{"id":12216,"date":"2007-07-17T14:21:54","date_gmt":"2007-07-17T12:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12216"},"modified":"2012-11-01T12:35:15","modified_gmt":"2012-11-01T11:35:15","slug":"12216","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/07\/12216\/","title":{"rendered":"Fl&#252;chtlinge in Deutschland &#8211; Am Beispiel Dresden"},"content":{"rendered":"<p>  In Dresden leben Menschen aus 120 L&#228;ndern verschiedenen L&#228;ndern. Sie   stellen 3,9 Prozent der Dresdner Bev&#246;lkerung, was einer Zahl von knapp   20.000 Personen entspricht.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Matthias Krohn, Dresden<\/i><\/p>\n<p>  Aussiedler und Eingeb&#252;rgerte mitgerechnet machen Menschen   nicht-deutscher Herkunft ca. sechs bis sieben Prozent der Stadt aus. Die   Arbeitslosigkeit ist unter ihnen mit ca. 35 Prozent sehr hoch.<\/p>\n<p>  200 davon sind AsylbewerberInnen und Fl&#252;chtlinge, die nur einen   Duldungsstatus haben. Diesen werden oft Vorurteile entgegen gebracht,   die mit der Realit&#228;t nichts zu tun haben. Denn die F&#252;lle der Probleme,   &#196;ngste, Diffamierungen und Gesetze mit denen sich Fl&#252;chtlinge tagt&#228;glich   auseinander setzen m&#252;ssen, sind so vielf&#228;ltig, dass sie hier nur sehr   kurz angeschnitten werden k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Restriktive Gesetzgebung<\/h4>\n<p>  Seit der faktischen Abschaffung des Asylrechts 1993 sind die   Asylbewerberzahlen stark r&#252;ckl&#228;ufig. Im Jahr 2006 beantragten knapp   21.000 Menschen in Deutschland Asyl, wovon nur ein Prozent anerkannt   wurden.<\/p>\n<p>  Praktisch k&#246;nnen sie keiner Erwerbst&#228;tigkeit nachgehen, das hei&#223;t sie   sind zum Nichtstun verdammt. Bei einem monatlichen Taschengeld von knapp   40 &#8364; ist es nicht m&#246;glich nur ann&#228;hernd einen Ausgleich zum tristen   Zustand zu finden. Jede(r) wei&#223;, wie hoch die finanziellen Aufwendungen   f&#252;r Freizeitgestaltung sind. Der Alltag ist allzu oft bestimmt von   Resignation . Nur wenige schaffen es dar&#252;ber zu stehen. Oft die   politisch aktiven.<\/p>\n<p>  Wenn das legale Aus&#252;ben einer T&#228;tigkeit verhindert wird und die   Finanzlage sehr angespannt ist bleibt nichts anderes &#252;brig als schwarz   zu arbeiten, also, aus Angst den Arbeitsplatz zu verlieren   (Illegalisierten schwebt zudem das Damoklesschwert der Abschiebung &#252;ber   dem Kopf) sich dem &#8222;Arbeitgeber&#8220; zu unterwerfen, Niedrigl&#246;hne zu   akzeptieren und auf jegliches Recht zu verzichten. 13-Stunden-Schichten   und ein freier Tag pro Woche sind normal.<\/p>\n<p>  Die neue Bleiberechtsregelung sieht f&#252;r einen dauerhaften Aufenthalt ein   Arbeitsverh&#228;ltnis als Voraussetzung vor. Zeit bleibt noch bis September.   Der Zwang jegliche T&#228;tigkeit anzunehmen wird dadurch aber nicht   aufgehoben. Fraglich ist aber auch, ob sie &#252;berhaupt Arbeit finden.<\/p>\n<p>  Wer essen und trinken m&#246;chte, kann nicht, wie jede(r) andere auch, in   einen Supermarkt einkaufen gehen, sondern muss &#252;berteuert und begrenzt   aus einem Katalog bestellen, sowie alles andere auch nur &#252;ber   Sachleistungen geschieht (Asylbewerberleistungsgesetz). In einigen   wenigen Bundesl&#228;ndern wurden Chipkartensysteme und Barauszahlungen   eingef&#252;hrt. Zur Kartenaufladung und Auszahlung muss allerdings   umst&#228;ndlich jedes Mal das Sozialamt aufgesucht werden. Und nat&#252;rlich   wird ein Fl&#252;chtling schief angeschaut wenn er mit einem K&#228;rtchen   bezahlt. Die Leistungen liegen weit unter ALG-II-Niveau.<\/p>\n<p>  Eine besonders drastische Form der Schikanierung stellt die Duldung dar.   Geduldete sind Fl&#252;chtlinge deren Abschiebung &#8222;vor&#252;bergehend ausgesetzt   ist&#8220;. Die Duldung kann wenige Tage bis 6 Monate laufen und muss immer   wieder verl&#228;ngert werden. Ist man weniger als ein Jahr geduldet, kann   jederzeit abgeschoben werden. Ein permanenter Angstzustand f&#252;r die   Betroffenen, auch weil der Staat sich nicht scheut in Kriegsgebiete   (z.B. Afghanistan, Irak) abzuschieben. Besonders hart trifft es die   Menschen, welche seit vielen Jahren hier leben, hier Freunde und Familie   haben. Abschiebungen gehen bei Aufenthalt unter einem Jahr ohne   Vorank&#252;ndigung und oft mitten in der Nacht &#252;ber die B&#252;hne. Dass Familien   getrennt werden ist nicht unnormal. Es ist ebenso egal, ob der Freund\/   die Freundin anwesend sind, egal ob Tr&#228;nen flie&#223;en &#8211; wenn der Mensch   nicht verwertbar ist, wird er aussortiert, gleich ob irakischer   Fl&#252;chtling oder erwerbsloser Deutscher.<\/p>\n<p>  Um AsylbewerberInnen jederzeit abschieben zu k&#246;nnen m&#252;ssen sie auch   jederzeit verf&#252;gbar sein. Das geschieht mittels der so genannten   Residenzpflicht, das hei&#223;t die Stadt verlassen darf nur mit   Einverst&#228;ndnis der Beh&#246;rde. Wer sich die Zustimmung nicht einholt und   begr&#252;ndet muss mit Strafen rechnen. Man muss sich das mal vorstellen &#8211;   vor der Beh&#246;rde um Erlaubnis bitten, weil man Freunde oder Familie   besuchen m&#246;chte! Das ist eine Verweigerung des Grundrechts auf   Bewegungsfreiheit, das eigentlich f&#252;r alle Menschen gelten sollte.<\/p>\n<p>  Viele weiter Einschr&#228;nkungen erschweren das Leben und die Integration,   so zum Beispiel das Selbstfinanzieren von Deutschkursen oder die   mangelhafte medizinische Versorgung, wo f&#252;r die Behandlung die akute   Notwendigkeit nachgewiesen werden muss.<\/p>\n<h4>  Zwang zur Unterbringung in Gemeinschaftsunterk&#252;nften<\/h4>\n<p>  Das Recht ihren Wohnort frei w&#228;hlen zu d&#252;rfen wird AsylbewerberInnen   verwehrt. Stattdessen m&#252;ssen sie in, von der Stadt gestellten,   Sammelunterk&#252;nften leben. In vielen F&#228;llen werden diese Unterk&#252;nfte   au&#223;erhalb der St&#228;dte eingerichtet.<\/p>\n<p>  F&#252;r <i>sozialismus.info<\/i> sprachen wir mit Mirweis Qadiri* &#252;ber   die Zust&#228;nde in Zwangsunterk&#252;nften und die Situation von Fl&#252;chtlingen in   der s&#228;chsischen Landeshauptstadt.<\/p>\n<h5>  Mirweis, wie lange bist du schon in Deutschland und was war dein   Fluchtgrund?<\/h5>\n<p>  Ich komme aus Afghanistan, lebe seit 6 Jahren hier und floh aus Gr&#252;nden   des Krieges und der Verfolgung durch die Taliban. Sie wollten, dass ich   am Krieg teilnehme und sperrten mich auch ein.<\/p>\n<h5>  Dein Aufenthaltsstatus ist Duldung. Was bedeutet das allgemein und   speziell f&#252;r dich?<\/h5>\n<p>  Von der Gesellschaft wird man ausgeschlossen, von ihr getrennt und kann   sich nicht als freier Mensch f&#252;hlen. Ich darf nicht die Stadt verlassen,   &#252;berhaupt nichts machen. Durch die Ausl&#228;ndergesetze zwingen sie einen,   dass zu tun, was sie gleichzeitig verbieten, also schwarz arbeiten und   schwarzfahren zum Beispiel. Von vornherein werde ich als kriminell   abgestempelt. Sie rauben meine Freiheit und schreiben gleichzeitig in   den Medien sie w&#252;rden f&#252;r die Freiheit k&#228;mpfen. Das behaupten sie auch   vom Krieg am Hindukusch. Als ich nach Deutschland kam dachte ich es w&#228;re   ein demokratisches Land. Die Realit&#228;t sieht v&#246;llig anders aus. Wie kann   ein undemokratisches Land von sich behaupten die Demokratie mit   Waffengewalt anderen L&#228;ndern zu bringen!? Das ist nichts anderes als   Ausbeutung.<\/p>\n<h5>  Seit wann bist du in diesem Heim untergebracht und wie ist hier die   Situation?<\/h5>\n<p>  Seitdem ich der Demokratie zuwanderte werde ich wie ein Tier in einen   K&#228;fig gesperrt. Es geht zu wie im Gef&#228;ngnis. Am Hauseingang befindet   sich eine Wache. Meine Freunde und Bekannte m&#252;ssen sich anmelden und   nach zwei Stunden wieder gehen. Die Heimleitung darf jederzeit mein   Zimmer betreten. Mit wem ich zusammenwohne und wo &#252;berhaupt, darauf   hatte ich keinerlei Einfluss. Offiziell ist auch die politische   T&#228;tigkeit verboten.<\/p>\n<h5>  Warum kannst du trotz Bleiberechtsregelung nicht arbeiten gehen?<\/h5>\n<p>  Die Bleiberechtsregelung ist glatter Betrug. Ich falle nicht darunter.   Auch vielen meiner Bekannten wurde trotz des Nachweises einer   Arbeitsstelle keine Genehmigung erteilt. Es ist ein Unterschied zwischen   dem was man schreibt und wie die Wirklichkeit dann aussieht, also wie es   umgesetzt wird.<\/p>\n<h5>  Danke f&#252;r dieses Gespr&#228;ch<\/h5>\n<p>  Das Einteilen von Menschen in n&#252;tzlich und nicht n&#252;tzlich ist ein der   kapitalistischen Gesellschaft innewohnendes Prinzip. Es entspringt einer   rassistischen Logik, die die Verwertbarkeit in den Mittelpunkt stellt.   Du bist nicht qualifiziert genug, also nicht brauchbar. Du willst essen,   trinken und wohnen? Klar, 200 Euro m&#252;ssen reichen.<\/p>\n<p>  Bei Menschen, die ganz unten angekommen sind, ohne Chance auf sozialen   Aufstieg, bei denen macht es aus Sicht des kapitalistischen Staates   keinen Sinn sie aus dem gesellschaftlichen Loch herauszuholen. Im   Gegenteil. Er schafft extra Gesetze, nur weil Menschen keinen deutschen   Pass besitzen und manifestiert damit die Spaltung. F&#252;r &#8222;Ausl&#228;nder&#8220; gibt   es andere Gesetze, demnach m&#252;ssen sie auch anders sein, so die These.   Nutzen tut es nur den Faschisten. Sie werden mit Versch&#228;rfung der   sozialen Krise immer st&#228;rker und sorgen unter MigrantInnen f&#252;r ein Klima   der Angst<\/p>\n<p>  <i>*Name von der Redaktion ge&#228;ndert<\/i><\/p>\n<\/p>\n<p>  <i>Die Fakten sind aus der Zeitschrift &quot;Fl&#252;chtlingsr&#228;te&quot;(Ausgabe Winter   2006) und den Internetseiten des Ausl&#228;nderrates Dresden e.V. und von   ProAsyl entnommen und basiert auf eigenen Erfahrungen. <\/i><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      In Dresden leben Menschen aus 120 L&#228;ndern verschiedenen L&#228;ndern. 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