{"id":12034,"date":"2007-03-22T00:10:28","date_gmt":"2007-03-22T00:10:28","guid":{"rendered":".\/?p=12034"},"modified":"2007-03-22T00:10:28","modified_gmt":"2007-03-22T00:10:28","slug":"12034","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/03\/12034\/","title":{"rendered":"ver.di-Programm: Legitimation des R&#252;ckzugs"},"content":{"rendered":"<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/verdi-WerAllesOffenLaesstKannNichtGanzDichtSein.jpg\">  Kritik am ver.di-Programmentwurf: Statt Abkehr von bisheriger   Verzichtspolitik Akzeptanz von Marktwirtschaft, Privatisierung und   &#187;differenzierter&#171; Tarifvertr&#228;ge <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Daniel Behruzi, zuerst ver&#246;ffentlicht in der<a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2007\/03-16\/012.php\">  jungen Welt, 16.3.<\/a><\/i><\/p>\n<p>  Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di will auf ihrem Anfang Oktober in   Leipzig stattfindenden Bundeskongre&#223; ein Grundsatzprogramm   verabschieden. Geht es nach dem Willen des Bundesvorstands, soll der von   der Redaktionskonferenz um ver.di-Chef Frank Bsirske vorgelegte Entwurf   (verdi.de\/positionen\/programmdebatte) zur Grundlage der auf einen   Kongre&#223;tag angelegten Debatte werden. Mit einem vom hessischen   Landesvorstand der Gewerkschaft erarbeiteten Papier liegt allerdings   eine Alternative vor. Beide Texte dokumentierte jW an den vergangenen   zwei Freitagen auszugsweise auf diesen Seiten (siehe jW vom 2. und 9.   M&#228;rz). Heute er&#246;ffnen wir die Diskussion mit einem Beitrag von   jW-Redakteur Daniel Behruzi, der sich kritisch mit dem Entwurf des   Bundesvorstandes auseinandersetzt. Des weiteren dokumentieren wir in   Ausz&#252;gen ein vom Bundestreffen der ver.di-Linken am 17. Februar in   Dortmund beschlossenes Eckpunktepapier (vollst&#228;ndig unter:   labournet.de\/diskussion\/verdi\/nrwprogdeb.html). F&#252;r kommenden Freitag   ist ein Beitrag von Hans Gabriel, Mitarbeiter im ver.di-Bundesvorstand,   vorgesehen.<\/p>\n<p>  Realistisch, offen und radikal.&#171; So titelte die Mitgliederzeitschrift   ver.di Publik k&#252;rzlich ihren Artikel zur Programmdebatte. Doch &#187;radikal&#171;   ist der von der Redaktionskonferenz vorgelegte Entwurf ganz und gar   nicht. Von grundlegender Opposition gegen Privatisierung und Zerfaserung   der Fl&#228;chentarife &#8211; oder gar gegen die kapitalistische Profit- und   Verwertungslogik &#8211; kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Die positive   Bezugnahme auf Markt und Wettbewerb zieht sich durch das gesamte Papier.<\/p>\n<h4>  Unklares Bild vom Kapitalismus<\/h4>\n<p>  Zwar konstatieren die Verfasser des 51seitigen Dokuments, die   Gewerkschaften seien historisch &#187;aus dem Dauerkonflikt zwischen   Lohnarbeit und Kapital&#171; entstanden, f&#252;r die heutige Zeit stellen sie   aber lediglich fest, da&#223; die traditionellen Bindungen an Familie, Milieu   oder Klasse schw&#228;cher werden. Anders als in Gewerkschaftsprogrammen   fr&#252;herer Tage oder auch in der aktuellen Satzung der IG Metall &#8211; die die   &#187;&#220;berf&#252;hrung von Schl&#252;sselindustrien und anderen markt- und   wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum&#171; fordert &#8211;   sind in dem ver.di-Entwurf keinerlei Hinweise auf die Notwendigkeit   einer &#220;berwindung des Profitsystems enthalten. Es gehe darum, &#187;den   Kapitalismus weiterhin und auch unter ver&#228;nderten Bedingungen zu   zivilisieren&#171;. Und: &#187;Auf der Suche nach erfolgreichen   wirtschaftspolitischen Wegen und politischen Reformstrategien helfen   weder eine D&#228;monisierung des Kapitalismus noch neoliberale   Heilsbotschaften.&#171;<\/p>\n<p>  Man will also zur&#252;ck zur &#187;guten alten Zeit&#171;, in der angeblich noch die   &#187;soziale Verpflichtung des Eigentums&#171; galt und der Interessengegensatz   zwischen Kapital und Arbeit &#187;sozialpartnerschaftlich&#171; aufgehoben war   bzw. durch die &#187;Friedensfunktion&#171; der Tarifvertr&#228;ge zumindest in   geordneten Bahnen ausgetragen wurde. Nun sind es aber nicht nur einige   &#187;marktradikale Kr&#228;fte&#171;, die die bestehenden Arbeitsbeziehungen in Frage   stellen, wie die Autoren des Programmpapiers glauben machen. Die   Grundlagen der &#187;Sozialpartnerschaft&#171; &#8211; die zudem niemals eine &#187;Parit&#228;t&#171;,   sondern lediglich die weitgehend friedliche Durchsetzung von   Kapitalinteressen durch begrenzte Konzessionen an die organisierte   Arbeiterschaft bedeutete &#8211; sind zerst&#246;rt. Die DDR als &#187;dritte Kraft am   Verhandlungstisch&#171;, durch die sich das westdeutsche Unternehmertum zu   erheblichen Zugest&#228;ndnissen gezwungen sah, existiert nicht mehr. Die   weitgehende Schw&#228;chung sozialistischer Ideen und Organisationen sowie   der u. a. damit zusammenh&#228;ngende R&#252;ckgang des Klassenbewu&#223;tseins unter   den abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten hat ebenfalls dazu gef&#252;hrt, da&#223; die   Unternehmer glauben, sie k&#246;nnten sich so ziemlich alles erlauben, ohne   ihr System ernsthaft zu gef&#228;hrden. Entscheidend aber ist die &#246;konomische   Entwicklung: Die einzelnen Kapitalfraktionen und Bourgeoisien sind durch   die drastische Versch&#228;rfung des Wettbewerbs bei Strafe ihres Unterganges   dazu gezwungen, ihre Profite auf Kosten der Besch&#228;ftigten zu   stabilisieren. Vor diesem Hintergrund ist es einigerma&#223;en naiv, die   Unternehmer und ihre politischen Vertreter dazu aufzufordern, doch bitte   wieder &#187;zur Vernunft&#171; zu kommen. Wie die Vielzahl der im   Programm&#173;entwurf enthaltenen, wohklingenden W&#252;nsche wie   &#187;Nachhaltigkeit&#171;, &#187;Offenheit&#171;, &#187;Humanit&#228;t&#171;, &#187;Chancengleichheit&#171; usw.   aber in der Praxis verwirklicht werden sollen &#8211; und wie das mit der   bestehenden gesellschaftlichen Ordnung kompatibel sein soll &#8211;, bleibt   unklar.<\/p>\n<h4>  Akzeptanz von Privatisierungen<\/h4>\n<p>  Mag man eine klare antikapitalistische Perspektive in dem Entwurf   vermissen, wirklich problematisch wird es, wenn an verschiedenen Stellen   des Papiers positiv auf die &#187;Wettbewerbsf&#228;higkeit&#171; Deutschlands oder   Europas Bezug genommen wird. So sei diese, neben hoher Besch&#228;ftigung und   sozialem Zusammenhalt, eine der drei &#187;gleichrangigen S&#228;ulen&#171; zur   Weiterentwicklung des europ&#228;ischen Wirtschaftsraumes. Die   Existenzberechtigung des Sozialstaates und der betrieblichen   Mitbestimmung wird mit deren &#187;zentralem innovationspolitischen Beitrag&#171;   gerechtfertigt. Selbst die Forderung nach einem leistungsf&#228;higen   Bildungssystem begr&#252;nden die Autoren damit, da&#223; dieses &#187;Voraussetzung   f&#252;r den Erhalt der Wettbewerbsf&#228;higkeit, die Sicherung der Arbeitspl&#228;tze   und die Entwicklung eines hochqualifizierten Dienstleistungssektors&#171; sei. <\/p>\n<p>  Eine gewichtige Folge dieser Haltung ist, da&#223; der Vormarsch des Marktes   auch in Bereichen, die als staatliche Daseinsf&#252;rsorge einst weitgehend   au&#223;erhalb betriebswirtschaftlicher Konkurrenzprinzipien standen, nicht   mehr grunds&#228;tzlich abgelehnt und bek&#228;mpft wird. So im Gesundheitswesen,   das &#187;nicht ausschlie&#223;lich&#171; privatem Profitstreben unterworfen werden   d&#252;rfe, wie es in dem Entwurf hei&#223;t. Die Gesundheitsversorgung ist darin   zwar noch &#187;&#246;ffentliche Aufgabe&#171;, die aber ganz offensichtlich nicht   unbedingt vom Staat selbst erbracht werden mu&#223;. Auch andere Bereiche der   Daseinsf&#252;rsorge &#8211; wie Abfallentsorgung, Verkehr, Energie,   Telekommunikation und Sparkassen &#8211; m&#252;&#223;ten lediglich &#187;&#246;ffentlich   verantwortet&#171; werden. Da&#223; man damit die Ver&#228;u&#223;erung &#246;ffentlichen   Eigentums keineswegs ausschlie&#223;t, wird im Programmentwurf explizit   erkl&#228;rt. Da Privatisierungen &#246;ffentlicher Aufgaben die M&#246;glichkeiten   politischer Steuerung erschwerten, stehe ver.di diesen &#187;ablehnend   gegen&#252;ber, solange nicht langfristig sichergestellt ist, da&#223; die   Dienstleistungsqualit&#228;t f&#252;r B&#252;rgerinnen und B&#252;rger hoch bleibt, die   Arbeitsbedingungen f&#252;r die Besch&#228;ftigten keine Verschlechterungen   erfahren und eine demokratische Steuerung hinreichend gew&#228;hrleistet   bleibt&#171;. Hiermit erwecken die Autoren den Eindruck, als gebe es   Privatisierungen, die diese Ma&#223;gaben erf&#252;llten. Aber wo hat   Privatisierung die Qualit&#228;t der Dienstleistungen je unber&#252;hrt gelassen?   In welchem Fall sind die Einkommen der Besch&#228;ftigten nicht &#252;ber kurz   oder lang abgesenkt worden? Wo wurden infolge von Privatisierung keine   Stellen abgebaut? Und wie will der Staat dauerhaft eine demokratische   Kontrolle aus&#252;ben, wenn er nicht der Eigent&#252;mer ist? Alle Erfahrungen   der vergangenen Jahre &#8211; ob hierzulande oder international &#8211; sprechen   gegen die Privatisierung der &#246;ffentlichen Daseinsf&#252;rsorge. Aufgabe der   Gewerkschaft w&#228;re es deshalb, diese konsequent zu bek&#228;mpfen. Statt   dessen werden Privatisierungen im Grundsatz &#8211; und oftmals im konkreten   Fall &#8211; akzeptiert oder zumindest kampflos hingenommen. Zudem hat ver.di   die Einf&#252;hrung marktwirtschaftlicher Mechanismen in fast allen noch   weitgehend staatlich organisierten Bereichen &#8211; wie beispielsweise das   System der Fallpauschalen bei der Krankenhausfinanzierung &#8211; mitgetragen.   Diese Politik soll durch den vorliegenden Programmentwurf nun   offensichtlich &#187;theoretisch&#171; untermauert werden.<\/p>\n<h4>  F&#252;r &#187;differenzierte&#171; Tarifpolitik<\/h4>\n<p>  Gleiches gilt f&#252;r die Tarifpolitik der Dienstleistungsgewerkschaft. Zwar   wolle man den Fl&#228;chentarifvertrag verteidigen, so die Autoren, das   schlie&#223;e aber nicht aus, &#187;da&#223; es sinnvoll sein kann, differenzierende   Elemente wie z. B. Spartentarifvertr&#228;ge oder -fenster einzuarbeiten, um   Sondersituationen Rechnung zu tragen oder bei guter Ertragslage die   Arbeitnehmer angemessen beteiligen zu k&#246;nnen&#171;. Letzteres kann kaum ernst   gemeint sein. Hat die Vielzahl von &#187;Sparten-&#171;, &#187;Notlagen-&#171;,   &#187;Sanierungs-&#171; oder &#187;besonderen&#171; Tarifvertr&#228;gen &#8211; bei der Namensgebung   sind der Kreativit&#228;t offenbar keine Grenzen gesetzt &#8211; doch   ausschlie&#223;lich zu Einkommensverlusten gef&#252;hrt; zum Teil von bis zu 30   Prozent f&#252;r Neueingestellte. Im &#246;ffentlichen Dienst hat die   ver.di-Spitze zwar mit dem Tarifvertrag f&#252;r den &#246;ffentlichen Dienst   (TV&#246;D) &#187;den Fl&#228;chentarifvertrag gerettet&#171;, wie sie selbst stets betont,   aber um den Preis einer weitgehenden inneren Zerfaserung und teils   drastischer Verschlechterungen f&#252;r einen Gro&#223;teil der Besch&#228;ftigten. <\/p>\n<p>  Auch an eigenen offensiven Projekten hat der Programmentwurf nur wenig   Konkretes zu bieten. So ist zwar an zwei Stellen davon die Rede, da&#223; man   &#187;langfristig am Ziel der Arbeitszeitverk&#252;rzung&#171; festhalten wolle, als   unmittelbare Aufgabe wird das aber nicht betrachtet. Statt dessen wird   gefordert, &#187;bestehende interne und externe   Flexibilisierungsm&#246;glichkeiten zu nutzen&#171;. Da&#223; hierbei die   &#187;individuellen Arbeitszeitw&#252;nsche der Besch&#228;ftigten&#171; statt der   Betriebsinteressen im Vordergrund stehen k&#246;nnten, d&#252;rfte aber &#8211; aller   Erfahrung mit den bislang vollzogenen Flexibilisierungen zufolge &#8211; der   fromme Wunsch der Autoren bleiben.<\/p>\n<p>  Sicherlich enth&#228;lt der vorgelegte Programmentwurf eine Reihe   unterst&#252;tzenswerter Forderungen und Positionen, die allerdings   gr&#246;&#223;tenteils &#228;u&#223;erst abstrakt bleiben. Zugleich ist jedoch die gesamte   Richtung des Dokuments &#8211; u.a. die grunds&#228;tzliche Akzeptanz von   Wettbewerb und Privatisierungen sowie &#187;differenzierter&#171; Tarifregelungen   &#8211; f&#252;r linke Gewerkschafter nicht akzeptabel. Den ver.di-Oberen geht es   offenbar lediglich darum, ihre bisherige Politik des kampflosen R&#252;ckzugs   programmatisch zu legitimieren. Deshalb ist es zu begr&#252;&#223;en, da&#223; neben   dem Landesbezirksvorstand Hessen auch die ver.di-Linke alternative   Positionen formuliert hat.<\/p>\n<h4>  Dokumentiert. &#187;F&#252;r eine neue Orientierung &#8211; Eckpunkte eines alternativen   ver.di-Programmentwurfs&#171; vorgelegt von der ver.di-Linken<\/h4>\n<p>  <i>Die Gewerkschaften des DGB und auch ver.di, die Gewerkschaft der   Besch&#228;ftigten im Dienstleistungsbereich, befinden sich in einer   Orientierungskrise. Die negative Mitgliederentwicklung kann als   sichtbares Synonym gewertet werden. Tarifpolitik und Positionierungen in   der &#246;ffentlichen Debatte zu gesellschaftspolitischen Themen erwecken den   Eindruck von Hilflosigkeit. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Mitte der 1980er Jahre gelang es der Gewerkschaftsbewegung letztmalig   mit der Kampagne f&#252;r die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich in   die Offensive zu kommen, die gesellschaftliche Debatte zu pr&#228;gen und   auch einige sp&#252;rbare Verbesserungen durchzusetzen. Seitdem gab es   zun&#228;chst Stillstand, dann R&#252;ckschritt. Wir erleben eine ungebrochene   Offensive des Kapitals und sind weit entfernt, aus der Defensive   herauszukommen. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>W&#228;hrend des lang andauernden Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg,   im Rahmen der Blockkonfrontation und nach dem &#187;Schock&#171; der sp&#228;ten 1960er   Jahre war es m&#246;glich, mit geringem Kampfeinsatz Verbesserungen f&#252;r die   Besch&#228;ftigten durchzusetzen. Die Unternehmerseite vertrat ihre   Interessen zwar immer knallhart, doch war sie aus   &#187;sozialpartnerschaftlichen&#171; Scheinmotiven zu gewissen Konzessionen   bereit. Der Einschnitt von 1989\/90 hat die Lage versch&#228;rft, weil viele   meinten, man k&#246;nne auf Perspektiven &#252;ber den Kapitalismus hinaus   verzichten. Mittlerweile &#252;berwiegt nicht nur &#246;konomisch, sondern auch   ideologisch eindeutig das Motiv des Kampfes f&#252;r eine m&#246;glichst hohe   Profitrate. Die Sozialpartnerschaft ist aufgek&#252;ndigt worden. Die   Unternehmerverb&#228;nde wollen Reallohnk&#252;rzungen, Verl&#228;ngerung der   Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, massiven Sozialabbau und die m&#246;glichst   weitgehende Privatisierung auch der &#246;ffentlichen Daseinsvorsorge   durchsetzen. Die DGB-Gewerkschaften versuchen widerspr&#252;chlich, die   Sozialpartnerschaft zu retten. Dieser Versuch ist untauglich. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital ist seit Mitte der   1970er Jahre, also mit tendenziell steigender und dauernder   Massenarbeitslosigkeit, immer ung&#252;nstiger geworden f&#252;r die Besch&#228;ftigten   und die Erwerbslosen. Zunehmende Deregulierung und Prekarisierung hat   nachhaltige Entsolidarisierungseffekte geschaffen. Darauf hat die   Gewerkschaftsbewegung bislang keine wirksame Antwort gefunden. Wir   brauchen daher eine Orientierung, die auf einer klaren Einsch&#228;tzung der   gegenw&#228;rtigen Trends der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen   Gesellschaftsordnung und der nach wie vor vorherrschenden neoliberalen   Ideologie beruht. Statt Sozialpartnerschaft ist die F&#228;higkeit gefragt,   die Interessen der Besch&#228;ftigten und der Erwerbslosen wieder effizient   zu verfechten, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in der Gesellschaft wieder   nachhaltig zu ihren Gunsten zu wenden und die &#246;ffentliche Debatte wieder   mit den gewerkschaftlichen Werten zu pr&#228;gen. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Ein besonders wichtiger Wert ist die Solidarit&#228;t. Solidarische   L&#246;sungen m&#252;ssen zur Debatte gestellt, Millionen m&#252;ssen daf&#252;r begeistert   und in die Aktion gef&#252;hrt werden. Nur so sind L&#246;sungen durchsetzbar.   Ver.di steht vor der Notwendigkeit, sich programmatisch und praktisch zu   erneuern, wollen wir eine weitere Schw&#228;chung gewerkschaftlicher   Handlungsf&#228;higkeit vermeiden. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Zusammengefa&#223;t: Wir brauchen eine Orientierung, die   Konfliktbereitschaft mit der Aktivierung von Mitgliedern, Besch&#228;ftigten   und Betroffenen insgesamt kombiniert mit dem Kampf um konkrete,   bed&#252;rfnisgerechte und solidarische L&#246;sungen der Probleme. Wir entwickeln   eine Perspektive &#252;ber die gegenw&#228;rtige Wirtschafts- und   Gesellschaftsordnung hinaus und eine Tarifpolitik, die darauf abzielt,   die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse wieder nachhaltig zugunsten der Besch&#228;ftigten und   der Ausgegrenzten zu wenden. Wir erk&#228;mpfen gegen die anhaltende   massenhafte Erwerbslosigkeit eine deutliche Arbeitszeitverk&#252;rzung ohne   Lohneinbu&#223;en und ohne Arbeitsintensivierung. Wir verteidigen die   institutionalisierten Formen der gesellschaftlichen Solidarit&#228;t gegen   den Abbau &#246;ffentlicher Dienste und Privatisierung. Die Idee   partizipativer Demokratie und demokratischer Selbstverwaltung mu&#223; im   Vordergrund stehen. Wir m&#252;ssen wieder in eine offensive Lohnpolitik, die   nicht nur die Verluste durch Inflation ausgleicht und dem Fortschritt   der Arbeitsproduktivit&#228;t hinterherl&#228;uft, sondern auch eine Umverteilung   von oben nach unten einfordert. Au&#223;erdem m&#252;ssen wir gewerkschaftliche   Arbeit und gewerkschaftliche Angebote &#252;ber das traditionelle Feld der   Belegschaften hinaus ausdehnen: Pr&#228;senz in den Stadtvierteln, bewu&#223;tes   Zugehen auf die Prekarisierten und die Erwerbslosen, systematische   Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen. (&#8230;) <\/i>    <\/p>\n<h5>  <i>Gesellschaftspolitische Ziele <\/i>    <\/h5>\n<p>  <i>Ohne eine Perspektive &#252;ber die bestehende Wirtschafts- und   Gesellschaftsordnung hinaus wird es kaum m&#246;glich sein, dem Argument der   Konkurrenz etwas Glaubw&#252;rdiges und Wirksames entgegenzusetzen. (&#8230;)   Solange TINA herrscht (there is no alternative; es gibt keine   Alternative), wird dieser Teufelskreis, diese Spirale des Lohn- und   Sozialdumpings nicht durchbrochen. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Die Gewerkschaften des DGB hatten Jahrzehnte lang an einer   gemeinwirtschaftlichen Alternative zur kapitalistischen Wirtschafts- und   Gesellschaftsordnung festgehalten. Nach 1989\/90 verschwand dieser   Anspruch aus dem Programm des DGB und aus den Programmen vieler seiner   Einzelgewerkschaften. Sicherlich war dieser Anspruch ziemlich abstrakt   geworden und fand sich in der praktischen Arbeit kaum wieder. Dennoch   ist dieser scheinbar so kommode und dem Zeitgeist entsprechende Verzicht   fatal. Die Idee einer grundlegenden Alternative mu&#223; wieder entwickelt,   in die gesellschaftliche Debatte gebracht und der gewerkschaftlichen   Alltagspraxis zugrunde gelegt werden. Wer nicht bereit ist, zumindest   aus sozialer Verantwortung heraus die Eigentumsfrage zu stellen, auf   dessen dem&#252;tige Bitten um M&#228;&#223;igung werden die Eigent&#252;mer der gro&#223;en   Kapitalien r&#252;de und mit Verachtung reagieren. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Ziel ist eine demokratisch geplante Wirtschaftsordnung, in der die   menschlichen Bed&#252;rfnisse einschlie&#223;lich der &#246;kologischen   Verantwortlichkeit im Vordergrund stehen. Gemeinwirtschaftliche Betriebe   in Selbstverwaltung bei intensivem st&#228;ndigem Austausch zwischen deren   Selbstverwaltungsorganen und den Organisationen der Verbraucher bzw. der   Nutzer der entsprechenden Dienste, sollen sich wiederum gegenseitig   nicht &#187;niederkonkurrieren&#171; m&#252;ssen. Darum ist eine demokratische Planung,   eine demokratische Festlegung der Priorit&#228;ten bei den Investitionen,   unumg&#228;nglich. Dazu geh&#246;rt unabdingbar ein demokratisches politisches   System mit einer Pluralit&#228;t von Parteien, die um Mehrheiten ringen   m&#252;ssen. Dazu geh&#246;ren umfassende demokratische Rechte einschlie&#223;lich   materieller Bedingungen, die es den &#187;normalen Menschen&#171; erlauben, sich   wirksam an der Willensbildung zu beteiligen. (&#8230;) <\/i>    <\/p>\n<h5>  <i>Arbeitszeitverk&#252;rzung aktualisieren <\/i>    <\/h5>\n<p>  <i>An der Schwierigkeit, Arbeitszeitverk&#252;rzung neu zu thematisieren,   sind wir als Gewerkschaften nicht ganz schuldlos. Zum Teil ist diese   Forderung inzwischen sogar ziemlich diskreditiert. Die   35-Stunden-Wochen-Kampagne war ohne Zweifel ein bedeutender Erfolg, doch   haben die bescheidenen &#187;kleinen Schritte&#171; beim Abschlu&#223; der   einschl&#228;gigen Tarifvertr&#228;ge dazu gef&#252;hrt, da&#223; sie nicht zu einem   sp&#252;rbaren Abbau der Erwerbslosigkeit beitrugen. Gleichzeitig erfuhren   viele Arbeitsintensivierung und Flexibilisierung, was die Lage der   Besch&#228;ftigten verschlechterte und Entsolidarisierungseffekte   beg&#252;nstigte. Zwar ist permanente Rationalisierung systemimmanent, aber   viele Besch&#228;ftigte schrieben ihre strengere Ausbeutung der   Arbeitszeitverk&#252;rzung zu. Eine kritische Bilanz ist Voraussetzung f&#252;r   einen neuen Anlauf. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Um die Erwerbslosigkeit sp&#252;rbar und massiv abzubauen, brauchen wir   eine radikale Arbeitszeitverk&#252;rzung ohne Lohneinbu&#223;en und m&#252;ssen zudem   verhindern, da&#223; sie durch Arbeitsintensivierungen aufgefangen wird. Eine   Kampagne f&#252;r die 30-Stunden-Woche w&#228;re zwar &#246;konomisch und   gesellschaftspolitisch richtig, aber bewu&#223;tseinsm&#228;&#223;ig v&#246;llig gegen den   Strom. In der Routine der Tarifauseinandersetzungen ist sie nicht auf   die Tagesordnung zu bringen. Man mu&#223; sie sorgf&#228;ltig vorbereiten &#8211; in der   Mitgliedschaft, in der &#214;ffentlichkeit, mit anderen Gewerkschaften und   Bewegungen, auch &#252;ber die Bundesrepublik Deutschland hinaus. (&#8230;) <\/i>    <\/p>\n<h5>  <i>Offensive Lohnpolitik <\/i>    <\/h5>\n<p>  <i>Keine andere Frage ist unmittelbar und kurzfristig so wichtig f&#252;r die   Glaubw&#252;rdigkeit einer Gewerkschaft wie diejenige, die die Besch&#228;ftigten   unmittelbar im Geldbeutel sp&#252;ren bzw. auf ihren Kontoausz&#252;gen sehen. Die   Hinnahme von Real&#173;lohnabbau ist ein anderes Wort f&#252;r den Abbau unserer   Mitgliederbest&#228;nde. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Die H&#246;he und die Struktur von Lohnforderungen mu&#223; aus einer breiten   Diskussion in der gesamten Mitgliedschaft hervorgehen. Die Vorgaben des   Vorstandes sollten sich auf die Darlegung der Gegebenheiten   konzentrieren, die einer m&#246;glichen Forderungsh&#246;he und -struktur zugrunde   liegen. (&#8230;) Dar&#252;ber hinaus m&#252;ssen die am schlechtesten gestellten   Schichten aus jeder Lohnrunde gest&#228;rkt hervorgehen. Wichtig daf&#252;r sind   z. B. Festgeldforderungen, mit denen ein weiteres Auseinandergehen der   Schere zwischen den h&#246;chsten und den niedrigsten Einkommen verhindert   wird. Besondere Forderungen f&#252;r besonders Benachteiligte sind   aufzustellen, etwa bei Ausbildungsverg&#252;tungen oder beim besseren Zugang   von Frauen zu besser bezahlten Arbeitsstellen. (&#8230;) <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Unsere Tarifpolitik mu&#223; auch in ihren Formen weiterentwickelt werden.   Wir m&#252;ssen jeweils Zusammenarbeit und Synergieeffekte mit anderen   DGB-Gewerkschaften suchen, denn es geht nicht um partikulare Interessen   von Berufsgruppen (&#187;Korporatismus&#171;), sondern um die &#196;nderung der   Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in der Gesellschaft. Wir m&#252;ssen die Mitglieder zur   aktiven Beteiligung ermutigen, denn nur so w&#228;chst Identifizierung mit   der gewerkschaftlichen Organisation und ihren Zielen. Wir m&#252;ssen offen   f&#252;r alle Bev&#246;lkerungsgruppen auftreten und gerade auch diejenigen   einbeziehen, die Nutzerinnen und Nutzer der Dienstleistungen unserer   Mitglieder sind. (&#8230;)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/verdi-WerAllesOffenLaesstKannNichtGanzDichtSein.jpg\"><br \/>\n      Kritik am ver.di-Programmentwurf: Statt Abkehr von bisheriger<br \/>\n      Verzichtspolitik Akzeptanz von Marktwirtschaft, Privatisierung und<br \/>\n      &#187;differenzierter&#171; Tarifvertr&#228;ge<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12034"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12034"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12034\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12034"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}