{"id":12097,"date":"2007-05-04T00:19:32","date_gmt":"2007-05-04T00:19:32","guid":{"rendered":".\/?p=12097"},"modified":"2007-05-04T00:19:32","modified_gmt":"2007-05-04T00:19:32","slug":"12097","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/05\/12097\/","title":{"rendered":"Pro &amp; Contra: Mit Volksfronten gegen Heuschrecken?"},"content":{"rendered":"<p>  <img src=\"\/media\/2007\/Elsaesser.jpg\" align=\"left\">  Anfang dieses Jahres erschien bei Pahl-Rugenstein das neue Buch von   J&#252;rgen Els&#228;sser: &#8222;Angriff der Heuschrecken &#8211; Zerst&#246;rung der Nationen und   globaler Krieg&#8220;. Pro &amp; Contra: Braucht es einen &#8222;nationalen Kampf des   Proletariats&#8220;, braucht es &#8222;b&#252;rgerliche B&#252;ndnispartner&#8220; (so Els&#228;sser in   der jungen Welt vom 2. April)?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Was kennzeichnet den Kapitalismus am Beginn des 21. Jahrhunderts? Welche   Aufgaben stellen sich f&#252;r die Linke heute &#8211; programmatisch und   strategisch?<\/p>\n<p>  Laut Els&#228;sser fallen bestimmte Investmentfonds wie eine biblische Plage   &#252;ber stabile Volkswirt schaften und Betriebe her, nisten sich &#252;berall   ein, fressen alles kahl und ziehen dann weiter. W&#228;hrend das US-Kapital,   Dollar-und Milit&#228;rmacht, zu allem bereit ist, um den eigenen   &#246;konomischen Niedergang aufzuhalten.<\/p>\n<\/p>\n<h3>  Pro<\/h3>\n<p>  <i><b>J&#252;rgen Els&#228;sser, Verfasser mehrerer B&#252;cher &#252;ber internationale   Politik und Autor bei der jungen Welt, <a href=\"http:\/\/www.juergen-elsaesser.de\">www.juergen-elsaesser.de<\/a><\/b><\/i><\/p>\n<h5>  Kapitalisten und Kannibalen<\/h5>\n<p>  <b>Drei Thesen zum Verlauf der Hauptkampflinie<\/b><\/p>\n<h5>  1. Der monet&#228;re Krebs<\/h5>\n<p>  Wir sind Zeitzeugen einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise, die weit &#252;ber   den Fall der Profitrate hinausgeht. Vielmehr ist das Ware-Geld-System   selbst in Aufl&#246;sung begriffen, weil die W&#228;hrungen kein &#8222;allgemeines   Wert&#228;quivalent&#8220; (Marx) mehr darstellen.<\/p>\n<p>  Der point of no return bei der Entstofflichung des Geldes war die   Suspendierung seiner Bindung an das Gold. Solange der US-Dollar als   Weltgeld an das Gold fixiert war (und die anderen wichtigen W&#228;hrungen an   den Dollar), funktionierte der Kapitalismus noch so, wie er sollte. Nach   der Theorie von Adam Smith ist &#8222;Arbeit das urspr&#252;ngliche Geld, womit   alle Waren gekauft werden&#8220;. Karl Marx formulierte in den &#8222;Grundrissen&#8220;,   an Smith ankn&#252;pfend: &#8222;Das Geld ist die Arbeitszeit als allgemeine Ware.&#8220;   Das nicht-oxydierende Edelmetall war ideal, um das Geld auf die   Arbeitszeit zu beziehen: Da es keine chemischen Verbindungen eingeht und   zwar selten, dann aber relativ oft oberirdisch vorkommt, waren &#8222;f&#252;r   seine erste Auffindung nur rough labour, weder Wissenschaft noch   entwickelte Produktionsinstrumente erforderlich&#8220; (Marx). Die Menge des   weltweit gef&#246;rderten Goldes entsprach ziemlich genau der aufgewendeten   &#8222;rough labour&#8220; &#8211; daran hat sich bis heute kaum etwas ge&#228;ndert.<\/p>\n<p>  1971 verk&#252;ndigte US-Pr&#228;sident Richard Nixon in einer Nacht- und   Nebelaktion das Ende der Goldumtauschpflicht f&#252;r den Dollar. Seither   zersetzt sich die &#246;konomische Grundlage des Kapitalismus sukzessive.   Diese Grundlage war f&#252;r Marx das Wertgesetz, die Wertermittlung qua   Arbeitszeit. Die Werte dr&#252;cken sich auf dem Markt in Geldform aus. Das   k&#246;nnen sie aber nicht mehr, seit das Geld selbst keinem Wertma&#223;stab mehr   unterworfen ist.<\/p>\n<h5>  2. Die Heuschrecken kommen<\/h5>\n<p>  Ohne Bindung an das Gold kann die Dollarmenge schrankenlos expandieren &#8211;   die US-Regierung druckt einfach immer mehr Greenbacks. Man bedenke:   Allein seit dem 11. September 2001 hat die Federal Reserve mehr Geld   zus&#228;tzlich in den Umlauf gebracht als in der gesamten &#252;ber 200j&#228;hrigen   US-Wirtschaftsgeschichte vorher. Mit den Billionen aus der   Papiergeldblase kaufen Heuschrecken seither auf der ganzen Welt alles   zusammen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ihr Ziel ist dabei die   schnelle Ausschlachtung der &#252;bernommenen Objekte, nicht &#8211; wie im   bisherigen Kapitalismus &#8211; die Fortf&#252;hrung profitabler Produktion. Mit   anderen Worten: Wir befinden uns im &#220;bergang von der produktiven   Ausbeuter&#246;konomie zu einer unproduktiven Raub&#246;konomie, vom Kapitalismus   zum Kannibalismus.<\/p>\n<p>  Beispiel Deutschland: Auf der Hitliste der reichsten und umsatzst&#228;rksten   Unternehmen und Finanzinstitute rangieren zwar weiterhin die bekannten   Namen: Daimler, VW, Deutsche Bank, die Dresdner Bank zusammen mit der   Allianz-Versicherung, KruppThyssen und wie sie alle hei&#223;en. Hedgefonds   besitzen erst etwa acht Prozent des Bruttoinlandprodukts. Doch das ist   nur die Oberfl&#228;che. Auch die Giganten mit ihren bekannten Markennamen   sind oft nur noch leere H&#252;llen, im Innern zerfressen von den   Heuschrecken. Drei Beispiele: In der Telekom geben Sie den Ton an,   obwohl sie unter zehn Prozent der Anteilscheine halten. Die Deutsche   B&#246;rse wurde 2005 von den Heuschrecken gekapert &#8211; die alte F&#252;hrungsspitze   wurde geschasst. Die Deutsche Bank, fr&#252;her das finanzielle Herzst&#252;ck des   deutschen Imperialismus und Faschismus, ist mit Josef Ackermann an der   Spitze zu einer antideutschen Bank mutiert, deren Hauptzweck die   Verscherbelung der einheimischen Industriebasis ist.<\/p>\n<h5>  3. Imperialismus und Gegenwehr<\/h5>\n<p>  Der durch Wertsch&#246;pfung nicht mehr gedeckte Dollar wird nur noch   deswegen als Weltgeld akzeptiert, weil US-Armeen auf dem ganzen Globus   mit Cruise Missiles und atomarem Kn&#252;ppel den Umtausch der   Papierschnipsel in Waren und Werte erzwingen. Je tiefer die US-&#214;konomie   in die roten Zahlen rutscht, um so notwendiger wird die bewaffnete   Durchsetzung der Dollar-Hegemonie gegen potenzielle Dollar-Aussteiger   (wie 2003 gegen Irak und aktuell gegen Iran).<\/p>\n<p>  Gegen den milit&#228;risch gest&#252;tzten Vorsto&#223; der Heuschrecken gibt es   Protest, der selbst in Europa weit &#252;ber die Antikapitalisten und &#252;ber   die Arbeiterbewegung hinausgeht. Auch der Mittelstand und ein Teil des   Industriekapitals fordern, durch die St&#228;rkung der nationalen   Souver&#228;nit&#228;tsrechte das Eindringen des Raubkapitals zu kontrollieren und   sich von der US-Aggressionsmaschine abzukoppeln. Um diese Forderungen   und mit diesen B&#252;ndnispartnern muss der Widerstand organisiert werden &#8211;   linksradikale Klassenpolitik greift zu kurz.<\/p>\n<\/p>\n<h3>  Contra<\/h3>\n<p>  <i><b>Wolfram Klein, Mitglied im Vorstand der Stuttgarter SAV, <a href=\"mailto:wolfram.klein@gmx.net\">wolfram.klein@gmx.net<\/a><\/b><\/i><a href=\"mailto:wolfram.klein@gmx.net\">   <\/a><\/p>\n<h5>  Das Problem ist der Kapitalismus selbst<\/h5>\n<h5>  Wer sind unsere Verb&#252;ndeten?<\/h5>\n<p>  Els&#228;ssers erste These lautet: Wegen der Aufgabe der Goldbindung des   Dollar 1971 zersetzt sich die &#246;konomische Grundlage des Kapitalismus.   Der Zusammenhang ist ein anderer: Die Aufgabe der Goldbindung war   Ausdruck der (durch den Vietnamkrieg versch&#228;rften) Schw&#228;chung des   US-Imperialismus und des Endes des Nachkriegsaufschwungs allgemein. Sie   ist also mehr ein Symptom der zunehmenden Krisenhaftigkeit des   Kapitalismus als ihre Ursache.<\/p>\n<h5>  Was hat sich ge&#228;ndert?<\/h5>\n<p>  Es stimmt, dass die Arbeitszeit zum Druck von Banknoten in keinem   Verh&#228;ltnis zur Arbeitszeit zur Herstellung der mit ihnen gekauften Waren   steht. Aber Karl Marx, auf den sich auch Els&#228;sser beruft, hat erkl&#228;rt,   dass wichtige Geld-Funktionen, vor allem die Funktion als   Zirkulationsmittel, als Tauschmittel auch ohne das erf&#252;llt werden   k&#246;nnen. Wenn die US-Regierung ohne R&#252;cksicht auf die reale Wirtschaft   Dollar drucken w&#252;rde, w&#252;rde das auch heutzutage zu Inflation f&#252;hren. In   gewissem Umfang geschah das in den siebziger Jahren. Aber seitdem sind   die Inflationsraten drastisch gesunken. Gerade das trug zu sinkenden   Zinsen, einer Zunahme von Kreditgeld, steigender Verschuldung,   steigenden Aktienkursen und Immobilienpreisen bei. Der zunehmenden   Geldmenge steht eine Aufbl&#228;hung dieses &#8222;fiktiven Kapitals&#8220; gegen&#252;ber &#8211;   ein Ph&#228;nomen, das Marx auch schon analysiert hat (das kann hier aus   Platzgr&#252;nden nicht weiter ausgef&#252;hrt werden, ist aber im &#8222;Kapital&#8220;, Band   3, Kapitel 29 nachzulesen). Wenn das &#8222;fiktive Kapital&#8220; nicht neu ist, so   hat es zweifellos inzwischen eine historisch beispiellose Quantit&#228;t   erlangt &#8211; und damit teilweise auch eine neue Qualit&#228;t.<\/p>\n<p>  Denn darin hat Els&#228;sser Recht, dass sich im Kapitalismus in den letzten   Jahrzehnten etwas ge&#228;ndert hat. Es stimmt auch, dass die &#8222;schnelle   Ausschlachtung der &#252;bernommenen Objekte&#8220; h&#228;ufiger, &#8222;die Fortf&#252;hrung   profitabler Produktion&#8220; seltener wird. Aber das liegt nicht daran, dass   pl&#246;tzlich Heuschrecken einfallen, die andere Unternehmensziele haben als   die bisherigen Eigent&#252;mer. J&#252;rgen Schrempp nannte 1998 folgendes Ziel:   &#8222;Profit, Profit, Profit.&#8220; Das ist das alte und neue Ziel. Ge&#228;ndert hat   sich, dass sich das immer schwerer mit Produktion (aus Mangel an   profitablen Anlagem&#246;glichkeiten) erreichen l&#228;sst und dann oft nur noch   das Ausschlachten &#252;brig bleibt. Warum k&#246;nnen Hedgefonds mit einer   kleinen Minderheit der Aktien pl&#246;tzlich die Politik gro&#223;er Unternehmen   bestimmen? Weil der gro&#223;en Masse der anderen Aktion&#228;re bei der Aussicht   auf h&#246;here Dividenden auch das Wasser im Munde zusammen l&#228;uft.<\/p>\n<h5>  Gutes und schlechtes Kapital?<\/h5>\n<p>  Deshalb f&#252;hrt jede Gegen&#252;berstellung von gutem und schlechtem Kapital in   die Irre. Wenn ein Teil des Industriekapitals das Eindringen des   ausl&#228;ndischen Kapitals behindern will, wie Els&#228;sser meint, dann ist es   kein Gegner von &#8222;Raubkapital&#8220;, sondern will nur sein Raubrevier nicht   mit der Konkurrenz teilen.<\/p>\n<p>  Der Grund f&#252;r das Ausschlachten von Betrieben und f&#252;r Kriege ist also   nicht, dass sich irgend welche Heuschrecken anschicken, die Welt zu   erobern, sondern dass die schon von Marx analysierten &#246;konomischen   Gesetzm&#228;&#223;igkeiten und Widerspr&#252;che des Kapitalismus ihn immer heftiger   an seine Grenzen sto&#223;en lassen. Das Problem sind nicht nur die   Heuschrecken, sondern der Kapitalismus selbst. Unser Ziel muss die   &#220;berwindung des Kapitalismus sein, nicht ein &#8222;heuschreckenfreier&#8220;   Kapitalismus. N&#228;her kommen wir diesem Ziel nur im Kampf gegen die, die   ein Interesse daran haben, dass der Kapitalismus mit seinen Schrecken   bestehen bleibt, nicht im B&#252;ndnis mit ihnen.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich muss unser Kampf mit der Verteidigung der in den letzten   Jahrzehnten erk&#228;mpften Errungenschaften beginnen. Aber daf&#252;r braucht man   keine Illusionen sch&#252;ren, dass sich die Probleme im Nationalstaat l&#246;sen   lassen.<\/p>\n<h5>  Europa und die USA<\/h5>\n<p>  Els&#228;sser meint, dass der Dollar nur noch wegen der US-Milit&#228;rmacht   akzeptiert werde. Die L&#228;nder, die die meisten Dollars schlucken, sind   aber nicht Nordkorea, Syrien oder Iran, denen die USA immer wieder   drohten, sondern China und Co. Sie treibt nicht die Angst vor der   US-Armee um, sondern vor einem Verlust von Absatzm&#228;rkten oder die   Entwertung ihrer bereits aufgeh&#228;uften Dollarverm&#246;gen, wenn weniger   Dollar gekauft werden und der Wechselkurs des Dollar ins Rutschen kommt.<\/p>\n<p>  Unsere Verb&#252;ndeten gegen die US-Aggressionsmaschine k&#246;nnen nicht die   sein, die am Aufbau einer EU-Aggressionsmaschine arbeiten, sondern die,   die in den USA selbst gegen die dortige Aggressionsmaschine k&#228;mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      <img src=\"\/media\/2007\/Elsaesser.jpg\" align=\"left\"><br \/>\n      Anfang dieses Jahres erschien bei Pahl-Rugenstein das neue Buch von<br \/>\n      J&#252;rgen Els&#228;sser: &#8222;Angriff der Heuschrecken &#8211; Zerst&#246;rung der Nationen und<br \/>\n      globaler Krieg&#8220;. 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