{"id":12031,"date":"2007-03-18T00:00:01","date_gmt":"2007-03-18T00:00:01","guid":{"rendered":".\/?p=12031"},"modified":"2007-03-18T00:00:01","modified_gmt":"2007-03-18T00:00:01","slug":"12031","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/03\/12031\/","title":{"rendered":"D&#228;nemark: K&#228;mpfe um das linke Zentrum &quot;Ungdomshuset&quot;"},"content":{"rendered":"<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/Daenemark-Ungdomshuset.jpg\">  Am Montag, dem 5. M&#228;rz, drangen Bulldozer und ein riesiger Bagger in ein   historisches Geb&#228;ude in Kopenhagen, das Jugendhaus &#8222;Ungdomshuset&#8220;, ein   und zerst&#246;rten es. Dieses Haus hatte eine mehr als 100-j&#228;hrige   politische Geschichte und beherbergte einst sozialistische Revolution&#228;re   wie Wladimir Lenin und Rosa Luxemburg.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Abbruchmannschaften trugen Masken und auf dem von ihnen eingesetzten   Werkzeug waren die Firmenbezeichnungen aus Angst vor Racheaktionen   unkenntlich gemacht. Die Lastwagen, die den Schutt abtransportierten,   wurden von bewaffneter Polizei eskortiert.<\/p>\n<p>  Bei einer R&#228;umungsaktion am vergangenen Donnerstag (1. M&#228;rz) von   hunderten junger Leute, die das Geb&#228;ude besetzt hatten, war ein   Helikopter auf dem Dach des Ungdomshuset gelandet. Es kam zu erbittertem   Widerstand. Nach drei Tagen und N&#228;chten heftiger K&#228;mpfe wurden 650   Menschen verhaftet. Zus&#228;tzliche Polizeifahrzeuge wurden aus Schweden und   den Niederlanden angefordert und der Gef&#228;ngnisdirektor sagte, dass die   Zellen &#8222;prall gef&#252;llt&#8220; seien. Einige Viertel rund um den Ort, an dem die   Polizeiaktionen in Kopenhagen stattfanden, sollen Berichten zufolge wie   Kriegsgebiete ausgesehen haben.<\/p>\n<p>  Es kam zu Solidarit&#228;tsdemonstrationen in ganz D&#228;nemark und anderen   nordeurop&#228;ischen L&#228;ndern. Das &#8222;Ungeren&#8220; hat einen besonderen Platz in   den Herzen von Millionen Linken. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts als   Zentrum f&#252;r sozialistische und Gewerkschaftstreffen gebaut. Seit   Jahrzehnten wurde es von Jugendlichen besetzt und organisiert, die es   als soziales Zentrum nutzten.<\/p>\n<p>  Eine 25-j&#228;hrige Frau &#228;u&#223;erte sich gegen&#252;ber Reportern, dass die   Zerst&#246;rung des Hauses die Konsequenz aus dem politischen Rechtsruck in   D&#228;nemark ist und der Aush&#246;hlung des Sozialsystems. Sie sp&#252;re, dass die   Proteste ebenso eine Demonstration gegen die Regierung von   Premierminister Anders Fogh Rasmussen waren, wie auch der Versuch, das   Jugendhaus zu verteidigen.<\/p>\n<p>  Statt der Zerst&#246;rung von R&#228;umen, in denen junge Leute allen m&#246;glichen   Arten kreativer und kultureller Besch&#228;ftigung nachgehen konnten, m&#252;ssen   Staats- und die Regionalregierung mehr Mittel zur Unterst&#252;tzung   Jugendlicher und Erwerbsloser bereitstellen.<\/p>\n<p>  Sarah Bruun beschreibt den Hintergrund der Protestdemonstrationen und   gibt einen Augenzeugenbericht &#252;ber die Geschehnisse in ihrer Heimatstadt   &#197;rhus.<\/p>\n<p>  <i>Die Redaktion von socialistworld.net<\/i><\/p>\n<h3>  Die K&#228;mpfe um das historische linke Zentrum in Kopenhagen<\/h3>\n<p>  <i>von Sarah Bruun, &#197;rhus<\/i><\/p>\n<p>  Das Geb&#228;ude im Jagtvej 69, das 1897 unter dem Namen &#8222;Volkshaus&#8220;   errichtet wurde, war ein Geschenk an die ArbeiterInnen. Es wurde von   jenen als Versammlungsort genutzt, die es sich nicht leisten konnten,   irgendwo sonst hinzugehen. Auch GegnerInnen des kapitalistischen Systems   nutzten es. Das Haus diente f&#252;r unz&#228;hlige politische wie kulturelle   Veranstaltungen. Es war hier, wo die Einf&#252;hrung des internationalen   Frauentages beschlossen wurde. Sozialistische Revolution&#228;re wie Lenin   (im Jahr 1910) und Rosa Luxemburg waren G&#228;ste in dem Geb&#228;ude.<\/p>\n<p>  Eine Zeit lang stand das Haus leer und die Besitzer wechselten.   Allerdings er&#246;ffnete es keiner wieder oder nutzte es f&#252;r etwas   Sinnvolles. 1982 entschied der Kopenhagener Stadtrat schlie&#223;lich das   Haus zu &#252;bernehmen und es an eine nicht weiter definierte Gruppe namens   &#8222;NutzerInnen des Ungdomshuset&#8220; zu &#252;bergeben. Seither wurde das Haus zum   beliebten Treffpunkt f&#252;r Jugend und Kultur. Zweifellos sorgte es auch   f&#252;r eine farbenreiche und frohe Stimmung im Kopenhagener Stadtteil   N&#248;rrebro.<\/p>\n<p>  1996 ging das Geb&#228;ude in Flammen auf und wurde ernsthaft besch&#228;digt. Die   Stadtverwaltung sah keinen Wert im Erhalt des Geb&#228;udes und entschied die   Schlie&#223;ung. Indessen reparierten die NutzerInnen das Haus kurz nach dem   Brand und bauten es wieder auf. Die Beh&#246;rden akzeptierten dies sp&#228;ter   und der Stadtrat entschied sich gegen die Schlie&#223;ung.<\/p>\n<p>  Die Auseinandersetzungen wurden dann ernst, als der Stadtrat 1999   pl&#246;tzlich und ohne ersichtlichen Grund entschied, das Haus an eine   extrem-religi&#246;se, fundamentalistische, homophobe Sekte namens   &#8222;Faderhuset&#8220; zu verkaufen.<\/p>\n<h4>  Der Kampf um das Haus<\/h4>\n<p>  Weil sie die Schlie&#223;ung bef&#252;rchteten, trugen Zehntausende &#252;berall im   Land ihren Protest auf die Stra&#223;e. In den vergangenen Wochen breiteten   sich die Demonstrationen auf ganz Skandinavien und Deutschland aus. Die   Demos waren h&#246;chst unterschiedlicher Natur. Es kam zu friedlichen   Umz&#252;gen mit Lichterkerzen wie auch Demonstrationen w&#252;tender junger   Menschen, die gegen bewaffnete Polizisten k&#228;mpften. Egal welcher Art die   Demos auch waren, eines war ihnen allen gleich: Hunderte Menschen kamen   jeweils zusammen. Wenn in Betracht gezogen wird, dass diese Aktionen   nicht von langer Hand organisiert waren, ist das eine betr&#228;chtliche Zahl.<\/p>\n<p>  Doch der Kampf zeichnete sich nicht nur durch Demonstrationen aus. Die   BesetzerInnen des &#8222;Ungdomshuset&#8220; hatten einen Rechtsanwalt, der vor   Gericht tapfer f&#252;r ihre Sache eintrat &#8211; leider vergebens.<\/p>\n<h4>  Aufruhr und Widerstand<\/h4>\n<p>  Es ist kaum m&#246;glich eine bestimmte Gruppe f&#252;r die Gewalt der letzten   Tage verantwortlich zu machen. Wir haben DemonstrantInnen gesehen, die   Polizisten mit Pflastersteinen bewarfen, Autos anz&#252;ndeten und eine   Schule zerst&#246;rten. Wir haben aber auch die Polizei dabei beobachtet, wie   sie gewaltt&#228;tig auftrat, Schlagstock und Tr&#228;nengas einsetzte.<\/p>\n<p>  In Wirklichkeit muss der Kopenhagener Stadtrat daf&#252;r angeklagt werden,   da er den Verkauf des Hauses entschied und diesen akzeptierte. Das ist   das Hauptargument der Linken. Das Chaos um das &#8222;Ungeren&#8220; ist ein   politischer Umstand und deshalb ist es falsch vom Stadtrat, die Polizei   einzuschalten. Der Stadtrat wei&#223; um die Probleme, die er diesbez&#252;glich   hat, aber nicht, wie er damit umgehen soll. Anstatt sich des Problems zu   stellen, laufen sie davon. Nur durch die Rettung und den Fortbestand des   &#8222;Ungeren&#8220; w&#228;re eine L&#246;sung m&#246;glich gewesen. Durch angemessene kommunale   Finanzierung und durch eine Ressourcensteigerung f&#252;r die &#246;rtliche Jugend   und arbeitenden Menschen<\/p>\n<h4>  Polizei kesselte uns ein<\/h4>\n<p>  Vergangenen Donnerstag Nachmittag, am selben Tag, als die Polizei mit   der St&#252;rmung des Ungdomshuset begann, fanden Demos in Kopenhagen und   &#197;rhus statt. In &#197;rhus kamen bis zu 200 Menschen zu einer friedlichen   Protestaktion zusammen, die recht gut anfing. Doch pl&#246;tzlich entschied   sich die Polizei, den Demonstrationszug anzuhalten. Als die   DemonstrantInnen dies nicht akzeptieren wollten, kesselte uns die   Polizei ein. Kurz darauf lie&#223;en sie uns wieder gehen, wenn auch nur   gr&#252;ppchenweise. Dies geschah, um die &#8222;Sicherheit der Menschen zu   gew&#228;hrleisten&#8220;, wie sie sagten. Die Polizei verhielt sich aggressiv und   packte viele der DemonstrantInnen absolut grundlos hart an.<\/p>\n<p>  Bei der letzten Demonstration verhaftete die Polizei bis zu 300   DemonstrantInnen. Viele waren AktivistInnen aus dem Ausland, die nun des   Landes verwiesen werden.<\/p>\n<h4>  Mangelnde Einheit und Politikvorstellung<\/h4>\n<p>  Die vergangenen paar Tage haben deutlich belegt, dass es nicht nur bei   der Linken im Parlament an Einheit mangelt, sondern auch grunds&#228;tzlich.   Die Linke hat in der Unterst&#252;tzung f&#252;r die Jugendlichen vollkommen   versagt. Das wird offenkundig, wenn wir junge Leute mit Pflastersteinen   in der Hand sehen, bereit, diese einzusetzen, anstatt sich mit den   Organisationen und Parteien zu verb&#252;nden, die sie eigentlich in ihrem   Kampf unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Die &#8222;F&#252;hrung&#8220; des Ungdomshuset war auch mehr darauf aus, in den Medien   zu erscheinen, als die Protestbewegung strukturiert zu organisieren. Das   f&#252;hrte zu sich ausbreitenden aktionistischen statt zu vereinten Aktionen   und zu mangelnder politischer Auseinandersetzung &#252;ber ein praktikables   Vorw&#228;rtskommen unter den AktivistInnen.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt, dass eine Gruppe &#8222;Autonomer&#8220; ungl&#252;ckseliger Weise kein   Interesse an einer Kooperation mit irgendwelchen Politikern, der Polizei   und selbst anderen linken Bewegungen hatte, wenn diese mit den   geringsten Dingen nicht &#252;bereinstimmten. Diese Gruppe hat gro&#223;e Macht,   was sehr schlecht ist, da sie gro&#223;en und negativen Einfluss auf den Rest   der friedlichen Bewegung junger Menschen hat.<\/p>\n<p>  Wir werden in den n&#228;chsten Wochen unter Garantie noch weitere   Demonstrationen erleben und wann sich die Lage entspannt, ist schwer zu   sagen. Das h&#228;ngt zum einen davon ab, ob die Linke in dieser Situation   erfolgreich sein kann, die AktivistInnen unter einem gemeinsamen Banner   zusammenzubringen. Zum anderen davon, wann die AktivistInnen zu   ersch&#246;pft sein werden, um mit dem Kampf fortzufahren.<\/p>\n<p>  Egal, wie diese Bewegung sich entwickeln wird, wir k&#246;nnen die Tatsache   nicht r&#252;ckg&#228;ngig machen, dass ein 100 Jahre altes, historisches Geb&#228;ude   bewusst zerst&#246;rt wurde. Damit starb ein weiterer Teil unserer Kultur.   Solche Zerst&#246;rungswut und Ungerechtigkeit ist Teil des Neoliberalismus.<\/p>\n<p>  N&#248;rrebro in Kopenhagen ist durch diese Zerst&#246;rung wiederum &#228;rmer   geworden. Wird Christiania, ein von hunderten dort lebenden Familien   demokratisch organisiertes Zentrum der Natur, &#214;kologie und Kultur, das   n&#228;chste Ziel des herzlosen Kopenhagener Rats sein?<\/p>\n<p>  Anstatt dieses rechten Zerst&#246;rungsprogramms, m&#252;ssen ausreichende Mittel   in Projekte wie das Ungdomshuset und andere Einrichtungen f&#252;r junge   Menschen gesteckt werden. SozialistInnen m&#252;ssen mit einem Programm gegen   K&#252;rzungen und f&#252;r die massive Steigerung sozialer und &#246;ffentlicher   Ausgaben die Auseinandersetzung mit den Beh&#246;rden und Autorit&#228;ten   aufnehmen.<\/p>\n<p>  <i>Sarah Bruun ist Mitglied des Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale   in D&#228;nemark. <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/Daenemark-Ungdomshuset.jpg\"><br \/>\n      Am Montag, dem 5. M&#228;rz, drangen Bulldozer und ein riesiger Bagger in ein<br \/>\n      historisches Geb&#228;ude in Kopenhagen, das Jugendhaus &#8222;Ungdomshuset&#8220;, ein<br \/>\n      und zerst&#246;rten es. 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