{"id":12075,"date":"2007-04-13T02:00:50","date_gmt":"2007-04-13T00:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12075"},"modified":"2012-08-21T13:06:00","modified_gmt":"2012-08-21T11:06:00","slug":"12075","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/04\/12075\/","title":{"rendered":"Russland 1917: Die Lehren der Februar-Revolution"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"\/media\/2007\/Februarrevolution1917.jpg\" alt=\"\" align=\"left\" \/> Der 23. Februar 1917 (8. M\u00e4rz im neuen gregorianischen Kalender) stellt den Beginn der sozialistischen Revolution in Russland dar und trat eine revolution\u00e4re Welle los, die rund um die Welt ging. Die F\u00fchrung der Bolschewistischen Partei, insbesondere Lenin und Trotzki, spielten die entscheidende Rolle, um den Sieg der Revolution im Oktober sicher zu stellen.<br \/> <em>von Peter Taaffe<\/em> <!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p>Vor 90 Jahren hat sich die Arbeiterklasse von Russland, gef\u00fchrt von den unvergesslichen ArbeiterInnen der Stadt, die heute St. Petersburg hei\u00dft, in einer Revolution erhoben, die die tausendj\u00e4hrige Diktatur des Zaren st\u00fcrzte.<\/p>\n<p>Dadurch begann ein Prozess von Revolution und Konterrevolution, der neun Monate dauerte und im Oktober 1917 zur ersten demokratischen sozialistischen Revolution der Arbeiterklasse in der Geschichte f\u00fchrte. Die Februarrevolution fand zwischen der ersten Russischen Revolution von 1905-07 und der dritten und endg\u00fcltigen Revolution im Oktober 1917 statt. Die Vertreter des Kapitals und ihre Schreiberlinge in den Universit\u00e4ten, die oberfl\u00e4chlichen \u201eGeschichts\u201c-Professoren, ignorieren dieses Ereignis entweder oder versuchen zu beweisen, dass im Februar die \u201ewirkliche\u201c Russische Revolution stattgefunden habe, die \u201evom Weg abgekommen\u201c und in einem \u201ePutsch\u201c im Oktober 1917 geendet sei.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Gro\u00dfbritannien (oder Deutschland, A.d.\u00dc.) heute nicht das Russland von 1917, das eine wirtschaftlich und kulturell schwach entwickelte Gesellschaft war, in der die Arbeiterklasse eine Minderheit in einem Meer von Bauern\/B\u00e4uerinnen darstellte. Aber unter der Peitsche einer ernsthaften wirtschaftlichen Krise kann ein sozialer Riss in den am meisten \u201eentwickelten\u201c Gesellschaften ebenso entstehen, wie in den r\u00fcckst\u00e4ndigsten. Die j\u00fcngsten Unruhen an den weltweiten B\u00f6rsen sind ein Vorbote f\u00fcr eine unruhigere wirtschaftliche und soziale Situation des Weltkapitalismus, die \u2013 wenn auch in anderer Form \u2013 Bedingungen wie in Russland vor 90 Jahren erzeugen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Die Bolschewiki<\/h4>\n<p>Eine der wichtigsten Lehren der Februarrevolution und ihrer Folgezeit ist folgende: h\u00e4tte die F\u00fchrung der bewusstesten Arbeiterpartei zur damaligen Zeit, der Bolschewiki (die \u201eMehrheitler\u201c), eine Politik \u00e4hnlich der Politik der heutigen Arbeiterf\u00fchrer betrieben, dann h\u00e4tte es 1917 keine Russische Revolution gegeben. 1917 durchlief Russland die st\u00e4rkste soziale Krise in seiner Geschichte. Wenn es damals keine Bolschewistische Partei, unter der F\u00fchrung von Lenin und Trotzki, gegeben h\u00e4tte, dann w\u00e4re die enorme revolution\u00e4re Energie der ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerInnen ergebnislos in sporadischen Ausbr\u00fcchen verpufft. Klassenk\u00e4mpfe sind die zentrale Triebfeder der Geschichte, aber es braucht ein korrektes Programm, eine standfeste Partei und eine zuverl\u00e4ssige und mutige F\u00fchrung, die bereit ist, den Kampf gegen Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitzer bis zum Ende zu f\u00fchren \u2013 wie es in Russland geschehen ist.<\/p>\n<p>Die Ehre, die Revolution begonnen zu haben, f\u00e4llt den Frauen der Arbeiterklasse von St Petersburg zu. Am 22. Februar (gem\u00e4\u00df dem alten, julianischen Kalender, der 13 Tage hinter dem im Westen benutzten gregorianischen Kalender liegt) wurde im wichtigsten Werk der Stadt, den Putilow-Werken, ein gro\u00dfer Streik ausgerufen. Damals gab es in der Stadt ca. 390.000 FabrikarbeiterInnen die in gro\u00dfen Werken, wie den Putilow-Werke besch\u00e4ftigt waren.<\/p>\n<p>Etwa ein Drittel dieser ArbeiterInnen waren Frauen und die Arbeiterklasse war von der massiven Inflation, die damals herrschte, am st\u00e4rksten betroffen.<\/p>\n<p>Am 23. Februar traten die Textilarbeiterinnen \u2013 ohne vorherige Zustimmung von irgendeiner Partei \u2013 in einer Reihe von Fabriken in den Streik. Das f\u00fchrte zu Massendemonstrationen in der Stadt und \u00f6ffnete die Schleusen der Revolution, die sich in den kommenden f\u00fcnf Tagen entfaltete.<\/p>\n<h4>Die Rolle der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>Eines der unverwechselbaren Charakteristika einer Revolution ist die direkte Intervention der Massen der Arbeiterklasse und der Armen, die \u2013 w\u00e4hrend sie in \u201enormalen\u201c Perioden vom Kapitalismus unzufrieden aber doch zur Unterwerfung gezwungen werden \u2013 nun ihr Geschick in die eigenen H\u00e4nde nehmen. Das hat sich in allen Revolutionen gezeigt, zum Beispiel in Frankreich 1968, als zehn Millionen ArbeiterInnen gegen den Willen ihrer \u201eF\u00fchrung\u201c im gr\u00f6\u00dften Generalstreik der franz\u00f6sischen Geschichte auch ihre Fabriken besetzten. Das selbe geschah in der gro\u00dfartigen Portugiesischen Revolution, die 1974 begann.<\/p>\n<p>Im Machtkampf zwischen Arbeiterklasse und Zarismus auf den Stra\u00dfen von Petrograd (St Petersburg), l\u00f6ste sich der repressive Staatsapparat des Gro\u00dfgrundbesitzes und des Kapitalismus in der Hitze der Revolution auf. Das dr\u00fcckte sich unter anderem darin aus, dass Teile der zaristischen Truppen auf die Seite der ArbeiterInnen wechselten oder zumindest eine gewisse \u201eneutrale\u201c Position einnahmen, darunter auch die ehemals brutalsten, wie die Kosaken,<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg, bei dem f\u00fcnf Millionen RussInnen get\u00f6tet oder verwundet wurden, hat zweifellos eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die folgenden Phasen der Revolution bis Oktober 1917 enorm zu beschleunigen. Sp\u00e4tere Revolutionen, wie die Spanische 1931-37, haben sich \u00fcber eine l\u00e4ngere Periode hingezogen. Die Februarrevolution wurde gr\u00f6\u00dftenteils von unten, durch Arbeiterklasse und Soldaten \u2013 von denen viele Bauern unter Waffen waren \u2013 erreicht und hat dem Zarismus einen t\u00f6dlichen Schlag versetzt.<\/p>\n<p>Aber sie waren sich selbst ihrer Macht nicht bewusst. Immer und immer wieder in der Geschichte haben die arbeitenden Massen ein Regime gest\u00fcrzt aber dann nicht die Fr\u00fcchte ihres Sieges geerntet, weil sie ihre eigene Rolle nicht erkannt haben. Deshalb ist in Russland die Macht in die H\u00e4nde einer Koalition von kapitalistischen Liberalen, den Menschewiki (die urspr\u00fcngliche Minderheit in der russischen Arbeiterbewegung) und den Sozialrevolution\u00e4ren, einer Partei der Mittelklasse in den St\u00e4dten und auf dem Land, gefallen.<\/p>\n<p>Die Februarrevolution war nichts anderes als der Beginn der sozialistischen Revolution in Russland und international. Aber nur Lenin, der F\u00fchrer der Bolschewiki, in seinem Exil in der Schweiz und Trotzki in New York hatten das erkannt. Denn sogar die F\u00fchrung der Bolschewiki in Petrograd, obwohl sie nicht in die Regierung eintraten (was f\u00fcr die Basis der bolschewistischen Partei und die Arbeiterklasse in der Stadt inakzeptabel gewesen w\u00e4re), unterst\u00fctzte dennoch die Koalitionsregierung von au\u00dfen. Die Regierung war \u00e4hnlich wie die sp\u00e4tere \u201eVolksfront\u201c-Regierung, die die Spanische Revolution von 1931-37 vom Kurs abbrachte und andere Volksfrontregierungen, die von den Stalinisten in Frankreich und anderen L\u00e4ndern betrieben wurden.<\/p>\n<h4>Die Provisorische Regierung<\/h4>\n<p>Urspr\u00fcnglich waren die Petrograder ArbeiterInnen und die Basis der Bolschewiki der Koalition, die die Macht in ihre H\u00e4nde genommen hatte, gegen\u00fcber feindlich. Aber ab Mitte M\u00e4rz vollzog die Bolschewistische Partei unter dem Einfluss von Kamenjew, einem F\u00fchrer der Bolschewiki, und Stalin, der aus dem Exil gekommen war, eine entscheidende Wendung nach rechts. Stalin schrieb und sagte: \u201eDie Provisorische Regierung muss unterst\u00fctzt werden weil&#8230;\u201c Das ist die Position von Bertinotti und anderer F\u00fchrerInnen der Rifondazione Comunista (RC) in Italien in Bezug auf die erste \u201eOlivenbaum\u201c-Koalition, die zwischen 1996-1998 existierte, sehr \u00e4hnlich, die sie urspr\u00fcnglich von au\u00dfen \u201eunterst\u00fctzte\u201c.<\/p>\n<p>Die Konsequenz davon war: die Angriffe der Koalition, die neoliberale Politik betrieb und den Weg f\u00fcr Berlusconi bereitete, auf die Arbeiterklasse f\u00fchrte zu Verachtung, die auch die RC traf.<\/p>\n<p>Im Ablehnung einer solchen Herangehensweise telegrafierte Lenin aus der Schweiz an die bolschewistische F\u00fchrung in Petrograd: \u201eUnsere Taktik: kein Vertrauen; keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Regierung; misstraut besonders Kerenski; die Bewaffnung der Arbeiterklasse ist die einzige Garantie; sofortige Wahlen f\u00fcr die Petrograder Duma; keine Ann\u00e4herung an andere Parteien.\u201c Dann erkl\u00e4rte er pointiert: \u201eDie geringste Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Provisorische Regierung ist Verrat.\u201c<\/p>\n<h4>Kapitalistische Koalitionen<\/h4>\n<p>Was w\u00fcrde er \u00fcber seine heutigen angeblichen \u201cErben\u201d in der RC und anderswo sagen, die nun kapitalistische Koalitionen \u201evon au\u00dfen\u201c unterst\u00fctzen, als MinisterInnen dienen und neoliberalen Programmen zustimmen, wie es ungl\u00fccklicherweise die RC in Italien mit ihrer St\u00fctzung der Prodi-Regierung getan hat? Es ist eine Schande, dass Bertinotti die Position des Pr\u00e4sidenten des Abgeordnetenhauses \u00fcbernommen hat, was in etwa dem Sprecher des britischen Unterhauses entspricht. Er \u00fcbernahm diese Funktion und erkl\u00e4rte dabei, er k\u00f6nne sie \u201enicht l\u00e4nger ablehnen\u201c.<\/p>\n<p>Warum konnte er nicht ablehnen? Als Lenin in der Finischen Station in Petrograd im April 1917 ankam, dr\u00fcckte ein junger Marinekommandeur im Namen der diensthabenden Befehlshaber seine Hoffnung aus \u201edass Lenin Teil der provisorischen Regierung werden w\u00fcrde\u201c. F\u00fcr diesen Wunsch hatte Lenin nur Verachtung \u00fcber, er drehte den W\u00fcrdentr\u00e4gern der Koalition den R\u00fccken zu und sprach direkt zu den ArbeiterInnen die gekommen waren, um ihn zu begr\u00fc\u00dfen: \u201eDie Russische Revolution, die ihr erreicht habt, hat eine neue Epoche er\u00f6ffnet. Lang lebe die sozialistische Weltrevolution!\u201c<\/p>\n<p>Romano Prodi, der italienische Ministerpr\u00e4sident, hat von Anfang an seine Bestrebungen erkl\u00e4rt, drastische Angriffe auf den Lebensstandard der italienischen ArbeiterInnen durchzuf\u00fchren, alles unter dem Titel der \u201eReformierung\u201c des italienischen Staates und der Erneuerung des italienischen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Dennoch erkl\u00e4rte Bertinotti im April 2006, knapp nach den Wahlen: \u201eWir werden eine Regierung mit Romano Prodi als Ministerpr\u00e4sident unterst\u00fctzen und unsere Partei wird sich daran beteiligen. Es wurde ein sehr wichtiger Schritt gemacht; wir haben Berlusconi besiegt. Nun werden wir Italien regieren und damit ver\u00e4ndern und dabei helfen, den Aufstieg eines neuen politischen Subjekts der alternativen Linken in Italien zu unterst\u00fctzen, die nun nach diesem Wahlergebnis st\u00e4rker ist und uns dazu verpflichtet eine italienische Sektion der Europ\u00e4ischen Linken aufzubauen.\u201c<\/p>\n<h4>Unabh\u00e4ngige Politik<\/h4>\n<p>Die Ereignisse in Italien in der letzten Periode wiederlegen dieses und andere Argument der RC-F\u00fchrung, die ihren Eintritt in eine kapitalistische Koalitionsregierung rechtfertigen. Sie haben versucht, das mit dem Argument zu untermauern, sie w\u00e4ren eine \u201eBremse f\u00fcr die Rechten\u201c und w\u00fcrden im Interesse der italienischen Arbeiterklasse handeln. An diesem Argument ist absolut nichts Neues; Stalin und Kamenjew haben die Nach-Februar Koalitionsregierung \u201ekritisch\u201c mit denselben Argumenten unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Das stand in direktem Widerspruch zu jener Position, die Lenin und Trotzki 1917 einnahmen. Lenins Politik hat neun Monate sp\u00e4ter zur Oktoberrevolution gef\u00fchrt und zu den \u201e10 Tagen die die Welt ersch\u00fctterten\u201c, dem Widerhall des Oktobers unter der Arbeiterklasse international.<\/p>\n<p>Die Politik von Bertinotti \u2013 die Zustimmung zu Prodis Angriffen auf die Arbeiterklasse \u2013 hat bereits unter gro\u00dfen Teilen der ArbeiterInnen und der Jugendlichen zu Ern\u00fcchterung gef\u00fchrt. Sie bereitet den Weg zu einer Katastrophe, der R\u00fcckkehr von Berlusconi, oder schlimmeren, vor, wenn dies nicht durch eine Revolte der RC-Mitglieder in Zusammenhang mit Massenaktionen der italienischen Arbeiterklasse verhindert wird.<\/p>\n<p>Ungleich den heutigen Arbeiterf\u00fchrern, die der Verlockung einer leichten Popularit\u00e4t und von Ministerkarrieren verfallen und korrumpiert sind, hatte Lenin keine Angst, in der Minderheit zu sein. Die Bolschewiki hatten bei den Wahlen zu den Sowjets (R\u00e4ten, Anm.) im Februar ein bis zwei prozent der Stimmen und nur 4 Prozent als er im April nach Russland zur\u00fcckkam. Dennoch hatten die Bolschewiki zu gewissen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg die Unterst\u00fctzung von vier F\u00fcnftel der organisierten Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Aber eine Revolution, wie jene im Februar, wird meist durch eine mutige und bewusste Minderheit, die eine breite Unterst\u00fctzung unter den Massen der ArbeiterInnen hat, durchgef\u00fchrt. Ist sie erst einmal erfolgreich, betritt diese breite Masse die politische Arena und schafft, wie im Februar 1917, dem Beispiel der Revolution von 1905 bis 1907 folgend, ihre eigenen unabh\u00e4ngigen Klassenorganisationen in Form von Sowjets \u2013 R\u00e4ten der ArbeiterInnen, Soldaten und Bauern\/B\u00e4uerinnen.<\/p>\n<p>In Russland entstand im Februar 1917 eine \u201eDoppelherrschaft\u201c die bis zur Oktoberrevolution anhielt. Diese \u201eDoppelherrschaft\u201c oder Elemente davon, ist in allen revolution\u00e4ren Umbr\u00fcchen sichtbar. Die \u201eRegierung\u201c hat zwar noch staatliche Macht, wird aber durch die unabh\u00e4ngige Macht und Organisationen der Arbeiterklasse herausgefordert.<\/p>\n<p>Der Kampf zwischen diesen Kr\u00e4ften macht den Kern des revolution\u00e4ren und konterrevolution\u00e4ren Prozesses zwischen Februar und Oktober 1917 aus. Lenin und die Bolschewiki unter seiner F\u00fchrung strebten danach, dem revolution\u00e4ren Programm treu zu bleiben, nach unvers\u00f6hnlicher Feindschaft gegen\u00fcber den Kapitalisten und nach einem Bruch mit jenen, die nicht bereit waren, den Kampf gegen Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitzer bis zum Ende zu f\u00fchren.<\/p>\n<h4>Revolution\u00e4res Programm<\/h4>\n<p>Aber das brachte den Bolschewiki den unendlichen Hass der Kapitalisten und jener Parteien ein, die innerhalb der Grenzen des Systems bleiben wollten. Die gesamte Presse, inklusive der Zeitungen der Menschewiki und der Sozialrevolution\u00e4re, betrieben eine Hetzkampagne gegen die Bolschewiki, so wie es die britischen Medien 1984-85 gegen die Bergarbeiter (die damals streikten, A.d.\u00dc.), oder gegen Liverpools Militants und ihren heroischen Kampf von 1983-87 (damals f\u00fchrte der um Militant herum organisierte marxistische Fl\u00fcgel der Labour Party den Stadtrat, A.d.\u00dc.) taten.<\/p>\n<p>Tausende Tonnen Zeitungspapier wurden mit Berichten dar\u00fcber gef\u00fcllt, dass die Bolschewiki angeblich in Verbindung mit der zaristischen Polizei standen, dass sie angeblich Wagenladungen von Gold aus Deutschland erhielten, das Lenin angeblich ein deutscher Spion sei etc. In den ersten f\u00fcnf Monaten nach der Februarrevolution hatte diese L\u00fcgenpropaganda Auswirkungen auf die Massen, so dass Seeleute und Soldaten damit drohten, Lenin und die bolschewistischen F\u00fchrer mit dem Bajonett zu erstechen.<\/p>\n<p>Aber die Bolschewiki ignorierten unter der F\u00fchrung von Lenin die \u201eparlamentarischen Schw\u00e4tzer\u201c und richteten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Massen der Arbeiterklasse und im besonderen auf die am Millionen der unterdr\u00fccktesten Schichten, die aus Entt\u00e4uschung \u00fcber die \u201eoffiziellen\u201c Koalitionsparteien in den Sowjets nach links gingen.<\/p>\n<p>Das Anwachsen der Bolschewik hat seine Ursache darin, dass konsequent die unabh\u00e4ngige Herangehensweise der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen betont wurde &#8211; eine klare Abgrenzung der revolution\u00e4ren Partei und Massen von reformistischen und semi-reformistischen opportunistischen Parteien. Dieser Unterschied zwischen Lenin und den Bolschewiki einerseits und den F\u00fchrerInnnen und Ex-F\u00fchrerInnen der Arbeiterorganisationen heute k\u00f6nnte nicht deutlicher sein.<\/p>\n<p>Damals handelte es sich nat\u00fcrlich um eine revolution\u00e4re Periode, die wir heute in den meisten L\u00e4ndern der Welt nicht haben.<\/p>\n<p>Aber die Vorbereitungen f\u00fcr eine solche Situation m\u00fcssen in der Periode vor solchen scharfen und abrupten Ver\u00e4nderungen stattfinden. Das ist die Rolle einer weitsichtigen marxistischen F\u00fchrung und Organisation.<\/p>\n<p>Auf der ganzen Welt wird die Arbeiterklasse durch die Philosophie der Regierungsbeteiligung bzw. des \u201ekleineren \u00dcbels\u201c in eine Falle gef\u00fchrt. Das ist lediglich eine Variation jener Ideen, die im Februar 1917 zu sehen waren. Es bedeutet, dass die ArbeiterInnen stets nur die zweite Geige hinter den kapitalistischen Parteien spielen d\u00fcrfen. In den USA sind sie nur das Anh\u00e4ngsel der anderen kapitalistischen Partei, der Demokraten. Sie werden gedr\u00e4ngt wie die RC Prodi zu unterst\u00fctzen in der falschen Hoffnung, dass dadurch k\u00fcnftige \u201eKonzessionen\u201c gewonnen werden k\u00f6nnten. Und das nur, wenn sie heute die giftige Medizin von K\u00fcrzungen und Privatisierung schlucken.<\/p>\n<h4>Venezuela<\/h4>\n<p>Die Februarrevolution ist auch in Bezug auf die bedeutsamen Ereignisse die sich heute in Lateinamerika abspielen wichtig. In Venezuela ist die Arbeiterbewegung nach dem Sieg von Hugo Ch\u00e1vez bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen mit mehr als zwei Drittel der Stimmen zweifellos nach links gegangen.<\/p>\n<p>Hugo Ch\u00e1vez hat Trotzki gelobt und erhebt den Anspruch, auf der Basis von Trotzkis Ideen der \u201ePermanenten Revolution\u201c zu stehen \u2013 die sich in Russland direkt in der Entwicklung vom Februaraufstand zum Sieg im Oktober 1917 bewies \u2013 und hat die Verstaatlichung bzw. teilweise Verstaatlichung der Energiewirtschaft und anderer Industrien vorgeschlagen.<\/p>\n<p>Wir und die Linke international unterst\u00fctzen diese Schritte der Regierung und der Bev\u00f6lkerung in Venezuela. Aber Ch\u00e1vez&#8220; Aussagen \u00fcber seine Regierungspolitik k\u00f6nnen nur als ein Bruch auf Raten mit dem Kapitalismus in einer nicht n\u00e4her definierten Zukunft verstanden werden. George Galloway (britischer Unterhausabgeordneter des linken B\u00fcndnisses RESPECT, A.d.\u00dc.), meinte in einem Artikel f\u00fcr den britischen Guardian f\u00e4lschlicherweise, dass das ein gr\u00f6\u00dferer Fortschritt w\u00e4re \u2013 \u201cr\u00f6ter\u201d w\u00e4re \u2013 als sogar die Regierung von Allende in Chile in den 1970er.<\/p>\n<p>Aber in Chile waren 40 Prozent der Industrie vom Staat \u00fcbernommen worden und die Massen hatten Basisorganisationen aufgebaut (cordones &#8211; Komitees). Es wurde eine ernsthafte Landreform begonnen, die Massen riefen nach Waffen und ein Teil hatte sie sogar schon. Aber weil die Macht und der Besitz an der Industrie den H\u00e4nden der KapitalistInnen nicht entrissen worden war, konnten Pinochet und die Armeegener\u00e4le nicht nur Allende, sondern die chilenische Arbeiterklasse zerschlagen und in die dunkle Nacht der Diktatur f\u00fchren. Das ist eine Warnung an Hugo Ch\u00e1vez und die ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen in Venezuela.<\/p>\n<h4>Entscheidende Ma\u00dfnahmen<\/h4>\n<p>Die russischen ArbeiterInnen waren nicht durch eine \u201ePolitik der kleinen Schritte\u201c zwischen Februar und Oktober erfolgreich. Tats\u00e4chlich wurden die Errungenschaften der Februarrevolution durch die Koalitionsregierung systematisch unterminiert weil die Koalitionsregierung sich weigerte mit dem Gro\u00dfgrundbesitzertum und dem Kapitalismus zu brechen. Es brauchte die Erfahrungen der n\u00e4chsten neun Monate zusammen mit der Agitation und der Arbeit der Bolschewiki, um die russischen ArbeiterInnen von der Notwendigkeit eines tats\u00e4chlichen Umsturzes \u2013 einer sozialen Revolution \u2013 zu \u00fcberzeugen, die dann im Oktober 1917 auch stattfand.<\/p>\n<p>Auch wenn Ch\u00e1vez heute die Unterst\u00fctzung der Massen in Venezuela hat, wurden Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus in Venezuela nicht abgeschafft. Im Gegenteil entwickelt sich der private Sektor durch die Versechsfachung des \u00d6lpreises seit dem Machtantritt von Ch\u00e1vez pr\u00e4chtig. Aber eine ungez\u00fcgelte Inflation kann die Mittelklasse, aber auch Teile der armen Bev\u00f6lkerung, rasch absto\u00dfen und sogar den Enthusiasmus der armen Massen f\u00fcr die Revolution untergraben und sie in die Arme der Reaktion treiben.<\/p>\n<p>Letztlich ist der einzige Weg um die Gefahr der Konterrevolution zu besiegen der Politik von Lenin nach dem Februar zu folgen \u2013 kompromisslose Opposition zu Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitz und entscheidende Ma\u00dfnahmen um die Macht des Gro\u00dfkapitals zu brechen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfartigen Ereignisse vom Februar 1917 sind keine tote Geschichte. Wir gedenken der mutigen Arbeiterklasse von Petrograd in diesem gro\u00dfen sozialen Umsturz, indem wir die wirklichen Lehren dieser Ereignisse f\u00fcr heute ziehen.<\/p>\n<p><em>Peter Taaffe ist Generalsekret\u00e4r der Socialist Party in England und Wales und Mitglied im Internationalen Sekretariat des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale. Der Artikel erschien zuerst in der britischen Wochenzeitung The Socialist. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 23. Februar 1917 (8. M\u00e4rz im neuen gregorianischen Kalender) stellt den Beginn der sozialistischen Revolution in Russland dar.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[95],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12075"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12075"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12075\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}