{"id":12189,"date":"2007-07-07T00:53:19","date_gmt":"2007-07-07T00:53:19","guid":{"rendered":".\/?p=12189"},"modified":"2007-07-07T00:53:19","modified_gmt":"2007-07-07T00:53:19","slug":"12189","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/07\/12189\/","title":{"rendered":"Der Staat ist nicht neutral"},"content":{"rendered":"<p>  Friedrich Engels hat den Staat einmal als eine Formation bezeichnet, die   in letzter Instanz aus bewaffneten Menschen besteht &#8211; bewaffnet, um die   Interessen der jeweils &#246;konomisch herrschenden Klasse zu verteidigen.   Diese marxistische Charakterisierung des Staates widerspricht vollkommen   der b&#252;rgerlichen Darstellung, alle Macht ginge vom Volk aus.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Anja Balssat, Aachen<\/i><\/p>\n<p>  Wenn der Staat eine neutrale Institution w&#228;re, dann k&#246;nnten die   Mitglieder der deutschen Industriellen-Familie Quandt im Staat nicht   mehr und nicht weniger Einfluss geltend machen, wie ihre Angestellten.   F&#252;r die Quandts, die mehrheitlich den BMW-Konzern kontrollieren, ist der   Staat ein Instrument zur Niederhaltung der unterdr&#252;ckten Klasse. So   lange die Arbeiterklasse im Kapitalismus gezwungen ist, ihre   Arbeitskraft zu verkaufen und sich ausbeuten zu lassen, so lange wei&#223;   die besitzende Klasse &#8211; die &#252;ber die Banken, Konzerne und Versicherungen   verf&#252;gt &#8211; alle staatlichen Einrichtungen f&#252;r ihre Klassenherrschaft zu   nutzen.<\/p>\n<p>  Konkret: Wenn streikende Arbeiter die Werkstore bei BMW blockieren   w&#252;rden, um den Einsatz von Streikbrechern zu verhindern, dann wird die   Polizei den Quandts gegen die Streikenden helfen und nicht umgekehrt.   Jedenfalls gibt es viele F&#228;lle, in denen Polizei und Justiz   Streikbrechern Zugang zu bestreikten Betrieben verschafft haben, aber es   gibt keinen Fall, in dem die Polizei sich auf die Seite der Streikenden   gestellt und Streikbrecher verjagt h&#228;tte.<\/p>\n<h4>  Nicht unser Staat<\/h4>\n<p>  Wie aktuell Friedrich Engels Worte sind, konnten wir j&#252;ngst beim   G8-Gipfel beobachten. Ein Gro&#223;aufgebot der &#8222;besonderen Formation   bewaffneter Menschen&#8220; wurde eingesetzt. Aber nicht, um das   Demonstrationsrecht zu garantieren, sondern um die Einschr&#228;nkung und   mehr als einmal sogar das Verbot von Demonstrationen durchzusetzen.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich gibt es in Deutschland demokratische Rechte. Diese Rechte   mussten jedoch erk&#228;mpft werden. Das Recht, sich in Gewerkschaften zu   organisieren, Demonstrationen und Versammlungen durchzuf&#252;hren, das   Wahlrecht, alles musste gegen den erbitterten Widerstand der   Herrschenden durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>  Und weil wir immer noch in einer Klassengesellschaft leben, und weil die   Klassengegens&#228;tze zunehmen, sind alle demokratischen Rechte und   Freiheiten bedroht. Die Einschr&#228;nkung des Versammlungsrechts in   Heiligendamm, aber auch bei Antifa-Demos, sind nur die j&#252;ngsten   Beispiele. Eben in dem Ma&#223;e, wie Klassengegens&#228;tze offensichtlicher   werden, ArbeiterInnen und Jugendliche immer mehr beginnen, sich zur Wehr   zu setzen, in dem Ma&#223;e versuchen die Herrschenden, erk&#228;mpfte Rechte   wieder einzuschr&#228;nken.<\/p>\n<p>  Die staatliche Gewalt, die sich heute gegen Globalisierungskritiker   richtet, wird sich zuk&#252;nftig gegen den Vormarsch der Arbeiterklasse   richten. Streikende KollegInnen, die zunehmend die Eigentumsfrage   aufwerfen, stellen eine Gefahr f&#252;r die besitzende Klasse dar. Um ihre   Macht zu verteidigen, werden die Besitzenden immer mehr bereit sein,   staatliche Gewalt einzusetzen, je st&#228;rker sie ihre Stellung bedroht   sehen.<\/p>\n<h4>  Utopie Klassenharmonie<\/h4>\n<p>  Heute herrscht eine Minderheit &#252;ber die Mehrheit. N&#228;mlich die Minderheit   der Kapitalbesitzer &#252;ber die Mehrheit der arbeitenden beziehungsweise   arbeitslosen Bev&#246;lkerung. Was ist das anderes als die Diktatur des   Kapitals, wenn die Eigent&#252;mer eines Konzerns, oder Manager im Auftrag   der Eigent&#252;mer, &#252;ber die Schlie&#223;ung einer Fabrik entscheiden k&#246;nnen?   Wenn also eine Handvoll Menschen, die von niemandem gew&#228;hlt wurde,   Zehntausende mit einem Federstrich zu Arbeitslosigkeit und Armut   verdammen kann. Um diese Diktatur des Kapitals aufrecht zu erhalten,   braucht man eben einen riesigen Staatsapparat mit Polizei,   Geheimdiensten und Justiz.<\/p>\n<h4>  &#220;bergangsgesellschaft<\/h4>\n<p>  Das Ziel von MarxistInnen ist eine klassenlose Gesellschaft und damit   das Ende der Unterdr&#252;ckung des Menschen durch den Menschen. Eine   Staatsmaschinerie zur Unterdr&#252;ckung der einen Klasse durch die andere   g&#228;be es dann logischer-weise nicht mehr.<\/p>\n<p>  Eine sozialistische Umw&#228;lzung w&#252;rde bedeuten, dass die Gro&#223;betriebe in   Gemeineigentum &#252;berf&#252;hrt und die Wirtschaft demokratisch geplant w&#252;rde.   Die Bed&#252;rfnisse von Mensch und Umwelt w&#252;rden z&#228;hlen. Der   gesellschaftliche Reichtum k&#246;nnte allen zu Gute kommen. Die Arbeit lie&#223;e   sich auf alle aufteilen und deutlich verk&#252;rzen. Moderne   Produktionstechnologien k&#246;nnten die Menschen von stupider Arbeit   befreien.<\/p>\n<p>  Wenn die Mehrheit durch eine sozialistische Revolution die &#246;konomische   Macht erlangt hat, w&#228;ren wir dort angelangt, was Karl Marx und Friedrich   Engels &#8222;Diktatur des Proletariats&#8221; nannten. Damit meinten sie aber nicht   eine totalit&#228;re Herrschaft einer Minderheit, sondern die demokratische   Herrschaft der Mehrheit (ArbeiterInnen) &#252;ber die Minderheit   (Kapitalisten). Aber die Arbeiterklasse an der Macht k&#246;nnte nicht von   einem Tag auf den anderen auf jede Form von Staatsmacht verzichten. Denn   die ehemals herrschende Klasse w&#252;rde auf die eine oder andere Art weiter   existieren. Erstens, weil die Besitzer der Banken und Konzerne sich   nicht in Luft aufl&#246;sen w&#252;rden, sondern alles versuchen w&#252;rden, um ihre   Macht und ihren Besitz zur&#252;ck zu erobern. Und zweitens, weil die   sozialistische Revolution ja nicht an einem einzigen Tag in allen   L&#228;ndern der Welt gleichzeitig stattfinden wird. Das bedeutet aber, dass   die Kapitalisten immer noch in vielen L&#228;ndern die Macht in ihren H&#228;nden   halten und versuchen werden, das erste revolution&#228;re Land f&#252;r den   Kapitalismus zur&#252;ck zu erobern. Mit dieser Situation sah sich die junge   Sowjetunion konfrontiert. Die durch die Revolution gest&#252;rzten   Unternehmer und Gro&#223;grundbesitzer wurden aus dem Ausland mit Geld,   Waffen und mit Interventionsarmeen in ihrem Feldzug gegen die   revolution&#228;re Sowjetunion unterst&#252;tzt.<\/p>\n<h4>  Arbeiterstaat<\/h4>\n<p>  F&#252;r MarxistInnen stellt sich die Situation in dieser   &#220;bergangsgesellschaft etwa folgenderma&#223;en dar: Um die Eroberung der   &#246;konomischen Macht abzusichern, ist nun die Arbeiterklasse in die Rolle   versetzt, die neuen politischen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse zu   verteidigen. Der b&#252;rgerliche Staat ist ein Instrument in den H&#228;nden   einer Minderheit zur Unterdr&#252;ckung der Mehrheit. Auch der Arbeiterstaat   ist ein Instrument zum Machterhalt, doch mit neuer Qualit&#228;t. Denn jetzt   herrscht umgekehrt die Mehrheit &#252;ber eine Minderheit.<\/p>\n<p>  Doch der Arbeiterstaat ist nicht etwa der alte Staatsapparat unter neuem   Kommando. Er ist etwas v&#246;llig neues, personell und nach seinen Methoden.   Alle Menschen in Leitungsfunktionen werden gew&#228;hlt, sind jederzeit   abw&#228;hlbar und bekommen keinerlei Privilegien, sondern ein Gehalt, das   nicht &#252;ber einem Durchschnittslohn liegt. Das gilt f&#252;r alle Bereiche:   also demokratische Wahl der Leitung in Polizei und Armee auf allen   Ebenen und auch W&#228;hl- und Abw&#228;hlbarkeit von Richtern, Schulleitungen,   Fabrikleitungen. Statt einer von der Bev&#246;lkerung isolierten Berufsarmee   sollten die Besch&#228;ftigten demokratisch kontrollierte bewaffnete   Einheiten bilden.<\/p>\n<p>  In dem Ma&#223;e, wie sich die praktische &#220;berlegenheit der neuen   sozialistischen Gesellschaft zeigt und die sozialistische Revolution   sich international ausbreitet, in dem Ma&#223;e schwindet die Gefahr, dass   die ehemals herrschende Klasse irgendeine Aussicht auf Wiederherstellung   der alten kapitalistischen Eigentums- und Machtverh&#228;ltnisse hat. In dem   Ma&#223;e, wie sich die Gesellschaft zu einer klassenlosen Gesellschaft   entwickelt, verschwindet die Notwendigkeit der Staatsgewalt zur   Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft. Der Arbeiterstaat stirbt   deshalb ab. Jede Form staatlicher Macht geh&#246;rt dann &#8222;ins Museum der   Altert&#252;mer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt&#8220; (Friedrich Engels). <\/p>\n<h4>  Stalins monstr&#246;ser Staat<\/h4>\n<p>  Dass in der Sowjetunion unter Stalin und seinen Nachfolgern der Staat   nicht mehr und mehr abstarb, sondern, im Gegenteil, immer monstr&#246;ser   wurde, war der untr&#252;gliche Beweis, dass sich hier erneut eine Minderheit   zum Herrscher &#252;ber die Mehrheit aufgeschwungen hatte. Diesmal eine   privilegierte Kaste von B&#252;rokraten &#252;ber die Arbeiterklasse. Die   besonderen Gr&#252;nde daf&#252;r haben wir in der Juni-Ausgabe der Solidarit&#228;t   ausgef&#252;hrt.<\/p>\n<h4>  R&#228;te<\/h4>\n<p>  Wie eine Gesellschaft organisiert sein k&#246;nnte, in der es keine   Unterdr&#252;ckung mehr gibt, kann man ansatzweise in fr&#252;heren Revolutionen   sehen. Den Anfang machte die Pariser Kommune 1871, die sofort das   Prinzip der W&#228;hl- und jederzeitigen Abw&#228;hlbarkeit aller &#246;ffentlichen   Leitungsfunktionen einf&#252;hrte, und die Bezahlung auf einen   durchschnittlichen Arbeiterlohn beschr&#228;nkte. Die Kommune sollte nicht   eine parlamentarische, sondern eine arbeitende K&#246;rperschaft sein, und   deshalb auch selber f&#252;r die Umsetzung ihrer Beschl&#252;sse sorgen.<\/p>\n<p>  In der Russischen Revolution 1905 entstanden spontan die Arbeiterr&#228;te.   Das wiederholte sich in der Revolution 1917 und 1918 in Deutschland. Man   darf davon ausgehen, dass eine sozialistische Gesellschaft nach dem   Prinzip der R&#228;te funktionieren wird.<\/p>\n<p>  In einer sozialistischen Gesellschaft wird es nat&#252;rlich immer noch   Verwaltungsaufgaben geben. Der Produktionsprozess in der Wirtschaft und   das Zusammenleben der Menschen m&#252;ssen irgendwie geregelt werden. Dazu   bedarf es aber keines besonderen Apparates. Um das Entstehen einer neuen   B&#252;rokratie zu verhindern, schlug Lenin neben den bereits genannten   Mitteln noch vor: &#8222;Sofortiger &#220;bergang dazu, dass alle die Funktionen   der Kontrolle und der Aufsicht verrichten, dass alle eine zeitlang zu   &#8216;B&#252;rokraten&#8217; werden, so dass daher niemand zum B&#252;rokraten werden kann&#8220;   (Lenin, &#8222;Staat und Revolution&#8220;).<\/p>\n<p>  Wer also m&#246;chte, dass irgendwann Bilder pr&#252;gelnder Polizisten nur noch   im Museum zu sehen sein werden und der ganze Staatsapparat auf dem   M&#252;llhaufen der Geschichte landet, der sollte sich dem Kampf f&#252;r eine   klassenlose Gesellschaft anschlie&#223;en.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Friedrich Engels hat den Staat einmal als eine Formation bezeichnet, die<br \/>\n      in letzter Instanz aus bewaffneten Menschen besteht &#8211; bewaffnet, um die<br \/>\n      Interessen der jeweils &#246;konomisch herrschenden Klasse zu verteidigen.<br \/>\n      Diese marxistische Charakterisierung des Staates widerspricht vollkommen<br \/>\n      der b&#252;rgerlichen Darstellung, alle Macht ginge vom Volk aus.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[134,92],"tags":[194],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12189"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12189"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12189\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}