{"id":12033,"date":"2007-03-21T00:56:21","date_gmt":"2007-03-21T00:56:21","guid":{"rendered":".\/?p=12033"},"modified":"2007-03-21T00:56:21","modified_gmt":"2007-03-21T00:56:21","slug":"12033","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/03\/12033\/","title":{"rendered":"Frankreich zwischen K&#228;mpfen und Wahlen"},"content":{"rendered":"<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/Frankreich_Royal-Sarkozy.jpg\">  Handelt es sich um einen historischen Witz, dass die   Pr&#228;sidentschaftskandidatin der sozialdemokratischen Parti Socialiste   (PS) Royal [= k&#246;niglich] hei&#223;t?<br \/><i>von Alexandre Rouillard<\/i><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Abgesehen davon haben die PS-Mitglieder mit S&#233;gol&#232;ne Royal die einzige   aus ihren Reihen zur Kandidatin gew&#228;hlt, die in den Wahlumfragen eine   Chance gegen den rechts-konservativen Nicholas Sarkozy zu haben scheint.   Unterscheiden sich die beiden aber gro&#223;artig voneinander?<\/p>\n<p>  Die letzten Jahre gab es eine Reihe von K&#228;mpfen und politischen   Kampagnen, wie etwa die Volksabstimmung gegen die europ&#228;ische Verfassung   im Jahr 2005. Eine wachsende Opposition gegen die neoliberale   Regierungspolitik zeigte sich auf vielf&#228;ltige Art und Weise. Obgleich es   diesbez&#252;glich einige Erfolge gab, ist die Hauptsto&#223;richtung der   Regierungspolitik jedoch dieselbe geblieben. Eine neue Angriffswelle   wird derzeit vorbereitet und die Renten sind dabei das erste Ziel: die   Erh&#246;hung der Lebensarbeitszeit, die besondere Behandlung der   Bahnarbeiterpensionen usw.<\/p>\n<p>  Sarkozys langer Weg, einziger Kandidat der Konservativen zu werden, war   von Erfolg gekr&#246;nt. Er pr&#228;sentiert sich selbst als besten Kandidaten f&#252;r   die Kapitalisten, der eindeutig zu einem &#8222;Bruch&#8220; aufruft: f&#252;r einen   offenen Kampf gegen die Arbeiterklasse. In Zeiten sozialer K&#228;mpfe hat   Sarkozy sich selbst nie in die erste Reihe begeben. In den Medien ist er   mit seinen neoliberalen Reden jedoch omnipr&#228;sent. Er repr&#228;sentiert einen   scharfen Bruch mit den Traditionen der Gaullisten, die sich stets als   &#252;ber den Klassen stehend pr&#228;sentierten, w&#228;hrend sie die Arbeiterklasse   nach und nach attackierten.<\/p>\n<p>  Im Weltma&#223;stab ist der franz&#246;sische Kapitalismus &#252;ber die letzten Jahre   ins Hintertreffen geraten. Sarkozys Hauptidee ist es, die franz&#246;sische   Wirtschaft an diese Tatsache anzupassen. Anders als die Gaullisten, die   immer versuchten, Frankreichs internationale Position   aufrechtzuerhalten, wollen die Sarkosisten, den Anteil Frankreichs, der   sich aus der neuen Situation ergibt, akzeptieren. Das bedeutet   beispielsweise, dass versucht wird, riesige multinationale Konzerne &#8211;   allerdings nur in einer begrenzten Anzahl von Bereichen &#8211; zu gr&#252;nden. In   Sachen Steuerpolitik wird ebenso versucht, mehr in Richtung einer   spekulativen &#214;konomie zu gehen. Dazu geh&#246;rt auch eine Politik bewusster   rassistischer Provokation, &#252;bert&#252;ncht mit einigen Zugest&#228;ndnissen an   ImmigrantInnen, die sich der neoliberalen Politik anpassen. All das ist   verkn&#252;pft mit einer sehr repressiven Haltung gegen&#252;ber sozialen und   betrieblichen Bewegungen sowie den Jugendlichen.<\/p>\n<p>  Viele ArbeiterInnen und junge Menschen sehen in Sarkozy eine gro&#223;e   Bedrohung. Er ist der verhassteste Politiker unter den Jugendlichen der   armen Vorst&#228;dte, der Banlieue. F&#252;r viele ArbeiterInnen ist Sarkozy auch   der Kandidat der Bosse. Das f&#252;hrt zu einer gewissen Polarisierung, die   die guten Umfragewerte f&#252;r S&#233;gol&#232;ne Royals erkl&#228;rt.<\/p>\n<p>  In den j&#252;ngsten K&#228;mpfen und politischen Kampagnen ist die PS kein Risiko   eingegangen. So richtete sich seit dem Kampf gegen das CPE (Gesetz &#252;ber   den ersten Arbeitsplatz) im letzten Jahr nur wenig Aufmerksamkeit auf   deren Unterst&#252;tzung f&#252;r die EU-Verfassung. Eine Massenbewegung junger   Menschen und ArbeiterInnen hatte die Einf&#252;hrung des CPE, die einen   Angriff der Regierung auf junge ArbeiterInnen darstellte, zur&#252;ck   geschlagen. Der Parteitag der PS im letzten September nahm jedoch mit   &#252;berw&#228;ltigender Mehrheit ein neoliberales Programm an. Die Wahl ihrer   Pr&#228;sidentschaftskandidatin basierte keineswegs auf dem Wunsch, dem   politischen Programm der Rechts-Konservativen etwas entgegenzusetzen,   sondern auf der Frage, wer &#8222;&#252;berhaupt gegen Sarkozy gewinnen kann&#8220; &#8211;   unter denselben politischen Vorzeichen. Der wichtigste Aspekt dabei war   das Medienimage der Kandidatin.<\/p>\n<p>  Obgleich sie Anfang der 1990er dem Stab des ehemaligen &#8222;sozialistischen&#8220;   Pr&#228;sidenten Fran&#231;ois Mitterrand und sp&#228;ter der Regierung Lionel Jospins   angeh&#246;rte, geh&#246;rt Royal nicht zu den sogenannten Elefanten, dem Teil der   PS, der gro&#223;es Gewicht und Einfluss hat. Sie hat vielmehr einen   regionalen Hintergrund, was innerhalb der PS immer von gro&#223;er Bedeutung   war. Als national f&#252;hrende Politikerin ist sie nicht in Erscheinung   getreten. Zudem haftet ihr ein unb&#252;rokratisches Image an. Die beiden   anderen Kandidaten, Laurent Fabius und Dominique Strauss-Kahn, waren in   den 1980er Jahren bereits Minister der Regierung.<\/p>\n<p>  Royal hat auch den Vorteil, eine Frau zu sein, die einerseits sehr   modern in Erscheinung tritt und andererseits traditionelle Werte   bedient. Sie ist nicht verheiratet, hat vier Kinder und ihr   Lebenspartner ist der PS-Vorsitzende Fran&#231;ois Hollande. Sie vermittelt   das Bild, &#228;u&#223;erst unabh&#228;ngig von ihm zu sein. Gleichzeitig preist sie   immer wieder &#8222;die Werte der Familie&#8220;.<\/p>\n<p>  Bei den innerparteilichen Abstimmungen der PS gingen 81 Prozent an Royal   und Strauss-Kahn, die beide neoliberale Positionen vertreten. Das gibt   Aufschluss &#252;ber den Wandel, der in der PS stattgefunden hat. Obwohl   Fabius Forderungen formulierte, die weiter links anzusiedeln sind (so   z.B. die sofortige Anhebung des Mindesteinkommens um 100,- &#8364;), ist er   f&#252;r einen gro&#223;en Teil der neoliberalen Politik der Vergangenheit   verantwortlich.<\/p>\n<p>  Bisher sorgt die Polarisierung gegen&#252;ber Sarkozy daf&#252;r, dass sich zwei   W&#228;hlertypen f&#252;r Royal entscheiden k&#246;nnten: Die meisten gehen davon aus,   dass sie ihm gegen&#252;ber einfach das &#8222;kleinere &#220;bel&#8220; darstellt. Man   glaubt, dass die Attacken, die von ihr zu erwarten sind, weicher   ausfallen w&#252;rden als unter einem Pr&#228;sidenten Sarkozy. Und gewiss wird   die Taktik der PS darin bestehen, ein paar soziale Ma&#223;nahmen zu   vollziehen, um bestimmte Aspekte der kapitalistischen Offensive   aufzulockern. So wird beispielsweise in Aussicht gestellt, dass 500.000   Arbeitspl&#228;tze f&#252;r Jugendliche geschaffen werden. Den Mindestlohn   einhaltend und basierend auf bestehenden F&#252;nfjahresvertr&#228;gen des   privaten Sektors w&#228;ren diese Arbeitspl&#228;tze tats&#228;chlich weit weniger   prek&#228;r als es das CPE vorsah. Aber alles in allem w&#228;ren sie dennoch   prek&#228;r: Diese Arbeitspl&#228;tze w&#252;rden regul&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse   im &#246;ffentlichen Dienst ersetzten und w&#252;rden j&#228;hrlich erneuert, was   bedeutet, dass sie aufl&#246;sbar sind. Das ist weniger brutal als unter   Sarkozy. Nichtsdestotrotz ist es diese Art von Politik &#8211; flankiert von   offenen Attacken, wie etwa dem Aubry-Gesetz, welches die Arbeitszeit   offiziell auf 35 Wochenstunden senkte, dabei aber die L&#246;hne einfror und   eine erh&#246;hte &#8222;Flexibilit&#228;t&#8220; einf&#252;hrte &#8211; die zum Sturz der Regierung   Jospin im Jahre 2002 f&#252;hrte.<\/p>\n<p>  ArbeiterInnen und Jugendliche werden eine Art taktischer Stimmabgabe   vollziehen. Die Absicht dahinter wird sein, einen Sieg Sarkozys zu   verhindern, ohne dabei Royal wirklich zu unterst&#252;tzen. Eine solche   Situation kommt haupts&#228;chlich wegen des Fehlens eines Kandidaten\/einer   Kandidatin zu Stande, der\/die ArbeiterInnen, junge Menschen und all   jene, die gegen neoliberale Politik k&#228;mpfen, repr&#228;sentiert .<\/p>\n<p>  Lutte Ouvri&#232;re (LO; Arbeiterkampf) und die Ligue Communiste   R&#233;volutionnaire (LCR; Revolution&#228;r-Kommunistischer Bund) waren in den   letzten Jahren des &#214;fteren in einer g&#252;nstigen Position. Die starken   Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Formationen machten es ihnen   allerdings unm&#246;glich, bedeutendere gemeinsame Initiativen zu starten.   Beide pr&#228;sentieren sich als revolution&#228;re Organisationen und werden auch   als solche angesehen. LO wie LCR weigern sich jedoch, die   Gewerkschaftsf&#252;hrungen tats&#228;chlich herauszufordern und eine neue   politische Formation zu schaffen, durch die eine Schicht der   Arbeiterklasse und der Jugend eine unabh&#228;ngige politische Basis   entwickeln k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Es sind immer die Basismitglieder und die unorganisierten ArbeiterInnen,   die K&#228;mpfe vorantreiben und die die Gewerkschaften gezwungen haben, an   diesen teilzunehmen. Die Postbesch&#228;ftigten sind zum Beispiel   haupts&#228;chlich in Paris und den l&#228;ndlichen Regionen im November und   Dezember f&#252;r mehrere Stunden die Woche in den Streik getreten. Sie   mussten ihren Arbeitskampf aber eigenst&#228;ndig und nur mit Unterst&#252;tzung   einiger kleiner regionaler Gewerkschaften organisieren. Die Regierung   spricht davon, das Rentensystem anzugreifen und hat bereits von der   Streichung von 5.000 Stellen im Bildungsbereich gesprochen. Zu   Demonstrationen dagegen wurden bereits aufgerufen. Es wird aber sicher   wieder einmal an den Besch&#228;ftigten an der Basis sein, dass K&#228;mpfe   aufgenommen werden, um &#252;berhaupt irgendein Ergebnis zu erzielen.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend der K&#228;mpfe gegen das CPE haben weder LO noch die LCR der   Gewerkschaftsf&#252;hrung und der Kommunistischen Partei (PCF) eine   Alternative entgegengesetzt. Beide folgten den offiziellen   Organisationen und nahmen nur an den &#8222;Aktionstagen&#8220; teil. An   Auseinandersetzungen in den k&#228;mpfenden Strukturen, wie dem studentischen   Koordinationsrat, haben sie sich nicht beteiligt. Auf politischer Ebene   haben sie alles in allem keine einzige Initiative ergriffen.<\/p>\n<p>  Nach der gemeinsamen Kampagne gegen die EU-Verfassung wurden   anti-neoliberale Komitees gegr&#252;ndet, die die LCR, die PCF und andere   linke Gruppen und Einzelpersonen umfassten. Von Anbeginn erkl&#228;rte die   LCR, dass es zur &quot;Explosion&quot; kommen w&#252;rde, wenn diese Komitees einen   Pr&#228;sidentschaftskandidaten unterst&#252;tzen w&#252;rde. Die PCF versuchte die   Komitees dazu zu bringen, ihren eigenen Kandidaten bei den Wahlen zu   unterst&#252;tzen. Am Ende sind s&#228;mtliche dieser Strukturen zusammengebrochen   und LCR und PCF stellten ihre eigene Kandidatin auf. All jene, die   gehofft hatten, dass eine gemeinsame anti-neoliberale Kandidatur zu   Stande k&#228;me, f&#252;hlen sich an der Nase herumgef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Die Pr&#228;sidentschaftswahlen werden ein sehr wichtiges Ereignis sein.   S&#228;mtliche Umfragen geben dar&#252;ber Aufschluss, dass 83 Prozent der jungen   Leute sagen, sie h&#228;tten gro&#223;es oder ein bestimmtes Interesse daran. Eine   wichtige Frage ist, ob es zum Zeitpunkt der Wahl zu K&#228;mpfen kommt. Eine   Schl&#252;sselfrage ist das Fehlen einer neuen Arbeiterpartei, die eine   Schicht von jungen Menschen und ArbeiterInnen zusammenbringen kann,   welche in den vergangenen Jahren den Kampf aufgenommen haben und die   neoliberale Politik ablehnent. Diese Schicht hat zur Zeit nicht wirklich   die M&#246;glichkeit, um kollektiv Alternativen zum Kapitalismus zu   diskutieren. Diese Tatsache l&#228;sst die verschiedenen K&#228;mpfe nicht &#252;ber   den Charakter von Widerstandsaktionen heraus kommen und verhindert   Bewegungen, die eine gemeinsame Strategie formulieren k&#246;nnten.<\/p>\n<p>  Ungl&#252;cklicher Weise werden die LCR und LO ihr Verhalten in der n&#228;chsten   Zeit nicht &#228;ndern. Dennoch w&#228;re ein gutes Wahlergebnis f&#252;r beide von   gro&#223;er Bedeutung. Es w&#252;rde Aufschluss &#252;ber die Hartn&#228;ckigkeit einer   antikapitalistischen W&#228;hlerschaft geben und die Notwendigkeit und   M&#246;glichkeit aufzeigen, dies zu nutzen. Solch eine Abstimmung w&#252;rde auch   best&#228;tigen, dass sozialistische Ideen diskutiert werden wollen, sollte   der daf&#252;r notwendige Rahmen, eine neue Arbeiterpartei, geschaffen   werden. Es sind diese Ideen und ihre Verbindung mit Arbeitsk&#228;mpfen, was   Gauche R&#233;volutionnaire vorantreiben wird.<\/p>\n<p>  <i>Der Autor ist Mitglied der Gauche R&#233;volutionnaire (Revolution&#228;re   Linke; Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Frankreich).   Der Artikel erschien zuerst in Socialism Today.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/Frankreich_Royal-Sarkozy.jpg\"><br \/>\n      Handelt es sich um einen historischen Witz, dass die<br \/>\n      Pr&#228;sidentschaftskandidatin der sozialdemokratischen Parti Socialiste<br \/>\n      (PS) Royal [= k&#246;niglich] hei&#223;t?<br \/><i>von Alexandre Rouillard<\/i><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12033"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12033"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12033\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12033"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12033"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12033"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}