{"id":12196,"date":"2007-07-13T00:28:19","date_gmt":"2007-07-12T22:28:19","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12196"},"modified":"2013-03-11T16:35:59","modified_gmt":"2013-03-11T15:35:59","slug":"12196","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/07\/12196\/","title":{"rendered":"Venezuela: Chavez und der Fernsehsender RCTV"},"content":{"rendered":"<p>  <i>Debatte in Venezuela und international &#252;ber Ch&#225;vez&#8217; Vorgehen gegen   Privatsender<\/i><br \/>Die Ch&#225;vez-Regierung in Venezuela hat Ende Mai die   Sende-Lizenz f&#252;r den privaten Fernsehsender RCTV nicht verl&#228;ngert. Ein   Aufschrei der Emp&#246;rung ging durch die Medienwelt. Das Europ&#228;ische   Parlament protestierte mit einer Resolution.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Georg K&#252;mmel, K&#246;ln<\/i><\/p>\n<p>  Zun&#228;chst die Fakten: Am 27. Mai 2007 lief die Lizenz des privaten   Fernsehsenders RCTV aus. Sie war diesem Sender 1987 von der damaligen   Regierung erteilt worden. Es geht dabei um die M&#246;glichkeit, das Programm   &#252;ber Antenne auszustrahlen. Per Kabel, Satellit oder Internet kann der   Sender weiter senden. Die frei gewordene Frequenz wird jetzt von einem   &#246;ffentlichen Sender genutzt.<\/p>\n<h4>  Putsch gegen Ch&#225;vez 2002<\/h4>\n<p>  Der Sender RCTV hatte im April 2002 den Putschversuch gegen den   Pr&#228;sidenten Hugo Ch&#225;vez propagandistisch vorbereitet und unterst&#252;tzt. Am   Tag des Putschversuches berichtete RCTV (und andere private Sender), die   Regierung Ch&#225;vez h&#228;tte ihre Anh&#228;nger aufgefordert, auf friedliche,   unbewaffnete DemonstrantInnen zu schie&#223;en. RCTV zeigte dazu einen   Zusammenschnitt von Fernsehbildern, die diese Behauptung zu best&#228;tigen   schienen. Das war eine der wichtigsten Begr&#252;ndungen f&#252;r den   Putschversuch im Verlauf des selben Tages. Die Berichte waren aber   Falschmeldungen, die Bilder eine absichtliche T&#228;uschung. Das ist   vielf&#228;ltig dokumentiert und wird auch von keiner Seite bestritten.<\/p>\n<h4>  Eine Frage der Toleranz?<\/h4>\n<p>  Trotzdem hat das Vorgehen der Regierung Ch&#225;vez auch innerhalb der Linken   zu Diskussionen gef&#252;hrt. So schreibt jemand auf den Seiten von indymedia   unter dem Namen &#8222;Liberaler Linker&#8220;, dass eine linke Regierung es dulden   m&#252;sse, dass private Sender oder Zeitungen zum Sturz der Regierung   auffordern. Andernfalls d&#252;rfe man als Sozialist zum Beispiel in   Deutschland f&#252;r sich selber nicht das Recht auf Pressefreiheit fordern,   da man schlie&#223;lich auch auf die Abschaffung des bestehenden Systems   ziele. Nebenbei bemerkt, die sozialistische Bewegung w&#252;rde keine Chance   auf Erfolg haben, wenn sie ihre Ziele durch die massenhafte Verbreitung   von L&#252;gen verfolgen w&#252;rde. Die Kapitalisten dagegen sind zur   Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft auf L&#252;gen angewiesen.<\/p>\n<p>  Es geht aber gar nicht darum, ob eine linke Regierung einigen   Konservativen oder Reaktion&#228;ren erlaubt, L&#252;gen zu verbreiten. Es geht   darum, ob man ihnen das exklusive Recht zugesteht, ihre L&#252;gen oder auch   ihre Sicht der Dinge, Millionen Menschen gleichzeitig mitzuteilen,   w&#228;hrend diese Millionen Menschen ihre jeweilige Meinung gerade mal ihrem   Nachbarn erz&#228;hlen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Rolle der b&#252;rgerlichen Medien<\/h4>\n<p>  Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind n&#228;mlich nicht abstrakt, sondern   konkret. Venezuela hat rund 27 Millionen EinwohnerInnen. Wenn jeder der   27 Millionen Menschen, egal ob Bettler oder Besitzer eines   Fernsehsenders, die gleichen M&#246;glichkeiten h&#228;tte, seine Meinung allen 27   Millionen VenezolanerInnen mitzuteilen, dann w&#228;re es in der Tat kein   Problem, dass eine handvoll Konservative mit Hilfe von L&#252;gen zum Sturz   der Regierung aufrufen. Diese Reaktion&#228;re w&#228;ren dann nur ein paar   Stimmen unter 27 Millionen. Der Bettler in den Slums von Caracas hat   aber keinen eigenen Fernsehsender, die Krankenschwester besitzt keine   Tageszeitung. Es gibt zwar staatliche Fernsehsender, aber erstens hat   jener Bettler darauf keinen direkten Zugriff, und au&#223;erdem ist es alles   andere als demokratisch, wenn es f&#252;r Millionen Menschen genauso viele   Sender gibt, wie f&#252;r eine Handvoll Medienzaren. Denn in Venezuela haben,   wie in jedem anderen kapitalistischen Land, ein paar Dutzend Superreiche   gleich mehrere Fernseh- und Radiostationen und fast alle Tageszeitungen   in ihrem Besitz und damit unter ihrer direkten Kontrolle. Eine kleine   Minderheit hat damit die technischen und finanziellen M&#246;glichkeiten,   ihre Ansichten, ihre Ideologie tagt&#228;glich Millionen mitzuteilen.<\/p>\n<p>  Private Sender und Zeitungen wollen &#8222;objektiv&#8220; und &#8222;unabh&#228;ngig&#8220;   erscheinen. Tats&#228;chlich haben sie knallharte wirtschaftliche und   politische Interessen. Dabei geht es nicht nur um die Interessen der   unmittelbaren Eigent&#252;mer, sondern auch um die der privaten Wirtschaft.   Das sieht man auch daran, dass private Sender und Zeitungen ihr Geld mit   Werbung f&#252;r wiederum private Unternehmen verdienen, also finanziell   abh&#228;ngig sind. RCTV und Venevision, ein anderer Privatsender,   kontrollieren nahezu drei Viertel des Marktes f&#252;r Fernsehwerbung in   Venezuela.<\/p>\n<h4>  Lenin contra Stalin<\/h4>\n<p>  Wenn eine linke Regierung gegen b&#252;rgerliche Medien vorgeht, werden   sofort Vergleiche zur Sowjetunion und anderen stalinistischen L&#228;ndern   gezogen. Das Problem war aber nicht, dass in diesen L&#228;ndern die Macht   der Medienzaren gebrochen war. Das Problem war, dass eine andere Form   von Diktatur an ihre Stelle getreten war. Ein mit Privilegien   ausgestatteter Machtapparat nutzte die Kontrolle &#252;ber die Medien zur   Absicherung ihrer Herrschaft. Das stand im direkten Gegensatz zu den   Vorstellungen der SozialistInnen um Lenin. Deren Ziel war es, die   Meinungsfreiheit dadurch zu verwirklichen, dass man die technischen   Mittel zur Herstellung und Verbreitung von Zeitungen der &#8222;Arbeiterklasse   und der Dorfarmut&#8220; zug&#228;nglich machte, wie es in der Verfassung der   Sowjetunion von 1918 hie&#223;.<\/p>\n<h4>  Ch&#225;vez&#8217; Fehler<\/h4>\n<p>  Der Fehler von Ch&#225;vez war, dass er dem Sender nicht schon direkt nach   dem Putschversuch die Lizenz entzogen hat und zwar vollst&#228;ndig. (Die   Putschisten hatten &#252;brigens den staatlichen Sender VTV w&#228;hrend des   Putschversuches sofort abgeschaltet). Damals war genau diese Forderung,   dem Privatsender RCTV die Lizenz zu entziehen, von vielen   DemonstrantInnen erhoben worden. Sie hatten verstanden, welche Rolle   dieser Sender im politischen Geschehen einnimmt und welche Gefahr von   ihm ausgeht. Ein Lizenzentzug w&#228;re 2002 f&#252;r die gro&#223;e Mehrheit der   Bev&#246;lkerung nachvollziehbar gewesen und als eine Ma&#223;nahme zum Schutz   ihrer Interessen verstanden worden. Heute fragen sich nun viele: &#8222;Wenn   der Sender seine Macht so missbraucht hat, warum durfte er jahrelang   weitermachen? Warum darf er jetzt weiter &#252;ber Kabel und Satellit senden?&#8220; <\/p>\n<h4>  Sozialistische Perspektive<\/h4>\n<p>  Der neue, &#246;ffentliche Sender Tves hat den Anspruch, ein Sprachrohr f&#252;r   die breite Masse der Bev&#246;lkerung zu sein. Um das zu gew&#228;hrleisten,   sollte er demokratisch organisiert und kontrolliert werden. Wichtig ist,   dass alle Leitungsfunktionen einschlie&#223;lich der Redaktionsleitung   demokratisch gew&#228;hlt werden. Au&#223;erdem darf es nat&#252;rlich keine   Privilegien f&#252;r die Sendeleitung geben.<\/p>\n<p>  Die Einrichtung eines &#246;ffentlichen Senders ist ein wichtiger Schritt in   Richtung Meinungsfreiheit. Doch solange in Venezuela, wie in anderen   L&#228;ndern, die Banken, Konzerne und die Medien ausschlie&#223;lich oder   vornehmlich im Besitz einer kleinen reichen Oberschicht sind, kann von   echter Meinungsfreiheit keine Rede sein.<\/p>\n<p>  Und die privaten Eigent&#252;mer werden ihre Medienmacht auch in Zukunft   benutzen, um jeden Schritt in Richtung sozialer Gerechtigkeit zu   torpedieren und eine Beschneidung ihrer Macht wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu   machen.<\/p>\n<p>  Um eine demokratische, sozialistische Gesellschaft zu erreichen, m&#252;ssen   die kapitalistischen Banken und Konzerne und auch die kapitalistischen   Medien in Gemeineigentum &#252;berf&#252;hrt und demokratisch organisiert werden.   Auf allen Ebenen k&#246;nnten gew&#228;hlte und jederzeit abw&#228;hlbare Vertretungen   auf Basis der Bed&#252;rfnisse der Menschen und der Umwelt Entscheidungen   treffen. Im Medienbereich k&#246;nnten dann zum Beispiel Sendezeiten   demokratisch vergeben werden. Dann und erst dann hat jede und jeder das   gleiche Recht und die gleichen M&#246;glichkeiten, seine Meinung anderen   mitzuteilen. Das ist Meinungsfreiheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      <i>Debatte in Venezuela und international &#252;ber Ch&#225;vez&#8217; Vorgehen gegen<br \/>\n      Privatsender<\/i><br \/>Die Ch&#225;vez-Regierung in Venezuela hat Ende Mai die<br \/>\n      Sende-Lizenz f&#252;r den privaten Fernsehsender RCTV nicht verl&#228;ngert. Ein<br \/>\n      Aufschrei der Emp&#246;rung ging durch die Medienwelt. 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