{"id":12004,"date":"2007-03-06T23:00:58","date_gmt":"2007-03-06T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12004"},"modified":"2012-12-30T12:07:45","modified_gmt":"2012-12-30T11:07:45","slug":"12004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/03\/12004\/","title":{"rendered":"Kino: Bamako &#8211; &#8222;Optimistischer als der Teufel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  <i><img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/Bamako.jpg\">  &#8222;Bamako&#8220;, der neue Film des afrikanischen Regisseurs Sissako, ist eine   flammende Anklage gegen Weltbank, IWF und G8<\/i><br \/>  Vergesst &#8222;Blood Diamand&#8220;. Vergesst den &#8222;ewigen G&#228;rtner&#8220;. Vergesst &#8222;In My   Country&#8220;. Alles aufgeblasene Popcorn-Unterhaltung, in der das Elend der   afrikanischen Massen Hollywood-Stars wie Leonardo DiCaprio lediglich als   Kulisse dient. Ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ganz anders &#8222;Bamako&#8220;.   Dieses St&#252;ck Kino, seit Februar in Deutschland auf der Leinwand, geht   einem noch lange nach. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Aron Amm<\/i><\/p>\n<p>  Der Film von Abderrahmane Sissako spielt in der Hauptstadt Malis, die   dem Streifen auch seinen Titel gibt. Gezeigt wird ein Gerichtsprozess   mit Richtern und Anw&#228;lten in Roben, mit Zeugenaussagen und Angestellten.   Angeklagt ist jedoch kein Individuum, sondern die Weltbank &#8211; &#8222;sprich der   globale Kapitalismus selber&#8220;, so A. O. Scott in der New York Times.   Sissako inszeniert die Verhandlungen im v&#228;terlichen Innenhof eines   Stadtviertels von Bamako. W&#228;hrend der Prozess seinen Verlauf nimmt,   laufen H&#252;hner zwischen den Beinen der Anw&#228;lte herum, werden Ziegen   gef&#252;ttert, wird W&#228;sche gewaschen. Zwischendurch taucht eine   Hochzeitgesellschaft auf, die das Gerichtsverfahren kurz unterbricht.   Man geht den Dingen des Alltags nach, w&#228;hrend Reden geschwungen und   Zeugen befragt werden. In einer Verhandlungspause streitet der   Hauptverteidiger der Weltbank mit einem Stra&#223;enverk&#228;ufer dar&#252;ber, ob die   angebotenen Sonnenbrillen auch originale Gucci-Brillen sind.<\/p>\n<h4>  Zeugen der Anklage<\/h4>\n<p>  Als Zeugen geladen sind Lehrer, Staatsbeamte, K&#252;nstler. Eine   Schriftstellerin zeigt auf, wie Afrika in der Schuldenfalle gefangen   gehalten wird und L&#228;nder wie Mali l&#228;ngst mehr zur&#252;ckzahlen mussten, als   ihnen an Krediten zugestanden worden war. In anderen Schilderungen wird   nachgewiesen, wie imperialistische Staaten mit Subventionen f&#252;r die   eigene Wirtschaft AfrikanerInnen das Wasser abtragen. Zur Sprache   gebracht wird, dass Weltbank, IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und   die G8-Staaten sich f&#252;r eine stetig wachsende Abh&#228;ngigkeit   verantwortlich zeichnen, in dem sie den Kontinent in &#8222;strukturelle   Anpassungen&#8220; getrieben haben. Ein Jugendlicher beschreibt einen Versuch   von Freunden und Bekannten, &#252;ber die n&#246;rdlichen Nachbarl&#228;nder nach   S&#252;deuropa zu gelangen, und er spricht davon, wie dieses verzweifelte   Unternehmen mehreren Fl&#252;chtlingen das Leben kostete. Ein Greis, der von   den Richtern mehrfach auf eine sp&#228;tere Befragung vertr&#246;stet wird, hebt   die Stimme, es bricht aus ihm heraus, einen w&#252;tenden Klagegesang l&#228;sst   er einsetzen. Ein anderer Zeuge muss nach Worten ringen f&#252;r das   unfassbare Leiden, um sich dann stumm, trauernd abzuwenden.<\/p>\n<p>  Immer wieder mischt sich in den Gerichtsprozess das Leben der   BewohnerInnen, die Verhandlung ist eingebettet in das allt&#228;gliche   Treiben. Damit erschlie&#223;t &#8222;Bamako&#8220; eine zweite Ebene. Einzelne   Schicksale werden gezeigt, von Nachbarn, die dem Prozess &#252;ber   Lautsprecher verfolgen k&#246;nnen, von einem Polizisten, einem Kameramann,   einer S&#228;ngerin, ihrem an Depressionen leidenden Mann, einer gemeinsamen   Tochter. Aissa Maiga brilliert als S&#228;ngerin Mele, die auf Grund des   Scheiterns ihrer Ehe mit Chaka (Tiecoura Traore) und der   Perspektivlosigkeit ihrer Situation die Stadt verlassen will.<\/p>\n<p>  Der Filmemacher Sissako, in Mauretanien geboren, in Mali aufgewachsen,   hat in Russland studiert, lebt in Frankreich und macht in Afrika Filme.   Er schl&#228;gt einen leisen Ton an. Im wahrsten Wortsinn. Ist es doch die   Musik, die sich immer wieder Geltung verschafft, die Auftritte von Mele,   die Lieder der BewohnerInnen, die Litanei des greisen Zeugen. Die Musik   hilft den Akteuren, sich zu artikulieren. Einmal wird es lauter &#8211; nur um   den leise, aber entschlossen und aufrichtig vorgetragenen Ton, in dem   die Anklage gehalten ist, zu verst&#228;rken. An einem der Abende sitzen   Nachbarn zusammen, um sich einen Spaghetti-Western, &#8222;Death in Timbuktu&#8220;,   anzusehen, mit dem Schauspieler Danny Glover (der auch als Koproduzent   von &#8222;Bamako&#8220; t&#228;tig war) und dem pal&#228;stinensischen Filmemacher Elia   Suleiman (dem Regisseur von &#8222;G&#246;ttliche Intervention &#8211; eine Chronik von   Liebe und Schmerz&#8220;, &#252;ber den Alltag des Grenzkonflikts zwischen Israelis   und Pal&#228;stinensern) als Scharfsch&#252;tzen. Frauen und Kinder werden auf   offener Stra&#223;e gemeuchelt, LehrerInnen werden mit der Begr&#252;ndung   exekutiert, dass sie zu viele seien. Eine blutige Allegorie.<\/p>\n<h4>  Tribunal gegen kapitalistische Institutionen<\/h4>\n<p>  Mali war fr&#252;her franz&#246;sische Kolonie. Der Hauptverteidiger fl&#252;chtet sich   in seinem Schlusspl&#228;doyer in die These, dass eine Kritik gegen IWF und   Weltbank zu einfach sei, da doch niemand das Leid Afrikas ernsthaft   wollen kann. Schwer zu ertragen ist auch die Rede des Chefankl&#228;gers,   ebenfalls ein Franzose (wobei auf beiden Seiten Franzosen und   AfrikanerInnen agieren). Dieser moralisiert vor allem und nennt die   Reform von Weltbank und IWF einen Ausweg.<\/p>\n<p>  Politisch klarer und radikaler ist die Zeugenaussage der   Schriftstellerin, deren Vortrag das Herzst&#252;ck der Anklage ausmacht. Sie   f&#252;hrt aus, dass man angesichts der Ressourcen des Kontinents nicht von   Armut sondern von Verarmung sprechen muss. Ihr Appell m&#252;ndet in einen   Aufruf, sich zu organisieren. Trotzig spricht sie davon, &#8222;optimistischer   als der Teufel zu sein&#8220;. So kraftvoll in diesem Film Ablehnung und Wut   zum Ausdruck gebracht werden, so wenig wird allerdings auf Formen von   Gegenwehr hingewiesen.<\/p>\n<p>  &#8222;Bamako&#8220; zeigt nur einen kleinen Ausschnitt. Eigentlich gibt es keine   Erz&#228;hlung, keine Entwicklung, es handelt sich lediglich um eine   Momentaufnahme. Ungemein stimmungsvoll und wirksam jedoch. Wie auf einem   Foto werden die Figuren betrachtet, so intensiv, dass sich Indizien   finden lassen, die eine Ahnung davon geben, wo die Einzelnen herkommen,   wo sie hingehen.<\/p>\n<p>  Gedreht hat Sissako weitgehend mit LaiendarstellerInnen. Auch die   Richter und Anw&#228;lte sind im realen Leben Anw&#228;lte und Richter. Am   Vorabend der n&#228;chsten Szene wurde der Inhalt des folgenden Drehtages   durchgesprochen und geprobt. Beim Dreh war es an den DarstellerInnen,   eigene Worte und Gesten zu finden. Vier Kameras wurden postiert, die   gleichzeitig liefen, um das Spiel einzufangen.<\/p>\n<p>  Sissako, der auch &#8222;La vie sur terre&#8220; machte, formulierte seinen Anspruch   folgenderma&#223;en: &#8222;Ich wollte Afrika das Wort erteilen, so dass die Leute   dort, wenn sie den Film sehen, das Gef&#252;hl haben, sie werden   repr&#228;sentiert.&#8220;<\/p>\n<h4>  Ein sehenswerter Film<\/h4>\n<p>  &#220;ber seine Beweggr&#252;nde f&#252;r &#8222;Bamako&#8220; wird Sissako von Michael Althen in   der FAZ zitiert: &#8222;In meinem Kopf herrscht ein Zwiespalt: die Lust, der   Weltbank den Prozess zu machen, aber auch einen Film zu drehen. Das ist   nat&#252;rlich ein Widerspruch, denn einerseits will ich die Gerechtigkeit,   andererseits bin ich auch ein Filmemacher. Und als solcher wei&#223; ich   nat&#252;rlich, dass der Prozess allein nichts Neues bietet. Was dort   vorgebracht wird, sind Sachen, die von Journalisten und   Wirtschaftsfachleuten schon viel besser zum Ausdruck gebracht worden   sind. Aber der Filmset, die Dekoration und die Form, das ist etwas   wirklich Neues, was ich als Filmemacher beitragen kann&#8220; (1. Februar). <\/p>\n<p>  In Deutschland ist &#8222;Bamako&#8220; leider mit wenig Kopien gestartet. In   Frankreich fand er gr&#246;&#223;ere Beachtung, immerhin 200.000 Zuschauer sahen   ihn.<\/p>\n<p>  In Bamako selber gibt es nur ein Kino. Bei der Premiere war das   Lichtspielhaus bis auf den letzten Platz besetzt. Die Menschen waren   bewegt, zu Tr&#228;nen ger&#252;hrt. Anderntags wurden Zusatzvorstellungen unter   freiem Himmel organisiert.<\/p>\n<p>  Sissako gibt Opfern der G8 eine eigene Sprache. Dieser ber&#252;hrende Film   ist f&#252;r alle, die in diesem Sommer in Heiligendamm gegen die acht   m&#228;chtigsten kapitalistischen Regierungen und Staaten demonstrieren   wollen, ein Muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <i><img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/Bamako.jpg\"><br \/>\n      &#8222;Bamako&#8220;, der neue Film des afrikanischen Regisseurs Sissako, ist eine<br \/>\n      flammende Anklage gegen Weltbank, IWF und G8<\/i><\/p>\n<p>\n      Vergesst &#8222;Blood Diamand&#8220;. Vergesst den &#8222;ewigen G&#228;rtner&#8220;. Vergesst &#8222;In My<br \/>\n      Country&#8220;. Alles aufgeblasene Popcorn-Unterhaltung, in der das Elend der<br \/>\n      afrikanischen Massen Hollywood-Stars wie Leonardo DiCaprio lediglich als<br \/>\n      Kulisse dient. Ohne Risiken und Nebenwirkungen. 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