{"id":12032,"date":"2007-03-17T00:00:00","date_gmt":"2007-03-17T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12032"},"modified":"2007-03-17T00:00:00","modified_gmt":"2007-03-17T00:00:00","slug":"12032","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/03\/12032\/","title":{"rendered":"Chile: Mit dem Transantiago vom Regen in die Traufe"},"content":{"rendered":"<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/SantiagoUBahn.jpg\">  In der chilenischen Hauptstadt Santiago ist die Luftverschmutzung seit   Jahrzehnten ein gro&#223;es Problem. Der &#246;ffentliche Transport, zum   &#252;bergro&#223;en Teil auf Buslinien beruhend, hat dies in der Vergangenheit   eher versch&#228;rft als verringert.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Ein weiterer Nachteil des Bussystems in Santiago war die vollst&#228;ndige   Ausrichtung auf &quot;Marktkr&#228;fte&quot;, was sich darin widerspiegelte, dass die   einzelnen Fahrer nach Anzahl der Fahrg&#228;ste bezahlt wurden &#8211; dadurch   hielt sich keiner an Fahrpl&#228;ne, und es wurde gefahren wie die Henker, um   anderen Fahrern m&#246;glichst viele Passagiere wegzuschnappen.<\/b><\/p>\n<p>  <i>von Johannes Ullrich, Santiago de Chile<\/i><\/p>\n<p>  Die L&#246;sung soll nun in einem neuen &#214;PNV-Systems bestehen, dass Busse und   Metro (die U-Bahn Santiagos, welche bisher hervorragend war) integriert.   Seit Jahren geplant, seit Monaten auf allen Kan&#228;len beworben, verspricht   &quot;Transantiago&quot; einen besseren Transport f&#252;r alle, basierend auf einer   Art Metrobusnetz, das hei&#223;t einige Buslinien, die sogenannten   &quot;Troncales&quot;, funktionieren als R&#252;ckgrat des Verkehrsnetzes in Regionen   ohne U-Bahn-Anschluss. Die Zubringerbusse zu diesen Metrobussen bleiben   in ihren jeweiligen Stadtbezirken, so dass Passagiere zwar w&#228;hrend der   Reise umsteigen m&#252;ssen, aber theoretisch die einzelnen Busse besser   ausgelastet sind und das System insgesamt flexibler wird. Auch die   Verschmutzung soll geringer werden, da im Falle der Troncales gr&#246;&#223;ere   und modernere Busse mit besseren Abgaswerten nach und nach die alten   Busse komplett ersetzen sollen.<\/p>\n<p>  Aber was sich seit dem 10. Februar, dem Tag der Einf&#252;hrung des neuen   Systems, hier in Santiago abspielt, ist ein einziges Chaos: Durch den   Wegfall der alten Buslinien, die teilweise durch die ganze Stadt fuhren,   m&#252;ssen sich Hunderttausende Passagiere neue Wege durch die Stadt suchen,   und in sehr vielen F&#228;llen wurde die Nahanbindung schlicht vergessen.   Wege von weit &#252;ber einem Kilometer bis zur n&#228;chsten Bushaltestelle sind   eher die Regel als die Ausnahme, die Busse zirkulieren in einigen Teilen   extrem unregelm&#228;&#223;ig oder in gro&#223;en Zeitabst&#228;nden oder beides, und das   Metronetz ist am ersten Schultag nach den Sommerferien (dem 05.03.),   also dem ersten Tag, an dem eine normale Passagierzahl erreicht wurde,   praktisch kollabiert (vor der Einf&#252;hrung des Transantiago war die   h&#246;chste an einem Tag gemessene Fahrgastzahl weniger als 1,4 Millionen,   w&#228;hrend sie an jenem Montag bei &#252;ber 2 Millionen lag!!). Zur   Hauptverkehrszeit sind lange Wartezeiten an Bushaltestellen und   U-Bahnh&#246;fen unvermeidbar, und es gibt regelm&#228;&#223;ig Unf&#228;lle. Gestern erlitt   ein 49j&#228;hriger in der Metro einem Herzinfarkt.<\/p>\n<p>  Der Grund f&#252;r diese chaotischen Zust&#228;nde ist schnell benannt: Entgegen   der offiziellen Propaganda hat man sich w&#228;hrend des gesamten Projekts   nicht um die Bev&#246;lkerung gek&#252;mmert. Es wurden keine Untersuchungen   durchgef&#252;hrt, wann und wo wieviele Fahrg&#228;ste zirkulieren, es wurden   keine Ver&#228;nderungen an den Fahrpl&#228;nen der Metro vorgenommen, es wurden   keine Extrawaggons eingesetzt&#8230; das einzige, was sich wirklich   ver&#228;ndert hat, ist die Struktur der Betreibergesellschaften des &#214;PNV in   Santiago. Es gibt jetzt nicht mehr mehrere hundert Klein- und   Kleinstunternehmern mit oft nur einem einzigen Bus, sondern noch genau   zehn &quot;gro&#223;e Fische&quot;, die den Markt unter sich aufteilen, staatliche   Subventionen erhalten und schon angek&#252;ndigt haben, nach der Schonfrist   f&#252;r Preiserh&#246;hungen, die bis August diesen Jahres geht, die Fahrpreise   anzuheben.<\/p>\n<p>  Die Proteste gegen den &quot;Transantiago&quot; nehmen von Tag zu Tag zu: Seit   Dienstag, dem 6. M&#228;rz, gibt es neben nachmitt&#228;glichen Demos im   Stadtzentrum jede Nacht Stra&#223;enk&#228;mpfe in den Vororten, meist, weil   Protestdemos zu Gefechten zwischen n&#228;chtlichen Stra&#223;enblockierern und   der Polizei f&#252;hren. Aktuell wird die Anzahl der n&#228;chtlichen   Ausschreitungen in der b&#252;rgerlichen Presse mit &#8220;&#252;ber sechs&#8221; angegeben.   Gestern wurde ein 15j&#228;hriger Passant, der sogar laut Polizeibericht an   den Protesten nicht beteiligt war, von zwei Gummigeschossen schwer   verletzt.<\/p>\n<p>  Symptomatisch f&#252;r die schlechte Qualit&#228;t des alten Systems ist aber, das   fast keineR sich die alten gelben Busse zur&#252;ckw&#252;nscht. In Diskussionen   auf der Stra&#223;e sind die Mehrzahl der Leute aufgeschlossen gegen&#252;ber   einer Verstaatlichung des &#214;PNV. Die chilenische CWI-Sektion Socialismo   Revolucionario (SR) beteiligt sich an den Protesten und interveniert mit   Flugbl&#228;ttern, auf denen zu Protestaktionen aufgerufen wird und unsere   Forderung nach Verstaatlichung des &#214;PNV pr&#228;sentiert wird. Und sogar die   hiesigen b&#252;rgerlichen Politiker sind sich einig, dass sp&#228;testens im   Winter &#8211; also ab Juni &#8211; die Transportsituation deutlich besser werden   muss, weil sonst &#8220;die soziale Lage eskalieren k&#246;nnte&#8221;.<\/p>\n<p>  Die Regierung Bachelet hat einige &quot;Sofortma&#946;nahmen&quot; beschlossen, die   aber zum Gro&#946;teil aus Altbekanntem bestehen, welche entweder von den   privaten Betreiberfirmen bisher nicht erf&#252;llt wurden oder die im Laufe   der Verb&#252;rokratisierung und zunehmenden Vetternwirtschaft des Projektes   fallengelassen wurden. Beispiele hierf&#252;r sind die nat&#252;rlich glorreich   gescheiterte Installierung von supermoderner Software mit   GPS-gesteuerter Fahrplanoptimierung (&#228;hnlich wie das LKW-Maut-Debakel in   Deutschland) sowie die Tatsache, dass am Starttag 10. Februar viel   weniger Busspuren als urspr&#252;nglich geplant bereit standen. Aber   immerhin, eine leichte Besserung ist eingetreten &#8211; dennoch ist es f&#252;r   die meisten Passagiere teurer und zeitaufw&#228;ndiger, zur Arbeit zu kommen,   als vor dem Systemwechsel.<\/p>\n<p>  Es haben sich einige B&#252;ndnisse und Initiativen gegen den Transantiago   gebildet, die meisten allerdings regional beschr&#228;nkt (vor allem in den   am meisten betroffenen Au&#223;enstadtbezirken wie Pe&#241;alol&#233;n, San Bernardo   oder Maip&#250;). Eines der breiter orientierten Komitees hei&#223;t &quot;Movimiento   por un transporte p&#250;blico y digno&quot; (Bewegung f&#252;r einen &#246;ffentlichen und   (menschen)w&#252;rdigen Transport) und wird unter anderem von der Bewegung   gegen die Wohnungsmisere &quot;ANDHA &#8211; Chile a luchar&quot; und Socialismo   Revolucionario unterst&#252;tzt. Das Komitee organisierte diesen Dienstag   eine erfolgreiche erste Demonstration im Stadtzentrum mit ca. 1.000   Teilnehmern. Die GenossInnen von SR intervenierten mit einem   aktualisierten Flugblatt, dass konkretere Forderungen wie mehr Busspuren   und kurzfristige Finanzhilfen f&#252;r die Anschaffung von neuen Bussen   enth&#228;lt.<\/p>\n<p>  Um das Transportproblem in Santiago de Chile wirklich zu l&#246;sen, f&#252;hrt   kein Weg an einer Verstaatlichung vorbei. Diese wird aber nur dann   wirklich allen zugute kommen, wenn die neue Betreibergesellschaft   konsequent demokratisch aufgebaut ist, d.h. nicht nur Einbeziehung der   Bev&#246;lkerung in die Linienplanung &#8211; zum Beispiel durch   Nachbarschaftskomitees -, sondern auch Kontrolle des Transantiago durch   die ArbeiterInnen und Angestellten. Erreicht kann dies aber nur durch   eine Ausweitung der Proteste, indem sich die verschiedenen Initiativen   vernetzen und auch den Schulterschluss mit Gewerkschaften suchen. Als   kurzfristige Ma&#946;nahmen hingegen sind sinnvollere Taktzeiten mit weniger   leeren Bussen und U-Bahn-Wagen zu Nebenverkehrszeiten und daf&#252;r h&#246;here   Frequenzen im Berufsverkehr, mehr Busspuren und mehr Buslinien in den   Au&#223;enbezirken n&#246;tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/SantiagoUBahn.jpg\"><br \/>\n      In der chilenischen Hauptstadt Santiago ist die Luftverschmutzung seit<br \/>\n      Jahrzehnten ein gro&#223;es Problem. 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