{"id":12067,"date":"2007-04-14T00:35:40","date_gmt":"2007-04-14T00:35:40","guid":{"rendered":".\/?p=12067"},"modified":"2007-04-14T00:35:40","modified_gmt":"2007-04-14T00:35:40","slug":"12067","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/04\/12067\/","title":{"rendered":"Venezuela: Wie weit gehen die Verstaatlichungen?"},"content":{"rendered":"<p>  <i><img src=\"\/media\/2007\/VenezuelaDemo.jpg\" align=\"left\">  Hugo Ch&#225;vez r&#252;ckverstaatlicht ehemals privatisierte Betriebe<\/i> <br \/>  Nachdem Hugo Ch&#225;vez im letzten Dezember mit beruhigendem Vorsprung   wieder die Pr&#228;sidentschaftswahl gewonnen hat und bei der   Vereidigungszeremonie seinen Plan vom &#8222;Sozialismus des 21. Jahrhunderts&#8220;   angek&#252;ndigt hat, richtet sich jetzt die &#246;ffentliche Aufmerksamkeit auf   die Frage der Verstaatlichungen. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Pablo Alderete, Stuttgart<\/i><\/p>\n<p>  Die Ch&#225;vez-Regierung profitiert von den sprudelnden Erd&#246;lerl&#246;sen und   einer wachsenden Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt von Venezuela   stieg im Jahr 2006 um 10,3 Prozent. Zum dritten Mal hintereinander weist   Venezuela die h&#246;chste Wachstumsrate in Lateinamerika auf. Den   Verstaatlichungen widmete die spanischen Tageszeitung El Pais in ihrer   Wirtschaftsbeilage am 21. Januar mehrere Artikel. Fernando Cano beginnt   seinen Artikel mit der Feststellung: &#8222;Venezuela hat die Welt wieder   einmal &#252;berrascht. Der Pr&#228;sident Hugo Ch&#225;vez hat angek&#252;ndigt, die   wichtigsten Konzerne in den Bereichen Telekommunikation, Energie und   Erd&#246;l zu verstaatlichen.&#8220;<\/p>\n<h4>  Telekommunikation<\/h4>\n<p>  Direkt nach der Vereidigung seiner Minister k&#252;ndigte Ch&#225;vez an, die   Kontrolle &#252;ber den Telefonkonzern CANTV zu &#252;bernehmen und daf&#252;r der   US-amerikanischen Firma Verizon, die 28,5 Prozent von CANTV besa&#223;,   Aktien abzukaufen. Angesichts der Alarmsignale an den B&#246;rsenm&#228;rkten   beschwichtigte der Finanzminister Rodrigo Cabezas, dass Venezuela keine   &#8222;Enteignung&#8220; durchf&#252;hren wird: &#8222;Der Verstaatlichungsprozess wird   innerhalb des verfassungsrechtlichen und legalen Rahmen verlaufen, und   der verbietet Enteignungen. Der Staat wird die entsprechenden   Marktpreise f&#252;r die Anteile zahlen&#8220; (La Naci&#243;n vom 11. Januar).   Erleichtert zeigte sich der spanische Telekommunikationsriese   Telef&#243;nica, f&#252;hrender Mobilfunkanbieter in Venezuela. Denn der   Mobilfunkbereich ist von den Pl&#228;nen nicht betroffen.<\/p>\n<h4>  Energiesektor<\/h4>\n<p>  Anfang der neunziger Jahre &#8211; vor Ch&#225;vez&#8217; Pr&#228;sidentschaft &#8211; war der gro&#223;e   Stromversorger Electricidad de Caracas (EDC) genau wie das   Telefonunternehmen CANTV privatisiert worden. In den EDC hat sich nun   der Staat einkauft, indem er der USFirma AES Corporation 82,14 Prozent   der Aktienanteile an EDC f&#252;r 739 Millionen US-Dollar abkaufte. Nach   Regierungsangaben steht es jedem Energiekonzern weiterhin frei, in   Venezuela zu bleiben &#8211; unter der Bedingung, dass der Staat eine   Mehrheitsbeteiligung an der Firma oder dem Projekt beh&#228;lt.<\/p>\n<h4>  Erd&#246;lindustrie<\/h4>\n<p>  In der Erd&#246;lgewinnung und ihrer Weiterverarbeitung stellt privates   Kapital lediglich 16 Prozent der venezolanischen Gesamtproduktion   (Venezuela ist der achtgr&#246;&#223;te Produzent von Erd&#246;l). Seit 2005 wurden   mehrere Abmachungen getroffen, die die Beteiligungsstruktur in   Erd&#246;lprojekten zu Gunsten des Staates ver&#228;nderten. Die spanische Firma   Repsol hat die strategische Kontrolle &#252;ber ihre &#214;lfelder der staatlichen   &#214;lfirma PVDSA &#252;bertragen, die jetzt mehr als 70 Prozent der nationalen   Produktion erbringt. Nach Regierungsangaben wurden &#8211; schon vor der   Ank&#252;ndigung von Verstaatlichungen &#8211; 32 Lizenzen von multinationalen   Firmen zur Erd&#246;lausbeutung in gemischte Beteiligungsformen (empresas   mixtas) umgewandelt. Der Staat hat &#252;ber den PVDSA-Konzern die Kontrolle,   die Multis agieren als &#8222;Juniorpartner&#8220;.<\/p>\n<h4>  Ch&#225;vez&#8217; Wirtschaftspolitik<\/h4>\n<p>  &#8222;Was f&#252;r ein Ziel wird dann mit den Verstaatlichungen verfolgt?&#8220;, fragt   Fernando Cano. Er schreibt, als praktische Konsequenz w&#252;rde die   Ank&#252;ndigung von Verstaatlichungen den Druck auf die Firmen erh&#246;hen, die   bisher keine Abkommen mit dem Staat getroffen haben, das nachzuholen. Es   w&#252;rde British Petroleum, Exxon Mobil, Chevron, Conoco Phillips und Total   and Statoil betreffen. Der Pr&#228;sident der PVDSA, Rafael Ramirez,   erwartet, dass mit den neuen Abkommen und den gemischten   Beteiligungsstrukturen der Staat bis zum Jahr 2017 sechs Milliarden   US-Dollar zus&#228;tzlich einnehmen wird. Auch sollen die Steuerabgaben f&#252;r   die F&#246;rderung von Erd&#246;l von ein Prozent auf 16 Prozent pro gef&#246;rdertes   Barrel steigen, und die Gewinnsteuer von 34 Prozent auf 50 Prozent. Die   Regierung verspricht sich davon folgende Resultate: St&#228;rkung der Rolle   des Staates in der Wirtschaft, Verringerung der Abh&#228;ngigkeit von den USA   als Haupthandelspartner und Kontrolle &#252;ber die &#214;lregion des   Orinoco-Beckens, in dem eines der gr&#246;&#223;ten Erd&#246;lvorkommen der Welt   vermutet wird.<\/p>\n<h4>  Widerspr&#252;che<\/h4>\n<p>  Wiederholt kam es in den letzten Jahren in Venezuela zu   Massenmobilisierungen; in erster Linie, um Vorst&#246;&#223;en der Reaktion   Einhalt zu gebieten. Vor diesem Hintergrund leiteten Ch&#225;vez und seine   Regierung die radikaleren Ma&#223;nahmen ein. Die Errungenschaften in   Venezuela m&#252;ssen mit aller Entschlossenheit verteidigt werden. Die   Sozialreformen, die Verbesserungen f&#252;r die Armen vor allem in den   Bereichen Gesundheit und Erziehung und die politischen Signale, die   Venezuela in die Welt aussendet &#8211; dass es m&#246;glich ist, den Vormarsch von   Neoliberalismus und Kapitalismus zu stoppen und dass daf&#252;r mit dem Kampf   um ein sozialistisches Gesellschaftssystem begonnen werden muss.<\/p>\n<p>  Die inneren Probleme Venezuelas zeigen sich dieser Tage in den   Superm&#228;rkten und Metzgereien von Caracas und anderen St&#228;dten. Die   Lebensmittelindustrie, die zu 80 Prozent von zwei m&#228;chtigen Familien,   den Mendozas und Cisneros kontrolliert wird, bek&#228;mpft die von der   Regierung verordneten Preiskontrollen. Der Inflationsdruck von 20 bis 36   Prozent f&#252;r Lebensmittel trifft vor allem die Familien aus der   Arbeiterklasse und der Armen. Die Regierung hat mit einem Gesetz gegen   Lebensmittelspekulation geantwortet und gedroht, einige kleinere Firmen   zu verstaatlichen &#8211; ohne eine Aussage zu der Rolle dieser zwei   Oligarchen-Familien zu machen.<\/p>\n<h4>  Gefahr der Konterrevolution<\/h4>\n<p>  Die venezolanische Elite, unterst&#252;tzt vom US-Imperialismus, ist bereit,   zum n&#228;chstbesten Zeitpunkt das Rad der Geschichte zur&#252;ck zu drehen und   den Prozess, der seit 1998 begonnen hat, r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Dass in   Venezuela den Kapitalisten die wirtschaftliche und politische Macht   nicht entrissen wurde, bedeutet, dass die Kapitalisten und   Gro&#223;grundbesitzer in der Lage verbleiben, sich f&#252;r eine Konterrevolution   zu sammeln. Ebenso steht die Ch&#225;vez-Regierung von unten unter Druck.   Armut, Inflation, Korruption bestehen weiterhin und erzeugen Unruhe.<\/p>\n<p>  Auf den derzeitigen &#214;leinnahmen darf man sich nicht ausruhen. Deshalb   reicht es nicht, nur einzelne Bereiche der Wirtschaft zu verstaatlichen,   sondern die gesamten Schl&#252;sselindustrien. Um die Macht der gro&#223;en   Kapitalbesitzer zu brechen, sind Enteignungen durchzuf&#252;hren und   Entsch&#228;digungen nur bei erwiesener Bed&#252;rftigkeit zu gew&#228;hren &#8211; um die   Gesellschaft grundlegend zu ver&#228;ndern und den Menschen gro&#223;e   Verbesserungen zu bringen.<\/p>\n<h4>  Arbeiterkontrolle<\/h4>\n<p>  Um die Produktion statt nach dem Profit nach den Bed&#252;rfnissen von Mensch   und Umwelt zu organisieren, ist die Frage von Verstaatlichungen zudem   mehr als eine Verteilungsfrage. Es ist eine Machtfrage, weil sich die   alte herrschende Klasse nicht freiwillig verabschiedet und ebenso die   Massen in den Betrieben und Verwaltungen die Macht nicht an staatliche   Funktion&#228;re abgeben d&#252;rfen, sondern sie selbst aus&#252;ben sollten.<\/p>\n<p>  Das alles erfordert die aktive Einbeziehung der arbeitenden Bev&#246;lkerung   auf allen Ebenen in Diskussionen und Entscheidungen. Umfassende   Verstaatlichungen sollten Hand in Hand gehen mit der Einf&#252;hrung von   Arbeiterkontrolle &#8211; als erster Schritt zur Verwaltung der Betriebe durch   die Besch&#228;ftigten.<\/p>\n<p>  Arbeiterkontrolle bedeutet, dass die Belegschaften mittels demokratisch   gew&#228;hlter VertreterInnen &#8211; die jederzeit abw&#228;hlbar sind und keine   &#252;berh&#246;hten Geh&#228;lter sowie Privilegien erhalten d&#252;rfen &#8211; &#252;ber alle Fragen   in den Betrieben selbst die Kontrolle haben: L&#246;hne, Auftr&#228;ge,   Produktion, Verwaltung. Die verstaatlichen Betriebe sollten au&#223;erdem   Teil eines demokratischen Produktionsplans werden.<\/p>\n<p>  Auf dem Weg zu einer grundlegenden Umgestaltung der Machtverh&#228;ltnisse   ist es n&#246;tig, dass die arbeitende Bev&#246;lkerung ihre eigenen   Organisationen aufbaut. Soll die von Ch&#225;vez initiierte Vereinigte   Sozialistische Partei nach vorn weisen, ist auch hier die aktive   Einbeziehung von Tausenden und Zehntausenden von ArbeiterInnen,   verarmten Bauern und Jugendlichen geboten &#8211; die &#252;ber Verstaatlichung,   Arbeiterkontrolle und die erforderlichen Ma&#223;nahmen zur Verwirklichung   einer sozialistischen Gesellschaft lebendig diskutieren, streiten und   die n&#228;chsten Aufgaben in Angriff nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <i><img src=\"\/media\/2007\/VenezuelaDemo.jpg\" align=\"left\"><br \/>\n      Hugo Ch&#225;vez r&#252;ckverstaatlicht ehemals privatisierte Betriebe<\/i><\/p>\n<p>\n      Nachdem Hugo Ch&#225;vez im letzten Dezember mit beruhigendem Vorsprung<br \/>\n      wieder die Pr&#228;sidentschaftswahl gewonnen hat und bei der<br \/>\n      Vereidigungszeremonie seinen Plan vom &#8222;Sozialismus des 21. 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