{"id":12064,"date":"2007-04-12T00:09:21","date_gmt":"2007-04-11T22:09:21","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12064"},"modified":"2012-12-30T12:06:51","modified_gmt":"2012-12-30T11:06:51","slug":"12064","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/04\/12064\/","title":{"rendered":"Rock the Party &#8211; Smash the System"},"content":{"rendered":"<p>  <i><img src=\"\/media\/2007\/grandmaster_flash.jpg\" align=\"left\">  Von Subkulturen und der Sehnsucht nach einem freien Zugang zur Kunst<\/i><br \/> Die gefeierte Individualit&#228;t ist im Kapitalismus eine clever aufgezogene   Farce. Wir glauben, uns zu unterscheiden, etwas Besonderes zu sein. Die   Musik, die wir h&#246;ren, die Klamotten, die wir tragen, die Sprache, die   wir sprechen &#8211; ist das nicht unser Stil, unser Ding, das von uns und   unseren Leuten? Ja und nein.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  In &#8222;Plastic Nation&#8220; von Public Enemy hei&#223;t es in der Hookline: <\/p>\n<p>  <i>&#8222;Tell me what you don&#8217;t like about yourself <\/i><\/p>\n<p>  <i>I wanna change my face, and I wanna change my body, I wanna change my   body <\/i><\/p>\n<p>  <i>Tell me what you don&#8217;t like about yourself <\/i><\/p>\n<p>  <i>I wanna change my face, it would be so &#8230; great.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  <b>Was liebst du nicht an dir selbst? Das sagen sie dir: auf gro&#223;en   Plakaten, in auf Hochglanz polierten Magazinen und auf MTV. <\/b><\/p>\n<p>  <i>von Ingmar Meinecke, Leipzig<\/i><\/p>\n<h4>  Unterhaltung als Industrie<\/h4>\n<p>  In den letzten Jahrzehnten verbuchte eine Industrie immer wieder   Erfolge. Sie schmilzt keinen Stahl, montiert keine Autos und bohrt auch   nicht nach &#214;l. Sondern sie produziert Trends, Vergn&#252;gen, Spa&#223;. Private   Radiosender &#252;bersch&#252;tten uns t&#228;glich mit dem &#8222;Besten&#8220; der Achtziger,   Neunziger und von heute. Musik- und Filmindustrie lassen uns teuer f&#252;r   kleine silberne Scheiben zahlen und beschuldigen uns in den Kinos schon   mal vorbeugend des Diebstahls. Konzertpreise erreichen nicht gekannte   H&#246;hen ebenso wie das Einkommen der Super-Popstars und die Profite der   Majorlabels, w&#228;hrend neue junge Bands kaum Prober&#228;ume finden. In unserer   Freizeit werden wir in Vergn&#252;gungsparks gelockt, falls wir den   Eintrittspreis meistern. Ansonsten bleiben wir vor dem Computer oder   Fernseher h&#228;ngen. Oder setzen uns mit einem Bier vor den Sp&#228;tshop. <\/p>\n<p>  Immer wieder versuchen Jugendliche, Musiker und K&#252;nstler diese Tristesse   des Alltags, diese kalte Maschinerie zu durchbrechen. Immer wieder   entstehen neue Subkulturen au&#223;erhalb des Kommerz-<\/p>\n<p>  Pops, um einfach wieder zu sich selbst zu kommen. In den letzten 50   Jahren sind aus dem Untergrund immer neue Kulturen in atemberaubender   Geschwindigkeit erwachsen: Rock &#8216;n&#8217; Roll, Mods, Skins, Hippies, Disco,   Punk, New Wave, Hip-Hop, Gothic, Techno, House. Sie hatten verschiedene   Hintergr&#252;nde &#8211; manche kamen eher aus der Mittelklasse, andere ganz klar   aus der Arbeiterklasse. Viele waren und sind Kulturen von Minderheiten,   ehe sie den Mainstream erreichten. Disco war zum Beispiel am Anfang vor   allem auch eine sexuelle Befreiung f&#252;r Schwule und Lesben. Sie waren die   Pioniere des Dancefloors.<\/p>\n<h4>  Hip-Hop &#8211; Party und Kampfansage<\/h4>\n<p>  Hip-Hop und Rap waren eine klare Subkultur der Afroamerikaner. Sie   entstand Mitte der Siebziger in dem New Yorker Stadtteil Bronx. Die   Basis f&#252;r die Hip-Hop-Kultur stellten die DJs. Wurden bis dahin die   Songs nur aneinander gereiht, so begann Kool DJ Herc damit, sich   Breakbeats herauszusuchen und diese zu wiederholen, indem er dieselbe   Platte auf zwei Turntables auflegte und diese ineinander mixte. Ihm   folgten rasch zwei weitere fr&#252;he Helden des DJing: Grandmaster Flash und   Afrika Bambaataa. Bambaataa wuchs in den sp&#228;ten Sechzigern auf. Er war   noch gepr&#228;gt von den militanten K&#228;mpfen der Schwarzen gegen den   Rassismus der USA, insbesondere den Aktionen der Black Panther Party.   Gegen diese schlug der Staat mit aller H&#228;rte zu. Hatten sich die   Panthers doch bewaffnet und sozialistische Schlussfolgerungen gezogen.   Die Panthers sagten voraus, dass nach ihrer Zerschlagung die Ghettos den   Drogendealern und Gangstern zufallen w&#252;rden. Und so geschah es: In den   Siebzigern ersch&#252;tterten blutige Bandenkriege auch die Bronx. Bambaataa   war damals selbst Mitglied der Gang &#8222;The Black Spades&#8220;. Doch als 1975   sein Freund Soulski mit neun Kugeln niedergeschossen wurde,   verabschiedete sich Bambaataa langsam von den Gangs. Der Idee einer   Organisation, die Geborgenheit bieten konnte, treu bleibend, gr&#252;ndete er   die &#8222;Zulu-Nation&#8220;. Diese wurde eine wahre Institution des Hip-Hop. Aus   den blutigen Stra&#223;enschlachten der Gangs wurden nun bald Battles   zwischen den DJs und dann auch den MCs, die zur Musik der DJs zu rappen   begannen. Bei den Battles der Rapper kommt es darauf an, im Rap-Dialog   spontan die besseren Reime hinzukriegen. Bis 1979 blieb Hip-Hop eine   reine Live-Kultur der New Yorker Ghettos.<\/p>\n<p>  Erst da begann die Plattenindustrie aufmerksam zu werden. Die   Produzentin Robinson stellte die Sugar Hill Gang extra f&#252;r eine   Studioaufnahme zusammen. Dieser gelang der erste Superhit auf Platte:   &#8222;Rapper&#8217;s Delight&#8220;. Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa betrachteten   dies als gro&#223;en Betrug. Doch auch diese fanden schlie&#223;lich, wenn auch   nicht ohne innere Widerst&#228;nde, den Weg auf Vinyl. Grandmaster Flash &amp;   The Furious Five setzten mit ihrer zweiten Single &#8222;The Message&#8220; das   Leben im Ghetto in Reime um. Sie rappten &#252;ber Drogen, Arbeitslosigkeit   und Polizeigewalt. Grandmaster Melle Mel sagte sp&#228;ter &#252;ber &#8222;The   Message&#8220;: &#8222;Wir dachten, kein Mensch w&#252;rde sich diesen knallharten Text   anh&#246;ren. Aber als die Platte dann rauskam, merkten wir, dass die Leute   wirklich wissen wollten, was los ist, und nicht, was die Nachrichten   oder die Zeitungen sagen. Und sie wollten es von jemand h&#246;ren, der genau   wie sie &#8216;ne Menge durchgemacht hat, und nicht vom Pr&#228;sidenten, der   hinter seinem Schreibtisch sitzt und sagt: Alles ist in Ordnung,   blablabla.&#8220;<\/p>\n<p>  Auch der Hip-Hop blieb vor kommerziellem Abklatsch nicht verschont. So   reimte die deutsche Crew Advanced Chemistry im Song &#8222;Alte Schule&#8220; dann   auch 1993: &#8222;Das war&#8217;n Zeiten, mit Breakdance in der Fu&#223;g&#228;ngerzone, das   war gar nicht ohne, Zeiten, als kein Rapvideo zeigte, wo&#8217;s lang ging,   man selber dran ging, Zeiten, als an der Marke des Turnschuhs, den man   trug am Fu&#223;, keiner nahm Ansto&#223;.&#8220; Der weltweite Erfolg des Hip-Hop war   zwar von einer Kommerzialisierung begleitet, trotzdem ist er nicht   allein mit der Promotion durch die Musikindustrie zu erkl&#228;ren. Selbst in   der DDR begannen Jugendliche begeistert Breakdance zu tanzen &#8211; allen   argw&#246;hnischen SED-Bonzen zum Trotz. Manche sahen sich bis zu 30 Mal und   mehr im Kino den Film &#8222;Beatstreet&#8220; an, um die Moves der B-Boys &amp; B-Girls   zu lernen. In den USA demaskiert eine Band wie Public Enemy auch heute   noch Bush und das Kapital.<\/p>\n<h4>  &#220;berwachung und Einheitsbrei<\/h4>\n<p>  Jugendliche haben heute und hier immer mehr Probleme, sich selbst zu   entdecken und auszuprobieren. Sprayer werden hart verfolgt. Polit-Bonzen   f&#252;hren scheinheilige moralische Kampagnen gegen die &#8222;gewaltt&#228;tige   Jugend&#8220; und &#252;berwachen sie am liebsten mit Kameras. Selbstverwaltete   Jugendzentren werden ger&#228;umt &#8211; so wie gerade erst in Kopenhagen   geschehen, wo die Polizei &#252;ber 600 Jugendliche verhaftete. Wir haben bis   auf wenige freie Radios keinen Einfluss darauf, was uns im &#196;ther geboten   wird. Auch der Aufbau eigener Nischen wird schwieriger. Hartz IV und   Arbeitszwang lassen Musikern und K&#252;nstlern fast keine Luft mehr.<\/p>\n<p>  Dominierend werden immer mehr Produkte aus der Retorte wie die   ber&#252;chtigten Girl- &amp; Boygroups. W&#228;hrend das Internet und die   Digitalisierung die Voraussetzungen zum massenhaften Zugang zur Kunst &#8211;   seien es Filme, Musik, Bilder oder Lyrics &#8211; geben, so versuchen die   Konzerne das freie Herunterladen zu verbieten, damit ihre Profite nicht   geschm&#228;lert werden. Dieser Widerspruch schreit zum Himmel.<\/p>\n<h4>  Fight the Power<\/h4>\n<p>  In einer sozialistischen Gesellschaft gibt es keine Profitinteressen   mehr. Damit haben alle die M&#246;glichkeit eines freien Zugangs zu Kultur   und Kunst. K&#252;nstler w&#252;rden von der Gesellschaft finanziert werden. Vor   allem w&#252;rde durch eine gewaltige Arbeitszeitverk&#252;rzung f&#252;r alle ein Job   und ebenso mehr Zeit da sein, das zu machen, was man schon immer wollte   &#8211; in einer Band spielen, Radiosendungen moderieren, Partys organisieren,   wei&#223; der Teufel. Ein historischer Beleg daf&#252;r ist die junge Sowjetunion   um 1920, in der die K&#252;nste enorm aufbl&#252;hten. Diese Freiheit der Kunst   wurde sp&#228;ter durch die stalinistische B&#252;rokratie grausam erstickt. Diese   Parodie des Sozialismus hatte Angst vor allem, was sie nicht   kontrollieren konnte und was die beschr&#228;nkten B&#252;rokraten nicht   verstanden. So machte in der DDR der Staat gegen Beatniks wegen   angeblich &#8222;stinkender, ungepflegter Haare&#8220; und &#8222;affenartigem Benehmen   beim Tanz&#8220; Stimmung. Bands wurden verboten. Dagegen formierte sich   Widerstand unter Jugendlichen. Flugbl&#228;tter riefen die &#8222;Beat-Freunde&#8220; in   Leipzig f&#252;r den 31. Oktober 1965 zu einem &#8222;Protestmarsch&#8220; in der   Innenstadt auf. Mehr als 800 Beatfans demonstrierten am Leuschner-Platz.   267 Jugendliche wurden verhaftet und teils &#8222;zur Bew&#228;hrung&#8220; in den   Braunkohlentagebau gesteckt.<\/p>\n<p>  Eine wirklich sozialistische Gesellschaft muss anders aussehen:   Jugendliche m&#252;ssen ihre eigenen Pl&#228;tze haben und selbst &#252;ber die Musik   entscheiden, die sie machen und h&#246;ren wollen. Sozialismus funktioniert   nur mit strikter Demokratie von unten oder gar nicht.<\/p>\n<p>  Viele Linke haben nach 1968 allein auf die Pop-Kultur gesetzt. Die   letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass der Kapitalismus allerdings in   der Lage ist, selbst kritische Subkulturen zu umarmen und unter einem   Haufen Dollars zu ersticken und abzustumpfen. Fette Basslines k&#246;nnen den   Widerstand f&#246;rdern, aber ebenso die Flucht nach innen. Kultur und Partys   k&#246;nnen den politischen Kampf nicht ersetzen. Aber Sozialismus und   fortschrittliche Kunst geh&#246;ren zusammen. Es gilt, das Wort und den Sound   genauso zu erobern wie die Stra&#223;e und f&#252;r eine neue, eine sozialistische   Welt zu k&#228;mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <i><img src=\"\/media\/2007\/grandmaster_flash.jpg\" align=\"left\"><br \/>\n      Von Subkulturen und der Sehnsucht nach einem freien Zugang zur Kunst<\/i><br \/>\nDie gefeierte Individualit&#228;t ist im Kapitalismus eine clever aufgezogene<br \/>\n      Farce. Wir glauben, uns zu unterscheiden, etwas Besonderes zu sein. Die<br \/>\n      Musik, die wir h&#246;ren, die Klamotten, die wir tragen, die Sprache, die<br \/>\n      wir sprechen &#8211; ist das nicht unser Stil, unser Ding, das von uns und<br \/>\n      unseren Leuten? Ja und nein.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[71],"tags":[191],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12064"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12064"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12064\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}