{"id":12171,"date":"2007-06-23T00:15:38","date_gmt":"2007-06-23T00:15:38","guid":{"rendered":".\/?p=12171"},"modified":"2007-06-23T00:15:38","modified_gmt":"2007-06-23T00:15:38","slug":"12171","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/06\/12171\/","title":{"rendered":"Volksbegehren: Was bringen sie?"},"content":{"rendered":"<p>  In den Parlamenten wird ein Gesetz nach dem anderen verabschiedet, das   die Bev&#246;lkerung mehrheitlich ablehnt. Die Gewerkschaftsspitze   protestiert in der Regel, nimmt aber in den meisten F&#228;llen nicht den   Kampf dagegen auf. Unter diesen Bedingungen wird der Ruf nach   &#8222;Volksentscheidungen&#8220; immer lauter.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Das kann aber h&#246;chstens eine Erg&#228;nzung, kein Ersatz f&#252;r   Massenproteste und Streiks sein.<\/b><\/p>\n<p>  <i>von Heino Berg, Bremen<\/i><\/p>\n<p>  Die Gro&#223;e Koalition regiert gegen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung. So sind   zwei Drittel gegen die Rente mit 67 &#8211; und im Bundestag stimmen trotzdem   zwei Drittel der Abgeordneten daf&#252;r.<\/p>\n<p>  Das selbe gilt f&#252;r die Gesundheitsreform.<\/p>\n<p>  Die gro&#223;e Mehrheit der Abgeordneten vertritt nicht die Forderungen ihrer   W&#228;hlerInnen, sondern die Interessen der Konzerne.<\/p>\n<h4>  Abkehr vom Parlamentarismus<\/h4>\n<p>  Da in den Parlamenten die Meinung der Bev&#246;lkerung missachtet wird, sinkt   die Wahlbeteiligung dramatisch. In Sachsen-Anhalt sind zwei Drittel der   Wahlberechtigten zu Hause geblieben, in Bremen fast die H&#228;lfte. Den   arbeitenden Menschen fehlt eine politische Interessenvertretung, die   sich dem Sozialabbau als konsequente Opposition entgegenstellt.<\/p>\n<p>  Mit der WASG gab es einen Ansatz f&#252;r diese glaubw&#252;rdige Linke, der aber   durch die Fusion mit der L.PDS schon wieder in Frage gestellt ist.   Gleichzeitig organisiert die F&#252;hrung der Gewerkschaften keinen   entschiedenen Widerstand.<\/p>\n<p>  Deshalb kommt es immer h&#228;ufiger zu Initiativen f&#252;r Volksbegehren. In den   letzten sieben Jahren wurden in Deutschland mehr als 2.000 kommunale   B&#252;rgerbegehren eingeleitet (seit 1975 insgesamt 4.365). Ein   erfolgreiches Beispiel daf&#252;r war der B&#252;rgerentscheid gegen die   Wohnungsprivatisierung in Freiburg, der im November letzten Jahres von   41.000 Menschen unterst&#252;tzt wurde und zumindest vorl&#228;ufig den Verkauf   der Wohnungen an private Investoren verhindern konnte.<\/p>\n<p>  Auch in Hamburg sprachen sich 2004 in einem Volksentscheid 76,8 Prozent   der Bev&#246;lkerung gegen eine Privatisierung des Landeskrankenhauses aus.   Trotzdem ver&#228;u&#223;erte es der CDU-Senat anschlie&#223;end an das   Privatunternehmen Asklepios &#8211; was durch das Verfassungsgericht best&#228;tigt   wurde.<\/p>\n<h4>  H&#252;rden und Begrenztheit<\/h4>\n<p>  Viele Vorschriften behindern bereits die Einleitung von Volksbegehren.   Zum Beispiel durch die notwendige Sammlung von Tausenden von   Unterst&#252;tzerunterschriften &#8211; mit Nachweis von Wohnsitz und   Wahlberechtigung. Selbst wenn die zweite Stufe, also der eigentliche   Volksentscheid, erreicht wird, k&#246;nnen Regierungen das Ergebnis   unterlaufen, in dem sie einen neuen Gesetzesentwurf starten.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt, dass die Ergebnisse nicht immer verbindlich sind, wie das   Beispiel Hamburg zeigt. In Bremen kann ein Volksentscheid, der &#8222;von   einem Zehntel der Stimmberechtigten&#8220; unterst&#252;tzt wird, lediglich &#8222;das   Begehren auf Beschlussfassung &#252;ber einen Gesetzentwurf&#8220; auf die   Tagesordnung der B&#252;rgerschaft setzen (Artikel 70).<\/p>\n<p>  In den entscheidenden Fragen des Haushalts oder der Steuerpolitik werden   selbst diese Einmischungen vom Gesetz als &#8222;unzul&#228;ssig&#8220; eingestuft. <\/p>\n<p>  Wenn sich die Menschen schon mal direkt zu politischen Fragen &#228;u&#223;ern   k&#246;nnen, dann m&#246;glichst nur als Bittsteller, anstatt sich (zum Beispiel   als MieterInnen oder als Besch&#228;ftigte) ihrer eigenen Kraft bewusst   werden und so Gegenmacht bilden zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Im Unterschied zu solchen Initiativen von unten gingen die   Volksentscheide &#252;ber die EU-Verfassung von den Regierungen aus. Sie   wollten dieser antidemokratischen Verfassung eine plebiszit&#228;re   Legitimation verleihen. Plebiszite sind von den Herrschenden in der   Vergangenheit gern benutzt worden, um ihren Interessen ein   scheindemokratisches M&#228;ntelchen umzuh&#228;ngen.<\/p>\n<p>  Das ging diesmal nach hinten los. In Frankreich wurde der Widerstand   durch Basiskomitees mobilisiert, in dem ArbeiterInnen und Jugendliche   mit ihren Organisationen aktiv waren. Dadurch wurde eine Gegenmacht zur   Regierung erkennbar.<\/p>\n<p>  Die Mehrheit der Franzosen und Niederl&#228;nder sagte Nein zu einem Europa   der Banken und Konzerne. Seitdem steckt dieses neoliberale Gro&#223;projekt   in einer Sackgasse. Angela Merkel will als EU-Pr&#228;sidentin diese   Verfassung nun durch die Hintert&#252;r einf&#252;hren, ohne die Bev&#246;lkerung der   EU nach einer Zustimmung zu fragen.<\/p>\n<h4>  Die Antwort der LINKEN.<\/h4>\n<p>  Die F&#252;hrung der L.PDS pl&#228;diert &#8211; &#252;brigens &#228;hnlich wie FDP und Gr&#252;ne &#8211;   f&#252;r eine Gesetzesinitiative f&#252;r Volksentscheide, w&#228;hrend Oskar   Lafontaine dar&#252;ber hinaus f&#252;r den politischen Streik wirbt.<\/p>\n<p>  Letzteres ist entscheidend, setzt aber die Bereitschaft der LINKEN. zum   Konflikt mit denjenigen Gewerkschaftsf&#252;hrern voraus, die Streikaktionen   gegen solche Gesetze bisher ablehnen.<\/p>\n<p>  An dieser Konsequenz fehlt es. So wurde der an die Gewerkschaften   gerichtete Appell von Lucy Redler und Thies Gleiss im   WASG-Bundesvorstand abgelehnt, beim Kampf gegen das Rentengesetz &#252;ber   Warnstreiks hinaus zu gehen. Gleiches galt f&#252;r den Antrag, ein   Volksbegehren gegen die Privatisierung der Berliner Sparkasse zu   unterst&#252;tzen &#8211; einem Verkauf, der unter der SPD\/L.PDS-Regierung abl&#228;uft. <\/p>\n<h4>  Passiver Widerstand ist nicht genug<\/h4>\n<p>  Volksbegehren spiegeln die allgemeine Ablehnung der etablierten Parteien   und das Bed&#252;rfnis der Betroffenen, sich selbst in die Politik   einzumischen, gleichzeitig aber auch die aktuelle Schw&#228;che der   organisierten Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>  In bestimmten Situationen k&#246;nnen Volksbegehren dazu beitragen, die   Forderungen der Betroffenen zum Thema einer &#246;ffentlichen Debatte zu   machen und Regierungen unter Druck zu setzen.<\/p>\n<p>  Es reicht aber nicht aus, die Frage von Hartz IV oder von   Privatisierungen noch einmal auf die Tagesordnung der Parlamente zu   setzen, sondern diese Gesetze m&#252;ssen gekippt werden. Daf&#252;r sind   Mobilisierungen bis hin zum Streik notwendig. Und eine politische Kraft,   die als glaubw&#252;rdige Partei der ArbeitnehmerInnen und Arbeitslosen dem   Mehrheitswillen der Bev&#246;lkerung Geltung verschafft.<\/p>\n<p>  Entscheidend sind Widerstandsformen, die die selbst&#228;ndige Organisierung   der Betroffenen f&#246;rdern und damit das bestehende politische System   grundlegend in Frage stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      In den Parlamenten wird ein Gesetz nach dem anderen verabschiedet, das<br \/>\n      die Bev&#246;lkerung mehrheitlich ablehnt. Die Gewerkschaftsspitze<br \/>\n      protestiert in der Regel, nimmt aber in den meisten F&#228;llen nicht den<br \/>\n      Kampf dagegen auf. 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