{"id":11969,"date":"2007-04-21T16:12:51","date_gmt":"2007-04-21T14:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11969"},"modified":"2012-08-21T13:25:20","modified_gmt":"2012-08-21T11:25:20","slug":"11969","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/04\/11969\/","title":{"rendered":"Dmitri Schostakowitsch: Die Erinnerung wach halten"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Erster Teil<\/em><br \/>Schostakowitsch, von 1906 bis 1975 sein ganzes Leben in Russland und der Sowjetunion verbringend, hat gro\u00dfe und vielf\u00e4ltige Musik geschaffen. Schostakowitschs Werke sind musikalischer Zeuge, Chronist und Ankl\u00e4ger der Stalinisierung der Sowjetunion. Sie sind allerdings noch mehr \u2013 Musik auf der H\u00f6he des 20. Jahrhunderts, von seltener Tiefe, Ironie, Intelligenz, Ersch\u00fctterung und Hoffnung. <\/strong><\/p>\n<p><em>Ich w\u00e4re gerne auch weise.<\/em><\/p>\n<p><em>In den alten B\u00fcchern steht, was weise ist:<\/em><\/p>\n<p><em>Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit<\/em><\/p>\n<p><em>Ohne Furcht verbringen<\/em><\/p>\n<p><em>Auch ohne Gewalt auskommen<\/em><\/p>\n<p><em>B\u00f6ses mit Gutem vergelten<\/em><\/p>\n<p><em>Seine W\u00fcnsche nicht erf\u00fcllen, sondern vergessen<\/em><\/p>\n<p><em>Gilt f\u00fcr weise.<\/em><\/p>\n<p><em>Alles das kann ich nicht:<\/em><\/p>\n<p><em>Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!<\/em><\/p>\n<p>(aus: Bertolt Brecht \u201eAn die Nachgeborenen\u201c)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gem\u00fcnzt sind diese Zeilen auf den barbarischer werdenden Kapitalismus, der 1933 seine Herrschaft in Deutschland nur mittels der faschistischen Horden Hitlers aufrecht erhalten konnte. Doch auch der Zeitgenosse Brechts, der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch, h\u00e4tte wohl in der Sowjetunion unter Stalin lebend diesen Worten zustimmen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Ingmar Meinecke<\/em><\/p>\n<p>Warum sollen wir uns in einem politischen Journal, einem sozialistischen Magazin \u00fcberhaupt mit der Musik eines klassischen Komponisten auseinandersetzen? Nat\u00fcrlich kann etwas Allgemeinbildung nicht schaden. Doch gewiss werden wir uns hier nicht mit musikwissenschaftlichen Analysen befassen. Eine Entspannung vom rein Politischen wird gewiss auch so manchem gut tun. Denn der Mensch lebt nicht von Politik allein. Doch gibt es noch zwei weitere wesentliche Punkte, die f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit Schostakowitschs Musik und ihrer Entstehung sprechen. Zum Ersten kann uns Schostakowitschs Musik zu einem besseren, tieferen und komplexeren Verst\u00e4ndnis der Entwicklung der Sowjetunion f\u00fchren \u2013 beginnend beim Aufbruch der Oktoberrevolution \u00fcber ihre Vereinnahmung, Verst\u00fcmmelung und Umkehrung durch Stalin und die B\u00fcrokratie, zur Tauwetter-Periode unter Chruschtschow bis schlie\u00dflich hin zur Stagnation und dem Niedergang der Breschnew-\u00c4ra. Sie kann auch unsere Trauer und unsere Wut \u00fcber die Stalinschen Henker Tausender Arbeiterinnen und Arbeiter und unz\u00e4hliger Bolschewiki aufs Neue entfachen. Sie kann unsere Gef\u00fchle kl\u00e4ren. Zum Zweiten gilt es aber aus der Entwicklung der Kunst in der Sowjetunion Lehren zu ziehen dar\u00fcber, wie sich die Politik der Kunst gegen\u00fcber in einer zuk\u00fcnftigen wahrhaft sozialistischen Gesellschaft verhalten soll. Am Beispiel der Person Dmitri Schostakowitsch l\u00e4sst sich dar\u00fcber viel sagen.<\/p>\n<p>\u00dcber Schostakowitsch wurde in den letzten Jahrzehnten viel diskutiert. Allerhand Leute stritten sich bis auf das Messer dar\u00fcber, ob er nun ein linientreuer Kommunist sowjetischen Musters w\u00e4re oder ein Dissident, der den Bolschewismus innerlich hasste. Diese Debatte diente einer Reihe der Publizisten \u00fcber weite Strecken wohl mehr dazu, eine bedeutende Leiche in das Lager der eigenen politischen Ansichten zu legen, als wirklich etwas \u00fcber Schostakowitsch, seine Musik und die Entwicklung der Sowjetunion zu verstehen. Dmitri Schostakowitsch forderte selber immer dazu auf, seiner Musik zuzuh\u00f6ren. Darin sei alles enthalten. Dies ist eine einem Komponisten angemessene Haltung. Denn sein Ausdruck ist nun einmal die Musik. Daher wollen wir hier auch haupts\u00e4chlich \u00fcber seine Musik schreiben. Nichtsdestotrotz sind wir jedoch darauf angewiesen, auch \u00fcber ihre Entstehung und ihr gesellschaftliches Umfeld zu reden. Daher wird zum Einen eine Reihe von Freunden, Kollegen und Zeitgenossen zu Wort kommen. Zum Anderen werden wir aber auch die \u201eMemoiren des Dmitri Schostakowitsch\u201c zitieren. Zu diesem Buch muss man jedoch ein paar Anmerkungen machen. Es erschien erstmalig Ende der 70er Jahre nach dem Tode Schostakowitschs in den USA unter dem Titel \u201eTestimony\u201c \u2013 also \u201eZeugenaussage\u201c. Heraus brachte es ein junger Student Schostakowitschs \u2013 Solomon Wolkow. Dieser gab an, gegen Anfang der 70er Jahre mit Schostakowitsch lange Gespr\u00e4che gef\u00fchrt zu haben, die er dann in Ich-Form auf das Papier brachte. Schostakowitsch soll selbst die Manuskripte durchgesehen haben. Nach Schostakowitschs Tod 1975 schmuggelte Wolkow diese Aufzeichnungen in die USA, wo er sie schlie\u00dflich ver\u00f6ffentlichte. Dieses Buch l\u00f6ste eine heftige Kontroverse aus, war doch in ihm nichts vom linientreuen Staatskomponisten der Sowjetunion zu finden, als den man ihn im Westen gerne sah. Die Echtheit dieser Memoiren wurde massiv angezweifelt. Wir werden die Debatte um dieses Buch hier nicht nachvollziehen. Auf jeden Fall mehrten sich \u00fcber die 80er Jahre die Stimmen, die es doch in gro\u00dfen Teilen f\u00fcr authentisch hielten. Zum Beispiel begann der Sohn Schostakowitschs, Maxim Schostakowitsch, nach seiner Emigration 1981 aus der Sowjetunion nach und nach den Inhalt des Buches anzuerkennen. Auch zahlreiche ehemalige Musikerkollegen und -kolleginnen waren dieser Meinung. Allerdings h\u00e4lt die letzte Frau Schostakowitschs, Irina Antonowna Schostakowitsch, an ihrer Ablehnung fest. Die letzte Wahrheit wird sich so nie ganz herausstellen. Wir werden in diesem Artikel aus den Memoiren zitieren. Trotzdem muss man nat\u00fcrlich sehen, dass das Buch hier und dort Einf\u00e4rbungen von Solomon Wolkow haben wird. Das ist bei einer solchen Form und solchen Entstehungszust\u00e4nden kaum zu vermeiden. Zum Anderen stammen die Memoiren aus den letzten Lebensjahren Schostakowitschs, einer von Stagnation und Resignation in der Sowjetunion gepr\u00e4gten Zeit \u2013 der \u00c4ra Breschnew. Hoffnungen der kurzen Tauwetterperiode unter Chruschtschow hatten sich zerschlagen. Das gesellschaftliche Klima schl\u00e4gt sich nat\u00fcrlich auch auf die Stimmungen und Einsch\u00e4tzungen der Menschen nieder, auch auf die Schostakowitschs. Wir d\u00fcrfen daher nicht annehmen, dass jede Passage der Memoiren Schostakowitschs Einsch\u00e4tzung und Meinung zu jeder Zeit widergibt. Es ist die Aufnahme der 70er Jahre, nach mehreren Jahrzehnten gro\u00dfer psychischer und physischer Angst, zig Auff\u00fchrungsverboten und offiziellen Lobpreisungen gleicherma\u00dfen und einer doch nicht ganz erstickten Hoffnung auf eine wirklich bessere Gesellschaft, einem Glauben an die Hoffnungen der Jugendzeit. Um diese Entwicklung zu verstehen, kehren wir nun zum Anfang zur\u00fcck, in die 20er Jahre.<\/p>\n<h4>Ein junges Talent nach dem Oktober<\/h4>\n<p>Es scheint ein Wunder zu sein, dass es nach der Oktoberrevolution trotz einem erbitterten B\u00fcrgerkrieg und der Zerr\u00fcttung der Ressourcen des Landes in den Zwanzigern zu einem ungemeinen Aufbl\u00fchen der Kunst in der Sowjetunion kommt. Filme wie Eisensteins \u201ePanzerkreuzer Potemkin\u201c haben selbst heute noch nichts von ihrer Wirkung verloren. Aber nicht nur im Film wurden neue Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt \u2013 auch das Theaterleben versuchte neue Wege zu beschreiten. Das alte zaristische Russland hatte f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung nichts als eine kulturelle D\u00fcrre geschaffen, die oft durch religi\u00f6sen Aberglauben gef\u00fcllt wurde. 70 bis 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung waren Analphabeten. Allerdings bot gerade dieser Fakt dem Theater oder auch der Plakatkunst nach der Revolution lebhafte Anwendung, denn oft hatten theatralische Vorstellungen oder Plakate die Zeitung zu ersetzen. Innerhalb weniger Jahre entstanden mehr als 3000 Theater und Experimentalb\u00fchnen. Regisseure wie Jewgeni Wachtangow, Wsewolod Meyerhold und Alexander Tairow st\u00fcrzten sich in die Arbeit. Insbesondere Meyerhold war ein Avantgardist im Theater, der dieses auch in den Dienst der Revolution und des Aufbaus des Arbeiterstaates stellen wollte. Er entwickelte sein biomechanisches Theater und griff auch wieder auf volksnahe, vorb\u00fcrgerliche Traditionen des Theaters wie der Comedia dell arte (im 16. Jahrhundert entstandende italienische Stegreifkom\u00f6die) zur\u00fcck. In der Dichtung gingen ebenfalls insbesondere die Avantgardisten mit der Revolution, zum Beispiel die russischen Futuristen, deren wohl bekanntester Vertreter Majakowski ist. In diesem allgemeinen Klima studierte der junge Schostakowitsch am Petrograder Konservatorium. Ein gro\u00dfer Teil der f\u00fchrenden Komponisten Russlands hatte das Land verlassen, so Rachmaninow, Strawinski und Prokofjew. Der heute leider nicht mehr allzu bekannte Komponist und damalige Direktor des Petrograder Konservatoriums, Alexander Glasunow, war allerdings geblieben. Er wurde Schostakowitschs Lehrer, dem Schostakowitsch zeitlebens in Dankbarkeit und tiefem Respekt verbunden blieb. Schostakowitschs Eintritt ins Konservatorium war nur folgerichtig. Er hatte schon sehr fr\u00fchzeitig Neigung und Talent gezeigt, sich jedoch am Anfang eher als Pianist bet\u00e4tigt, erprobte sich jedoch auch schon in der Komposition. Eine der ersten Fr\u00fcchte in dieser Richtung war das Klavierst\u00fcck \u201eTrauermarsch zum Ged\u00e4chtnis der Revolutionsopfer\u201c. Dies war die musikalische Reaktion eines Elfj\u00e4hrigen auf die Februarrevolution 1917. Die Familie des jungen Dmitri Schostakowitsch war sehr freidenkerisch eingestellt. Der Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits war Pole und nahm am Aufstand gegen das zaristische Regime im Jahre 1863 teil und wurde nach Sibirien verbannt. Schostakowitsch bezeugte selbst, dass die Ereignisse des Jahres 1905, der ersten, nicht erfolgreichen Revolution gegen den Zaren, viel Platz in den Gespr\u00e4chen der Familie einnahmen. Er war der Umw\u00e4lzung, die die Oktoberrevolution einleitete, offen gegen\u00fcber, ohne dass er sich selbst direkt politisch bet\u00e4tigte. Auch musikalisch begann er auf neuen Wegen zu schreiten, \u00e4hnlich den \u00e4lteren Komponisten Strawinski und Prokofjew. Die Ersch\u00fctterungen der Zeit, die Gesch\u00fctze und die Qualen des ersten Weltkrieges, der Donner der Revolution schlug sich in einer wesentlich dynamischeren und dissonanteren Musik nieder. Er bewunderte auch sehr Gustav Mahler und Alban Berg. Obwohl sein Lehrer Glasunow gewiss noch aus einer anderen musikalischen Periode kam, so war er Schostakowitsch ein gewissenhafter Lehrer. So erinnert er sich daran, dass Glasunow ihm bez\u00fcglich eines Scherzos (ein bewegter und meist heiterer Satz in einer Symphonie) den Rat gab, es sei \u201edie Hauptsache, dass es den H\u00f6rer interessiere\u201c. Es m\u00fcsse anziehend, spannend und unerwartet sein. Diesen Rat hat sich Schostakowitsch offenbar sehr zu Herzen genommen.<\/p>\n<p>Am 12. Mai 1926 gelangte Schostakowitschs Erste Symphonie zur Premiere. Mit dieser beschloss er gerade einmal im Alter von 19 Jahren sein Studium am Leningrader Konservatorium. Sie brachte ihm sofort gro\u00dfe Bekanntheit im In- und Ausland ein. In der Tat ist die Erste ein an Farben, Stimmungen, Themen und instrumentalen Umsetzungen ungeheuer reiches Werk, der man auch die jugendliche Kraft ihres Komponisten anh\u00f6rt. Allerdings hatte sich der talentierte Dmitri Schostakowitsch diesen Erfolg auch hart erarbeitet. Er hatte sich mit allen Genres und Formen besch\u00e4ftigt, hatte schon Lieder geschrieben und nebenbei im Kino als Stummfilmpianist gearbeitet. Diese Arbeit verdient ein paar Worte. Schostakowitsch hat sp\u00e4ter diese Arbeit als harte Brotarbeit bezeichnet, die er keineswegs aus freien St\u00fccken gemacht hat. Doch er brauchte dringend das Geld, auch um die Behandlung seiner Tuberkulose bezahlen zu k\u00f6nnen. Selbst seinen Lohn musste er sich beim Besitzer des Kinos hart erstreiten. Filmmusik sollte in seinem Leben sp\u00e4ter noch eine wichtige, ziemlich widerspruchsvolle Rolle spielen. Aber eventuell hat die Begleitung von Filmen auf dem Klavier zwei wichtige Aspekte seiner Musik zu entwickeln geholfen. Zum Einen die Kunst, Humor, Ironie und Satire in Noten zu setzen, zum Anderen einen erz\u00e4hlenden und darstellenden Charakter in der Musik zu st\u00e4rken. Damit beginnen die unterschiedlichen Stimmen in der Musik \u00e4hnlich wie im Theater miteinander zu streiten, zu k\u00e4mpfen, zu harmonieren. Ist die Musik wohl unter den K\u00fcnsten auch die abstrakteste (wenn wir einmal von den mit Worten unterst\u00fctzten Liedern absehen), so erweitert dieser erz\u00e4hlende Charakter in der Art eines Theaterspiels die Greifbarkeit der Musik doch bedeutend. Auf jeden Fall begann mit harter Arbeit Schostakowitschs Erfolg als Komponist. Er war zu st\u00e4ndiger Arbeit schon verdammt, um Geld zu verdienen. R\u00fcckblickend charakterisiert er sich in den Memoiren selber wie folgt: \u201eIch habe mein Leben nicht als m\u00fc\u00dfiger Gaffer verbracht, sondern als Proletarier. Von Kind an habe ich sehr viel gearbeitet \u2013 nicht um \u2039mein Potential\u203a zu erkunden \u2013 sondern k\u00f6rperlich geschuftet. Ich w\u00e4re gern herumflaniert, h\u00e4tte gern herumgelungert und mich umgeschaut, aber ich musste arbeiten.\u201c Nach dem Erfolg seiner Ersten Symphonie und einem Misserfolg als Pianist bei einem internationalen Wettbewerb in Warschau entschied er sich wohl endg\u00fcltig seine Arbeit der Komposition zu widmen und nicht die Laufbahn eines Konzertpianisten einzuschlagen.<\/p>\n<p>Somit hatte die sowjetische Musik in der zweiten H\u00e4lfte der 20er einen selbstbewussten und k\u00fchnen jungen Komponisten mehr. Es folgten bald zwei weitere Symphonien, 1927 die Zweite und 1930 die Dritte. Beide waren Auftragswerke und hatten einen programmatischen Charakter. W\u00e4hrend die Zweite den Untertitel \u201eAn den Oktober\u201c tr\u00e4gt, also der Oktoberrevolution gewidmet ist, so war die Dritte f\u00fcr den 1. Mai als internationalem Kampftag der Arbeiterinnen und Arbeiter geschrieben. Diese Arbeiten experimentieren sehr viel mit den Mitteln. Der junge Schostakowitsch suchte die ihm entsprechende Ausdrucksweise. Beide Werke bestehen nur aus einem Satz und entsprechen damit nicht dem klassischen Aufbau der Symphonie. Die Form der Symphonie galt vielen neuen sowjetischen Musikern als b\u00fcrgerlich und tot. Werke wie Schostakowitschs Erste Symphonie wurden eher im Rahmen der musikalischen Ausbildung akzeptiert. In der Tat war dem Pathos der Beethovenschen Symphonie die soziale Grundlage entzogen. Denn von den revolution\u00e4ren und fortschrittlichen Tendenzen des B\u00fcrgertums war nichts \u00fcbrig geblieben. Von dieser Entwicklung war auch Schostakowitsch nicht unber\u00fchrt geblieben. Die Atonalit\u00e4t der Zweiten gibt daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Beide Symphonien werden heute recht stiefm\u00fctterlich behandelt. Sie kommen gewiss musikalisch nicht an die sp\u00e4teren Werke heran. Aber auch ihr programmatischer Charakter sorgt heute eher daf\u00fcr, sie links liegen zu lassen. Die Zweite Symphonie beinhaltet mehrere Tendenzen. Man h\u00f6rt die Dynamik der Revolutionstage und die dadurch freigesetzte Unruhe wie den Aufbruch in neue Zeiten. Der letzte Satz enth\u00e4lt dann einen Chor \u201eWidmung f\u00fcr den Oktober\u201c, der im damals und zum Beispiel auch bei Majakowski \u00fcblichen deklamatorisch-plakativen Stil gehalten war. Er endet mit den Worten:<\/p>\n<p>Das ist unsere Losung,<\/p>\n<p>der Name des neuen Zeitalters:<\/p>\n<p>Oktober, die Kommune und Lenin.<\/p>\n<p>Diese Verse stammten von Alexander Besymenski und waren Schostakowitsch vorgegeben. In ihnen ist neben dem revolution\u00e4ren Pathos schon eine gewisse Schablonenhaftigkeit der Verherrlichung der Revolution 1917 zu bemerken. Auch der von Stalin massiv aufgebrachte Lenin-Kult warf seine Schatten auf diese Verse.<\/p>\n<p>Schostakowitsch blieb bei diesen Experimenten allerdings nicht stehen, sondern zeigte bald seine Vielseitigkeit. Er verhielt sich nicht avantgardistisch snobistisch, sondern versuchte sich die volle Musiktradition anzueignen, sowohl die hohe Klassik wie die Traditionen der Volksmusik und auch der neuen Unterhaltungsmusik. Dabei hatte er viel seinem Freund Iwan Sollertinskij zu verdanken, der ein wahrer Renaissance-Mensch war, ein Experte auf dem Gebiet des Theaters, der Sprachen und der Musik. Sollertinskij vertrat im Wesentlichen eine \u00e4hnliche Auffassung wie Lenin und Trotzki in Bezug auf die b\u00fcrgerliche Kunst. Man sollte sie nicht einfach hinter sich lassen, sondern sie sich kritisch aneignen. In der Musik empfahl Sollertinskij vor allem das kritische Studium Gustav Mahlers und seiner Symphonien. Denn Mahler sei im Gegensatz zu vielen anderen der Widerspruch zwischen Heroik und Pathos in der Musik und dem immer brutaleren, in Morast versinkendem Kapitalismus bewusst gewesen. Insbesondere machte Sollertinskij den jungen Schostakowitsch mit Mahlers Musik bekannt, die einen sehr bleibenden Eindruck im Schaffen Schostakowitschs haben sollte.<\/p>\n<p>Es gibt auch eine Reihe von Kompositionen sehr popul\u00e4rer Musik, die in der Regel niemand Schostakowitsch zuschreibt. So wettete er 1928 mit dem Dirigenten Malko, dass er innerhalb einer Stunde Vincent Youmans \u201eTea for Two\u201c neu orchestrieren k\u00f6nne. Schostakowitsch legte los und hatte nach 40 Minuten eine sehr originelle Orchestrierung auf das Papier gebracht. Diese kam in der Sowjetunion unter dem Namen \u201eTahiti-Trott\u201c heraus und wurde bald von vielen Tanzkapellen gespielt. Sie wurde schlie\u00dflich auch als Musik zwischen den Akten in Schostakowitschs Ballett \u201eDas goldene Zeitalter\u201c aufgenommen. Bei jeder Vorstellung musste dieses St\u00fcck als Zugabe wiederholt werden.<\/p>\n<p>Schostakowitschs musikalische Neugier setzte sich in den 20ern bald \u00e4u\u00dferst produktiv um. Er schrieb Musik f\u00fcr Auff\u00fchrungen des Meyerhold-Theaters, ebenfalls Filmmusik, zum Beispiel f\u00fcr \u201eDas neue Babylon\u201c. Er widmete sich dem Ballett und es entstanden \u201eDas goldene Zeitalter\u201c und \u201eDer Bolzen\u201c. Einen weiteren popul\u00e4ren H\u00f6hepunkt erreichte seine Musik in einer Gattung, die eine ganze Reihe von Leuten schon als hoffnungslos b\u00fcrgerlich \u00fcberholt aufgegeben hatten \u2013 der Oper.<\/p>\n<p>Seine erste Oper \u201eDie Nase\u201c basierte auf einer Erz\u00e4hlung gleichen Namens von Nikolai Gogol. Sie war eine scharfe Satire: Eines Morgens stellt der B\u00fcrokrat, Kollegienassessor Kowaljow, bei einem Blick in den Spiegel entsetzt fest, dass seine Nase fehlt. Er st\u00fcrzt zur Polizeistation und trifft auf dem Weg dorthin die Nase in der Uniform eines Staatsrats, die sich in der Kathedrale unter die Gl\u00e4ubigen mischt. Kowaljow will die Nase zur Rede stellen, diese lehnt ein Gespr\u00e4ch mit dem niederen Beamten aber ab und entflieht. Kowaljow ist nun gesellschaftlich erledigt, denn ohne Nase ist man kein Mensch. Schlie\u00dflich wird nach der Nase gefahndet, Unruhe entsteht, doch am Ende gelangt Kowaljows Nase wie durch ein Wunder wieder in sein Gesicht. So erlebt Kowaljow das Ausgesto\u00dfensein aus der die Nase hochtragenden B\u00fcrokratie. Diese absurde Oper zeigte klare Tendenzen gegen die erstarkte B\u00fcrokratie in der Sowjetunion mit Stalin an der Spitze. Schon diese Arbeit d\u00fcrfte Schostakowitsch ins Ziel eifriger B\u00fcrokraten ger\u00fcckt haben. Doch seine n\u00e4chste Oper, die \u00fcberaus erfolgreiche \u201eLady Macbeth von Mzensk\u201c, wurde zum Wendepunkt in seinem Leben als sowjetischer Komponist.<\/p>\n<h4>Die Bolschewiki und die Kultur<\/h4>\n<p>An dieser Stelle sind wir jedoch gezwungen von der Musik und Person Schostakowitschs kurz abzuschweifen und \u00fcber die Entwicklung der Sowjetunion nach Lenins Tod und insbesondere die Gestaltung des kulturellen Lebens zu sprechen. Auf dem Gebiete der Kulturpolitik mussten sich die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution schnell orientieren und in hohem Ma\u00dfe improvisieren. Anatoli Lunatscharski wurde Kommissar f\u00fcr das Bildungswesen (Narkompros) in der neuen Regierung. Er war ein kulturell gebildeter Mensch, der sich in der russischen und westeurop\u00e4ischen Kultur auskannte und ebenfalls gro\u00dfe Offenheit gegen\u00fcber den Avantgardisten hatte. Man stand nun vor der Aufgabe, die kulturelle Armut auf breiter Front zu \u00fcberwinden. In Lunatscharskis erstem Dekret \u00fcber die Volksaufkl\u00e4rung hie\u00df es: \u201eDie arbeitenden Volksmassen, die Arbeiter, Bauern und Soldaten lechzen danach, lesen und schreiben zu k\u00f6nnen und die verschiedensten Wissensgebiete sich zu erschlie\u00dfen. Sie lechzen aber auch nach Bildung. Diese kann ihnen weder der Staat, noch die Intelligenz, noch irgendwelche Macht au\u00dferhalb ihrer Person geben. Schule, B\u00fccher, Theater, Museum usw. k\u00f6nnen hier nur Hilfsmittel sein. Die Volksmassen werden selbst ihre Kultur bewusst oder unbewusst ausarbeiten. Sie haben ihre eigenen durch ihre soziale Lage geschaffenen Ideen, die sich sehr von der Lage unterscheiden, die bisher die Kultur der herrschenden Klassen und der Intelligenz geschaffen haben; ihre eigenen Empfindungen, ihr eigenes Herantreten an alle Aufgaben der Person und der Gesellschaft &#8230;\u201c Diese Deklaration lie\u00df allerdings Interpretationen zu. Die Vertreter des Proletkults, einer 1906 gegr\u00fcndeten k\u00fcnstlerischen Richtung, waren der Meinung, dass die b\u00fcrgerliche Kultur zerschlagen werden m\u00fcsste und eine neue proletarische Kultur zu schaffen sei. Sie zogen daraus die sehr praktischen Schlussfolgerungen, dass vorrevolution\u00e4re St\u00fccke nicht mehr aufzuf\u00fchren seien, die Musik des 19. Jahrhunderts auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte zu landen habe und Bilder der alten Schulen nicht mehr gezeigt werden sollten. Daher nahm die Spitze der Bolschewiki die Auseinandersetzung mit dem Proletkult recht ernst. Lunatscharski wurde von Lenin f\u00fcr zu gro\u00dfe Toleranz dem Machtanspruch des Proletkults gegen\u00fcber ger\u00fcgt und dieser schlie\u00dflich dem Narkompros unterstellt. Lenin selbst war seinem pers\u00f6nlichen Geschmack nach kein Freund der Avantgarde. Allerdings muss betont werden, dass die Ma\u00dfnahmen gegen den Proletkult nicht aufgrund des pers\u00f6nlichen Geschmacks Lenins oder eines anderen F\u00fchrers der Bolschewiki eingeleitet wurden, sondern aufgrund der drohenden organisatorischen Vorherrschaft dieser Richtung in der Kunst. Ansonsten beschr\u00e4nkten sich die Bolschewiki auf Kritik und Meinungsstreit in den k\u00fcnstlerischen Fragen. Sowohl Lenin wie Trotzki polemisierten scharf gegen den Proletkult, da sie der Meinung waren, dass die zuk\u00fcnftige Kultur des Sozialismus sich eben auch aus und auf der b\u00fcrgerlichen Kultur aufbauen werde. Das entsprach auch den \u00c4u\u00dferungen Lunatscharskis in seinem Artikel \u201eKunst der Kommune\u201c aus dem Jahre 1918: \u201eDutzendmal habe ich erkl\u00e4rt, das Kommissariat f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung solle in seiner Einstellung zu den einzelnen Richtungen im Kunstleben unparteiisch sein. Was Formfragen anbetrifft, darf der Geschmack des Volkskommissars und s\u00e4mtlicher Vertreter der Staatsgewalt nicht in Rechnung gestellt werden. Allen Personen und Gruppen im Kunstbereich ist eine freie Entwicklung zu gew\u00e4hren! Keiner Richtung darf gestattet werden, die andere zu verdr\u00e4ngen, sei sie mit erworbenem traditionellem Ruhm oder mit Modeerfolg ausgestattet!\u201c Neben Lunatscharski verfolgte insbesondere Leo Trotzki, neben Lenin der popul\u00e4rste F\u00fchrer der Bolschewiki und Organisator der Roten Armee, das kulturelle Leben genau. 1923 schrieb er sein Buch \u201eLiteratur und Revolution\u201c, in dem er die aktuellen Str\u00f6mungen der Literatur einer genauen Analyse und Kritik unterzog. Trotzki setzte sich darin f\u00fcr eine freie Entfaltung der k\u00fcnstlerischen Richtungen ein: \u201eUnsere Kunstpolitik der \u00dcbergangsperiode kann und muss darauf gerichtet sein, den verschiedenen k\u00fcnstlerischen Gruppierungen und Str\u00f6mungen, die sich auf die Seite der Revolution gestellt haben, das richtige Erfassen ihres historischen Sinnes zu erleichtern, und indem man sie alle vor die kategorische Alternative stellt \u2013 f\u00fcr die Revolution oder gegen die Revolution \u2013 ihnen in der k\u00fcnstlerischen Selbstbestimmung v\u00f6llige Freiheit l\u00e4sst\u201c. Es ist wichtig zu erfassen, dass die Sowjetunion eben noch keineswegs ein sozialistischer Staat war, sondern eine \u00dcbergangsgesellschaft, die zumal von einem heftigen B\u00fcrgerkrieg unter der Beteiligung von 21 Interventionsarmeen ersch\u00fcttert wurde. Unter diesen Umst\u00e4nden gab es auch eine politische Zensur, doch versuchten die Bolschewiki diese auf das Allernotwendigste zu beschr\u00e4nken. So schrieb der Literaturkritiker und Bolschewik Alexander Woronski 1923 in seinem Artikel \u201e\u00dcber proletarische Kunst und \u00fcber die Kunstpolitik unserer Partei\u201c folgendes \u00fcber die Zensur: \u201eIn erster Linie m\u00fcssen unsere Genossen Zensoren aufh\u00f6ren, sich in die rein k\u00fcnstlerische Bewertung eines Werks einzumischen, dann m\u00fcssen sie begreifen, dass man von den parteilosen Schriftstellern der Zwischenschichten keine kommunistische Ideologie &#8230; verlangen kann. &#8230; Man muss sich auf eine einzige Forderung beschr\u00e4nken: Das Werk darf nicht konterrevolution\u00e4r sein, aber in einzelnen Abweichungen des Schriftstellers, in der Darstellung der Schattenseiten des sowjetischen Alltags usw. darf man nicht gleich eine konterrevolution\u00e4re Haltung sehen.\u201c<\/p>\n<p>Doch in dem vom B\u00fcrgerkrieg erm\u00fcdeten Land deuteten sich bald andere Tendenzen an. Ein Gro\u00dfteil der revolution\u00e4ren Arbeiter war im Kampf gegen die Interventionsarmeen gefallen. Die sozialistischen Revolutionen in anderen L\u00e4ndern waren nicht erfolgreich gewesen. So blieb das materiell und kulturell r\u00fcckst\u00e4ndige Sowjetrussland allein. Dies war nicht die urspr\u00fcngliche Perspektive der Bolschewiki gewesen. Lenin und Trotzki meinten zwar in Russland mit der Revolution beginnen zu k\u00f6nnen, sie aber nur im internationalen Ma\u00dfstab beenden zu k\u00f6nnen. Es begann sich eine neue b\u00fcrokratische Schicht auf der allgemeinen Armut zu erheben, deren Personifizierung der Generalsekret\u00e4r der Partei \u2013 Stalin \u2013 wurde. Die B\u00fcrokratie schaltete nach und nach die Arbeiterdemokratie, die Sowjets und die Initiative der Massen aus. Zur ideologischen Deckung wurde eine Art religi\u00f6ser Kult um den toten Lenin begonnen. Die freie Debatte in der Partei wurde beendet. Die Linke Opposition mit ihrem F\u00fchrer Leo Trotzki, die gegen die B\u00fcrokratisierung k\u00e4mpfte, wurde aus der Partei geworfen und in die Verbannung geschickt. Dies erforderte, auch das kollektive Ged\u00e4chtnis zu l\u00f6schen. So war Leo Trotzki in Eisensteins Film \u201eOktober\u201c noch als prominenter F\u00fchrer der Revolution zu sehen. Stalin und die B\u00fcrokratie begannen nun zunehmend auch die K\u00fcnste unter ihre Kontrolle zu nehmen. Trotzki wurde aus Eisensteins Film heraus geschnitten. Diverse Verb\u00e4nde wurden gegr\u00fcndet, um die K\u00fcnstler am kurzen Band halten zu k\u00f6nnen. In der Musik spielte diese Aufgabe die RAPM, die Russische Assoziation Proletarischer Musiker. 1929 kritisierte diese Schostakowitschs Oper \u201eDie Nase\u201c bereits als \u201eformalistisch\u201c. Dieser Angriff war aber nichts verglichen mit den Attacken, die einige Jahre sp\u00e4ter folgen sollten. Die Kunst sollte nun zunehmend in den reinen Dienst der Agitation gestellt werden, und zwar der Agitation, die die herrschende Stalinsche Clique bei ihren zig Zick-Zack-Wendungen ihrer mal z\u00f6gerlichen, mal abenteuerlichen Politik n\u00f6tig hatte. Machten sich die Avantgardisten am Anfang noch Hoffnung, dass sie die siegreiche k\u00fcnstlerische Str\u00f6mung sein w\u00fcrden, so wurden Ende der 20er auch sie in die Zange genommen. Selbst der durchaus privilegierte Majakowski machte sich durch kritische \u00c4u\u00dferungen bei der B\u00fcrokratie unbeliebt. Verzweifelt begann er 1930 Selbstmord. Meyerhold war gezwungen, seine Experimente einzustellen, 1931 sein Theater zu schlie\u00dfen und sich wieder klassischen St\u00fccken zuzuwenden. Aber auch das bewahrte ihn 1939 nicht vor der Verhaftung und seiner Ermordung durch die Stalinschen Henker. In dieser vergifteten Atmosph\u00e4re f\u00fchrte Schostakowitsch nun seine zweite Oper \u201eLady Macbeth von Mzensk\u201c auf.<\/p>\n<h4>Stalins Rezension: \u201eChaos statt Musik\u201c<\/h4>\n<p>Am 28. Januar 1936 erschien in der Prawda ein Leitartikel mit der \u00dcberschrift \u201eChaos statt Musik\u201c. Darin hie\u00df es: \u201eVom ersten Augenblick an vergeht dem Zuh\u00f6rer H\u00f6ren und Sehen bei dem absichtlich plumpen, verwirrenden Get\u00f6se von T\u00f6nen. Melodiefetzen, embryonale musikalische Folgen ertrinken, verschwinden und gehen immer wieder unter in Krachen, Knirschen und Kreischen. Dieser \u201aMusik\u2018 zu folgen ist schwierig, sich an sie zu erinnern unm\u00f6glich.\u201c Diese vernichtenden S\u00e4tze sprachen das Urteil \u00fcber Schostakowitschs Oper \u201eLady Macbeth von Mzensk\u201c. Man ist sich mittlerweile weitgehend einig, dass Stalin selbst diesen Leitartikel diktiert hat. Kurz vorher hatte er die Oper besucht und die Vorstellung vorzeitig in \u00fcbler Laune verlassen. Dabei war das St\u00fcck zu diesem Zeitpunkt schon 83 mal in Leningrad und 94 mal in Moskau sowie im Ausland aufgef\u00fchrt worden. Es erfreute sich ungemeiner Beliebtheit beim Publikum. Woraus speiste sich dieser extreme Ausfall Stalins? Zum Ersten konnte er mit neuer Musik tats\u00e4chlich nichts anfangen, doch im Gegensatz zu Lenin oder Trotzki neigte er dazu, seinen eigenen Geschmack in Gesetzesform zu gie\u00dfen. Diese Erkl\u00e4rung allein w\u00fcrde aber viel zu kurz greifen. Der konservative und beschr\u00e4nkte Geschmack Stalins und der b\u00fcrokratischen Clique spiegelten ebenfalls ihr Unverst\u00e4ndnis und ihre Ablehnung gegen\u00fcber jeglichen Experimenten und Neuerungen in der Kunst, die sie mit dem revolution\u00e4ren Aufbruch in Verbindung brachten, wider. Allerdings d\u00fcrfte auch der Inhalt der Oper Stalin in Rage gebracht haben. 1934 war der Leningrader Parteichef Kirow ermordet worden. Stalin nutzte das, um eine Verschw\u00f6rung seiner politischen Feinde innerhalb der Partei wie der Linken Opposition zu konstruieren. Die Vorbereitungen auf die Schauprozesse gegen die alten Bolschewiki aus Lenins Zeiten liefen auf Hochtouren. Der Terror des Stalinschen Apparates nahm extreme Ausma\u00dfe an, jegliche Opposition sollte ein f\u00fcr allemal beseitigt werden.<\/p>\n<p>Nun wurde vor diesem Hintergrund eine Oper mit folgender Handlung gespielt: Die Hauptfigur, Katerina Ismailowa, ist in eine lieblose Heirat mit einem Kaufmann gezwungen worden. Doch sie k\u00e4mpft f\u00fcr ihre wirkliche Liebe, bringt schlie\u00dflich ihren kleinb\u00fcrgerlichen Schwiegervater wie ihren Mann um. Doch Katerina und ihr Liebhaber werden verhaftet und ins Gef\u00e4ngnis und die Verbannung geschickt. Schostakowitschs Sympathie ist eindeutig bei Katerina. Sie wird als Gefangene enger und mitleidloser Umst\u00e4nde gezeigt. Die kleinb\u00fcrgerlich begrenzte Welt des Stiefvaters gestaltet Schostakowitsch in der Musik mit der rastlosen Unruhe des Geldscheffelns, welches grell ins Groteske getrieben wird. Schon dieses Recht Katerinas auf Liebe und Trennung von der kleinb\u00fcrgerlichen Welt, die der eines so manchen B\u00fcrokraten \u00e4hnelte, war v\u00f6llig entgegengesetzt zu Stalins reaktion\u00e4rer Frauen- und Familienpolitik. Dar\u00fcberhinaus werden die Autorit\u00e4ten und die Polizei als erbarmungslose, erpresserische Gestalten gezeigt. Musikalisch werden sie mittels riesiger Klangmauern von angsterregender Lautst\u00e4rke und eisiger H\u00e4rte gezeichnet. Spielte die Handlung formal auch im zaristischen Russland, so verstand das Publikum nur zu gut und erkannte die Schergen der Stalinschen Geheimpolizei wider. Dieses Werk musste also so schnell wie m\u00f6glich verschwinden.<\/p>\n<p>Doch die Drohung richtete sich auch gegen Schostakowitsch pers\u00f6nlich. Im zitierten Prawda-Artikel stand schlie\u00dflich der Satz: \u201eDies ist ein Spiel mit abstrusen Dingen, das sehr b\u00f6se enden k\u00f6nnte.\u201c Dmitri Schostakowitsch selbst wie viele seiner Freunde rechneten mit seiner Verhaftung. Eine ungeheure Psychose der Angst, der L\u00fcge und der Verstellung begann das Land zu beherrschen. Die Dichterin Nadeschda Mandelstam schilderte: \u201eMit jeder neuen Verhaftung wurden \u00fcberall die B\u00fccher durchgesehen, und die Werke der in Ungnade gefallenen F\u00fchrer wanderten in den Ofen. In neuen H\u00e4usern, wo es keine \u00d6fen und Herde mehr gab, sondern nur noch Zentralheizung, mussten die verbotenen B\u00fccher, Tageb\u00fccher, Briefe und andere \u201asubversive Literatur\u2018 in kleine St\u00fccke geschnitten und die Toilette hinuntergesp\u00fclt werden.\u201c Schostakowitschs Werke wurden von einem Tag auf den anderen kaum noch aufgef\u00fchrt. Auf Plakaten wurde er als \u201aVolksfeind\u2018 angek\u00fcndigt. Seine Eink\u00fcnfte fielen um drei Viertel. Die Vierte Symphonie befand sich schon in der Probe, aber Schostakowitsch zog sie vorsichtigerweise zur\u00fcck. Sie erlebte erst 1961 ihre Auff\u00fchrung. Um Schostakowitsch herum verschwanden Kollegen und Freunde. Insbesondere verlor er Ende der 30er zwei nahe Menschen: den Regisseur Meyerhold, mit dem er eine Weile eng zusammen arbeitete, und Marschall Tuchatschewski, den bis dahin unbestrittenen F\u00fchrer der Roten Armee. Schostakowitsch und Tuchatschewski waren gewiss ein ungleiches Paar. Sie freundeten sich an, als Schostakowitsch 19 war und Musikstudent, Tuchatschewski schon \u00fcber 30 und auf einem der h\u00f6chsten Posten der Roten Armee. Schostakowitsch sagt \u00fcber ihn in den Memoiren: \u201eEr war einer der interessantesten Menschen, die ich kennengelernt habe.\u201c Doch Stalin f\u00fcrchtete diesen mutigen, intelligenten Menschen an der Spitze der Roten Armee und beseitigte ihn. Zuf\u00e4lligerweise spielten Tuchatschewski wie Meyerhold beide Violine. Beide \u00e4u\u00dferten kurz vor ihrer Verhaftung den Wunsch doch lieber Geiger geworden zu sein. So w\u00fcnschten sich zwei bedeutende Talente, diese Talente lieber nicht zu haben, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Auch das unterstreicht die Trag\u00f6die, die der Stalinsche Terror dem Land zuf\u00fcgte. Doch Schostakowitsch selbst wurde unerwarteterweise nicht verhaftet. Viele sind der Meinung, dass Stalin Schostakowitsch f\u00fcr seine Filmmusik sch\u00e4tzte und ihn daher nicht verhaften lie\u00df. Die innersten Beweggr\u00fcnde des Diktators werden wir aber wohl nie erfahren.<\/p>\n<h4>Die Antwort Schostakowitschs<\/h4>\n<p>Wie sollte Schostakowitsch als Komponist nun weiterarbeiten? Eine Unmenge Intellektueller und K\u00fcnstler begann sich anzubiedern und sich gegenseitig in einem Schwall ekelhafter Schimpftiraden zu \u00fcbertreffen, um zu beweisen, dass man der linientreueste im ganzen Land ist. Alexander Besymenski, der Autor des Gedichtes \u201eAn den Oktober\u201c aus Schostakowitschs Zweiter Symphonie, reimte nun:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Verr\u00e4ter Trotzki sitzt am Tisch<\/p>\n<p>und wackelt mit seinem Ziegenbart.<\/p>\n<p>Ganz gekr\u00fcmmt sitzt er da. Das Schicksal ist schwer<\/p>\n<p>und die Zeit unheilschwanger &#8230;<\/p>\n<p>Lange feilscht der nichtsw\u00fcrdige Narr<\/p>\n<p>um Dinge aus der Liste fremden Habs und Guts:<\/p>\n<p>f\u00fcr einen Silberling von Serebrjakow<\/p>\n<p>und einen abgegriffenen F\u00fcnfer von Pjatakow &#8230;<\/p>\n<p>Wagt es nur und steckt euren Schweiner\u00fcssel bei uns herein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige wenige hatten zumindestens den Mut ihr kriecherisches Verhalten sich selbst gegen\u00fcber zuzugeben. Der Schriftsteller Prischwin notierte in seinem Tagebuch, er h\u00e4tte zum Sekret\u00e4r des Schriftstellerverbandes Stawski gesagt: \u201eJetzt muss man die Staatslinie einhalten, &#8230; die Stalinsche.\u201c Er f\u00fcgte dann im Tagebuch hinzu: \u201eZu Hause dachte ich dar\u00fcber nach, was ich gesagt hatte, und so stellt es sich f\u00fcr alle dar: Auf der einen Linie wird man verbannt oder erschossen, auf der anderen, der staatlichen oder Stalinschen, kommt man wohlbehalten davon. Ich h\u00e4tte also statt \u201aStalinscher\u2018 Linie einfach sagen k\u00f6nnen, dass man sich auf der Seite halten muss, wo alles wohlbehalten verl\u00e4uft. In einem solchen Zustand hat Petrus wahrscheinlich Christus verleugnet. Es wird wohl so gewesen sein.\u201c Es war gewiss auch etwas Gl\u00fcck, dass Schostakowitsch Komponist und nicht Schriftsteller war. Er zog sich von der Vokalmusik \u2013 Oper, B\u00fchne, Gesang \u2013 zur\u00fcck und schrieb reine Instrumentalmusik. Nat\u00fcrlich war er gezwungen, auch Auftragswerke anzunehmen, insbesondere Filmmusik zu teils schrecklichen Streifen. Doch er begann eine musikalische Sprache zu sprechen, die vom Publikum verstanden wurde, doch so, dass die Autorit\u00e4ten ihm daraus nicht den Galgenstrick drehen konnten.<\/p>\n<p>Den Auftakt dazu bildet die F\u00fcnfte Symphonie, auch wenn der letzte Satz der Vierten schon in diese Richtung geht. Sie trifft die L\u00fcge des \u201egl\u00fccklichen Lebens\u201c, das Stalin offiziell verk\u00fcndete, ins Herz. Der Dirigent Kurt Sanderling dirigierte sp\u00e4ter die F\u00fcnfte selbst viele Male. Er war in den 30ern als Emigrant vor den Hitler-Faschisten in die Sowjetunion gefl\u00fcchtet. Er besuchte damals die erste Moskauer Auff\u00fchrung der F\u00fcnften 1937 und schilderte in einem Interview 1992 seine Eindr\u00fccke: \u201e&#8230; wir blickten uns schon nach dem ersten Satz bedeutungsvoll an: W\u00fcrden wir nach dem Anh\u00f6ren dieser Symphonie verhaftet werden, allein nur deshalb, weil wir dieses Werk \u00fcberhaupt geh\u00f6rt hatten? &#8230; die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der H\u00f6rer verstand durchaus, worum es ging, und das war vielleicht der Grund ihres \u00fcberw\u00e4ltigenden Erfolges. Sie brachte haargenau die Gef\u00fchle zum Ausdruck, die uns alle damals bewegten. Einziger Grund zum Missverst\u00e4ndnis ist vielleicht der Schluss des Werkes. Er konnte als Parteitagsjubel missgedeutet werden. Aber der \u201aherausgepr\u00fcgelte\u2018 Jubel, ganz ohne Zweifel zu h\u00f6ren, ist als trotzige Selbstbest\u00e4tigung zu h\u00f6ren, als Sieg gegen und nicht f\u00fcr das Regime.\u201c Die F\u00fcnfte ist ein Werk mit einem so tiefen emotionalen Gehalt, der sich in Kenntnis des Terrors der 30er Jahre noch verst\u00e4rkt. Kontrastiert wird diese tiefe Tragik durch den parodistischen, sehr bissigen zweiten Satz. Und war es nicht eine tragische Parodie, dass Stalin die neue Verfassung als \u201edemokratischste Verfassung der Welt\u201c feierte, w\u00e4hrend unz\u00e4hlige einfache Menschen und aufrechte K\u00e4mpfer f\u00fcr den Sozialismus in den Kellern des NKWD (dem Stalinschen Geheimdienst) und den Lagern Sibiriens verschwanden? Wir h\u00f6ren mit dem letzten Satz den bestellten Parteitagsjubel von lauter ver\u00e4ngstigten, hysterischen Marionetten nur zu deutlich.<\/p>\n<p>Schostakowitsch hat die Opfer der Stalinschen Schl\u00e4chter vor dem Vergessen bewahrt. Hat Leo Trotzki mit seinem Buch \u201eVerratene Revolution\u201c uns eine Analyse des Geschehens in der Sowjetunion, die Erkenntnis des Verstandes \u00fcber das auf den ersten Blick kaum Verstehbare gegeben, so hat Schostakowitsch mit seiner F\u00fcnften diese Jahre emotional festgehalten. Er hat aktiv dazu beigetragen, gegen das Vergessen zu k\u00e4mpfen. Mit einem Auszug aus den Memoiren wollen wir diesen ersten Teil des Artikels \u00fcber Dmitri Schostakowitsch beenden. Er schrieb: \u201eDie Menschen leiden, qu\u00e4len sich, denken \u2013 soviel Verstand, soviel Talent. Und kaum sind sie tot, werden sie vergessen. Wir m\u00fcssen alles tun, um die Erinnerung an diese Menschen wachzuhalten. Wie wir uns ihnen gegen\u00fcber verhalten, so wird man sich eines Tages auch uns gegen\u00fcber verhalten. Wir m\u00fcssen uns erinnern, wie schwer es auch sein mag.\u201c<\/p>\n<p><em>Ingmar Meinecke ist Mitglied im Bundesvorstand der SAV. Er lebt in Leipzig.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Teil<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[71],"tags":[270,252],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11969"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11969"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11969\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}