{"id":12179,"date":"2007-07-05T00:00:00","date_gmt":"2007-07-05T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12179"},"modified":"2015-08-26T11:43:28","modified_gmt":"2015-08-26T09:43:28","slug":"12179","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/07\/12179\/","title":{"rendered":"Clara Zetkin: \u201cNur mit der proletarischen Frau wird der Sozialismus siegen!\u201d"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00a0Zum 150. Geburtstag der Vork\u00e4mpferin der proletarischen Frauenbewegung<\/em><br \/>\nAm 5. Juli 1857 wurde Clara Ei\u00dfner in dem s\u00e4chsischen Weberdorf Wiederau am Fu\u00dfe des Erzgebirges zwischen Leipzig und Chemnitz geboren. Am 20. Juni 1933 starb sie in Archangelskoje bei Moskau. Sie trug entscheidend zum Aufbau der sozialistischen und (nach dem Ersten Weltkrieg) kommunistischen Frauenbewegung in Deutschland und international bei. Der Internationale Frauentag am 8. M\u00e4rz geht auf ihre Initiative zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>von Wolfram Klein, Stuttgart<\/em><\/p>\n<div class=\"field field-name-body field-type-text-with-summary field-label-hidden\">\n<div class=\"field-items\">\n<div class=\"field-item even\">\n<p>Am 5. Juli 1857 wurde Clara Ei\u00dfner in dem s\u00e4chsischen Weberdorf Wiederau am Fu\u00dfe des Erzgebirges zwischen Leipzig und Chemnitz geboren. Am 20. Juni 1933 starb sie in Archangelskoje bei Moskau. Sie trug entscheidend zum Aufbau der sozialistischen und (nach dem Ersten Weltkrieg) kommunistischen Frauenbewegung in Deutschland und international bei. Der Internationale Frauentag am 8. M\u00e4rz geht auf ihre Initiative zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ihr Vater, Gottfried Eisner, war Sohn eines Tagel\u00f6hners und hatte es schon mit 16 zum Dorflehrer von Wiederau gebracht. Das hie\u00df damals, hundert in einem Raum zusammengepferchten Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Er war ein gl\u00e4ubiger protestantischer Christ, der versuchte, durch pers\u00f6nliche Mildt\u00e4tigkeit die Welt zu verbessern. In zweiter Ehe hatte er Josephine Vitale geheiratet, deren Vater Jean Dominique durch die Franz\u00f6sische Revolution 1789 und seine Teilnahme an Napoleons Kriegen gepr\u00e4gt war. Danach hatte es ihn nach Leipzig verschlagen, wo er Franz\u00f6sisch und Italienisch unterrichtete. Josephine hatte gro\u00dfe Hoffnungen auf die vom B\u00fcrgertum verpfuschte Revolution 1848 gesetzt. Sie stand mit Pionierinnen der damals entstandenen (b\u00fcrgerlichen) Frauenbewegung in Kontakt, insbesondere Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt, las B\u00fccher von George Sand und gr\u00fcndete in Wiederau einen Verein f\u00fcr Frauengymnastik. Clara war die \u00e4lteste Tochter dieser Ehe.<\/p>\n<p>1872 siedelte die Familie nach Leipzig \u00fcber, um ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu erm\u00f6glichen. Claras j\u00fcngerer Bruder Arthur wurde sp\u00e4ter wie sein Vater Lehrer. F\u00fcr M\u00e4dchen waren die Ausbildungsm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkter. Immerhin leitete Auguste Schmidt ein Lehrerinnenseminar, auf das Clara aufgenommen wurde. Dieses Seminar war nicht nur durch sein Eintreten f\u00fcr Frauenbildung oppositionell, es widersetzte sich auch der chauvinistischen Welle, die nach der Reichsgr\u00fcndung 1871 durch Deutschland ging. Das B\u00fcrgertum hatte zehn Jahre vorher im preu\u00dfischen Verfassungskonflikt in heftiger Opposition zu Bismarck gestanden. Nach dessen milit\u00e4rischen Siegen \u00fcber D\u00e4nemark, \u00d6sterreich und Frankreich kroch ihm das B\u00fcrgertum immer tiefer in den Hintern; die b\u00fcrgerliche Frauenbewegung folgte den M\u00e4nnern ihrer Klasse erst mit einer gewissen zeitlichen Verz\u00f6gerung und war zu dieser Zeit ihren Traditionen noch relativ treu.<\/p>\n<p>Auf dem Lehrerinnenseminar freundete sich Clara mit einer russischen Mitsch\u00fclerin namens Warwara ein, die sie in die Kreise emigrierter russischer StudentInnen einf\u00fchrte. Sie waren meist Kinder reicher Eltern (Bauernkinder konnten sich nat\u00fcrlich kein Studium leisten, ArbeiterInnen gab es damals in Russland noch kaum), von denen viele oft in ihrer Jugend auf den Putz hauten, indem sie mit revolution\u00e4ren Ideen kokettierten. Es gab aber auch welche, die ernsthaft mit ihrer privilegierten Vergangenheit gebrochen hatten und gemeinsam mit dem Volk gegen die Zarenherrschaft k\u00e4mpfen wollten. \u201cDie Intelligenz, die ein Produkt des Zerfalls der alten St\u00e4nde war, fand weder hinreichend Nachfrage nach ihrer Arbeit noch einen Wirkungsbereich f\u00fcr ih\u00adren politischen Einfluss. Sie brach mit dem Adel, der B\u00fcrokratie, der Geistlich\u00adkeit, mit ihrem m\u00fc\u00dfigen Leben und ihren sklavenhalterischen Traditionen. Aber sie suchte auch keinen Anschluss an die noch allzu primitive und rohe Bourgeoisie. Sie betrachtete sich als sozial unabh\u00e4ngig und erstickte gleichzeitig beinahe in den Klauen des Zarismus. (\u2026) Seit den sech\u00adziger Jahren hatte sie sich eine Theorie zu eigen gemacht, wonach die Vorw\u00e4rtsbe\u00adwegung der Menschheit das Ergebnis des kritischen Denkens sei; wer aber konnte denn als Tr\u00e4ger des kritischen Denkens auftreten, wenn nicht sie, die Intelligenz? Da sie gleichzeitig ihre geringe Zahl und ihre Isolierung f\u00fcrchtete, war die Intelli\u00adgenz gen\u00f6tigt, zur gro\u00dfen Geb\u00e4rde, der Waffen der Schwachen, Zuflucht zu neh\u00admen: Sie sagte sich los von sich selbst, um desto mehr Recht zu haben, im Na\u00admen des Volkes zu sprechen und zu han\u00addeln (\u2026). Aber Volk war gleichbedeutend mit der Bauernschaft. (\u2026) Die Anbetung der Bauernschaft und der Dorfgemein\u00adschaft durch die Volkst\u00fcmler wurde zur Kehrseite des ma\u00dflosen Anspruchs des \u201cgeistigen Proletariats\u201d auf die Rolle des wichtigsten, wenn nicht einzigen Hebels des Fortschritts. Die Geschichte der russi\u00adschen Intelligenz spielt sich zwischen die\u00adsen beiden Polen ab: der Selbsterniedri\u00adgung und dem Hochmut, dem kurzen und dem langen Schatten ihrer sozialen Schw\u00e4che. (\u2026) Schon die ersten revoluti\u00adon\u00e4ren Gruppen stellten sich die Aufgabe, einen Bauernaufstand vorzubereiten. (\u2026) Die nach einer kurzen Atempause im Jahre 1873 wiederauflebende Bewegung nimmt den Charakter eines chaotischen massenweisen Ins-Volk-Gehen der Intel\u00adligenz an. Junge Leute, vor allem ehema\u00adlige Studenten und Studentinnen, insge\u00adsamt gegen tausend, trugen die sozialisti\u00adsche Propaganda in alle Teile des Landes (\u2026). Der schicksalhafte Ablauf der Ver\u00adh\u00e4ltnisse wollte es, dass das Dorf, das fast w\u00e4hrend der ganzen Geschichte Russlands in Aufruhr war, gerade dann still wurde, als sich die Stadt f\u00fcr das Dorf zu interessieren begann (\u2026). Das Dorf empfing die Propagandisten nicht nur nicht mit offenen Armen, sondern wies sie feindselig ab. Diese Tatsache f\u00fchrte zum dramatischen Verlauf der revolution\u00e4ren Bewegung der siebziger Jahre und zu ih\u00adrem tragischen Ende.\u201d (Trotzki, Der junge Lenin, a.a.O., S. 35f., 38f., 40)<\/p>\n<p>Einer der Teilnehmer dieser Bewegung war Ossip Zetkin gewesen, der aus der Ukraine stammte, die damals zu Russland geh\u00f6rte. Er hatte vor der Verfolgung fliehen m\u00fcssen und studierte jetzt in Leipzig. Halbtags arbeitete er bei dem Tischler Mosermann, der ein \u00fcberzeugter Sozialdemokrat war und ihn f\u00fcr seine Ideen gewann. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (ab 1875 umbenannt in Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) von damals, deren Hochburg Leipzig war, hatte nichts mit der Schr\u00f6der-Partei von heute gemeinsam. Sie war eine revolution\u00e4re Partei, die die ArbeiterInnen zum Kampf gegen den Kapitalismus organisieren wollte. Sie k\u00e4mpfte verbissen f\u00fcr Sozialreformen und hoffte gleichzeitig, dass die Wirtschaftsdepression seit 1873 zum revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus f\u00fchren werde. Die Parteif\u00fchrer August Bebel und Wilhelm Liebknecht waren 1871 als Gegner des Krieges gegen Frankreich ins Gef\u00e4ngnis geworfen worden, 1878 nutzte Reichskanzler Bismarck Attentate auf den Kaiser, mit denen die Sozialdemokratie rein gar nichts zu tun hatte, um sie brutal zu unterdr\u00fccken (\u201cSozialistengesetz\u201d). Clara, die gemeinsam mit armen Weberkindern aufgewachsen war, war f\u00fcr die Not der ArbeiterInnen empf\u00e4nglich gewesen. \u00dcber Ossip Zetkin war sie mit der Sozialdemokratie in Kontakt geraten. Auch w\u00e4hrend Bismarcks hysterischer Hetzkampagne blieb sie der Partei treu, was zu politischen Bruch mit ihrer Familie und ihrer bisherigen F\u00f6rderin Auguste Schmidt f\u00fchrte. Als Vorzeigesch\u00fclerin des Lehrerinnenseminars h\u00e4tte sie auf eine gute Stelle hoffen k\u00f6nnen, jetzt musste sie sich mit schlecht bezahlen Jobs durchschlagen, als Hauslehrerin f\u00fcr die Kinder von Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten. Im August 1880 fand ein sozialdemokratischer Parteitag statt \u2014 in Wyden in der Schweiz wegen der Verfolgung in Deutschland. Bebel berichtete auf einer Versammlung in Leipzig dar\u00fcber, die Polizei kam und verhaftete alle. Die Leute mussten wieder freigelassen werden, weil nicht bewiesen werden konnte, dass es keine Geburtstagsfeier war \u2014 bis auf Ossip, der als Ausl\u00e4nder ausgewiesen wurde und nach Paris ging. Clara verlie\u00df bald ebenfalls Deutschland, nach einer Zwischenstation in \u00d6sterreich ging sie nach Z\u00fcrich, wo die Parteizeitung \u201cDer Sozialdemokrat\u201d gedruckt und illegal nach Deutschland verschickt wurde. Redakteur war Eduard Bernstein, der damals noch marxistische Ideen vertrat und einige Jahre sp\u00e4ter der Vordenker des rechten Fl\u00fcgels der SPD wurde. F\u00fcr den Schmuggel der Zeitung war Julius Motteler zust\u00e4ndig. 1869 hatte er die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter in Crimmitschau in Sachsen gegr\u00fcndet, die erste Gewerkschaft in Deutschland, die ernsthaft versuchte, Frauen als Mitglieder und Funktion\u00e4rinnen zu gewinnen. Clara half in Z\u00fcrich nicht nur beim Versand des \u201cSozialdemokrat\u201d, sondern f\u00fchrte auch viele politische Diskussionen. Aus ihnen und dem Studium von August Bebels Buch \u201cDie Frau und der Sozialismus\u201d erkannte sie, dass der Kampf der ArbeiterInnen f\u00fcr Sozialismus und der Kampf f\u00fcr Frauenbefreiung nicht zwei getrennte Themen sind.<\/p>\n<p>Bald zog Clara aber nach Paris weiter, um mit Ossip zusammenzuleben. Sie heiratete ihn nicht formell, weil sie dann ihre deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft verloren h\u00e4tte, f\u00fchrte aber f\u00fcr den Rest ihres Lebens seinen Namen. Am 1. August 1883 kam ihr Sohn Maxim zur Welt, anderthalb Jahre sp\u00e4ter Kostja (Konstantin). Sie hungerten sich mit Sprachunterricht und \u00dcbersetzungen durch und waren nebenbei politisch t\u00e4tig. In ihrer sp\u00e4teren Arbeit konnte Clara aus eigener Erfahrung dar\u00fcber reden, wie es ist, Lohnarbeit, Haushalt und politische Arbeit miteinander zu verbinden, Arbeitstage von 16 oder 20 Stunden zu haben. Oft mussten sie Sachen zum Pfandleiher bringen. Einmal wurden sie wegen Mietr\u00fcckstand aus ihrer Wohnung geschmissen. Dazwischen fand sie noch Zeit, die klassischen Schriften des Marxismus durchzuarbeiten.<\/p>\n<p>1886 verschaffte ihr das Honorar f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Artikel die M\u00f6glichkeit, nach Leipzig zu reisen und an illegalen Versammlungen teilzunehmen. Die GenossInnen wollten etwas \u00fcber die Arbeiterbewegung in Frankreich h\u00f6ren und Clara war gezwungen, zum ersten Mal in ihrem Leben \u00f6ffentliche Reden zu halten. Das bedeutete eine ungeheure \u00dcberwindung f\u00fcr sie. Bei ihrer ersten Rede blieb sie prompt stecken. \u201cIch hatte das Gef\u00fchl, als ob der Tisch mit mir in die Luft ginge. Doch die Genossen ermunterten mich freundlich, es mache nichts. Ich fand den Faden wieder und brachte meine Rede zu Ende.\u201d [zitiert in Luise Dornemann. Clara Zetkin. Leben und Wirken. 9. Auflage, Berlin 1989, S. 71] In den folgenden Jahren wurde sie zu einer der beliebtesten Rednerinnen und hat viele gro\u00dfartige und historisch bedeutsame Reden gehalten.<\/p>\n<p>Sie stand in Kontakt zu F\u00fchrerInnen der franz\u00f6sischen Arbeiterbewegung, zu Jules Guesde, dem Begr\u00fcnder des Marxismus in Frankreich, zu seinen Mitk\u00e4mpferInnen Paul und Laura Lafargue, letztere eine Tochter von Marx. Aber bald verschlechterte sich die materielle Lage noch mehr. Ossip erkrankte am R\u00fcckenmark, seine Beine wurden zunehmend gel\u00e4hmt. Die Folge war \u2014neben dem Leid, das das f\u00fcr die ganze Familie bedeutete\u2014, dass er weniger Geld verdienen konnte, Clara also noch mehr Erwerbsarbeit machen und zugleich ihren Mann pflegen musste. Am 29. Januar 1889 starb er. Sein Tod nahm sie ungeheuer mit. Noch Jahrzehnte sp\u00e4ter konnte sie sich noch an die Details erinnern. \u201cIch hatte die ganze Nacht durch gewacht, gearbeitet, Ossip gepflegt, seine Medizin gegeben. Gegen 5 fr\u00fch empfand ich deutlich: der Tod griff nach dem Leben. Ich war alleine mit dem Sterbenden u. den beiden kleinen Jungen. Ich weckte die Nachbarin auf dem gleichen Korridor u. bat sie, zum Arzt u. zu russischen Freunden in der Kolonie zu gehen. Der Arzt erkl\u00e4rte, es sei das Letzte, Ossip sei schon ohne Bewusstsein. Er k\u00f6nne nur eins tun: ihn ins Bewusstsein zur\u00fcckrufen, aber das w\u00fcrde mit gro\u00dfen physischen und psychischen Schmerzen verbunden sein. So hielt ich es f\u00fcr Pflicht u. Liebesbeweis, dass ich verzichtete, den Sterbenden ins Bewusstsein zur\u00fcckrufen zu lassen. Es forderte viel Selbst\u00fcberwindung von mir \u2026 Ich erlebte alles wie im Traum. Klar, bewusst war mir nur das Eine, Furchtbare, Unfassbare: Ossip stirbt. Abends nach 8 standen Herz u. Atem still. Es war mir, als m\u00fcsse auch mein Leben still stehen.\u201d (Brief an Jelena Stassowa, 20. 11. 1923, zitiert Gilbert Badia, Clara Zetkin. Eine neue Biographie. Berlin 1994, S. 30)<\/p>\n<p>1889, zum hundertsten Jahrestag der Franz\u00f6sischen Revolution, sollte in Paris ein internationaler Arbeiterkongress stattfinden. Wegen der Spaltung des franz\u00f6sischen Sozialismus wurden zwei Kongresse daraus. Der eine wurde von den \u201cPossibilisten\u201d organisiert. Sie wollten \u201cunsere Bestrebungen in kleinen Dosen verabreichen, um derart ihre Annahme einem Jeden m\u00f6glich zu machen\u201d (les rendre possible), daher der Name. F\u00fcr den anderen Kongress mobilisierten die radikaleren Organisationen, die sich mehr oder weniger deutlich auf Marx beriefen. Clara trug als deutsche Vertreterin im Vorbereitungskomitee wesentlich dazu bei, dass nicht allzu viele Organisationen aus Unkenntnis der franz\u00f6sischen Verh\u00e4ltnisse auf dem falschen, dem Possibilisten-Kongress landeten. Sie half wesentlich mit, dass der Kongress ein Erfolg wurde \u2014 die Gr\u00fcndung der Zweiten Internationale (die Erste Internationale, die Internationale Arbeiterorganisation 1864-1876, war von Marx mitbegr\u00fcndet und jahrelang zusammengehalten worden). Am 19. Juli hielt sie auf dem Kongress ihre erste Rede vor einem gr\u00f6\u00dferen Publikum \u00fcber das Thema, das f\u00fcr Jahrzehnte ihr Hauptthema wurde: \u201cdie Befreiung der Frau\u201d.<\/p>\n<h3>Proletarische Frauenbewegung und b\u00fcrgerliche Frauenrechtelei<\/h3>\n<p>Nach dem Tod Ossips und der Aufhebung des Sozialistengesetzes in Deutschland 1890 hielt es Clara nicht mehr in Paris. Sie zog nach Stuttgart, denn in W\u00fcrttemberg war nicht nur das Presserecht etwas liberaler als in den meisten deutschen Bundesstaaten, die politische Bet\u00e4tigung von Frauen war auch erlaubter. Der sozialdemokratische Verleger Dietz plante eine zweiw\u00f6chentliche Frauenzeitschrift herauszugeben, deren Redaktion Clara \u00fcbernahm: \u201cDie Gleichheit. Zeitschrift f\u00fcr die Interessen der Arbeiterinnen\u201d. Am 11. Januar 1892 erschien die erste Nummer. Diese Zeitung wurde in den folgenden Jahren ein Haupthebel zum Aufbau einer sozialistischen Arbeiterinnenbewegung in Deutschland. Clara Zetkin bestand auf der organisatorischen Trennung von der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung. Nicht weil die selbst mit den Arbeiterinnen meist nichts zu tun haben wollte, sondern als Schlussfolgerung ihrer Analyse der Frauenfrage.<\/p>\n<p>\u201cMarx hat sich nie mit der Frauenfrage \u201can und f\u00fcr sich\u201d und \u201cals solcher\u201d besch\u00e4ftigt. Trotzdem hat er Unersetzliches, hat er das Wichtigste f\u00fcr den Kampf der Frau um volles Recht geleistet. Mit der materialistischen Geschichtsauffassung hat er uns zwar nicht fertige Formeln \u00fcber die Frauenfrage, wohl aber Besseres gegeben: die richtige, treffsichere Methode, sie zu erforschen und zu begreifen. Erst die materialistische Geschichtsauffassung hat es uns erm\u00f6glicht, die Frauenfrage im Flusse der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung, im Lichte der allgemeinen sozialen Zusammenh\u00e4nge in ihrer historischen Bedingtheit und Berechtigung klar zu verstehen, ihre bewegenden und tragenden Kr\u00e4fte zu erkennen, die Ziele, denen diese zutreiben, die Bedingungen, unter denen allein die aufgerollten Probleme ihre L\u00f6sung zu Enden verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Zerschmettert sank der alte Aberglaube in den Staub, dass die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft ein ewig Unwandelbares sei, das nach sittlichen Gesetzen oder g\u00f6ttlichen Vorschriften geschaffen. Klar enth\u00fcllte es sich, dass die Familie wie die \u00fcbrigen Einrichtungen und Daseinsformen der Gesellschaft einem steten Werden und Vergehen unterworfen ist und sich wie sie mit den Wirtschaftsverh\u00e4ltnissen und der von ihnen getragenen Eigentumsordnung wandelt. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Produktivkr\u00e4fte aber ist es, welche diese Wandlung treibt, indem sie die Produktionsweise umw\u00e4lzt und sie in Gegensatz zu der Wirtschafts- und Eigentumsordnung stellt. Auf dem Untergrund der revolutionierten wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und Zusammenh\u00e4nge vollzieht sich dann die Revolutionierung des Denkens der Menschen, ihr Streben, den gesellschaftlichen \u00dcberbau in seinen Einrichtungen den Ver\u00e4nderungen an der wirtschaftlichen Grundlage entsprechend umzugestalten, das in Eigentumsformen und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen Erstarrte zu beseitigen. Die K\u00e4mpfe der Klassen sind es, mittels deren sich dieses Streben durchsetzt.\u201d (\u201cWas die Frauen Karl Marx verdanken\u201d, Gleichheit, 25. 3. 1903)<\/p>\n<p>Die f\u00fcr die Entstehung der Frauenfrage entscheidende Umwandlung war die Verlagerung von produktiver T\u00e4tigkeit aus der Familienwirtschaft in die Industrie seit der industriellen Revolution. Am besten zusammengefasst wurden diese Ideen vielleicht in der Resolution, die der SPD-Parteitag 1896 auf der Grundlage von Clara Zetkins Referat beschloss:<\/p>\n<p>\u201cDie moderne Frauenfrage ist das Ergebnis der durch die kapitalistische Produktionsweise gezeitigten wirtschaftlichen Umw\u00e4lzungen. Sie tritt deshalb in den verschiedenen Klassen auf, die der modernen Gesellschaft eigent\u00fcmlich sind, nimmt aber in jeder derselben eine andere Form an.<\/p>\n<p>In der Klasse der oberen Zehntausend ist die Frau als Besitzerin eigenen Verm\u00f6gens \u00f6konomisch vom Manne unabh\u00e4ngig, aber als Ehefrau ist sie rechtlich ihm noch vielfach unterworfen und kann in der Regel nicht frei \u00fcber ihren Besitz verf\u00fcgen. Der Besitz f\u00fchrt in dieser Klasse zur Geldehe und zu ihrem Gegenst\u00fcck, dem Ehebruch; er f\u00f6rdert die Aufl\u00f6sung des Familienlebens und enthebt die Frau ihren Pflichten als Gattin und Mutter. Im Vordergrund der Forderungen, welche die Frauen dieser Klasse stellen, steht die rechtliche Sicherung des Verm\u00f6gensbesitzes und das freie Verf\u00fcgungsrecht dar\u00fcber f\u00fcr das weibliche Geschlecht. Der Emanzipationskampf dieser Frauenklasse ist ein Kampf f\u00fcr die Beseitigung aller sozialen Unterschiede, die nicht auf dem Verm\u00f6gensbesitz beruhen. Die Verwirklichung ihrer Forderungen bedeutet die letzte Stufe der Emanzipation des Privatbesitzes.<\/p>\n<p>In der kleinen und mittleren Bourgeoisie, sowie in der b\u00fcrgerlichen \u201aIntelligenz\u2018 wird die Familie durch wesentliche Begleiterscheinungen der kapitalistischen Produktion zersetzt. Es w\u00e4chst die Zahl der ehelosen Frauen, die dadurch auf eigenen Verdienst angewiesen werden; es w\u00e4chst die Zahl der Familien, denen der Erwerb des Mannes nicht gen\u00fcgt. Die weiblichen Angeh\u00f6rigen dieser Schichten werden zur Erwerbsarbeit auf dem Gebiet der liberalen Berufe gedr\u00e4ngt. Im Vordergrund ihrer Forderungen steht deshalb das Recht auf gleiche Berufst\u00e4tigkeit und Berufsbildung f\u00fcr beide Geschlechter, f\u00fcr v\u00f6llig freie Konkurrenz auf allen Gebieten. Der Kampf der Frauen f\u00fcr diese Forderungen ist ein wirtschaftlicher Interessenkampf zwischen M\u00e4nnern und Frauen jener Schichten. Und da jeder wirtschaftliche Interessenkampf ein politischer wird, dr\u00e4ngt er die Frauen auch zur Forderung der politischen Gleichstellung mit dem Manne.<\/p>\n<p>Im Proletariat ist es das Ausbeutungsbed\u00fcrfnis des Kapitals, das die Frau zur Erwerbsarbeit zwingt und die Familie zerst\u00f6rt. Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung bedeutet, dass sie, wie der Proletarier, nur h\u00e4rter als er, vom Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die M\u00e4nner der eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den M\u00e4nnern ihrer Klasse gegen die Kapitalistenklasse. Das n\u00e4chste Ziel dieses Kampfes ist die Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeif\u00fchrung der sozialistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>As K\u00e4mpferin in diesem Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne als die Klein- und Mittelb\u00fcrgerin und die Frau der b\u00fcrgerlichen Intelligenz. Als selbst\u00e4ndige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verf\u00fcgung \u00fcber ihr Einkommen (Lohn) und \u00fcber ihre Person als die Frau der gro\u00dfen Bourgeoisie. Aber trotz aller Ber\u00fchrungspunkte in rechtlichen und politischen Reformforderungen hat das Proletariat in den entscheidenden \u00f6konomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts.<\/p>\n<p>Die Agitation unter den proletarischen Frauen muss daher in erster Linie sozialistische Agitation sein. Ihre Hauptaufgabe ist, die proletarischen Frauen zum Klassenbewusstsein zu wecken und f\u00fcr den Klassenkampf zu gewinnen. Die Arbeiterin muss aus einer Schmutzkonkurrentin des Mannes zu dessen Kampfgenossin, aus einer hemmenden zu einer treibenden und t\u00e4tigen Kraft im Klassenkampf werden. Die proletarische Frauenagitation muss sich also streng im Rahmen der allgemeinen Arbeiterbewegung halten und muss an alle Fragen ankn\u00fcpfen, die f\u00fcr die Arbeiterklasse jeweilig von besonderer Wichtigkeit sind. So weit bestimmte dringende Aufgaben nicht vorliegen, ist in der Agitation f\u00fcr Reformen einzutreten, die im Interesse der Proletarierin als Arbeiterin und als Frau liegen. Insbesondere ist zu agitieren:<\/p>\n<ol>\n<li>F\u00fcr die Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, namentlich f\u00fcr die Einf\u00fchrung des gesetzlichen Achtstundentages zun\u00e4chst wenigstens f\u00fcr die weiblichen Arbeiter.<\/li>\n<li>F\u00fcr die Einstellung weiblicher Fabrikinspektoren.<\/li>\n<li>F\u00fcr aktiven und passiven Wahlrecht der Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten zu den Gewerbegerichten.<\/li>\n<li>F\u00fcr gleichen Lohn f\u00fcr gleiche Leistung ohne Unterschied des Geschlechts.<\/li>\n<li>F\u00fcr volle politische Gleichberechtigung der Frauen mit den M\u00e4nnern, speziell f\u00fcr uneingeschr\u00e4nktes Vereins-, Versammlungs- und Koalitionsrecht.<\/li>\n<li>F\u00fcr gleiche Bildung und freie Berufst\u00e4tigkeit der beiden Geschlechter.<\/li>\n<li>F\u00fcr die Beseitigung der Gesindeordnungen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Hand in Hand mit der m\u00fcndlichen Agitation muss die schriftliche Agitation unter den proletarischen Frauen betrieben werden. Als vorz\u00fcglichstes Mittel, Anregung und Aufkl\u00e4rung unter die Massen der noch indifferenten Proletarierinnen zu tragen, empfiehlt sich die periodische Verbreitung von Flugbl\u00e4ttern, die bestimmte, praktische Fragen behandeln. Zur weiteren Belehrung und Schulung sind besondere Brosch\u00fcren geeignet, die der Proletarierin den Sozialismus n\u00e4her bringen und zwar als Arbeiterin, als Frau und vor allem auch als Mutter. Die sozialdemokratische Presse muss systematisch f\u00fcr die wirtschaftliche und politische Aufkl\u00e4rung der proletarischen Frauen wirken.\u201d<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stellte sich die Notwendigkeit des Kampfs f\u00fcr politische Rechte f\u00fcr die Arbeiterinnen viel sch\u00e4rfer als f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Frauen, weil die gesetzlichen Vorschriften gegen die politische Bet\u00e4tigung von Frauen auf sie mit aller Sch\u00e4rfe angewendet wurden. Wenn b\u00fcrgerliche Frauenvereine f\u00fcr Aufr\u00fcstung oder Kolonialismus eintraten, war das \u201cunpolitisch\u201d. Wenn sich Arbeiterinnen auch nur mit gewerkschaftlichen Fragen besch\u00e4ftigten, konnte es passieren, dass der als Aufpasser anwesende Polizist die Versammlung f\u00fcr geschlossen erkl\u00e4rte und obendrein noch Strafen verh\u00e4ngt wurden. Frauenagitationskommissionen, Frauen- und M\u00e4dchenbildungsvereine wurde reihenweise verboten. Die sozialistischen Frauen lie\u00dfen sich dadurch nicht ins Bockshorn jagen. Die Verfolgungen vergr\u00f6\u00dferten eher ihre Entschlossenheit. Sie betrieben jahrelang ein Katz- und Maus-Spiel mit den Beh\u00f6rden, wie es die gesamte Arbeiterbewegung unter dem Sozialistengesetz gelernt hatte. Wenn die Vereine aufgel\u00f6st und verboten wurden, wurden Vertrauenspersonen gew\u00e4hlt \u2014 denn eine Person kann man nicht aufl\u00f6sen oder verbieten (sie umzubringen, wie es sp\u00e4ter die Nazis und viele andere Diktaturen machten, so weit gingen die kaiserlichen Beh\u00f6rden dann doch nicht).<\/p>\n<p>So k\u00e4mpften die organisierten Arbeiterinnen f\u00fcr die politischen Forderungen der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung viel hartn\u00e4ckiger als diese selbst. Denn bei den b\u00fcrgerlichen Frauen stand im Zweifelsfall die Verteidigung des kapitalistischen Profitinteressen h\u00f6her als der Kampf f\u00fcr Frauenrechte. Wenn im Wahlkampf die sozialdemokratischen Kandidaten f\u00fcr die Gleichberechtigung der Frauen eintraten und die b\u00fcrgerlichen Liberalen (wegen der von Clara Zetkin beschriebenen Geschlechterkonkurrenz im B\u00fcrgertum) nicht, dann riefen die b\u00fcrgerlichen Frauenvereine trotzdem zur Wahl der Liberalen auf. Und auch au\u00dferhalb von Wahlk\u00e4mpfen kam f\u00fcr sie die Klassensolidarit\u00e4t vor dem Geschlechterkampf. So f\u00fchrte die kapitalistische Realit\u00e4t dazu, dass auch beim Kampf um die politischen Frauenrechte die Zusammenarbeit mit der b\u00fcrgerlichen \u201cFrauenrechtelei\u201d nur punktuell, mit den m\u00e4nnlichen Arbeitern aber intensiv war.<\/p>\n<p>Auch wenn b\u00fcrgerliche Frauenrechtlerinnen gelegentlich f\u00fcr Arbeiterinnenschutz und Sozialreformen eintraten, f\u00fchrte das nicht zu enger Zusammenarbeit. Wenn die einen mit den Forderungen den Kapitalismus netter machen und damit festigen wollten und die anderen die Kampff\u00e4higkeit der Arbeiterinnen zum Sturz des Kapitalismus durch bessere Arbeitsbedingungen erh\u00f6hen wollten, dann war der Vorrat an Gemeinsamkeiten nicht gro\u00df.<\/p>\n<p>Denn wenn in der politischen Arbeit der Kampf f\u00fcr demokratische Rechte, f\u00fcr k\u00fcrzere Arbeitszeiten, h\u00f6here L\u00f6hne etc. immer wieder im Vordergrund stand, so war es Clara Zetkin klar, dass dies nur der Ausgangspunkt f\u00fcr den Kampf um viel weitergehende Ver\u00e4nderungen sein konnte. Sie war fest davon \u00fcberzeugt, dass Frauen nicht einfach nur abstrakt Menschen sind, sondern weibliche Menschen, und dass die Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit der Frauen nach der \u00dcberwindung der Frauenunterdr\u00fcckung die Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen nicht verringern, sondern vergr\u00f6\u00dfern werde. (Ob sie in diesem Punkt Recht hatte oder ob die Beseitigung von Frauenunterdr\u00fcckung, Doppelbelastung etc. die Unterschiede verringern wird, das k\u00f6nnen wir der Zukunft \u00fcberlassen.) Das bedeutete f\u00fcr sie, dass Mutterschaft f\u00fcr sie einen gro\u00dfen Stellenwert hatte. (Als kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der deutschen Arbeiterbewegung die Diskussion um die Geburtenkontrolle entflammte, betonte sie, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen im Kapitalismus viele Frauen fortpflanzungsunf\u00e4hig machen. Sie verteidigte zwar das Recht auf Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung gegen staatliche Eingriffe, pl\u00e4dierte aber nicht daf\u00fcr, von diesem Recht Gebrauch zu machen.) Sie betonte zwar, dass die wirtschaftliche Arbeit in der Familie durch die kapitalistische Entwicklung zur\u00fcckgegangen ist, zugleich stiegen aber die Anforderungen an das, was sp\u00e4ter \u201cBeziehungsarbeit\u201d genannt wurde.<\/p>\n<p>\u201cDer moderne Mensch sucht in der Liebe, in dem Ehe- und Familienleben einen h\u00f6heren, vielseitigeren und reicheren Inhalt als seine Voreltern. Soll die Frau den h\u00f6heren Aufgaben als Gattin und Mutter gen\u00fcgen, so muss sie nicht nur eine starke, harmonisch entwickelte Pers\u00f6nlichkeit sein, ihr Ich muss vielmehr auch die M\u00f6glichkeit haben, sich in der Familie ausleben zu k\u00f6nnen. Die Frau, die heute als Erwerbende den besten Teil ihrer Kraft und Zeit der Berufsarbeit widmen muss, kann im Allgemeinen den Kindern und dem Manne nicht geben, was ihnen geb\u00fchrt. In schmerzensreichen Konflikten muss sie tagt\u00e4glich eine Antwort auf die Frage suchen: Was schulde ich der Familie, was dem Berufe, der Welt?\u201d (Der Student und das Weib, 1899)<\/p>\n<p>Das hie\u00df nat\u00fcrlich nicht: zur\u00fcck an den Herd! Denn wie soll eine Frau, die in den Einzelhaushalt eingepfercht ist, sich zu der Pers\u00f6nlichkeit entwickeln, die diese Beziehungsarbeit leisten kann?<\/p>\n<p>\u201cDen Beruf der Mutter feiert man als den h\u00f6chsten und schwierigsten aller Berufe. Aber reif und w\u00fcrdig f\u00fcr die Erf\u00fcllung dieses Berufs soll jedes G\u00e4nschen sein, das gestern mit der Puppe spielte und heute seine \u201cewig weiblichen\u201d Reize auf dem Markte des Balles ausbietet. Reif und w\u00fcrdig f\u00fcr den Beruf, Menschen zu bilden! (\u2026) Die Frau ist \u201cbegehrlich\u201d geworden. Sie will nicht blo\u00df die treue W\u00e4rterin und H\u00fcterin des Kindes sein, sie setzt ihren Stolz darin, die Bildnerin des Menschenlebens zu werden, das sich aus ihrem Scho\u00dfe ringt. Zur klaren, starken, freien, in sich gefestigten Individualit\u00e4t trachtet sie sich durchzuk\u00e4mpfen, damit sie den Keim zum Vollmenschentum, das Streben nach Vollmenschentum als k\u00f6stlichstes Gut auf ihre Kinder \u00fcbertr\u00e4gt. Als kraftvolle Pers\u00f6nlichkeit will sie lernend, wirkend, genie\u00dfend in der Welt und im Hause stehen, um ihre Kinder zu starken Pers\u00f6nlichkeiten von ungebrochener Eigenart zu erziehen, aber auch zu weitblickenden, weitherzigen Gesellschaftsb\u00fcrgern. Die Kultur ihrer Zeit soll in ihren Pulsen klopfen, in ihrem Blute kreisen, damit sie eine lebendige Kraft im Leben ihrer Kinder bleibe, statt zur Reminiszenz zu werden an die Tage der kindlichen Hilflosigkeit und sorgenden Muttertreue. Heraus deshalb mit der Frau aus der Beschr\u00e4nktheit des Nichts-als-Hauswirtschaft! Die Pfade frei, auf denen das weibliche Geschlecht zu den Bildungsquellen wandern kann!&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch l\u00e4sst sich nur \u00fcberwinden durch die gesellschaftliche Arbeit von M\u00e4nnern und Frauen und drastische Arbeitszeitverk\u00fcrzung, die beiden die Kraft f\u00fcr \u201cBeziehungsarbeit\u201d l\u00e4sst. Das wird sich aber nur im Sozialismus verwirklichen lassen.<\/p>\n<p>\u201cAuch bez\u00fcglich der Frauenfrage und ihrer komplizierten Probleme liegt das Heil nicht in der sozialen Reaktion, sondern in der sozialen Revolution. Nicht die Frauenrechtelei, nur die Umwandlung der Gesellschaft aus einer kapitalistischen in eine sozialistische l\u00f6st die Konflikte, welche unter der Herrschaft des Kapitalismus durch die Verwirklichung der geschichtlich bedingten Ziele der Frauenbewegung geschaffen werden. (\u2026) Erschlie\u00dft die Berufst\u00e4tigkeit der Frau die Welt, so gibt sie dem Manne das Heim zur\u00fcck. Denn wenn die Frau auf allen Gebieten menschlichen Schaffens als Mitarbeitende neben dem Manne steht, so gewinnt dieser Zeit und Kraft, als Mitarbeitender beim Ausbau des Helms und der Erziehung der Kinder neben der Frau zuwirken. Bereicherung und Vertiefung der Pers\u00f6nlichkeit der Frau und ihres Lebensinhalts; Entlastung des Mannes und die M\u00f6glichkeit vielseitigeren Auslebens f\u00fcr ihn; h\u00f6here, harmonischere Gestaltung des Familienlebens; Mehrung des materiellen und kulturellen Besitzes der Gesamtheit \u2014 das sind Errungenschaften, die in der sozialistischen Gesellschaft mit der Berufst\u00e4tigkeit des weiblichen Geschlechts auf allen Gebieten verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p>Herrscht das tote Kapital nicht mehr \u00fcber den lebendigen Menschen, schl\u00e4gt der Besitz nicht l\u00e4nger gleichsam die Person tot; steht das Wirtschaftsleben der Gesellschaft nicht mehr im Zeichen der Ausbeutung und Konkurrenz, so dass der Kampf ums Dasein in ungez\u00fcgelter Wildheit einherbraust, der einzelne nur emporzusteigen vermag \u00fcber die Leiber Tausender, die im brutalen Ringen zu Boden getreten werden: so saugt auch die Berufsarbeit nicht l\u00e4nger den ganzen Menschen, den besten Teil des Menschen auf. In der sozialistischen Gesellschaft kann mithin die Frau berufst\u00e4tig sein, ohne ihr Ausleben als Weib, ohne die Familienpflichten opfern zu m\u00fcssen. Andererseits schaltet und waltet sie im Heim, ohne dadurch der sozialen Herrschaft des Mannes unterworfen zu werden. Mit der Aufhebung des Einzelhaushalts als einer produzierenden Einheit wird die Familie zu einem rein sittlichen Ganzen, das auf der Gleichberechtigung von Frau und Mann beruht. Das h\u00e4usliche Tun der Frau tr\u00e4gt nun nicht mehr das Gepr\u00e4ge unfreier Arbeit im Dienste des Mannes, es wird als freie gesellschaftliche T\u00e4tigkeit gewertet. Die Berufsarbeit und das Wirken der Frau in der Familie schlie\u00dfen sich zum harmonischen Ganzen zusammen, sicherlich auch in der sozialistischen Gesellschaft nicht ohne hei\u00dfes Ringen und K\u00e4mpfen der Frau um Klarheit \u00fcber die Grenze ihrer Bet\u00e4tigung in Heim und Welt. Aber ohne dass diese K\u00e4mpfe unter dem Zwange \u00e4u\u00dferer Notwendigkeiten stattfinden und durch sie entschieden werden. Sie bleiben rein sittliche Konflikte, welche die Frau in sittlicher Reife und Freiheit durchringt.\u201d<\/p>\n<p>Alle zwei Wochen brachte die Gleichheit Artikel \u00fcber die Lage der Arbeiterinnen, \u00fcber gewerkschaftliche K\u00e4mpfe, \u00fcber die beh\u00f6rdliche Verfolgung der proletarischen Frauenbewegung, Polemiken mit der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung und deren F\u00fcrsprecherinnen in den eigenen Reihen. Im Laufe der Jahre stiegen Auflage und Umfang. Es kamen Beilagen dazu, die praktische Tipps f\u00fcr Erziehung und Hausarbeit enthielten, um den Leserinnen zu helfen, die Dreifachbelastung von Lohn-, Haus- und politischer Arbeit ein winziges bisschen besser in den Griff zu bekommen \u2014 Ersatz f\u00fcr Sozialreformen und schlie\u00dflich f\u00fcr den Sozialismus konnte das nat\u00fcrlich nicht sein.<\/p>\n<p>Clara Zetkin verwendete auch auf das Feuilleton gro\u00dfe M\u00fche, um den Arbeiterinnen die besten Produkte der b\u00fcrgerlichen Literatur, aber auch die Anf\u00e4nge von Arbeiterliteratur zug\u00e4nglich zu machen. 1896 hatten streikende Studierende der Stuttgarter Kunstschule (1901 wurde die Kunstakademie daraus) sich an Clara Zetkin um Hilfe gewandt. Einer der Streikf\u00fchrer, Friedrich Zundel, verliebte sich in sie. Auch wenn es viele Spie\u00dfer innerhalb und au\u00dferhalb der SPD entsetzte, heiratete Clara Zetkin den 18 Jahre j\u00fcngeren Mann. (Entgegen allen Unkenrufen hielt die Beziehung bis in den Ersten Weltkrieg, der auch viele \u201cnormalere\u201d Beziehungen \u00fcber den Haufen geworfen hat.) F\u00fcr sie bedeutete die Beziehung zu dem Maler, der sich auch mit Gedichten versucht hatte und im Freundeskreis \u201cder Dichter\u201d genannt wurde, einen verst\u00e4rkten Anreiz, sich mit der Frage der Kunst und seiner Bedeutung f\u00fcr die Arbeiterklasse und den Sozialismus zu besch\u00e4ftigen. Das Ergebnis davon waren Vortr\u00e4ge und Artikel \u00fcber die Kunst im allgemeinen und zahlreiche einzelne Kunstwerke.<\/p>\n<p>Da Zundel wegen seiner Rolle als Streikf\u00fchrer von der Kunstschule geflogen war und seine Arbeitsm\u00f6glichkeit verloren hatte, war ihre finanzielle Lage zun\u00e4chst sehr angespannt. Allm\u00e4hlich bekam Zundel einen Ruf und Auftr\u00e4ge, die es der Familie erm\u00f6glichten, nach Sillenbuch zu ziehen, damals noch ein ziemlich abgelegener Vorort von Stuttgart. F\u00fcr die auf dem Dorf aufgewachsene Clara war das Leben idyllisch. Als es mit Zundel weiter aufw\u00e4rts ging, konnte er sich 1907 sogar ein Auto zulegen, durch das der Kontakt mit den GenossInnen in Stuttgart und Reisen zu politischen Versammlungen im Umland erleichtert wurden.<\/p>\n<p>Das war vorteilhaft, weil Clara Zetkin nicht nur in der proletarischen Frauenbewegung in ganz Deutschland sondern auch in der Arbeiterbewegung insgesamt eine wachsende Bedeutung erlangte.<\/p>\n<h3>Gegen den Revisionismus<\/h3>\n<p>Clara Zetkin hatte zun\u00e4chst ihre Hauptaufgabe darin gesehen, die marxistischen Ideen, die sich in der m\u00e4nnlichen Arbeiterbewegung in Deutschland unter dem Sozialistengesetz 1878-90 durchgesetzt hatten, auch unter den Arbeiterinnen und Arbeiter-Ehefrauen zu verbreiten, die damals im gro\u00dfen und ganzen politisch r\u00fcckst\u00e4ndiger waren als die M\u00e4nner: viele hatten die Ideologie noch verinnerlicht, dass die Frau in erster Linie Hausfrau sei und sich f\u00fcr die Gesellschaft nicht zu interessieren brauche. Auch viele Frauen, die in die Fabrik gingen, sahen das als Zwischenphase und Notbehelf an und sahen keinen Grund, sich in der Arbeiterbewegung zu engagieren.<\/p>\n<p>Zunehmend musste sie aber erkennen, dass auch bei den M\u00e4nnern nicht alles klar war. 1895 auf dem SPD-Parteitag in Breslau trat sie zum ersten Mal als eine der SprecherInnen der Parteilinken auf: der rechte Fl\u00fcgel wollte ein Agrarprogramm beschlie\u00dfen, das den Kleinbauern die k\u00fcnstliche Konservierung ihres Privateigentums versprechen sollte. Statt derartiger unhaltbarer Versprechungen bot das marxistische Steuerprogramm (Besteuerung der Reichen statt der Masse der Bev\u00f6lkerung) und der Kampf gegen Militarismus und Krieg den Bauern mehr als jede b\u00fcrgerliche Partei mit demagogischer Bauernf\u00e4ngerei versprechen konnte. Da die Hochburg der Rechten S\u00fcddeutschland (Baden, W\u00fcrttemberg, Bayern) war und sie sich auf die kleinb\u00e4uerlich-kleinb\u00fcrgerliche Wirtschaftsstruktur dieser L\u00e4nder st\u00fctzten, war es wichtig, dass auch die auf dem Dorf aufgewachsene und in S\u00fcddeutschland t\u00e4tige Clara Zetkin gegen sie auftrat.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Jahren wurden diese drei L\u00e4nder in allen politischen Streitfragen Hochburgen des rechten Parteifl\u00fcgels. Immer wieder waren die norddeutschen Sozialdemokraten aus dem H\u00e4uschen, weil im S\u00fcden die Abgeordneten f\u00fcr den Landeshaushalt gestimmt hatten oder beim K\u00f6nig oder Gro\u00dfherzog einen unterw\u00fcrfig-einschleimenden Besuch absolviert hatten. Dass in diesem Meer des s\u00fcddeutschen Opportunismus Stuttgart zu einer der wenigen roten Inseln wurde, lag sicher auch an wirtschaftlichen Ursachen: es entstanden wenigstens ein paar Gro\u00dfbetriebe wie Daimler und Bosch, deren Besch\u00e4ftigte durch ihre Arbeitssituation radikalisiert wurden. Es lag aber auch an der jahrelangen Arbeit, die Clara Zetkin und bald auch eine Reihe von mit ihr zusammenarbeitenden \u00f6rtlichen Funktion\u00e4rInnen leisteten.<\/p>\n<p>Neben diesem \u201ctaktischen\u201d Opportunismus fand kurz vor der Jahrhundertwende auch ein Angriff auf die theoretischen Grundlagen der SPD-Politik statt: der \u201cRevisionismus\u201d Eduard Bernsteins (der meinte, ein paar Grundannahmen des Marxismus m\u00fcssten revidiert werden). Bernsteins Ideen waren kalter Kaffee, alles war schon von b\u00fcrgerlichen Sozialreformern vor ihm vertreten worden. Aufmerksamkeit erregte nur, dass Bernstein jetzt das selbe sagte, der unter dem Sozialistengesetz der Redakteur der illegalen Parteizeitung gewesen war und deshalb immer noch im Exil in England leben musste (nachdem er aber seine neuen Ansichten vertrat, durfte er bald nach Deutschland zur\u00fcckkehren, um mehr Schaden anrichten zu k\u00f6nnen). Die Geschichte der letzten hundert Jahre hat Bernsteins Ideen v\u00f6llig widerlegt. Eine seiner Hauptthesen war, dass der von Marx vorhergesagte R\u00fcckgang der Kleinunternehmer nicht stattfinde; damals waren noch mehr Erwerbst\u00e4tige selbst\u00e4ndig als lohnabh\u00e4ngig und Betriebe mit ein paar Hundert Besch\u00e4ftigten galten als Gro\u00dfbetriebe. Bernsteins Prognose, dass der Kapitalismus keine Wirtschaftskrisen mehr haben werde, hielt anderthalb Jahre. Und statt langsamem stetigem Fortschritt vom Kaiserreich zum Sozialismus gab es die Revolution 1918-23, zwei Weltkriege und den Faschismus, eine stalinistische Karikatur auf den Sozialismus in der DDR und deren Zusammenbruch 1989 \u2026 und den Sozialismus haben wir immer noch nicht erreicht. Was auch immer die Zukunft an revolution\u00e4ren Spr\u00fcngen vorw\u00e4rts und konterrevolution\u00e4ren Spr\u00fcngen r\u00fcckw\u00e4rts noch bringen wird, ohne Spr\u00fcnge wird sie auf keinen Fall ablaufen.<\/p>\n<p>Als Bernstein mit seinen Ideen auftrat z\u00f6gerten der Parteichef Bebel und der Cheftheoretiker Kautsky, gegen ihren alten Mitstreiter aufzutreten. F\u00fcr Clara Zetkin, die einmal zu Bernstein aufgeschaut hatte, war der Bruch nicht weniger schmerzlich, aber sie z\u00f6gerte nicht, die \u201cGleichheit\u201d zu einem der Sprachrohre im Kampf gegen Bernstein zu machen. Die wichtigste Folge war aber sicher, dass Clara Zetkin auf die Verfasserin der besten Streitschrift gegen Bernstein aufmerksam wurde und sich mit ihr befreundete: Rosa Luxemburg<\/p>\n<h3>Seite an Seite mit Rosa Luxemburg<\/h3>\n<p>Die Zusammenarbeit mit Rosa Luxemburg wurde f\u00fcr Clara Zetkins weitere Entwicklung ungeheuer wichtig. Nicht nur, weil die Beziehung beiden menschlich viel gebracht hat. Vor allem, weil das beginnende Zeitalter des Imperialismus politisch eine gewaltige Herausforderung f\u00fcr den Marxismus darstellte. Clara Zetkin hatte nat\u00fcrlich die marxistische Methode intensiv studiert und ihn eigenst\u00e4ndig auf die Frauenfrage und andere Themengebiete angewendet. Aber das Zeitalter des Imperialismus bedeutete eine so tiefgreifende Ver\u00e4nderung des Kapitalismus und der Kampfbedingungen f\u00fcr die Arbeiterinnen, dass er weit mehr als nur ein neues Themengebiet war. Dass dabei die meisten Impulse von Rosa Luxemburg ausgingen, zeigt deren Genialit\u00e4t, schm\u00e4lert aber nicht die Bedeutung der Mitarbeit Clara Zetkins. Dass diese so bereitwillig die intellektuelle F\u00fchrung der 13 Jahre J\u00fcngeren akzeptierte, zeigt ihre menschliche Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die mit dem Imperialismus verbundene Aufr\u00fcstung und Kriegsvorbereitung nahm schon fr\u00fch einen breiten Raum in der Arbeit Clara Zetkins und den Spalten der Gleichheit ein. Der deutsche Imperialismus f\u00fchrte einen doppelten R\u00fcstungswettlauf, sowohl beim Landheer (vor allem mit Frankreich) und bei der Marine (mit England). Die Kosten daf\u00fcr sollte vor allem die Masse der Bev\u00f6lkerung durch immer neue indirekte Steuern aufbringen. Clara erkannte, dass das ein wichtiges Thema f\u00fcr die Politisierung derjenigen Frauen der Arbeiterklasse war, die sich noch nicht als Arbeiterinnen betrachteten. Denn die durch Steuern (und Z\u00f6lle) erh\u00f6hten Lebensmittelpreise sp\u00fcrten sie beim Einkaufen als erste.<\/p>\n<p>Der Imperialismus brachte im wirtschaftlichen Bereich (in krassem Gegensatz zu Bernsteins Behauptungen) eine starke Konzentration mit sich. Industriebetriebe und Banken schlossen sich zu gro\u00dfen Konzernen (damals meist Trusts genannt) zusammen. Die Verflechtung zwischen Banken und Industriebetrieben durch Kapitalbeteiligungen, Aufsichtsratsposten nahm zu. Als Gegengewicht gegen die erstarkten Gewerkschaften schlossen sich die Kapitalisten zu Arbeitgeberverb\u00e4nden zusammen. Eine Folge war, dass die politischen Kontroversen innerhalb der kapitalistischen Parteien zur\u00fcckgingen und die SPD bei ihren Reformvorschl\u00e4gen im Reichstag immer seltener B\u00fcndnispartner fand. Die Zahl der SPD-Abgeordneten nahm zwar (bis auf einen R\u00fcckschlag 1907) fast immer zu, sie konnten aber immer weniger an praktischen Verbesserungen erreichen. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet bissen die Gewerkschaften bei den besser organisierten Unternehmern immer mehr auf Granit. Auf Streiks reagierten sie mit Massenaussperrungen. Obwohl die kapitalistische Wirtschaft 1896-1913 einen nur von kurzen Krisen unterbrochenen Boom erlebte, erreichte die Masse der ArbeiterInnen weniger Verbesserungen als in der Depressionsperiode 1873-96.<\/p>\n<p>Die rechten Sozialdemokraten leugneten einerseits diese Tatsachen und liefen andererseits dem nach rechts abdriftenden B\u00fcrgertum hinterher. Rosa Luxemburg und Clara Zetkin dagegen traten f\u00fcr radikalere Kampfmethoden ein. Die Wirtschaftskonzentration hatte ohnehin dazu gef\u00fchrt, dass an Streiks viel mehr ArbeiterInnen beteiligt waren als fr\u00fcher. Als Anfang 1905 200.000 Bergarbeiter im Ruhrgebiet in den Streik traten, war das f\u00fcr Deutschland eine neue Dimension an Massenk\u00e4mpfen. Die erste russische Revolution im gleichen Jahr machte den politischen Massenstreik zu einem der wichtigsten Kampfmittel. Rosa Luxemburgs Brosch\u00fcre \u201cMassenstreik, Partei und Gewerkschaften\u201d, in der sie die Lehren daraus zog, wurde in der SPD diskutiert. Clara Zetkin k\u00e4mpfte in der \u201cGleichheit\u201d f\u00fcr den Massenstreik. Auf dem Jenaer Parteitag 1905 und Mannheimer Parteitag 1906 beschloss die SPD, dass sie unter Umst\u00e4nden nicht ganz ausschlie\u00dfen k\u00f6nnte, m\u00f6glicherweise auch zu dieser Waffe zu greifen, besonders wenn das allgemeine Reichstagswahlrecht bedroht w\u00e4re.<\/p>\n<p>1908 und 1910 stellte sich die Frage konkret im Zusammenhang mit dem preu\u00dfischen Landtagswahlrecht. Dort galt (wie in den meisten L\u00e4ndern und Kommunen) immer noch kein allgemeines M\u00e4nnerwahlrecht. In beiden Jahren gab es Kampagnen f\u00fcr das allgemeine Wahlrecht mit Massenversammlungen und -demonstrationen. Rosa Luxemburg und Clara Zetkin setzten sich daf\u00fcr ein, den Kampf bis zu Massenstreiks zu steigern, aber die SPD-F\u00fchrung blockte das ab. Immer mehr zeigte sich, dass zwar in der Theorie die Mehrheit der SPD gegen Bernsteins Revisionismus stand, in der Praxis aber Rechte und Zentrum immer h\u00e4ufiger gegen die Linken zusammenstanden.<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr Clara Zetkin schmerzhaft. Zus\u00e4tzlich belastet war sie durch ihre gesundheitlichen Probleme. 1900 hatte sie ihre erste Augenoperation gehabt. Mitte November 1905 war eine zweite Operation n\u00f6tig, bis Ostern 1906 musste sie im Krankenhaus bleiben<\/p>\n<h3>Frauenwahlrecht, Fraueninternationale, Frauentag<\/h3>\n<p>Mit der Zunahme von Wahlrechtsk\u00e4mpfen hatte die Frage des Frauenwahlrechts eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung bekommen. Die deutsche Sozialdemokratie hatte sie schon l\u00e4ngst im Programm gehabt, Bebel hatte sie im Reichstag vertreten, in Wahlk\u00e4mpfen war die Forderung erhoben worden. Aber eine Kampagne zu diesem Thema hatte bisher niemand gef\u00fchrt. Jetzt stellte sich die Frage, ob in Kampagnen f\u00fcr eine Demokratisierung des Wahlrechts das Frauenwahlrecht auch gefordert werden sollte. Die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie hatte 1905 eine erfolgreiche Kampagne f\u00fcr das allgemeine M\u00e4nnerwahlrecht gef\u00fchrt, das Frauenwahlrecht dabei aber nicht gefordert. Clara Zetkin stimmte zu, dass das Frauenwahlrecht in dieser Kampagne nicht zu erreichen gewesen w\u00e4re, bestand aber darauf, dass die Forderung trotzdem h\u00e4tte aufgestellt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u201cWas den jeweiligen erreichbaren Siegespreis der sozialdemokratischen Wahlrechtsk\u00e4mpfe anbelangt, so wird er meiner Meinung nach um so vollst\u00e4ndiger sein, je breiter die Grundlage ist, auf der das ringende Proletariat steht, je m\u00e4chtiger es in der Folge zum Schlage auszuholen vermag. Die Breite und Festigkeit der Grundlage des Wahlrechtskampfes und seine Sto\u00dfkraft wachsen aber in dem Ma\u00dfe, als die Sozialdemokratie f\u00fcr ihr volles Wahlrechtsprogramm ank\u00e4mpft (\u2026) Diese Voraussetzung l\u00e4sst die Zahl der sozial Unterdr\u00fcckten und Rechtlosen anschwellen, deren Interessen und Rechte die Sozialdemokratie verteidigt; sie vermehrt daher den sozialdemokratischen Heerbann und steigert dessen Ausdauer und Begeisterung.\u201d (Frauenstimmrecht und Wahlrechtskampf in \u00d6sterreich, Die Gleichheit, 31. Oktober 1906)<\/p>\n<p>Diese Gedanken gelten nicht nur f\u00fcr das Frauenwahlrecht, sondern f\u00fcr jeden Kampf um Verbesserungen. Entscheidend ist nicht, ob Forderungen f\u00fcr die Herrschenden annehmbar sind, sondern ob sie bei den arbeitenden Massen Begeisterung und Kampfbereitschaft wecken.<\/p>\n<p>1907 war wieder ein Kongress der Zweiten Internationale. Diesmal hatte Clara Zetkin keine ihre Gesundheit belastenden weiten Reisen zu unternehmen, denn er fand in Stuttgart statt. Einen Tag vor dem Kongress, am 17. August 1907, fand die erste Internationale Sozialistische Frauenkonferenz statt, mit 58 Teilnehmerinnen aus 15 L\u00e4ndern. Nach Berichten \u00fcber den Stand der proletarischen Frauenbewegung in den verschiedenen L\u00e4ndern gab es eine Diskussion \u00fcber die bevorstehenden Aufgaben. Es wurde die Bildung eines internationalen Frauensekretariats mit Clara Zetkin als Sekret\u00e4rin beschlossen. Die \u201cGleichheit\u201d sollte das internationale Organ der Bewegung sein.<\/p>\n<p>Diese Beschl\u00fcsse waren eine gute Ausgangsbasis, um die internationale sozialistische Frauenbewegung aufzubauen. Vor dem n\u00e4chsten Sozialistenkongress, 1910 in Kopenhagen, fand wieder eine Frauenkonferenz statt. Auf ihr wurde deutlich, wie sich die internationale Zusammenarbeit in den letzten drei Jahren vertieft hatte. Auf Clara Zetkins Antrag wurde beschlossen, jedes Jahr einen internationalen Frauentag zu organisieren, mit dem Frauenwahlrecht als Hauptforderung. Er fand zum ersten Mal am 19. M\u00e4rz 1911 statt (das Datum schwankte zun\u00e4chst von Jahr zu Jahr, am 8. M\u00e4rz fand er erstmals 1914 statt). \u00dcber eine Million Frauen demonstrierten in Deutschland, \u00d6sterreich, D\u00e4nemark und der Schweiz. In den folgenden Jahren wurde die Idee in weiteren L\u00e4ndern umgesetzt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es auf internationaler Ebene solche Fortschritte gab, nahmen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie die Konflikte zu. Ein Hauptkonflikt begann mit einem gro\u00dfen Erfolg: als 1908 das Vereinsgesetz ge\u00e4ndert wurde, wurde Frauen die Mitgliedschaft in politischen Organisationen erlaubt. Damit konnten Frauen in der SPD gleichberechtigt Mitglieder werden. Bisher hatten alle zwei Jahre eigene Frauenkonferenzen vor den SPD-Parteitagen stattgefunden, um die Mitwirkung der Frauen zu sichern, die politisch zur Sozialdemokratie geh\u00f6rten, formell aber nicht Mitglied sein durften. Turnusm\u00e4\u00dfig h\u00e4tte die n\u00e4chste Frauenkonferenz 1910 stattgefunden. Der SPD-Vorstand meinte, das sei nicht mehr notwendig. Luise Zietz, die als Frauenvertreterin in den Parteivorstand gew\u00e4hlt worden war (Clara Zetkin war vielen Funktion\u00e4ren zu radikal gewesen), stimmte dem zu, ohne das mit den organisierten Frauen zu diskutieren.<\/p>\n<p>Clara Zetkin fand die Entscheidung inhaltlich falsch: sie war die entschiedenste Vork\u00e4mpferin eines einheitlichen Kampfes von M\u00e4nnern und Frauen der Arbeiterklasse f\u00fcr ihre gemeinsamen Interessen, aber gerade um das zu erreichen, musste man die besonderen Lebensverh\u00e4ltnisse der Frauen der Arbeiterklasse und die bestehenden Unterschiede im Bewusstsein ber\u00fccksichtigen. Dazu waren auch eigene Strukturen der proletarischen Frauenbewegung notwendig, die gen\u00fcgend Bewegungsfreiheit innerhalb der Gesamtpartei haben mussten, um ihre Aufgabe erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Noch mehr lehnte sie aber das undemokratische Verfahren ab, das f\u00fcr sie Ausdruck der B\u00fcrokratisierung der SPD und der \u00dcbertragung dieser B\u00fcrokratie auf die Frauenbewegung war.<\/p>\n<p>\u201cWenn dieser Geist b\u00fcrokratischer Selbstherrlichkeit beginnt, in F\u00fchrerinnen unserer Bewegung derart zu spuken, wie es das Um und Auf der umstrittenen Frage erwiesen hat: m\u00fcssen die Genossinnen zur Abwehr gerufen werden, m\u00fcssen sie ihm die st\u00e4rkste Bekundung ihres demokratischen Mitbestimmungsrechts entgegenstellen. Die Dinge haben ihre eigene Logik, die sich unabh\u00e4ngig von dem Willen der Menschen durchsetzt. Ein Umsichgreifen des gekennzeichneten Geistes w\u00fcrde zur gef\u00e4hrlichen Unterbindung des frischen geistigen Lebens unserer Frauenbewegung f\u00fchren.\u201d (Clara Zetkin in der \u201cGleichheit\u201d Nr. 16 vom 9. 5. 1910)<\/p>\n<p>Aus diesem Grund er\u00f6ffnete sie mit einem Artikel \u201cNotwendige Er\u00f6rterung\u201d in der Gleichheit vom 17. Januar die Debatte, an der sich in den folgenden Monaten (bis zum 6. Juni) zahlreiche Genossinnen aus verschiedenen Orten beteiligten. In der Frauenkonferenz-Frage erreichte die Diskussion zumindest die Zusicherung, dass 1911 eine Frauenkonferenz stattfinden werde.<\/p>\n<h3>Der Erste Weltkrieg<\/h3>\n<p>Der Streit um die Frauenkonferenz war symptomatisch daf\u00fcr, dass der Kampf zwischen der Parteif\u00fchrung und den Linken in der SPD h\u00e4rter wurde. Das wurde offensichtlich, als 1911 die zweite Marokkokrise die Menschheit an den Rand eines Weltkriegs brachte. Damals hatte die SPD-F\u00fchrung Protestaktionen abgelehnt. Erst als die Frauen und linke Ortsverb\u00e4nde Proteste organisierten, zog die Gesamtpartei nach. Die 200.000 DemonstrantInnen im Treptower Park in Berlin zeigten den Friedenswillen der organisierten Arbeiterbewegung. Rosa Luxemburg, die als Vertreterin der polnischen Sozialdemokratie im B\u00fcro der Zweiten Internationale sa\u00df, enth\u00fcllte, dass SPD-Vorstandsmitglied Molkenbuhr sich gegen Antikriegsproteste ausgesprochen hatte, weil das der SPD bei den Wahlen Stimmen kosten k\u00f6nne. Darauf organisierte die SPD-F\u00fchrung eine Hetze gegen \u2026 Rosa Luxemburg wegen ihrer \u201cIndiskretion\u201d. Sie wurde ebenso wie weitere Linke immer mehr aus den Redaktionen sozialdemokratischer Zeitungen und Zeitschriften gedr\u00e4ngt. Damit wuchs die Bedeutung der \u201cGleichheit\u201d als auflagenst\u00e4rkstem Sprachrohr der Linken (die Zahl der AbonnentInnen war 1905 bis 1914 von 28.700 auf 125.000 gestiegen).<\/p>\n<p>Trotz allem war es f\u00fcr die Linken ein Schock, dass bei Kriegsbeginn 1914 die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion daf\u00fcr war, Kriegskrediten zuzustimmen. Die wenigen Linken beugten sich am 4. August 1914 der Fraktionsdisziplin, selbst Karl Liebknecht.<\/p>\n<p>Liebknecht, der Sohn von Wilhelm Liebknecht, dem 1900 gestorbenen, neben Bebel bedeutendsten F\u00fchrer der deutschen Sozialdemokratie, hatte sich als Anwalt (z.B. von revolution\u00e4ren russischen Fl\u00fcchtlingen) einen Namen gemacht. Er hatte sich f\u00fcr den Aufbau einer sozialistischen Jugendbewegung engagiert. 1907 war auf seine Initiative neben einer sozialistischen Frauen- auch eine sozialistische Jugendinternationale gegr\u00fcndet worden. Im gleichen Jahr war sein Buch \u201cMilitarismus und Antimilitarismus\u201d erschienen, f\u00fcr das er f\u00fcr anderthalb Jahre in den Knast wanderte. 1908 kam er ins preu\u00dfische Abgeordnetenhaus und 1912 in den Reichstag, wo er auf dem linken Fl\u00fcgel der SPD stand. Da Clara Zetkin die sozialistische Jugendbewegung sehr am Herzen lag, hatte sie Liebknecht in dieser Arbeit unterst\u00fctzt. Im Kampf gegen Militarismus und f\u00fcr Massenstreiks waren sie auch einig.<\/p>\n<p>Dass die SPD-Fraktion geschlossen f\u00fcr die Kriegskredite gestimmt hatte, hatte auf die Linken in der Sozialdemokratie in Deutschland und international demoralisierend gewirkt. Jetzt versuchten sie, den Eindruck zu korrigieren, indem sie bekannt zu machen versuchten, dass bei der fraktionsinternen Abstimmung 14 mit Nein gestimmt hatten. Zusammen mit Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Franz Mehring schrieb sie eine Erkl\u00e4rung an die internationale Presse, indem sie \u00fcber ihre Ablehnung der neuen \u201cParteilinie\u201d informierten. Liebknecht kam nach Stuttgart und beriet sich mit Clara Zetkin und \u00f6rtlichen Funktion\u00e4ren. Sie verlangten von ihm, den n\u00e4chsten Kriegskredit unbedingt auch im Reichstagsplenum abzulehnen.<\/p>\n<p>In ihrer Eigenschaft als Internationale Frauensekret\u00e4rin bereitete Clara Zetkin eine internationale Frauenkonferenz vor, die am 26. M\u00e4rz in Bern begann. Es war das erste Treffen nach Kriegsausbruch, an dem TeilnehmerInnen aus den einander bekriegenden und neutralen L\u00e4ndern anwesend waren. In einem von Clara Zetkin verfassten Aufruf wurde erkl\u00e4rt, dass der Krieg nicht der \u201cVaterlandsverteidigung\u201d, sondern kapitalistischen Profitinteressen dient. Er endete \u201cNieder mit dem Kapitalismus, der dem Reichtum und der Macht der Besitzenden Hekatomben von Menschen opfert! Nieder mit dem Kriege! Durch zum Sozialismus!\u201d Dieser Aufruf wurde in der Folgezeit in Hunderttausenden Exemplaren (allein in Deutschland 200.000) illegal verbreitet. Im Juli machte die Polizei eine Haussuchung bei ihr. W\u00e4hrend sie die Beamten hilfsbereit durch Haus f\u00fchrte, reichte ihre Sekret\u00e4rin die illegalen Flugbl\u00e4tter aus dem B\u00fcrofenster dem G\u00e4rtner zu, der sie im Garten vergrub. Kurz danach wurde sie trotzdem festgenommen und kam ins Untersuchungsgef\u00e4ngnis nach Karlsruhe. Dieser Schuss ging nach hinten los. Die Festnahme l\u00f6ste Proteste in ganz Deutschland und international aus. F\u00fcr viele SozialdemokratInnen, die bisher den Kriegskurs z\u00e4hneknirschend mitgetragen hatten, war das der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte. Am 12. Oktober wurde sie \u201caus Gesundheitsgr\u00fcnden\u201d aus der Untersuchungshaft freigelassen.<\/p>\n<p>Die folgenden Kriegsjahre waren f\u00fcr sie eine schwere Zeit. Die beiden S\u00f6hne waren eingezogen, ebenso viele Freunde. Einige von ihnen fielen, wie ihr Arzt und Freund Hans Diefenbach. Ihr Mann hatte keine Auftr\u00e4ge. Sie musste mit ihrem Redakteurinnengehalt bei steigenden Preisen ihre Familie durchf\u00fcttern und GenossInnen unterst\u00fctzen, denen es noch schlechter ging. Immer wieder kamen GenossInnen wegen ihrer politischen Arbeit ins Gef\u00e4ngnis. Sie wurde beschattet. Genossen, die sie besuchten, wurden an die Front geschickt. Da sie mit ihrer angeschlagenen Gesundheit schlecht mit Spitzeln Katz und Maus spielen konnte, konnte sie nicht an den illegalen Treffen teilnehmen. Sie wirkte zwar an der illegalen Organisation mit, die Liebknecht, Luxemburg und andere aufbauten (erst \u201cGruppe Internationale\u201d, dann \u201cSpartakusgruppe\u201d, schlie\u00dflich \u201cSpartakusbund\u201d genannt), aber nicht so intensiv, wie sie das gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n<h3>Revolution in Russland und Deutschland<\/h3>\n<p>Am 8. M\u00e4rz (nach dem damaligen russischen Kalender: 23. Februar) 1917 war eine Demonstration zu dem von ihr \u201cerfundenen\u201d Frauentag der Beginn der russischen Revolution. Die Demonstrationen steigerten sich zum Generalstreik, die Truppen liefen auf die Seite der DemonstrantInnen \u00fcber. Nach wenigen Tagen war der russische Zar gest\u00fcrzt. Aber an die Regierung kam zun\u00e4chst das imperialistische B\u00fcrgertum und ihre \u201csozialistischen\u201d Anh\u00e4ngsel (Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re), die f\u00fcr die Fortsetzung des Krieges waren. Diese \u201cprovisorische Regierung\u201d war nicht in der Lage, die Bed\u00fcrfnisse der Masse der Bev\u00f6lkerung zu befriedigen. Deshalb wurden die Bolschewiki innerhalb der in der Revolution entstandenen ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te (Sowjets) von einer kleinen Minderheit zur Mehrheit. Am 6.\/7. November (nach dem damaligen russischen Kalender im Oktober, daher \u201cOktoberrevolution\u201d genannt) st\u00fcrzten die ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te die \u201cprovisorische Regierung\u201d. Ein Rat der Volkskommissare mit Lenin und Trotzki an der Spitze wurde gebildet. Das Land der Gro\u00dfgrundbesitzer wurde verstaatlicht und den B\u00e4uerInnen zur Nutzung \u00fcbergeben, in den Fabriken Arbeiterkontrolle \u00fcber die Produktion eingef\u00fchrt und allen kriegf\u00fchrenden L\u00e4ndern ein Frieden angeboten.<\/p>\n<p>Die Revolution breitete sich schnell in Russland aus, aber der deutsche Imperialismus versuchte, die Schw\u00e4chung seines Kriegsgegners zu nutzen. In Brest-Litowsk musste Russland einen Friedensvertrag unterschreiben, der einen gro\u00dfen Teil des Landes dem deutschen Imperialismus auslieferte. Nachdem die alte zaristische Armee in alle Winde zerstreut war (die Bauern-Soldaten waren heimgelaufen, weil sie genug vom Morden hatten und ihren Anteil am ehemaligen Gro\u00dfgrundbesitzer-Land haben wollten), musste eine neue Armee aufgebaut werden, um sich gegen imperialistische Intervention und die konterrevolution\u00e4ren Bestrebungen der gest\u00fcrzten Gro\u00dfgrundbesitzer und Kapitalisten zu verteidigen.<\/p>\n<p>Clara Zetkin unterst\u00fctzte die Oktoberrevolution ebenso begeistert wie Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Franz Mehring. Aber neben dem Spartakusbund hatte sich eine zweite gro\u00dfe Oppositionsgruppe herausgebildet und Ostern 1917 die Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands gebildet. Ihre F\u00fchrer wollten zwar den imperialistischen Krieg beenden, aber im Grunde nur zum Zustand vor dem Krieg zur\u00fcck \u2014 also zu dem Zustand, der zum Krieg gef\u00fchrt hatte! Sie bremsten immer wieder die Massenproteste, die sich in Deutschland gegen den Krieg entwickelten. Die Ma\u00dfnahmen der russischen Revolution waren ihnen viel zu radikal. Aus der Binsenwahrheit, dass sich in einem r\u00fcckst\u00e4ndigen Land wie Russland allein kein Sozialismus aufbauen lie\u00df, zogen sie nicht die Schlussfolgerung, dass die Revolution auf Westeuropa ausgedehnt werden musste (wie das die Bolschewiki selber und der Spartakusbund sagten), sondern dass man sie auch in Russland h\u00e4tte bleiben lassen sollen.<\/p>\n<p>Im Herbst 1918 setzte die verzweifelte milit\u00e4rische Lage in Deutschland die Revolution auf die Tagesordnung. Anfang Oktober wurde eine Regierung unter Einbeziehung der SPD gebildet. Der Spartakusbund zog die Schlussfolgerung, dass jetzt die Machteroberung durch die Arbeiterklasse auf der Tagesordnung stehe. Aber die USPD wollte eine neue Welle von Massenstreiks so gr\u00fcndlich vorbereiten, dass inzwischen die Matrosen in Kiel meuterten und die spontane Soldatenrevolte dem organisierten Arbeiteraufstand zuvor kam.<\/p>\n<h3>Kommunistische Partei und Kommunistische Internationale<\/h3>\n<p>Bei der Gr\u00fcndung der USPD hatte sich ihr der Spartakusbund mit eigenen Strukturen angeschlossen. (Das hatte die SPD-F\u00fchrung zum Vorwand genommen, Clara Zetkin von einem Tag auf den anderen aus der Redaktion der Gleichheit rauszuschmei\u00dfen.) Die Spartakus-F\u00fchrung war bei Revolutionsbeginn uneinig, ob es schon Zeit sei, sich von der USPD zu trennen und eine eigene Partei zu gr\u00fcnden. Tats\u00e4chlich war der beste Zeitpunkt schon vorbei. Das Argument war zwar richtig, dass es in der USPD viele ehrliche revolution\u00e4re ArbeiterInnen gab, die Spartakus erreichen musste. Aber wie konnte Spartakus ihnen klar machen, dass die rechten USPD-F\u00fchrer auf der anderen Seite der Barrikade standen, wenn sie selbst mit ihnen in einer Partei waren? Richtig gewesen w\u00e4re eine Politik, die eine klare organisatorische Trennung zieht und zugleich an die USPD die Aufforderung zum gemeinsamen Kampf richtet. Durch so eine Politik h\u00e4tten sich die ArbeiterInnen mit eigenen Augen \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, was die \u201crevolution\u00e4ren\u201d Spr\u00fcche der USPD-F\u00fchrer Wert waren und die besten von ihnen w\u00e4ren f\u00fcr eine wirklich revolution\u00e4re Politik gewonnen worden. So eine Arbeitsweise wurde sp\u00e4ter Einheitsfronttaktik genannt.<\/p>\n<p>Als schlie\u00dflich Ende 1918 die Spartakus-F\u00fchrung zu dem Schluss kam, dass es Zeit f\u00fcr eine eigene Partei war, war vielen Revolution\u00e4rInnen in der USPD der Unterschied zwischen den Organisationen nicht klar. Sie blieben in ihrer gro\u00dfen Organisation, w\u00e4hrend in der neu gegr\u00fcndeten Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) viele junge, unerfahrene, sektiererische Kr\u00e4fte waren. So kam es, dass die KPD die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung und die Mitarbeit in den Gewerkschaften ablehnte.<\/p>\n<p>Clara Zetkin hatte wegen ihrer angegriffenen Gesundheit nicht in das gef\u00e4hrliche Berlin kommen k\u00f6nnen, wo immer wieder bewaffnete K\u00e4mpfe zwischen Revolution und Konterrevolution stattfanden. Sie arbeitete an der neuen \u201cSpartakus\u201d-Zeitung \u201cRote Fahne\u201d mit und war gl\u00fccklich, dass sie nach Jahren der Trennung wenigstens telefonisch Rosa Luxemburgs Stimme h\u00f6ren konnte. Aber ein echter Meinungsaustausch war durch schlechte Telefonverbindungen und unter Zeitdruck geschriebene Briefe nicht m\u00f6glich. Rosa Luxemburg wurde im Januar 1919 ermordet, ohne dass Clara Zetkin die hei\u00df geliebte Freundin noch einmal gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nachdem sie an der KPD-Gr\u00fcndung nicht hatte teilnehmen k\u00f6nnen, blieb sie in Absprache mit Rosa Luxemburg noch bis zum M\u00e4rz 1919 in der USPD. Diese hatte da ihren ersten Parteitag nach ihrer Gr\u00fcndung und Clara Zetkin hielt eine Rede, um die Mitglieder zum Bruch mit der rechten F\u00fchrung und zum Zusammenschluss mit der KPD auffordern. Zu diesem Zeitpunkt fand diese Idee keine gro\u00dfe Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Nach der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg und dem Tod von Franz Mehring in Januar, nach der Ermordung von Leo Jogiches und vielen weiteren im M\u00e4rz, nach einer ganzen Reihe von brutalen Milit\u00e4r- und Polizeieins\u00e4tzen gegen die revolution\u00e4ren ArbeiterInnen war die KPD personell ungeheuer geschw\u00e4cht. Clara Zetkin mit ihrer langen politischen Erfahrung bekam dadurch eine besondere Bedeutung.<\/p>\n<p>Ebenfalls gro\u00dfe Bedeutung hatte die im M\u00e4rz 1919 in Moskau gegr\u00fcndete Kommunistische Internationale (Komintern). Die russischen Revolution\u00e4re in der Leitung der Komintern, Lenin, Trotzki und andere stellten ihre Erfahrungen den jungen westeurop\u00e4ischen und anderen Parteien zur Verf\u00fcgung, ohne die russischen Erfahrungen mechanisch auf die westlichen Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Die Revolution war noch l\u00e4ngst nicht zu Ende. St\u00e4ndig wechselten Streiks und Erhebungen der Massen mit brutaler Unterdr\u00fcckung. Die ArbeiterInnen radikalisierten sich. Aber dies f\u00fchrte nicht zu einer St\u00e4rkung der KPD, sondern zu einer Zunahme der USPD und des linken Fl\u00fcgels innerhalb der USPD. Die F\u00fchrung der KPD f\u00fchrte einen Kampf gegen die ultralinken Kinderkrankheiten, die auf dem Gr\u00fcndungsparteitag die Mehrheit hatten. Dieser Kampf war dringend notwendig. Schlecht war aber, dass die F\u00fchrung zu wenig auf Argumente und \u00dcberzeugung und zu sehr auf Ausschl\u00fcsse setzte. Sie schuf damit einen gef\u00e4hrlichen Pr\u00e4zedenzfall und konnte die Partei nicht vor wiederholten R\u00fcckf\u00e4llen in die ultralinken Kinderkrankheiten sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Als im Sommer 1920 die Nationalversammlung aufgel\u00f6st wurde und Reichstagswahlen stattfinden, trat auch die KPD an. Auf den Plakaten stand:<\/p>\n<p>\u201cW\u00e4hlt Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)<\/p>\n<p>Liste Zetkin\u201d<\/p>\n<p>Sie und Paul Levi wurden in den Reichstag gew\u00e4hlt. Am 6. Juni hielt sie ihre erste Rede, das \u201cerste Wort der Kommunisten im Reichstag\u201d (nachdem sie 1919 schon auf der Liste der USPD in die Verfassunggebende Landesversammlung von W\u00fcrttemberg gew\u00e4hlt worden war).<\/p>\n<p>Im September 1920 reiste sie nach Sowjetrussland. Trotz des ungeheuren Elends nach sechs Jahren, Krieg und B\u00fcrgerkrieg, Wirtschaftsblockade und Hungersnot war sie begeistert \u00fcber die vielen Ans\u00e4tze einer neuen Gesellschaft, die sie fand \u2014 und vor allem \u00fcber das Selbstbewusstsein der Massen, die die Macht erobert und ihr Schicksal in die eigene Hand genommen hatten. Unter den ArbeiterInnen und anderen Ausgebeuteten der kapitalistischen L\u00e4nder Sympathie und Unterst\u00fctzung f\u00fcr Sowjetrussland zu gewinnen, wurde f\u00fcr den Rest ihres Lebens eines ihrer Hauptziele. Da die russische Revolution tats\u00e4chlich der gr\u00f6\u00dfte Fortschritt in der bisherigen Menschheitsgeschichte war, war das an sich auch eine wichtige Arbeit. Sie bem\u00fchte sich immer, offen \u00fcber die Widerspr\u00fcche und Probleme zu reden. Aber je mehr sich in Russland die Herrschaft einer neuen B\u00fcrokratenkaste herausbildete, desto problematischer wurden ihre Quellen. Hinzu kam, dass ihre Russischkenntnisse begrenzt waren und sie auf die Hilfe von DolmetscherInnen angewiesen war. Ihre Augenkrankheit verschlimmerte sich so, dass sie nicht einmal mehr Texte lesen konnte, sondern aufs Vorlesen angewiesen war. Dass sich unter diesen Umst\u00e4nden in ihre Schilderungen \u00fcber die russischen Verh\u00e4ltnisse auch eine ganze Portion Propaganda einschleichen musste, war unvermeidlich.<\/p>\n<p>Im Dezember 1920 war sie an zwei wichtigen Erfolgen der Kommunistischen Internationale beteiligt. Anfang Dezember fand der Vereinigungsparteitag von KPD und USPD statt. Clara Zetkin hielt ein Grundsatzreferat \u00fcber die Frauenfrage (kurz zuvor hatte sie schon f\u00fcr die Kommunistische Internationale Richtlinien f\u00fcr die Kommunistische Frauenbewegung ausgearbeitet) und wurde in die Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei gew\u00e4hlt. (Die rechte Minderheit in der USPD machte die Vereinigung nicht mit und kehrte 1922 zur SPD zur\u00fcck.) Ende Dezember reiste sie illegal nach Frankreich, um auf dem Kongress der Sozialistischen Partei in Tours f\u00fcr den Beitritt zur Kommunistischen Internationale zu werben. Auch hier stimmte die Mehrheit f\u00fcr den Kommunismus, so dass die Kommunistische Internationale jetzt in den beiden wichtigsten westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern Massenparteien mit Hunderttausenden von Mitgliedern hatte.<\/p>\n<p>Schlechter lief es in Italien. Dort meinte die F\u00fchrung der Sozialistischen Partei in der turbulenten Nachkriegszeit eine Partei im Stile der Vorkriegs-SPD fortsetzen zu k\u00f6nnen, in der Revolution\u00e4rInnen und Opportunisten eintr\u00e4chtig um den richtigen Weg streiten und die Mehrheit revolution\u00e4re Spr\u00fcche klopft und Reformpolitik betreibt. Aber in der politischen Gluthitze nach dem Krieg nahmen die ArbeiterInnen die revolution\u00e4ren Spr\u00fcche der Parteif\u00fchrung w\u00f6rtlich und fingen an, die Betriebe zu besetzen. Die F\u00fchrung um Serrati lie\u00df diese Bewegung im Stich, die deshalb in einer Niederlage endete. Die Konterrevolution ging in die Offensive, die Banden der Faschisten begannen eine systematische Terrorkampagne gegen die Arbeiterbewegung, bis sie schlie\u00dflich 1922 die Regierung \u00fcbernahmen. Vor diesem Hintergrund forcierte die Komintern Anfang 1921 eine Spaltung zwischen dem revolution\u00e4ren Fl\u00fcgel der Sozialistischen Partei und dem Zentrum um Serrati. Wie in Deutschland nach dem Dezember 1918 gab es eine kleine Kommunistische Partei mit ultralinker Mehrheit und eine gro\u00dfe Sozialistische Partei voller revolution\u00e4rer ArbeiterInnen mit Illusionen in die nichtrevolution\u00e4re Parteif\u00fchrung. Wie in Deutschland war diese \u00dcbergangsphase unvermeidlich, aber Clara Zetkin verstand das nicht und trat aus Protest gegen die Spaltungspolitik der Komintern aus der Zentrale der KPD aus (zusammen mit Levi und mehreren aus der USPD gekommenen Mitgliedern).<\/p>\n<p>Die Folge war eine ultralinke KPD-F\u00fchrung, die gl\u00fccklich war, endlich eine revolution\u00e4re Massenpartei zu haben und sich in den Kampf st\u00fcrzen wollte \u2014 ohne zu schauen, ob die ArbeiterInnen nach zwei Jahren opferreicher revolution\u00e4rer K\u00e4mpfe gerade kampfbereit waren. Die Regierung lie\u00df die KPD ins offene Messer laufen. Sie begann eine milit\u00e4rische Offensive gegen die KPD-Hochburg in Mitteldeutschland. Statt zur Verteidigung der ArbeiterInnen rief die KPD-F\u00fchrung zum Sturz der Regierung und zur revolution\u00e4ren Offensive auf (\u201cM\u00e4rzaktion\u201d). Als sich nur eine Minderheit der ArbeiterInnen am Kampf beteiligen wollte, versuchten \u00fcbereifrige KommunistInnen, ArbeiterInnen mit Gewalt in den Kampf zu zwingen. Der Kampf endete trotz dem Heroismus Tausender ArbeiterInnen in einer verheerenden Niederlage \u2014 und die KPD-F\u00fchrung sah ihren Fehler immer noch nicht ein. Levi schrieb eine Brosch\u00fcre, in der er inhaltlich richtige Kritik in einer denunziatorischen Form \u00fcbte, die es der KPD-F\u00fchrung leicht machte, Levi f\u00fcr sein Vorgehen auszuschlie\u00dfen und seine Inhalte zu ignorieren. Levi hatte so Clara Zetkin und anderen, die inhaltlich mit ihm \u00fcbereinstimmten, einen B\u00e4rendienst erwiesen. Versch\u00e4rft wurde das Problem noch dadurch, dass Teile der F\u00fchrung der Komintern und Bolschewiki (v.a. Sinowjew und Radek) die KPD-F\u00fchrung unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Es ist nicht \u00fcberraschend, dass Clara Zetkin im Juni 1921 mit einem mulmigen Gef\u00fchl zu ihrem ersten (und insgesamt dem dritten) Kominternkongress fuhr. Auf dem Kongress \u00fcberzeugten aber insbesondere Lenin und Trotzki die Mehrheit der Delegierten, dass die Eroberung der Massen die Voraussetzung der Eroberung der Macht ist. Lenin wusch Clara Zetkin zwar im kleinen Kreis geh\u00f6rig den Kopf wegen ihrem Austritt aus der KPD-Zentrale im Februar, stimmte ihrer Einsch\u00e4tzung der \u201cM\u00e4rzaktion\u201d aber weitgehend zu. Im August fand ein neuer KPD-Parteitag statt, auf dem Clara Zetkin wieder in die Zentrale gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Es folgte eine etwas ruhigere Zeit, in der die KPD durch ihre Gewerkschaftsarbeit und Einheitsfrontpolitik ihren Einfluss ausbauen konnte. Die Revolution war aber noch nicht zu Ende, sondern nahm einen neuen Anlauf. Als im Januar 1923 franz\u00f6sische Truppen das Ruhrgebiet besetzten, folgte eine Radikalisierung der ArbeiterInnen, die alles Bisherige in den Schatten stellte. Zu Beginn sorgte Clara mit daf\u00fcr, dass der Kampf gegen die Ruhrbesetzung im internationalistischen Geist gef\u00fchrt wurde. \u201cSchlagt [Reichskanzler] Cuno an der Spree und [den franz\u00f6sischen Ministerpr\u00e4sident] Poincare an der Ruhr!\u201d war eine Hauptparole. Eine Reichstagsrede von ihr im M\u00e4rz, die auch als Brosch\u00fcre verbreitet wurde, machte deutlich, dass die Verb\u00fcndeten der deutschen ArbeiterInnen die franz\u00f6sischen ArbeiterInnen und nicht die deutschen Kapitalisten sind. Kurz danach reiste sie nach Russland und musste aus Gesundheitsgr\u00fcnden dort bleiben. So hat sie eines der entscheidendsten Jahre der deutschen Geschichte nur von Ferne erlebt.<\/p>\n<p>\u201cSeit Mai gewann die durch die Ruhrbesetzung versch\u00e4rfte objektiv revolution\u00e4re Lage Leben in dem Empfinden, dem Bewusstsein gro\u00dfer wachsender Massen ausgebeuteter Proletarier und expropriierter Klein- und Mittelb\u00fcrger. Lohnbewegungen, Streiks, Erwerbslosen- und Hungerdemonstrationen, L\u00e4den- und Fabrikpl\u00fcnderungen k\u00fcndeten revolution\u00e4re Massenstimmung, wie die auf vulkanischem Boden pl\u00f6tzlich emporschie\u00dfenden Geiser anzeigen, dass die Feuerkr\u00e4fte der Tiefe sich regen. Die revolution\u00e4re Massenstimmung hatte jedoch keinen politischen Inhalt, kein politisches Ziel. Sie blieb elementar, instinktiv und wurde nicht klare revolution\u00e4re Erkenntnis, entschlossener Kampfwille, k\u00fchne Kampfestat. Aufgabe der Kommunistischen Partei w\u00e4re gewesen, ihr zu geben, was ihr fehlte.<\/p>\n<p>Der Partei eignete nicht die politische F\u00e4higkeit, die Gunst der geschichtlichen Stunde zu nutzen. Sie war unverm\u00f6gend, eine Politik zu treiben, die sie als F\u00fchrerin in planm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrter Kampagne mit den revolution\u00e4ren Massen fest und innig verbunden und in ihrem Bewusstsein, ihrem Willen den Kampf f\u00fcr die Eroberung der Macht vorbereitet h\u00e4tte. Sie verstand es nicht, jeden Schrei der Plage ausklingen zu lassen in das \u201cCarthago delenda est\u201d \u2014 die Klassenherrschaft der Bourgeoisie muss durch die Diktatur des Proletariats niedergeworfen werden. Sie war von der Einstellung beherrscht, dass der \u201cEndkampf\u201d sofort mit einem gewaltigen, entscheidenden Schlag einsetzen m\u00fcsse. Anfang war ihr, was H\u00f6hepunkt einer Kette von Teilk\u00e4mpfen ist, und f\u00fcr diesen gl\u00e4nzenden Anfang wollte sie, klug rechnend, alle ihre Kr\u00e4fte, alle revolution\u00e4ren Massenkr\u00e4fte aufsparen. Sie vers\u00e4umte es des Weiteren, au\u00dferhalb ihrer Reihen starke organisatorische St\u00fctzpunkte f\u00fcr revolution\u00e4re Massenaktionen unter ihrer F\u00fchrung zu schaffen. Sie lie\u00df die Betriebsr\u00e4tebewegung \u201cfortwursteln\u201d, statt sie auszubreiten, zu konzentrieren, ihr die politische Zielsetzung des Kampfes um die Staatsgewalt zu geben, anders gesagt: der Situation entsprechend den Betriebsr\u00e4ten die Funktionen politischer Arbeiterr\u00e4te zu \u00fcbertragen bzw. revolution\u00e4re Arbeiter- und Bauernr\u00e4te ins Leben zu rufen. In einem Satz zusammengefasst: die Bet\u00e4tigung der Partei war zur Zeit der revolution\u00e4ren Massenstimmung Literatur, nicht Politik.\u201d (Brief an den KPD-Parteitag in Frankfurt, M\u00e4rz 1924, Bericht \u00fcber die Verhandlungen des IX. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), abgehalten im Frankfurt am Main vom 7. bis 10. April 1924, Berlin 1924, S. 85-96, hier S. 86f.)<\/p>\n<p>Als die KPD die Massenstimmung schlie\u00dflich erkannte, bereitete sie sich fieberhaft technisch auf die Macht\u00fcbernahme vor (trat z.B. in Sachsen in eine Koalitionsregierung mit linken Sozialdemokraten ein, in der Hoffnung, so an Waffen zu kommen), vernachl\u00e4ssigte aber weiter die politische Vorbereitung, die revolution\u00e4re Aufkl\u00e4rung der Massen. Clara Zetkin hatte v\u00f6llig Recht, dass die subjektiven Voraussetzungen zum revolution\u00e4ren Aufstand schlechter waren, als sie angesichts der objektiven Lage h\u00e4tten sein m\u00fcssen. Trotzdem irrte sie mit der Einsch\u00e4tzung, deshalb h\u00e4tte der Kampf nicht gewagt werden k\u00f6nnen. Ihr Argument, dass die Massen nicht ohne Partei in den Kampf traten, \u00fcberzeugt nicht. Genau das haben die ArbeiterInnen 1918\/20 in Ansturm nach Ansturm versucht \u2014 und schlie\u00dflich in blutigen Niederlage die Lektion verinnerlicht, dass sie den Kapitalismus nur mit einer revolution\u00e4ren Partei st\u00fcrzen k\u00f6nnen. Dass sie 1923 nicht ohne Partei k\u00e4mpfen wollten beweist deshalb \u00fcberhaupt nicht, dass sie mit der KPD auch nicht gek\u00e4mpft h\u00e4tten. In Hamburg fand zwar \u201caus Versehen\u201d ein Aufstand statt, an dem sich nicht einmal die gesamte KPD-Mitgliedschaft beteiligte \u2014 aber die Parteif\u00fchrung schickte nur die Leute in den Kampf, f\u00fcr die sie Waffen hatte, statt die Massen aufzufordern, sich Waffen zu organisieren, wo immer sie sie kriegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Fraktionsk\u00e4mpfe in Deutschland und Russland<\/h3>\n<p>Die kampflose Niederlage f\u00fchrte zu einer ungeheuren Demoralisierung, die die 1918 begonnene Revolution beendete. Die Parteimitgliedschaft wandte sich in ihrer Emp\u00f6rung \u00fcber das Versagen der F\u00fchrung der ultralinken Fl\u00fcgel um Ruth Fischer, Arkadi Maslow und andere zu \u2014 der allerdings 1923 genauso \u201cLiteratur, nicht Politik\u201d gemacht hatte \u2026 nur schlechtere Literatur.<\/p>\n<p>Clara Zetkin war entsetzt dar\u00fcber, dass zum dritten Mal nach 1919 und 1921 die KPD eine F\u00fchrung hatte, die die Mitarbeit in den Gewerkschaften und andere Selbstverst\u00e4ndlichkeiten in Frage stellte. Die F\u00fchrung der Komintern unter Sinowjew st\u00fctzte diese ultralinke Politik aber ebenso wie 1921. Nur damals war sie nach ein paar Wochen von Lenin und Trotzki korrigiert worden, jetzt war Lenin im Januar 1924 gestorben und Trotzki von Sinowjew, Kamenjew und Stalin an den Rand gedr\u00e4ngt worden. Sie verbanden diese ultralinke Politik in Deutschland mit immer weiteren Zugest\u00e4ndnissen an die Kapitalisten in Russland.<\/p>\n<p>In Russland waren 1918 nach der Revolution die Kapitalisten weitgehend enteignet worden. Die Bolschewiki hatten eigentlich zun\u00e4chst den Sachverstand der Kapitalisten nutzen und sie nur einer umfassenden Kontrolle durch die ArbeiterInnen unterstellen wollen. Aber die Kapitalisten glaubten nicht, dass das neue Regime l\u00e4nger als ein paar Wochen bleiben w\u00fcrde und sabotierten die Wirtschaft; die ArbeiterInnen hatten von ihren Ausbeutern die Nase voll. So wurde es politisch notwendig, weit schneller zu vergesellschaften als das wirtschaftlich sinnvoll gewesen w\u00e4re. In den drei B\u00fcrgerkriegsjahren war die gesamte Wirtschaftspolitik darauf ausgerichtet, den Krieg zu gewinnen (\u201cKriegskommunismus\u201d). Um die St\u00e4dte mit Lebensmitteln zu versorgen, wurden ArbeiterInnen aufs Land geschickt, um Getreide zu beschlagnahmen. Diese Unsicherheit und Willk\u00fcr f\u00fchrten dazu, dass die B\u00e4uerInnen weniger anbauten. 1921 musste diese Politik gelockert werden, die Neue \u00d6konomische Politik (NEP) wurde eingef\u00fchrt. Die willk\u00fcrlichen Beschlagnahmungen wurden durch eine festgelegte Abgabe ersetzt. Die Kapitalisten bekamen mehr Spielraum, auch ausl\u00e4ndische Firmen wurden zu Investitionen eingeladen. Das Land und die wichtigsten Produktionsmittel blieben aber Staatseigentum, auch der Au\u00dfenhandel blieb staatlich.<\/p>\n<p>1923 hatte sich in der bolschewistischen Partei eine Oppositionsgruppe um Trotzki herausgebildet, die die wachsende B\u00fcrokratisierung bek\u00e4mpfte. Zugleich war sie der Ansicht, dass die Zugest\u00e4ndnisse an die Kapitalisten eine gef\u00e4hrliche Eigendynamik bekommen k\u00f6nnten. Die russischen Kapitalisten waren zwar j\u00e4mmerlich schwach, aber sie hatten den Weltkapitalismus hinter sich und begannen Beziehungen zur b\u00e4uerlichen Warenwirtschaft aufzubauen. Deshalb war eine schnelle Entwicklung der staatlichen Industrie notwendig. Die Mittel daf\u00fcr sollten durch eine st\u00e4rkere Besteuerung der reichen Bauern und Dorfkapitalisten (Kulaken) kommen. Das war auch im Interesse der Bauernschaft selbst. Sie konnten zwar ihre Agrarprodukte auf dem Markt verkaufen, mussten aber wegen dem Au\u00dfenhandelsmonopol russische Industriewaren kaufen, die wegen der niedrigen Arbeitsproduktivit\u00e4t viel teurer als die Waren auf dem Weltmarkt waren.<\/p>\n<p>1925 begannen Sinowjew und Kamenjew die Richtigkeit der Kritik teilweise einzusehen. Sie gingen ebenfalls in Opposition zu Stalin, der zusammen mit Bucharin die Politik der Zugest\u00e4ndnisse an die Kapitalisten fortsetzte.<\/p>\n<p>Clara Zetkin war mit Bucharin befreundet, w\u00e4hrend sie mit Sinowjew schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Aber entscheidend war nat\u00fcrlich nicht das Pers\u00f6nliche. Sinowjews Politik in Deutschland 1924\/25 war katastrophal gewesen, auch was die Missachtung der innerparteilichen Demokratie betraf. Daher fand sie seine Kritik an der neuen Stalin-Bucharin-F\u00fchrung in Russland nicht \u00fcberzeugend. F\u00fcr Trotzkis Opposition hatte sie gewisse Sympathien gehabt, weil er jahrelang Lenins engster Mitstreiter gewesen war (in ihren Schriften Anfang der 20er Jahre wurden oft \u201eLenin und Trotzki\u201c in einem Atemzug genannt, was dann bei ihrer Wiederver\u00f6ffentlichung in der DDR herauszensiert wurde) und weil er die KPD-F\u00fchrer von 1923, Brandler und Thalheimer, nicht zum S\u00fcndenbock f\u00fcr Fehler machen wollte, die die Kommunistische Internationale insgesamt zu verantworten hatte.<\/p>\n<p>Vor allem war sie \u00fcber die Wirtschaftserfolge w\u00e4hrend der NEP begeistert und hoffte, dass das immer so weitergehen werde. Sie sah nicht die wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die sich unter der Oberfl\u00e4che entwickelten. Deshalb hielt sie die Kritik der Opposition inhaltlich f\u00fcr unbegr\u00fcndet und f\u00fcr gef\u00e4hrlich, weil der innere Kampf die Sowjetunion angesichts kapitalistischer Kriegsdrohungen schw\u00e4che. Sie stellte ihr gesamtes internationales Prestige und ihre pers\u00f6nliche Glaubw\u00fcrdigkeit f\u00fcr den Kampf gegen die Opposition zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Sie sagte einmal: \u201cGewiss, wir alle k\u00f6nnen Fehler begehen \u2014 ich habe auch mein gutes Teil Fehler auf dem Buckel. Das verhehle ich nicht. Aber einen Fehler gegen mein besseres Wissen und Gewissen habe ich mir nie vorzuwerfen gehabt: wenn das so w\u00e4re, dann w\u00fcrde ich mich lieber aufh\u00e4ngen als hier vor euch stehen.\u201d (Protokoll Erweiterte Exekutive der Kommunistischen Internationale. Moskau 17. Februar bis 15. M\u00e4rz 1926, S. 249) Diese Einstellung trug zu ihrem gro\u00dfen Ansehen auch \u00fcber die eigenen Reihen hinaus bei. Aber wenn man eine falsche Politik vertritt, richtet man nur noch mehr Schaden an, wenn man dabei glaubw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Clara Zetkins Kampf gegen die linke Opposition in der Kommunistischen Internationale war ihr politischer Tiefpunkt. Wie sehr sie sich dabei verrannt hatte, zeigt die weitere Entwicklung. Kaum war die Opposition zerschlagen, ihre Anh\u00e4ngerInnen nach Zentralasien und anderswohin verbannt, da gingen deren Warnungen in Erf\u00fcllung. Die geh\u00e4tschelten reichen Bauern begannen, ihr Getreide vom Markt zur\u00fcckzuhalten, um noch mehr Zugest\u00e4ndnisse zu erpressen. Stattdessen trat Stalin auf die Notbremse. In wenigen Jahren wurden die B\u00e4uerInnen in Genossenschaften gezwungen, viele schlachteten ihr Vieh, die landwirtschaftliche Produktion ging zur\u00fcck, es kam zu schweren Hungersn\u00f6ten, Millionen kamen dabei ums Leben. Zugleich wurde die Industrialisierung in einem wahnwitzigen Tempo vorangetrieben. Die Restauration des Kapitalismus, die bei einer weiteren Verfolgung des von Clara Zetkin unterst\u00fctzten Kurses gedroht h\u00e4tte, war zwar f\u00fcr Jahrzehnte verhindert, aber um einen ungeheuren Preis an Menschenleben. Das h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen, wenn die Warnungen der Opposition beachtet worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die ultralinke Wendung in der Sowjetunion wurde von einer ultralinken Wendung der gesamten Kommunistischen Internationale begleitet. Nach der revolution\u00e4ren Welle nach dem Ersten Weltkrieg und der relativen Stabilisierung Mitte der Zwanziger Jahre sei jetzt die \u201cDritte Periode\u201d, die Endkrise des Kapitalismus eingetreten. Tats\u00e4chlich kam 1929 eine schwere Weltwirtschaftskrise, aber keine Krise f\u00fchrt automatisch zum Sturz des Kapitalismus, ohne eine richtige Politik der revolution\u00e4ren Partei. Tats\u00e4chlich war die Politik der Komintern die gr\u00f6\u00dfte Hilfe f\u00fcr den Kapitalismus. Die Sozialdemokratie wurde zu Sozialfaschisten erkl\u00e4rt. Eine Einheitsfront sei nur \u201cvon unten\u201d zul\u00e4ssig \u2014 dabei waren die sozialdemokratischen ArbeiterInnen gerade deshalb SozialdemokratInnen, weil sie noch Illusionen in ihre F\u00fchrungen hatten und zu keiner Einheitsfront bereit waren, aus der ihre F\u00fchrungen ausgeschlossen waren. Einheitsfront \u201cnur von unten\u201d war gar keine Einheitsfront. Die KPD baute \u201crevolution\u00e4re Gewerkschaften\u201d auf. In Wirklichkeit verlor sie einen Gro\u00dfteil ihrer Mitglieder in den Betrieben und hatte vor allem bei den immer mehr zunehmenden Arbeitslosen eine Basis.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokraten wurden nicht nur zu Faschisten, sondern zum Hauptfeind erkl\u00e4rt, gegen den sogar Zusammenarbeit mit den Nazis zul\u00e4ssig war. Diese Politik trug ebenso wie die spiegelbildliche Politik der SPD (die die KPD auch zu \u201eFaschisten\u201c erkl\u00e4rte) entscheidend dazu bei, dass Hitler 1933 an die Macht kommen konnte.<\/p>\n<p>Clara Zetkin lehnte diese Politik entschieden ab. Als im Sommer 1932 der Reichstag neu gew\u00e4hlt wurde, reiste sie nach Deutschland, um als Alterspr\u00e4sidentin die Er\u00f6ffnungsrede zu halten. Ihre Rede war ein beeindruckender Appell f\u00fcr eine Einheitsfront gegen den Faschismus. Sie sagte nicht, dass die Sozialdemokraten Faschisten seien, sondern kritisierten sie f\u00fcr die arbeiterfeindliche Politik, die sie wirklich gemacht hatten. Sie sagte auch nicht, dass eine Einheitsfrontpolitik nur von unten zul\u00e4ssig sei.<\/p>\n<p>Sie arbeitete auch an einer Zeitschrift mit, die sozialdemokratische ArbeiterInnen ansprechen sollte. Aber wie \u00fcberzeugend konnten solche Anstrengungen auf diese ArbeiterInnen wirken, wenn auf der anderen Seite die \u00fcbrige KPD-Presse aus allen Rohren zur Gewaltanwendung gegen sie aufrief und das auch oft genug praktiziert wurde (von beiden Seiten \u2014 und die Nazis waren die lachenden Dritten)? Wie glaubw\u00fcrdig, wenn sich Clara Zetkin nicht \u00f6ffentlich von dieser fatalen Politik distanzierte? Selbst wer Clara Zetkins pers\u00f6nliche Aufrichtigkeit nicht bezweifelte, musste von der Verlogenheit der Parteif\u00fchrung angewidert sein.<\/p>\n<p>Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit war damals die Internationale Rote Hilfe (IRH), deren Vorsitzende sie seit 1925 war. Sie machte Solidarit\u00e4tskampagnen f\u00fcr politische Gefangene oder f\u00fcr andere Opfer von Klassenjustiz und Rassismus, ohne ein kommunistisches Parteibuch der Opfer oder der Mitk\u00e4mpferInnen zu verlangen. Als in den USA die Anarchisten Sacco und Vanzetti zum Tode verurteilt wurden f\u00fcr Verbrechen, die sie nicht begangen hatten, k\u00e4mpfte die IRH ebenso f\u00fcr sie wie f\u00fcr 9 junge Schwarze in Scottsboro (ebenfalls USA), denen ebenso zu Unrecht die Vergewaltigung von wei\u00dfen Prostituierten vorgeworfen wurde.<\/p>\n<p>So verdienstvoll diese Arbeit war \u2014 was brachte die Zusammenarbeit mit einzelnen Sozialdemokraten (oder auch Antikriegskongresse zusammen mit frei schwebenden b\u00fcrgerlichen Intellektuellen), wenn den sozialdemokratischen Massen der R\u00fccken zugekehrt oder gar die Faust gezeigt wurde?<\/p>\n<p>Clara Zetkin versuchte die verbliebenen Nischen in einer falschen Politik zu nutzen \u2014 aber indem sie diese Politik nur in Privatbriefen oder zwischen den Zeilen kritisierte, lie\u00df sie sich von dieser falschen Politik als Aush\u00e4ngeschild missbrauchen. Sie hoffte, dass die Parteibasis und die Arbeitermassen schlie\u00dflich gegen die katastrophale Politik aufstehen w\u00fcrden. Mit der gleichen Hoffnung hatten Rosa Luxemburg und sie vor dem Ersten Weltkrieg den Aufbau einer organisierten Opposition gegen die SPD-F\u00fchrung vernachl\u00e4ssigt. Jetzt wiederholte sie den gleichen Fehler in der Komintern. Diesmal waren die Folgen mit der Macht\u00fcbernahme durch die Nazis noch viel entsetzlicher.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe nach dem Ersten Weltkrieg waren ungeheuer kr\u00e4ftezehrend und haben viele der besten K\u00e4mpferInnen ausgelaugt. Bei Clara Zetkin kam noch die verw\u00fcstete Gesundheit dazu. Die letzten Jahre ihres Lebens war sie fast blind. Auf der Reise zum Kominternkongress 1922 hatte sie sich Erfrierungen am Fu\u00df zugezogen. Ihr Kreislauf war extrem schwach. Wenn sie Reden hielt, erbl\u00fchte sie auf \u2014 um dann nach der Rede zusammenzubrechen.<\/p>\n<p>Es ist kaum fassbar, dass diese Schwerkranke noch so viele Artikel und Brosch\u00fcren diktieren konnte. Dass davon obendrein noch so viel richtig war und heute noch aktuell ist, ist noch bewundernsw\u00fcrdiger. Deshalb k\u00f6nnen auch ihre politischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre ihre Lebensleistung nicht herabsetzen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><!-- too long \"ZuLang20070628160913.inc\" --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 150. 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