die Jungnazis begr&#252;ndeten ihre Demonstration mit<br \/>\n      der angeblichen gro&#223;en linken Szene in T&#252;bingen. 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