{"id":11953,"date":"2007-02-14T06:59:10","date_gmt":"2007-02-14T06:59:10","guid":{"rendered":".\/?p=11953"},"modified":"2007-02-14T06:59:10","modified_gmt":"2007-02-14T06:59:10","slug":"11953","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/02\/11953\/","title":{"rendered":"Krankenhaus Dresden-Neustadt: GmbH-Gr&#252;ndung verhindern!"},"content":{"rendered":"<p>  <b><i><img src=\"\/media\/2007\/verdi.jpg\" align=\"left\">  Grundlegend andere ver.di-Herangehensweise n&#246;tig<\/i><\/b><br \/>  Interview mit einer Kollegin*, aktiv bei der ver.di-Betriebsgruppe im   Krankenhaus Dresden-Neustadt<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Seit wann existiert die Betriebsgruppe?<\/b><\/p>\n<p>  Seit etwa einem halben Jahr. Das Besondere an unserer   ver.di-Betriebsgruppe ist, dass sie nicht von Hauptamtlichen   ver.di-Funktion&#228;ren oder von Personalratsmitgliedern gegr&#252;ndet wurde,   sondern aus der Initiative von Besch&#228;ftigten heraus entstanden ist.   Mittlerweile ist mir klar geworden, dass wir damit wohl eine ziemliche   Ausnahme sind.<\/p>\n<p>  <b>Kannst Du kurz die Situation im Krankenhaus schildern?<\/b><\/p>\n<p>  Das Krankenhaus Dresden-Neustadt ist eines der zwei letzten kommunalen   Krankenh&#228;user in ganz Sachsen, die noch als Eigenbetrieb gef&#252;hrt werden   und ihre Besch&#228;ftigten nach TV&#246;D bezahlen.<\/p>\n<p>  Trotzdem wurden auch hier in den letzten Jahren schon drastische   Sparma&#223;nahmen durchgef&#252;hrt, zum Beispiel sind K&#252;che \/ Cafeteria und   Reinigung bereits seit 15 Jahren an private Firmen vergeben (die ihre   Besch&#228;ftigten nat&#252;rlich nicht nach TV&#246;D bezahlen) und unser   Stellenschl&#252;ssel ist seit Jahren bei unter 90 Prozent eingefroren, so   dass st&#228;ndig Mehrarbeit geleistet werden muss. Auch die neuen   Arbeitszeitrichtlinien f&#252;r &#196;rztInnen sind jetzt ohne Einstellung neuer   &#196;rztInnen durchgesetzt worden, was faktisch bedeutet, dass sie die   gleiche Arbeit in weniger Zeit zu schaffen haben &#8211; oder eben mehr   arbeiten ohne dieses abzurechnen.<\/p>\n<p>  Die Diskussion um die Privatisierung der Krankenh&#228;user wird im Stadtrat   schon seit Jahren gef&#252;hrt. Unser zust&#228;ndiger Ordnungsb&#252;rgermeister   Sittel hat kommunal gef&#252;hrte Krankenh&#228;user schlicht als &#8222;Auslaufmodell&#8220;   bezeichnet. Solange die Krankenh&#228;user schwarze Zahlen geschrieben haben   und beispielsweise durch den Verkauf der st&#228;dtischen   Wohnungsgesellschaft Woba viel Geld und die Stadtkassen floss, verschob   man die Privatisierung immer wieder. Mittlerweile hat sich die Situation   jedoch durch die Einf&#252;hrung der Fallpauschalen, die   Gesundheitsreformgesetze, Mehrwertsteuererh&#246;hung und die h&#246;heren   Lohnkosten f&#252;r &#196;rztInnen so zugespitzt, dass das Krankenhaus im n&#228;chsten   Jahr kaum noch schwarze Zahlen schreiben kann. Die &#196;rztestreiks letztes   Jahr sollen nun scheinbar als Begr&#252;ndung f&#252;r die GmbH-Gr&#252;ndung herhalten. <\/p>\n<p>  Damit kann die Stadt aus dem Arbeitgeberverband aussteigen und der erste   Schritt zur Privatisierung w&#228;re getan.<\/p>\n<p>  &#220;ber die Pl&#228;ne der Stadt und die Haltung des Personalrats und der   Gewerkschaft wurden die Besch&#228;ftigten nahezu gar nicht informiert. Aus   diesem Grund hat sich unsere Betriebsgruppe gegr&#252;ndet. Wir wollen aktiv   werden gegen die GmbH-Gr&#252;ndung und genauso gegen Lohnverzicht. Denn das   ist das heimliche Wundermittel von Personalrat und Gewerkschaftsf&#252;hrung,   mit dem wir dann die schwarzen Zahlen des Krankenhauses retten und   praktisch den Erhalt des Eigenbetriebs &#8222;erkaufen&#8220; sollen.<\/p>\n<p>  <b>Wie verh&#228;lt sich der Personalrat in dieser Situation?<\/b><\/p>\n<p>  Einige Personalr&#228;te waren auf unseren Treffen dabei. Mittlerweile wurden   VertreterInnen von uns zu einer Personalratssitzung geladen. Wir wissen   deshalb sicher, dass es kein einziges Mitglied des Personalrats gibt,   das sich konsequent auf unseren Standpunkt stellen und uns unterst&#252;tzen   w&#252;rde. Sie sehen ihre Aufgabe darin, das &#8222;geringere &#220;bel&#8220; zu suchen. Das   hei&#223;t, sie wollen im Rahmen des ZuSi (Tarifvertrag zur   Zukunftssicherung, der Bestandteil des TV&#246;D ist) auf Teile des Lohnes   verzichten, um die GmbH-Gr&#252;ndung zu verhindern.<\/p>\n<p>  Sie haben uns sogar vorgeworfen, dass wir die Privatisierung   vorantreiben w&#252;rden, wenn wir gegen Lohnverzicht k&#228;mpfen. Au&#223;erdem   nehmen sie es uns sehr &#252;bel, dass wir &#252;ber die Stationen gegangen sind   und mit den Besch&#228;ftigten &#252;ber diese Situation gesprochen haben (was sie   selber nie tun). Sie sagen, dass wir dadurch die Besch&#228;ftigten verwirrt   und beunruhigt h&#228;tten, dabei br&#228;uchten diese doch einen freien Kopf, um   gut zu arbeiten!<\/p>\n<p>  Im Endeffekt ist der Personalrat bei uns ein Gremium, das in   Zusammenarbeit mit der Klinikleitung nach der sozial vertr&#228;glichsten   L&#246;sung zum Lohnverzicht sucht, ohne die Besch&#228;ftigten zu fragen und &#252;ber   den Diskussionsprozess zu informieren.<\/p>\n<p>  <b>Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ver.di?<\/b><\/p>\n<p>  Nachdem sich unsere Gruppe schon drei mal getroffen hatte, kam dann auch   ein hauptamtlicher Vertreter von ver.di dazu. Das war f&#252;r einige am   Anfang eine gro&#223;e Erleichterung, denn niemand von uns hatte wirklich   Erfahrung in Gewerkschaftsarbeit. Mittlerweile hat sich aber deutlich   gezeigt, dass dieser Gewerkschaftssekret&#228;r uns in unseren eigentlichen   Forderungen nicht unterst&#252;tzt. Zum einen sagt auch er, dass man sich   &#8222;den finanziellen Gegebenheiten anpassen muss&#8220; &#8211; was am Ende auch nur   eine sch&#246;ngeistige Bezeichnung f&#252;r Verzicht ist. Zum anderen hemmt er   uns in unseren Aktivit&#228;ten, indem er behauptet, wir h&#228;tten noch nicht   die Basis und Strukturen f&#252;r gr&#246;&#223;ere Aktionen, wir sollten uns lieber um   gewerkschaftliche Alltagsarbeit bem&#252;hen und damit Leute werben. Die   Verhinderung der GmbH-Gr&#252;ndung und Kampf gegen ZuSi w&#228;ren zu gro&#223;e   Brocken f&#252;r uns, daf&#252;r w&#252;rde er nicht den Kopf in Berlin hinhalten und   so weiter.<\/p>\n<p>  Der Punkt ist aber, dass genau diese beiden Themen die Besch&#228;ftigten   bewegen. Und wenn er als Hauptamtlicher uns darin nicht unterst&#252;tzt,   zerst&#246;rt er damit die gerade erst aufkeimende Bereitschaft zu Gegenwehr   und zu gewerkschaftlichen K&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  <b>Wie sollte die Betriebsarbeit der Gewerkschaft Deiner Meinung nach   aussehen?<\/b><\/p>\n<p>  Ich finde, der oder die zust&#228;ndige Gewerkschaftssekret&#228;rin m&#252;sste sich   regelm&#228;&#223;ig ins Krankenhaus begeben, mit den Besch&#228;ftigten sprechen und   &#252;ber die aktuellen Dinge informieren. Auch dar&#252;ber, was die   Betriebsgruppe macht. Wenn solche Angriffe wie jetzt laufen, k&#246;nnten zum   Beispiel aktive Mittagspausen organisiert werden. Die Besch&#228;ftigten   m&#252;ssten regelm&#228;&#223;ig schriftlich &#252;ber politische Entwicklungen informiert   werden. Und das wichtigste: Sie m&#252;ssten uns ermutigen und in jeder   aufkeimenden Aktivit&#228;t unterst&#252;tzen. Anliegen, die von einzelnen   Besch&#228;ftigten an sie herangetragen werden, m&#252;ssten publik gemacht   werden, damit den Besch&#228;ftigten beziehungsweise den   Gewerkschaftsmitgliedern bewusst wird, dass sie nicht allein dastehen,   und vor allem, dass sie gemeinsam eine ungeheure St&#228;rke haben.<\/p>\n<p>  <b>Kannst Du die Auswirkungen der Verzichtspolitik der Gewerkschaften   f&#252;r Euren Kampf schildern?<\/b><\/p>\n<p>  Vieles ist schon gesagt. Zusammengefasst sind es meiner Meinung nach   folgende Hauptauswirkungen:<\/p>\n<p>  1) Es wird eine Lohndumpingspirale in Gang gesetzt. Die Geh&#228;lter in den   anderen Krankenh&#228;usern orientieren sich am Tv&#246;D und werden demn&#228;chst   dann auch sinken.<\/p>\n<p>  2) Je uneinheitlicher die Tarifvertr&#228;ge werden, desto mehr werden die   Besch&#228;ftigten gespalten und in ihrer Kampfkraft und -bereitschaft   geschw&#228;cht.<\/p>\n<p>  3) Die Krankenh&#228;user werden attraktiver f&#252;r den Verkauf.<\/p>\n<p>  4) Der aktuellen Politik wird nichts Sp&#252;rbares entgegengesetzt, so dass   die Unterfinanzierung der Krankenh&#228;user und die Verschlechterung der   Patientenversorgung praktisch ohne Gegenwehr akzeptiert wird.<\/p>\n<p>  Die Arbeit von ver.di ist nach diesen Erfahrungen weder demokratisch,   weil sie ihre Verhandlungen und Absprachen f&#252;hren, ohne die Mitglieder   zu beteiligen, noch ist sie k&#228;mpferisch. Sie f&#252;hrt noch nicht einmal zum   Erhalt der bisherigen Arbeitsbedingungen der Besch&#228;ftigten, geschweige   denn zu Verbesserungen oder gar zu wirksamen politischen Gegenaktionen.   Und eigentlich sollten Gewerkschaften doch dazu da sein.<\/p>\n<p>  <b><i>Das Interview f&#252;hrte Steve K&#252;hne, Dresden.<\/i><\/b><i> <\/i> <\/p>\n<p>  <i>*Name der Redaktion bekannt<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      <b><i><img src=\"\/media\/2007\/verdi.jpg\" align=\"left\"><br \/>\n      Grundlegend andere ver.di-Herangehensweise n&#246;tig<\/i><\/b><br \/>\n      Interview mit einer Kollegin*, aktiv bei der ver.di-Betriebsgruppe im<br \/>\n      Krankenhaus Dresden-Neustadt\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11953"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11953"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11953\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11953"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11953"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}