{"id":12025,"date":"2007-03-19T00:25:57","date_gmt":"2007-03-19T00:25:57","guid":{"rendered":".\/?p=12025"},"modified":"2007-03-19T00:25:57","modified_gmt":"2007-03-19T00:25:57","slug":"12025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/03\/12025\/","title":{"rendered":"G8 und die M&#228;r vom &#8222;geistigen Eigentum&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/RaubkopieKriminalisierung.jpg\">  <i>Wenn vom Schutz &#8222;geistigen Eigentums&#8220; die Rede ist, dann ist der   Schutz von Profiten in der Industrie gemeint<\/i><br \/>  Die &#8222;Verst&#228;rkung des Schutzes von Innovationen gegen Produkt- und   Markenpiraterie&#8220; ist ein zentrales Anliegen von Angela Merkel beim   diesj&#228;hrigen <a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/?swid=1\">G8-Gipfel<\/a>  in Heiligendamm. Dabei soll es vor allem um eine verst&#228;rkte internationale   Zusammenarbeit zur effizienten Bek&#228;mpfung von besagten &#8222;Piraten&#8220; gehen.   Wer aber sind diese Piraten eigentlich? <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Vivien Mast, Bremen<\/i><\/p>\n<p>  Wie wird man eigentlich &#8222;Pirat&#8220;? Was veranlasst die G8, sich als   Chef-Piratenj&#228;ger zu engagieren?<\/p>\n<h4>  Piraten wie du und ich<\/h4>\n<p>  Da sind nat&#252;rlich die vielen Jugendlichen (aber nicht nur die), die   Filme und Musik aus dem Internet runterladen oder sich von Freunden   kopieren &#8211; weil sie nicht verstehen, warum sich ein paar Million&#228;re an   ihrem Taschengeld bereichern, oder weil sie keine 15-20 Euro f&#252;r ein   St&#252;ck Plastik &#252;brig haben. Und weil sie damit niemandem was wegnehmen &#8211;   es ist ja eine Kopie, also eine Vermehrung.<\/p>\n<p>  Auch LehrerInnen und ProfessorInnen sind verd&#228;chtig: Wenn sie f&#252;r ihre   Klassen Texte aus B&#252;chern kopieren, so soll das laut neuem Urheberrecht   in Deutschland illegal und damit Piraterie sein. Da hilft auch nicht die   Rechtfertigung, dass die Unibibliotheken sich die teuren   Ver&#246;ffentlichungen nicht mehr leisten k&#246;nnen, die als Ergebnis   jahrelanger Forschung an der eigenen Hochschule geschrieben wurden. Oder   dass es einfach Unsinn ist, wenn 20 Sch&#252;lerInnen sich ein Buch kaufen   m&#252;ssen, aus dem man gerade mal zehn Seiten f&#252;r eine Unterrichtseinheit   braucht.<\/p>\n<p>  So mancher Ahnungslose wird auch zum Piraten, wenn er oder sie meint, im   Auftrag der Demokratie Aufkl&#228;rung zu betreiben: Scientology verklagte in   der Vergangenheit regelm&#228;&#223;ig mit Erfolg KritikerInnen, die interne Texte   der Sekte im Internet ver&#246;ffentlichten, um Menschen vor deren Praktiken   zu warnen. Schlie&#223;-lich sei das eine Verletzung des Copyright.<\/p>\n<p>  Zu Piraten gemacht werden immer wieder Indigena in L&#228;ndern der &#8222;Dritten   Welt&#8220;,, wenn multinationale Konzerne auftauchen und sich deren   traditionelles Wissen als eigene &#8222;Erfindung&#8220; patentieren lassen &#8211;   pl&#246;tzlich brauchen sie f&#252;r ihre Produkte Lizenzen vom neuen &#8222;Besitzer&#8220;.   Das betrifft zum Beispiel den indischen Neem-Baum, der traditionell als   Heilmittel, aber auch f&#252;r Zahnpasta, Seife und andere Produkte verwendet   wird und auf den westliche Konzerne mittlerweile diverse Patente   angemeldet haben.<\/p>\n<p>  In den &#8222;Entwicklungsl&#228;ndern&#8220; sind es heute noch die Bauern, die Saatgut   tauschen und durch Kreuzung weiter entwickeln. Dabei verwenden sie einen   Teil ihrer Ernte im n&#228;chsten Jahr als Saatgut weiter. Es gibt auch   keinen vern&#252;nftigen Grund, das nicht zu tun, au&#223;er der Tatsache, dass   mehr und mehr von diesen Bauern zu Piraten werden &#8211; n&#228;mlich sobald sie   einmal patentiertes Saatgut gro&#223;er Agrarkonzerne gekauft haben, die   ihnen die Wiederaussaat von Teilen der Ernte verbieten.<\/p>\n<p>  Firmen in unterentwickelten L&#228;ndern produzieren Nachahmungen von   Medikamenten gegen AIDS und andere schwere Krankheiten oft zu einem   Zehntel des Preises der Pharmakonzerne. Auch diesen &#8222;Piraten&#8220; m&#246;chte   Merkel gern das Handwerk legen (siehe Seite 3).<\/p>\n<h4>  Wo kommen all die Piraten her?<\/h4>\n<p>  All diese Piraten werden zu Verbrechern gemacht, weil sie Ideen   benutzen, die jemand anderem geh&#246;ren: so genanntes &#8222;geistiges Eigentum&#8220;.   Das ist privates Eigentum an immateriellen G&#252;tern, die unabh&#228;ngig von   ihrer konkreten Realisierung in einem Gegenstand existieren und deshalb   prinzipiell ohne gro&#223;en Aufwand beliebig verbreitet werden k&#246;nnen &#8211;   Ideen, Konzepte, Theorien.<\/p>\n<p>  Die Idee des geistigen Eigentums macht nur aus der Logik des   Kapitalismus Sinn, in der der Eigent&#252;mer von Produktionsmitteln eine   Ware produziert, um daraus Profit zu erwirtschaften.<\/p>\n<p>  Wenn man anderen Menschen verbietet, Erfindungen zu nutzen oder   nachzuahmen, wenn man die Verbreitung von Ideen stoppt, schw&#228;cht man die   Konkurrenz und st&#228;rkt die eigene Profitsituation.<\/p>\n<p>  Das ist die Logik von Privilegrechten: die Idee, oder Erfindung, oder   Geschichte wird zum &#8222;geistigen Eigentum&#8220; einzelner, die &#8211; zumindest f&#252;r   eine bestimmte Zeit &#8211; anderen verbieten k&#246;nnen, dieses Eigentum zu   benutzen, zu verbreiten, zu ver&#228;ndern&#8230; Die bekanntesten dieser   Privilegrechte sind das Urheberrecht (f&#252;r Texte, Kunstwerke, Musik, und   andere kreative Leistungen), das Patentrecht (f&#252;r technische   Erfindungen), und das Markenrecht (f&#252;r Markennamen).<\/p>\n<p>  Die Verwertungsrechte k&#246;nnen abgegeben werden &#8211; in der Regel gehen sie   von K&#252;nstlern oder Erfindern an Konzerne, die ihre materielle   Realisierung (in Form von B&#252;chern, CDs oder Maschinen) durchf&#252;hren.   Insbesondere m&#252;ssen Verwertungsrechte f&#252;r Erfindungen, die in   Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz gemacht werden, an den Arbeitgeber   abgetreten werden. Das hei&#223;t, in der Realit&#228;t liegt der Gro&#223;teil der   Verwertungsrechte an geistigem Eigentum nicht bei kreativen Individuen,   sondern bei (meist gro&#223;en) Konzernen. So sind 63 Prozent der in den USA   erteilten Patente auf menschliche Gene im Besitz von Privatkonzernen.   Ein weiterer gro&#223;er Teil der Patente liegt (noch) bei &#246;ffentlichen   Universit&#228;ten und Forschungseinrichtungen.<\/p>\n<h4>  Die G8 auf Piratenjagd<\/h4>\n<p>  F&#252;hrende Neoliberale (unter anderem Angela Merkel) forcieren heute die   weltweite Durchsetzung von Urheber- und Patentrechten auf Niveau des   US-Rechts. Zentrale Initiatoren dieser Kampagne waren eine Reihe von   US-Konzernen (unter anderem IBM, General Motors und Monsanto,   organisiert im Intellectual Property Committee &#8211; IPC) und in ihrem   Gefolge die US-Regierung und die G8.<\/p>\n<p>  Die G8-Staaten setzen das &#8222;geistige Eigentum&#8220; seit etwa zehn Jahren   immer wieder auf Tagesordnung und stellen die Verfolgung der Piraten   geradezu als Verteidigung der &#8222;&#246;ffentlichen Sicherheit&#8220; dar. Eine Rolle   spielt hierbei, dass die Produktionskosten im Vergleich zu den Kosten   von Erfindung und Entwicklung von Produkten rapide gesunken sind. Mit   dem Internet steht ein Mittel bereit, das die massenhafte   quasi-kostenlose Verbreitung von Texten, Musik, Filmen ohne   Qualit&#228;tsverlust erm&#246;glicht. Angesichts des verzweifelten Wettstreits um   Profitmaximierung besteht aus Sicht der Konzerne also Handlungsbedarf.<\/p>\n<p>  Die teilweise enorme Differenz zwischen den reinen Produktionskosten von   Waren, bei denen das &#8222;geistige Eigentum&#8220; gesch&#252;tzt ist, und ihren   Verkaufspreisen verlockt nat&#252;rlich zu billigeren Imitaten &#8211; selbst bei   h&#246;heren Produktionskosten und niedrigeren Preisen l&#228;sst sich daran zum   Teil noch gut verdienen. Diese Tatsache hat unter anderem dazu gef&#252;hrt,   dass sich zum Beispiel seit 1998 die Zahl der gef&#228;lschten Waren, die an   den Au&#223;engrenzen der EU abgefangen werden, verzehnfacht hat. Weltweit   liegt der illegale Umsatz Sch&#228;tzungen zufolge bei etwa 350 Milliarden   Euro.<\/p>\n<p>  Ein weiterer Dorn im Auge der G8-Staaten ist, dass &#8222;Schwellenl&#228;nder&#8220; wie   Indien, Brasilien und vor allem der Gigant China systematisch versuchen,   ihre technologische R&#252;ckst&#228;ndigkeit durch Nachahmung von High-Tech   Produkten aus Industriestaaten abzubauen.<\/p>\n<h4>  Das TRIPS &#8211; ein Meilenstein<\/h4>\n<p>  Ein Meilenstein in der Geschichte des &#8222;geistigen Eigentums&#8220; war die   Gr&#252;ndung der Welthandelsorganisation WTO. Durch den Druck des   Intellectual Property Committee (IPC), der US-Regierung und der G8 wurde   das TRIPS-Abkommen (&#220;bereinkommen &#252;ber handelsbezogene Aspekte der   Rechte des geistigen Eigentums) in die WTO-Vertr&#228;ge aufgenommen. Das   TRIPS setzt Mindeststandards f&#252;r nationales Recht und ist f&#252;r alle   WTO-Mitgliedsstaaten bindend.<\/p>\n<p>  Es beinhaltet unter anderem die Pflicht f&#252;r &#8222;Entwicklungsl&#228;nder&#8220;,   Patent- und Urheberrechte einzuf&#252;hren. In Anbetracht der Tatsache, dass   97 Prozent der Patente in Hand von Konzernen, Institutionen oder   Personen aus westlichen Industriel&#228;ndern sind, bedeutet dies einen   Ausschluss dieser L&#228;nder von technologischem Fortschritt.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem werden durch das TRIPS nationale Ausnahmen zu Patent- und   Urheberrecht eingeschr&#228;nkt und dem Urteil des WTO-Schiedsgerichts   unterworfen. Die Erfahrung zeigt, dass dort im Zweifelsfall die   Interessen von Konzernen mehr gelten als Gesundheit, Bildung, Ern&#228;hrung   und sonstige soziale Probleme. Besonders gef&#228;hrlich ist dies, da dieser   Vertrag Vorrang vor allen anderen internationalen Vertr&#228;gen (zu   Arbeitsrechten, Gesundheit oder Umwelt) hat.<\/p>\n<p>  Doch auch das TRIPS geht den Herrschenden noch nicht weit genug. Nachdem   die Rechtslage auf internationaler Ebene gekl&#228;rt ist, versuchen sie vor   allem Druck auf &#8222;Entwicklungsl&#228;nder&#8220; auszu&#252;ben, Verst&#246;&#223;e gegen die neuen   Gesetze aggressiv zu verfolgen.<\/p>\n<h4>  Geistiges Eigentum ist &#246;ffentliches Eigentum!<\/h4>\n<p>  Wenn es also heute um den &#8222;Schutz von geistigem Eigentum&#8220; geht, dann   sind damit vor allem zwei Dinge gemeint: Schutz der Profite vor den   KonsumentInnen und Schutz des technologischen (und damit des   &#246;konomischen) Fortschritts der f&#252;hrenden Industriel&#228;nder gegen die   r&#252;ckst&#228;ndigen L&#228;nder. Beide Aspekte haben eins gemeinsam: Das private   Interesse am Profit steht in schreiendem Widerspruch zum &#246;ffentlichen   Interesse nach gr&#246;&#223;tm&#246;glicher Teilhabe aller am gesellschaftlich   produzierten Reichtum und nach Steuerung des technologischen   Fortschritts im Interesse aller Menschen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/RaubkopieKriminalisierung.jpg\"><br \/>\n      <i>Wenn vom Schutz &#8222;geistigen Eigentums&#8220; die Rede ist, dann ist der<br \/>\n      Schutz von Profiten in der Industrie gemeint<\/i><\/p>\n<p>\n      Die &#8222;Verst&#228;rkung des Schutzes von Innovationen gegen Produkt- und<br \/>\n      Markenpiraterie&#8220; ist ein zentrales Anliegen von Angela Merkel beim<br \/>\n      diesj&#228;hrigen <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.info\/?swid=1\">G8-Gipfel<\/a><br \/>\n in Heiligendamm. 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