{"id":12192,"date":"2007-07-10T00:11:32","date_gmt":"2007-07-09T22:11:32","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12192"},"modified":"2012-06-13T17:07:38","modified_gmt":"2012-06-13T15:07:38","slug":"12192","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/07\/12192\/","title":{"rendered":"G8: Mit welchen Methoden den Widerstand aufbauen?"},"content":{"rendered":"<p>  Eine zentrale Diskussion bei der Bilanz der G8-Proteste ist die   &#8222;Gewalt-Frage&#8220;. Angelika Teweleit setzt sich mit Argumenten der   Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) auseinander.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Auszug aus der Presseerkl&#228;rung der ALB vom 5. Juni<\/h4>\n<p>  <i>&#8222;Die militanten Angriffe auf die Polizei am vergangenen Samstag in   Rostock waren zielgerichtete Aktionen. Diese fanden trotz oder gerade   vor dem Hintergrund eines in den letzten 10 Jahren massiv hochger&#252;steten   Polizeiapparates, der Aushebelung elementarer B&#252;rgerrechte und der   zunehmenden Durchleuchtung der Bev&#246;lkerung statt. Unter dem Label der   &#8216;Terrorbek&#228;mpfung&#8217; wird die Militarisierung der bundesdeutschen   Gesellschaft weiter vorangetrieben. Die neoliberale Zurichtung aller   Lebensbereiche f&#252;hrt zu einer zunehmenden Anzahl von Menschen, die auch   hier in die Armut gedr&#228;ngt und jeglicher Perspektiven beraubt werden.   Gleichzeitig wird diese Gesellschaftsform der Welt als vorbildliche   &#8216;Zivilgesellschaft&#8217; vorgef&#252;hrt, die im Namen der Menschenrechte Kriege   f&#252;hrt. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Die Militanz der Gipfelgegner steht in keinem Verh&#228;ltnis zur   Gewaltt&#228;tigkeit der bestehenden Verh&#228;ltnisse. Dass nun ernsthaft der   Einsatz von Schusswaffen gegen Demonstranten erwogen wird, sagt weniger   &#252;ber die St&#228;rke der Militanz aus, als &#252;ber die Erosion demokratischer   Prinzipien in der Bundesrepublik Deutschland. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Bei vielen Demonstrationen m&#252;ssen linke Aktivisten die zunehmende   Repression von &#8216;Ordnungskr&#228;ften&#8217; am eigenen Leib erfahren. Bereits in   den Wochen vor der Rostocker Gro&#223;demo haben die Sicherheitsbeh&#246;rden mit   ihren Ma&#223;nahmen die linksradikale Szene geradezu herausgefordert. Wer   bei Vorkommnissen wie am Samstag in Rostock diesen Kontext ausblendet,   hat kein wirkliches Interesse an der Einordnung der Gewalt. Autonome   sind keine Pazifisten: Sie halten nicht die andere Wange hin, wenn sie   geschlagen werden! So ist nur verst&#228;ndlich, dass in einer Situation, in   der ein Block mit 8.000 bis 10.000 Menschen aus dem linksradikalen   Spektrum auf der Stra&#223;e steht und in der die sonst &#252;blichen   Machtverh&#228;ltnisse auf der Stra&#223;e partiell au&#223;er Kraft gesetzt sind,   Antworten auf die &#252;blichen Provokationen offensiver ausfallen. Die   symbolische Zerst&#246;rung von Schaufensterscheiben einer Bank ist eben eine   Form der Artikulation von Opposition zum bestehenden System, die zudem   weltweit verstanden wird. <\/i><\/p>\n<p>  <i>Das Nebeneinander der verschiedenen politischen und praktischen   Ans&#228;tze von Widerstand ist das Erfolgsmodell gegen das Gerede von der   Alternativlosigkeit der kapitalistischen Zurichtung der Welt. Dass sich   Aktionen wie in Rostock vorrangig auf der symbolischen Ebene bewegen,   ist den Aktivisten bewusst. Anstelle von Distanzierungen gegen&#252;ber   militanten Widerstandsformen, wie einige Akteure der Bewegung sie in den   letzten Tagen kundtaten, muss mit fruchtbaren Auseinandersetzungen an   konkreten Schritten f&#252;r die Perspektive einer anderen Welt gearbeitet   werden.&#8220;<\/i><\/p>\n<h3>  Die Position der SAV zur &#8222;Gewalt-Frage&#8220;<\/h3>\n<h4>  Der Staat r&#252;stet auf<\/h4>\n<p>  Wir stimmen mit der ALB in einem wichtigen Punkt &#252;berein: Die Gewalt   geht von den Herrschenden aus. Jeden Tag sind Millionen von Menschen   dieser Gewalt ausgesetzt &#8211; in Kriegen, durch Hunger, durch gewaltsame   Unterdr&#252;ckung von Widerstand. Hier in Deutschland haben wir in den   letzten Wochen gesehen, wie der Staat weiter aufger&#252;stet wird. Der   Grund: Kapitalisten und ihre Handlanger in der Politik sind sich   bewusst, dass jede ihrer Ma&#223;nahmen, die weitere K&#252;rzungen im   Lebensstandard bei der Masse der Bev&#246;lkerung bedeuten, Wut erzeugt. Und   diese Wut bricht sich Bahn in Protesten und Arbeitsk&#228;mpfen. Die   Herrschenden haben Angst vor einer Ausweitung hin zu Massenstreiks und   -demonstrationen. Sie f&#252;rchten, dass ihr System zunehmend in Frage   gestellt wird. Ihre Angst ist begr&#252;ndet.<\/p>\n<h4>  Politische Ideen sind zentral<\/h4>\n<p>  Die St&#228;rke des Widerstands besteht in den Ideen. W&#228;hrend die   Herrschenden nichts zu bieten haben au&#223;er Armut, Arbeitslosigkeit, einer   rapiden Zerst&#246;rung der Erde und erh&#246;hter Kriegsgefahr weltweit, ist die   Abkehr von der Profitlogik attraktiv, bietet das Ziel, die Interessen   von Umwelt und Menschen an die erste Stelle zu setzen, eine Perspektive.   MarxistInnen schlagen zudem ein sozialistisches Programm vor, das   dar&#252;ber hinaus eine Vorstellung davon gibt, wie wir das kapitalistische   System &#252;berwinden k&#246;nnen und durch was wir es ersetzen k&#246;nnen. Es sind   die politischen Ideen, die den Regierenden und Kapitalisten gef&#228;hrlich   werden.<\/p>\n<p>  Die Herrschenden sind sich bewusst, dass sie in der Minderheit sind.   Daher brauchen sie Polizei, Armee und Sonderkommandos. Daher verfolgen   sie Gesetzesversch&#228;rfungen, r&#252;sten auf. Damit wollen sie den Aufbau   einer wirksamen und erfolgreichen Protestbewegung verhindern. Gegen An-   und &#220;bergriffe des Staates m&#252;ssen sich diejenigen sch&#252;tzen, die   protestieren. Es ist notwendig, dem Schutz von Demonstrationen ein hohes   Augenmerk zu geben. F&#252;r uns geh&#246;rt deshalb zu den Vorbereitungen einer   Demo dazu, ein Ordnerteam aus unseren Reihen aufzustellen. Das   verbessert die Chance, die Polizei zu hindern, eine Demonstration zu   attackieren und einzelne Personen oder Gruppen herauszugreifen.<\/p>\n<p>  Wir treten nicht nur f&#252;r den Schutz, sondern auch f&#252;r die Verteidigung   von Demonstrationen gegen Polizei&#252;bergriffe ein. Es gab auch am 2. Juni   eine Verteidigung der Demonstration. Das war &#8211; angesichts von Tr&#228;nengas,   Wasserwerfereins&#228;tzen und der St&#246;rung der Kundgebung durch die Polizei   gerechtfertigt. Es hat aber am 2. Juni auch Aktionen gegeben, die keinen   Verteidigungscharakter hatten. So wurden Steine auf die Sparkasse   geworfen und es gab auch so idiotische Aktionen wie den Angriff auf   einen L&#246;schzug der Feuerwehr und die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz. <\/p>\n<h4>  Arbeitende Bev&#246;lkerung ansprechen<\/h4>\n<p>  F&#252;r die Abschaffung des m&#246;rderischen kapitalistischen Systems &#8211; f&#252;r eine   grundlegende gesellschaftliche Ver&#228;nderung &#8211; braucht es die Mehrheit in   der Bev&#246;lkerung. Hierbei spielt die Arbeiterklasse die entscheidende   Rolle. Sie ist nicht nur zahlenm&#228;&#223;ig zentral (90 Prozent der   Erwerbst&#228;tigen in Deutschland sind heute Lohnabh&#228;ngige), sondern auch   wegen ihrer Stellung im Produktionsprozess. Sie produziert den ganzen   gesellschaftlichen Reichtum, sie hat die M&#246;glichkeit, die Wirtschaft   lahm zu legen. Die wichtige Frage ist, wie k&#246;nnen gr&#246;&#223;ere Teile der   Arbeiterklasse f&#252;r die antikapitalistische Bewegung gewonnen werden?   Daf&#252;r sind Diskussionen, Argumente und Demonstrationen, aber auch andere   Formen des Widerstands entscheidend. F&#252;r die Aktionsformen ist   wesentlich zu entscheiden, welche machen Sinn und st&#228;rken den   Widerstand, welche nicht? Wie wird eine Aktion in den Augen von   ArbeiterInnen und Erwerbslosen gesehen?<\/p>\n<p>  Die ALB geht von einer falschen Annahme aus, wenn sie sagt, dass die   Zerst&#246;rung von Fensterscheiben ein symbolischer Akt sei, der &#8222;weltweit   verstanden&#8220; werde. Das ist heute nicht der Fall. In der Bundesrepublik   und in den meisten L&#228;ndern kann die Boulevardpresse solche Bilder   nutzen, um die Bewegung zu diskreditieren. Die Mehrheit der arbeitenden   Bev&#246;lkerung versteht diese symbolischen Handlungen nicht. Nicht, weil es   keinen Hass auf die Reichen gibt, nicht, weil es an der Bereitschaft   mangelt, sich gegen die neoliberale Politik der Regierenden und des   Kapitals zu wehren, sondern weil diese Aktionen f&#252;r sie keinen Nutzen   haben. Zerbrochene Fensterscheiben tragen f&#252;r sie nicht dazu bei,   Billigl&#246;hne abzuschaffen, Arbeitspl&#228;tze zu sichern, oder die Profite der   Reichen zu schm&#228;lern.<\/p>\n<h4>  &#8222;Symbolische Zerst&#246;rung&#8220;<\/h4>\n<p>  Die interessante Frage ist: Warum wurden Polizeiprovokateure   eingeschleust, um DemonstrantInnen zum Steinewerfen anzustacheln? Weil   es im Interesse der Herrschenden war, solche Bilder zu produzieren. Das   Ziel: Den Menschen zu suggerieren, dass es hier gar nicht um politische   Inhalte geht, sondern um sinnlose Zerst&#246;rungslust.<\/p>\n<p>  Das Konzept &#8222;symbolischer Zerst&#246;rung&#8220; ist nicht deshalb abzulehnen, weil   es militante Aktionen sind. Autonome haben Militanz nicht f&#252;r sich   gepachtet. Die Arbeiterbewegung sah sich h&#228;ufig in der Geschichte   gezwungen, mit der ihr zur Verf&#252;gung stehenden Kraft der Macht der   B&#252;rgerlichen entgegen zu treten &#8211; zum Beispiel bei den   Auseinandersetzungen zwischen britischen Bergarbeitern und der Polizei   1984 und 1985.<\/p>\n<p>  Auch die Massenblockaden hatten einen militanten Charakter. Gegen&#252;ber   den Bildern von den ausschreitungen auf der Gro&#223;demo wurden diese   Aktionen in gr&#246;&#223;eren Teilen der &#214;ffentlichkeit mit Zustimmung und   Sympathie aufgenommen. Die Tatsache, dass es gelungen war, trotz des   gro&#223;en Polizeieinsatzes mit &#252;ber 10.000 TeilnehmerInnen die Durchf&#252;hrung   des Gipfels zu erschweren, rief bei vielen Menschen Beifall hervor. Das   hatte einen positiven Effekt auf das Bewusstsein der Arbeitenden und   Erwerbslosen.<\/p>\n<h4>  Autonom?<\/h4>\n<p>  Die ALB pl&#228;diert f&#252;r ein &#8222;Nebeneinander der verschiedenen politischen   und praktischen Ans&#228;tze&#8220;. Doch da gibt es ein Problem. Die Handlungen   von Einzelnen k&#246;nnen angesichts von Polizeihundertschaften, die nur auf   einen Anlass zum Losschlagen warten, Konsequenzen f&#252;r die gesamte   Demonstration haben. Somit dr&#252;cken einzelne mit ihren Aktionen einer   Mehrheit ihr &#8222;Konzept&#8220; auf. Das Prinzip der Autonomen besagt, jede und   jeder ist f&#252;r sich selbst verantwortlich und autonom in den   Entscheidungen. Das klingt nach Selbstbestimmung. Es hei&#223;t aber in der   Praxis, dass demokratische Entscheidungen der Mehrheit keine Relevanz   haben. Ein solches Vorgehen ist undemokratisch und gef&#228;hrdet die Ziele   von allen.<\/p>\n<h4>  Aufgaben<\/h4>\n<p>  Die haupts&#228;chliche Schw&#228;che der G8-Proteste war die weitgehende   Abwesenheit der organi-sierten Arbeiterbewegung. Die Grundlage f&#252;r eine   breite Mobilisierung w&#228;re vorhanden gewesen &#8211; viele KollegInnen sind   sich &#252;ber den Zusammenhang zwischen Arbeitsplatz- und Sozialabbau hier   und der neoliberalen Politik weltweit bewusst. Doch eine Beteiligung an   den Protesten war nicht im Interesse der Gewerkschaftsb&#252;rokratie,   weshalb es keine offiziellen Gewerkschaftsaufrufe gab.<\/p>\n<p>  Wenn wir die antikapitalistische Bewegung weiter aufbauen wollen, geht   das nur &#252;ber eine noch gr&#246;&#223;ere Mobilisierung und die Einbeziehung von   Besch&#228;ftigten und Gewerkschaftsmitgliedern. Daher ist es unsere Aufgabe,   &#252;ber die Blockade der Gewerkschaftsspitze hinweg, eine Verbindung   zwischen der antikapitalistischen Bewegung und den Anliegen und   Protesten von Arbeiter-Innen und Angestellten herzustellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine zentrale Diskussion bei der Bilanz der G8-Proteste ist die<br \/>\n      &#8222;Gewalt-Frage&#8220;. 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