{"id":12172,"date":"2007-06-24T00:21:43","date_gmt":"2007-06-23T22:21:43","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12172"},"modified":"2012-07-18T15:43:45","modified_gmt":"2012-07-18T13:43:45","slug":"12172","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/06\/12172\/","title":{"rendered":"Stalinismus: Ein Irrweg der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Wie es nach der Russischen Revolution von 1917 zur Herrschaft einer B\u00fcrokratie kam<br \/>Sozialismus sei zwar eine sch\u00f6ne Idee &#8211; aber leider nicht machbar. So oder \u00e4hnlich denken viele. Schlie\u00dflich ist der historisch erste Versuch, den Kapitalismus durch ein alternatives System zu ersetzen, nachweislich gescheitert. Aber war die Entwicklung zum Stalinismus wirklich unvermeidlich?<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><strong>Erwuchs das totalit\u00e4re System der Sowjetunion sogar zwangsl\u00e4ufig aus den Ideen Lenins und der Politik der revolution\u00e4ren Partei, den Bolschewiki, wie viele Kritiker behaupten?<\/strong><\/p>\n<p><em>von Antje Zander, Berlin<\/em><\/p>\n<p>Das undemokratische und b\u00fcrokratische System des Stalinismus hat es nicht von Anfang an gegeben. Als 1917 in Russland der Kapitalismus durch die Oktoberrevolution abgeschafft worden ist, entstand f\u00fcr eine kurze Zeit der demokratischste Staat, der bis heute jemals existiert hat. Das Land der Gro\u00dfgrundbesitzer wurde unter den Bauern aufgeteilt. Fabriken, Banken, Bergwerke, Bodensch\u00e4tze wurden aus Privatbesitz zu Eigentum der Gesellschaft. Die zaristische Polizei, Geheimdienst, Justiz l\u00f6ste man auf. Stattdessen \u00fcbernahmen R\u00e4te (russisch \u201eSowjets\u201c), die Macht. Diese R\u00e4te waren von den ArbeiterInnen, Bauern und Soldaten spontan aus ihren eigenen Reihen gebildet worden. Die Mitglieder dieser R\u00e4te waren frei und direkt gew\u00e4hlt und jederzeit abw\u00e4hlbar. Sie verf\u00fcgten \u00fcber keinerlei Privilegien, denn keiner sollte mehr verdienen als diejenigen, die er vertrat.<\/p>\n<p>Als erste Ma\u00dfnahme der R\u00e4te-Regierung wurde sofort ein Waffenstillstand mit Deutschland verf\u00fcgt, um endlich den Krieg zu beenden. Die Leitung der Betriebe ging nach und nach in die H\u00e4nde von Arbeiterr\u00e4ten \u00fcber. In den R\u00e4ten und innerhalb der Partei der Bolschewiki wurde offen diskutiert und frei kritisiert.<\/p>\n<h4>Die Revolution blieb isoliert<\/h4>\n<p>Die Bolschewiki wussten damals allerdings auch, dass der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft neben der demokratischen Kontrolle und Verwaltung durch die ArbeiterInnen auf einer raschen wirtschaftlichen Entwicklung basiert. Eine freie Gesellschaft muss zuallererst frei von Armut und Mangel sein. Doch Russland war damals ein r\u00fcckst\u00e4ndiges, b\u00e4uerlich gepr\u00e4gtes Land. 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung konnten weder lesen noch schreiben. Deshalb sahen die Bolschewiki die Russische Revolution als Beginn einer internationalen Revolution. Sie nahmen an, dass der Kapitalismus auch in den wichtigen imperialistischen Kernl\u00e4ndern gest\u00fcrzt werden w\u00fcrde &#8211; als eine Voraussetzung f\u00fcr einen erfolgreichen Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft weltweit.<\/p>\n<p>Wie erwartet hatte die russische Revolution eine enorme Ausstrahlungskraft auf die Arbeiterbewegung in den kapitalistischen L\u00e4ndern. Europa wurde nach dem Ende des I. Weltkrieges von einer revolution\u00e4ren Welle erfasst. In Deutschland \u00fcbernahmen im November 1918 Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te die Macht. Doch anders als in Russland versagte in Deutschland und auch in anderen L\u00e4ndern die F\u00fchrung der Arbeiterbewegung. Die revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte waren schlecht organisiert. Die Spitze der Sozialdemokratie beging offenen Verrat und beteiligte sich an der gewaltsamen Niederschlagung des Arbeiteraufstandes. Die Revolutionen endeten in blutigen Niederlagen. Die Russische Revolution blieb isoliert.<\/p>\n<h4>B\u00fcrgerkrieg<\/h4>\n<p>Gleichzeitig begannen die Kapitalisten im Fr\u00fchjahr 1918 einen brutalen B\u00fcrgerkrieg gegen den revolution\u00e4ren Arbeiterstaat. Unternehmer und Gro\u00dfgrundbesitzer wollten mit Waffengewalt wieder an die Macht zur\u00fcckkehren. Im B\u00fcrgerkrieg wurden sie mit Truppen, Waffen und Geld von allen gro\u00dfen ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten unterst\u00fctzt. Im Juli 1918 sahen sich die Bolschewiki gezwungen, Parteien, die mit den konterrevolution\u00e4ren Armeen kollaborierten, zu verbieten. Wladimir Lenin, der damalige F\u00fchrer der Bolschewiki, hatte dieses Parteiverbot immer als eine vor\u00fcbergehende Notma\u00dfnahme gesehen.<\/p>\n<p>Durch den bis 1921 andauernden B\u00fcrgerkrieg wurde das Land nahezu zerst\u00f6rt, mehr als acht Millionen Menschen verloren ihr Leben. Die Industrie, die durch den Weltkrieg bereits stark geschw\u00e4cht war, brach zusammen. Mit den Fabriken h\u00f6rten auch die Arbeiterr\u00e4te auf zu funktionieren. Die Ertr\u00e4ge in der Landwirtschaft reichten nicht mehr aus, um die Bev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. Hunger machte sich breit.<\/p>\n<p>Im Interesse einer effektiven Kriegsf\u00fchrung waren die Bolschewiki auch gezwungen, die lokalen Sowjets mehr und mehr durch eine zentralistische milit\u00e4rische Organisation zu ersetzen. Au\u00dferdem waren viele der politisch bewusstesten Arbeiter im B\u00fcrgerkrieg gefallen.<\/p>\n<p>Das alles f\u00fchrte dazu, dass am Ende des B\u00fcrgerkrieges die R\u00e4te, die eigentlich die Geschicke von Wirtschaft und Gesellschaft demokratisch leiten sollten, am Boden lagen.<\/p>\n<h4>Entwicklung einer B\u00fcrokratie<\/h4>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden &#8211; das Land verw\u00fcstet, die Revolutionen in den anderen L\u00e4ndern gescheitert, das R\u00e4tesystem ausgeblutet &#8211; kam es zu einer R\u00fcckentwicklung der 1917 erk\u00e4mpften Errungenschaften. Der Mangel an allem Lebensnotwendigen war damals das Beherrschende. Der Staat konnte nur diesen Mangel verwalten. Das beg\u00fcnstigte die Entwicklung von b\u00fcrokratischen Tendenzen unter den Staatsbediensteten. Denn unter ihnen war die Versuchung gro\u00df, die eigene Position bei der Verteilung der knappen Waren f\u00fcr sich selber auszunutzen. Viele von ihnen waren auch aufgrund des Fehlens von qualifizierten Kr\u00e4ften in den Reihen der Arbeiterklasse aus dem alten Staatsapparat \u00fcbernommen worden. Um sie bei der Stange zu halten, wurden ihnen bestimmte Privilegien zugestanden. Doch diese Privilegien f\u00fcr eine Minderheit lassen sich mit einer Arbeiterdemokratie nicht vereinbaren.<\/p>\n<p>Auch vor der bolschewistischen Partei machte die Entwicklung von b\u00fcrokratischen Tendenzen nicht halt. So kam es dazu, dass sich in den zwanziger Jahren eine abgehobene Elite aus dem Verwaltungsapparat und der Partei entwickelte, deren Repr\u00e4sentant Stalin wurde.<\/p>\n<p>Lenin und auch Leo Trotzki, die beide eine entscheidende Rolle in der Revolution und im B\u00fcrgerkrieg gespielt hatten, sahen die Gefahren der b\u00fcrokratischen Entwicklung und begannen den Kampf dagegen. Lenin, der 1924 starb, warnte in seinem Testament vor einer Konzentration der Macht in den H\u00e4nden Stalins.<\/p>\n<p>Abertausende aufrechter Revolution\u00e4re widersetzten sich der B\u00fcrokratisierung. Der Widerstand war so gro\u00df, dass Stalin seine Macht erst f\u00fcr gesichert hielt, nachdem er massenhaft Mitglieder der Bolschewiki aus der Zeit der Oktoberrevolution hatte ermorden lassen, darunter auch den f\u00fchrenden Vertreter der Opposition gegen Stalin: Trotzki.<\/p>\n<h4>Das System Stalinismus<\/h4>\n<p>In der Sowjetunion herrschte eine privilegierte B\u00fcrokratie mit Stalin an der Spitze. Dieser Machtapparat und seine undemokratischen Methoden existierten nat\u00fcrlich auch nach Stalins Tod 1953 weiter \u2013 nicht nur in Russland, sondern auch in China und in Osteuropa, wo nach dem II. Weltkrieg Regime nach dem Vorbild der Sowjetunion entstanden. Die jeweilige Auspr\u00e4gung der Herrschaft dieser Kaste an der Spitze des Staates ver\u00e4nderte sich mit der Zeit und variierte von Land zu Land. Aber allen stalinistischen L\u00e4ndern &#8211; egal ob Sowjetunion, China oder DDR &#8211; blieb gemeinsam: Privilegien f\u00fcr die Funktion\u00e4re, Unterdr\u00fcckung von Kritik und Kritikern, Herrschaft von oben nach unten statt freier und gleichberechtigter Diskussionen auf allen Ebenen.<\/p>\n<h4>Lehren<\/h4>\n<p>Diese Entwicklung war nicht vorgezeichnet. Angenommen, in Deutschland h\u00e4tte die Revolution 1918 gesiegt, der Kapitalismus w\u00e4re auch in Deutschland abgeschafft worden. Dann w\u00e4re keine deutsche Milit\u00e4rhilfe gegen die junge Sowjetunion eingesetzt worden. Ein revolution\u00e4res Deutschland h\u00e4tte sofort mit Aufbauhilfe f\u00fcr die revolution\u00e4re Sowjetunion begonnen. Es h\u00e4tte Wissenschaftler geschickt, beim Aufbau von Universit\u00e4ten geholfen, die neuesten Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung kostenlos zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Die Front der imperialistischen L\u00e4nder gegen die Sowjetunion w\u00e4re auseinander gebrochen. Statt in einem vom Ausland unterst\u00fctzten B\u00fcrgerkrieg auszubluten, h\u00e4tte die Sowjetunion mit dem Ausbau von Industrie und Landwirtschaft beginnen k\u00f6nnen. Die vielen begeisterten Revolution\u00e4rInnen, die an der Spitze der Oktoberrevolution standen, h\u00e4tten sich in den Sowjets an demokratisch gef\u00fchrten Diskussionen \u00fcber die Zukunft des Landes beteiligt, statt auf den Schlachtfeldern zu sterben. Vor dem Hintergrund einer aufbl\u00fchenden Wirtschaft mit funktionierenden Fabriken und lebendigen Arbeiterr\u00e4ten h\u00e4tte sich die antidemokratische, totalit\u00e4re Richtung des Stalinismus nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In letzter Instanz war also die Niederlage der revolution\u00e4ren Bewegungen im Westen entscheidend f\u00fcr die stalinistische Entartung der Revolution in Russland. Diese Niederlage war aber nicht unvermeidlich. Der Wille, den Kapitalismus abzuschaffen, war nach dem I. Weltkrieg insbesondere in Deutschland massenhaft in der Arbeiterklasse vorhanden. Es fehlte eine starke, erfahrene revolution\u00e4re Partei. So aber konnten die F\u00fchrer der Sozialdemokratie, im B\u00fcndnis mit der Reaktion, die Revolution in Deutschland zu Fall bringen.<\/p>\n<p>Der Stalinismus hat nicht die Unm\u00f6glichkeit des Sozialismus bewiesen. Er hat nur best\u00e4tigt, was MarxistInnen immer gesagt haben: Sozialismus ist international und demokratisch oder gar nicht.<\/p>\n<p>Die Lehre aus den Erfahrungen mit Kapitalismus und Stalinismus besteht im Aufbau einer starken, marxistischen Internationale, als dem Mittel, mit dem eine sozialistische Demokratie weltweit erk\u00e4mpft werden kann.<\/p>\n<p><em>Antje Zander ist SAV-Mitglied und BASG-Bezirksverordnete in Berlin-Pankow<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie es nach der Russischen Revolution von 1917 zur Herrschaft einer B\u00fcrokratie kam<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[88],"tags":[270,193],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12172"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12172"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12172\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}