{"id":11944,"date":"2007-02-07T00:33:03","date_gmt":"2007-02-07T00:33:03","guid":{"rendered":".\/?p=11944"},"modified":"2007-02-07T00:33:03","modified_gmt":"2007-02-07T00:33:03","slug":"11944","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/02\/11944\/","title":{"rendered":"Venezuela: Auf dem Weg zu einer &#8222;sozialistischen Republik&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>  <i><img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/JohanVenezuela_inMuenchen.jpg\">  Gespr&#228;ch mit dem Sozialisten Johan Rivas &#252;ber Ch&#225;vez und die Frage des   &#8222;Sozialismus im 21. Jahrhunderts&#8220;<\/i><br \/>Johan Rivas ist   Sprecher der Gewerkschaft SIRTRASALUD im El Agodonal. Diese Gewerkschaft   wurde 2004 gegr&#252;ndet. Er ist Mitglied der SAV-Schwesterorganisation in   Venezuela, 29 Jahre alt und arbeitet im El Algodonal, dem zweitgr&#246;&#223;ten   Krankenhaus von Caracas, mit &#252;ber 2.000 Besch&#228;ftigten.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Im Dezember 2006 wurde Hugo Ch&#225;vez in Venezuela erneut zum Pr&#228;sidenten   gew&#228;hlt. Nachdem er 1998 zum ersten Mal die Wahl gewonnen hatte, hat er   Position gegen Neoliberalismus und US-Imperialismus bezogen. Gest&#252;tzt   auf die Erd&#246;leinnahmen des Landes f&#252;hrte er umfangreiche Sozialprogramme   durch. Rasch geriet er mit der herrschenden Klasse Venezuelas in   Konflikt. Nach seiner j&#252;ngsten Wiederwahl l&#246;sten Ch&#225;vez&#8217; neueste   Ank&#252;ndigungen ein gewaltiges internationales Echo aus. Laut Ch&#225;vez   sollen die Verstaatlichungen des Telekomriesen CANTV und des gr&#246;&#223;ten   privaten Stromunternehmens eine neue Etappe beim Aufbau einer   &#8222;sozialistischen Republik&#8220; einl&#228;uten.<\/p>\n<p>  SIRTRASALUD hat eine &#8222;Bolivarische ArbeiterInnen-Front&#8220; ins Leben   gerufen, die AnwohnerInnen und die Besch&#228;ftigten des Krankenhauses   zusammen bringt und einige der von Regierungsseite finanzierten   Sozialprogramme durchf&#252;hrt.<\/p>\n<p>  <i>Pablo Alderete sprach mit Johan Alexander Rivas Vasquez.<\/i><\/p>\n<h4>  Wie steht es heute um Arbeiterrechte?<\/h4>\n<p>  Ich arbeite im Krankenhaus El Agodonal in Caracas. Wir bauen die   SIRTRASALUD auf, die sich als Gewerkschaft dem neuen   Gewerkschaftsdachverband UNT angeschlossen hat. In vielen Bereichen   werden Leute aktiv, gr&#252;nden gewerkschaftliche Gliederungen, fordern ihre   Rechte ein, und m&#252;ssen auch oft gegen die M&#252;hlen der B&#252;rokratie   ank&#228;mpfen. Ein Beispiel: Bei Russel, einem Pharmakonzern, haben einige   Besch&#228;ftigte eine Gewerkschaft gegr&#252;ndet und wurden deshalb entlassen.   Obwohl es ein Gesetz gibt, welches sie davor sch&#252;tzt, mussten sie zwei   Jahre lang k&#228;mpfen, um wieder eingestellt zu werden und ihre   gewerkschaftlichen Rechte zugestanden zu bekommen. Kurz danach hat   Russel dann dicht gemacht. Viele junge KollegInnen werden derzeit aktiv.   In den meisten neuen gewerkschaftlichen Gliederungen sind die Vorst&#228;nde   mit AktivistInnen im Alter von 20 bis 40 Jahren besetzt.<\/p>\n<h4>  Wie bek&#228;mpft Ch&#225;vez die Armut?<\/h4>\n<p>  Die Projekte der Regierung, die &#8222;Missiones&#8220;, haben sehr vielen Menschen   aus armen und einfachen Verh&#228;ltnissen den Zugang zu Bildung und   medizinischer Versorgung erm&#246;glicht. Bevor Ch&#225;vez 1998 gew&#228;hlt wurde,   war die soziale Ausgrenzung enorm. Gesch&#228;tzte eine Million Menschen   waren Analphabeten, Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose, die   eigentlich ausgestorben waren, traten wieder auf. In den Slums   herrschten unmenschliche Lebensbedingungen. Im Zuge eines   Bildungsprogramms wurde einer Million Menschen Lesen und Schreiben   beigebracht. Das sind Zahlen, die von UNICEF genannt werden.<\/p>\n<h4>  Welche Rolle spielen die Abkommen mit Kuba?<\/h4>\n<p>  Die Regierung hat Kuba billiges &#214;l geliefert und daf&#252;r kamen Tausende   kubanische &#196;rztinnen und &#196;rzte &#8211; im Rahmen der &#8222;Mission Barrios   Adentro&#8220;. Einem Projekt, um mit den Mediziner-Innen zu den Menschen in   den Stadtvierteln zu gehen. Davor war die medizinische Versorgung der   armen Bev&#246;lkerung sehr schlecht. Wie beschrieben traten Krankheiten auf,   die vor 50 Jahren verschwunden waren!<\/p>\n<p>  Fr&#252;her mussten zum Beispiel R&#246;ntgenaufnahmen selber bezahlt werden, und   die einfachen Menschen konnten sich das oft nicht leisten. Das hat sich   ge&#228;ndert, die Tuberkulose wird bek&#228;mpft. Man kann sich vorstellen,   welches Ansehen diese &#196;rztInnen aus Kuba haben. Nat&#252;rlich nicht bei den   rechten Kr&#228;ften und bei der Oberschicht. Die sehen darin eine   kommunistische Unterwanderung.<\/p>\n<h4>  Welche Fortschritte gibt es au&#223;erdem?<\/h4>\n<p>  Seit dem &#8222;Unternehmerstreik&#8220; gegen Ch&#225;vez 2002, der zu einem Anstieg der   Lebensmittelpreise und zu einer Lebensmittelknappheit f&#252;hrte,   subventioniert der Staat alternative, kosteng&#252;nstige Superm&#228;rkte. <\/p>\n<p>  Die Armut ist insofern gesunken, als dass die Menschen jetzt kostenlosen   Zugang zu vielen Dingen haben. Der Anteil der Armen an der   Gesamtbev&#246;lkerung ist von 50 auf etwa 20 Prozent gesunken. Trotzdem   m&#252;ssen weiterhin Hunderttausende von einem Dollar am Tag leben, wie zum   Beispiel im &#8222;Petare&#8220; in Caracas, der zweitgr&#246;&#223;ten Slumsiedlung   Lateinamerikas.<\/p>\n<h4>  Ch&#225;vez hat bei seiner Vereidigung davon gesprochen, dass jetzt der &#8222;Weg   zu einer sozialistischen Republik Venezuela&#8220; eingeschlagen wird und   weitere Verstaatlichungen angek&#252;ndigt. Wie beurteilst du das?<\/h4>\n<p>  Was die Verstaatlichungen angeht, muss man abwarten ob Ch&#225;vez seine   Ank&#252;ndigungen wahr macht. Unter anderem handelt es sich hier um die   Telekommunikationsfirma CANTV, die fr&#252;her staatlich war und in den   neunziger Jahren privatisiert wurde. Ch&#225;vez hat schon oft angek&#252;ndigt,   dass er sie verstaatlicht; noch ist das nicht passiert.<\/p>\n<p>  Ebenso wurden in der Vergangenheit gro&#223;e Programme zur &#220;berf&#252;hrung   Hunderter bankrotter oder stillgelegter Betriebe in neue Eigentumsformen   angek&#252;ndigt. Das wurde in dieser Form auch nicht umgesetzt.<\/p>\n<p>  Man spricht in Venezuela von einem &#8222;revolution&#228;ren Entwicklungsprozess&#8220;.   Es bewegt sich etwas in der Gesellschaft. Allerdings hat eine Revolution   hin zu einem anderen Gesellschaftssystem bisher noch nicht stattgefunden.<\/p>\n<h4>  Der &#8222;Unternehmerstreik&#8220;, den du erw&#228;hnt hast &#8211; man k&#246;nnte auch sagen,   die versuchte Sabotage des Wirtschaftslebens &#8211; war nach dem Putsch vom   April 2002 der zweite Versuch der Kapitalisten, Ch&#225;vez zu st&#252;rzen. Das   erinnert an die Sabotage der Lkw- und Transportunternehmer gegen die   Regierung der Unidad Popular unter dem Sozialisten Salvador Allende in   Chile von 1970 bis zum Milit&#228;rputsch durch Pinochet im September 1973. <\/h4>\n<p>  Ch&#225;vez befindet sich nat&#252;rlich in einem brutalen Konflikt mit den   Reichen, mit den Kapitalisten. Die angesprochenen alternativen   Superm&#228;rkte sind auch eine Reaktion darauf, dass sich der   Lebensmittelmarkt in der Hand von drei m&#228;chtigen Familien befindet. Die   Mendozas, Cisneros und Capriles haben gro&#223;en Einfluss. Diese Oligarchie   sitzt weiterhin im Sattel und tut alles, um Ch&#225;vez loszuwerden.<\/p>\n<p>  In der Tat gibt es einige Parallelen zu der Situation in Chile in den   siebziger Jahren. Dass versucht wird, ein Klima der Instabilit&#228;t zu   schaffen, dass Lebensmittel knapp gehalten werden, dass ein   Putschversuch unternommen wurde. Pinochet hatte in Chile &#252;brigens die   Unterst&#252;tzung der CIA. Die rechte Opposition ist im Moment geschw&#228;cht,   aber es kann neue Versuche geben, Ch&#225;vez zu st&#252;rzen. Bedrohlich ist auch   die Aktivit&#228;t von rechten paramilit&#228;rischen Gruppen, die von Kolumbien   aus operieren. Aber Ch&#225;vez l&#228;uft auch Gefahr, unter den Armen   Unterst&#252;tzung zu verlieren. Ihnen gehen die Fortschritte nicht weit   genug, h&#228;ufig blockiert der Regierungsapparat, es gibt Korruption, viel   B&#252;rokratie. Nachdem Ch&#225;vez den Putsch 2002 &#252;berstanden hatte, sendete er   vers&#246;hnliche Signale an die rechten Kr&#228;fte und an die Kapitalisten. <\/p>\n<h4>  Welche Aufgaben stellen sich deiner Ansicht nach nun?<\/h4>\n<p>  Wir m&#252;ssen aus der Geschichte lernen. In Chile waren die Entwicklungen   viel weiter gegangen als heute in Venezuela. Unter Allende waren sogar   40 Prozent der Wirtschaft verstaatlicht. Das hat aber nicht ausgereicht,   um eine sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen. Wie in   Chile droht bei uns die Gefahr eines R&#252;ckschlags.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt die Abh&#228;ngigkeit von den &#214;leinnahmen. Mehr als die H&#228;lfte   des venezolanischen Erd&#246;ls wird in die USA exportiert. Venezuela ist der   drittgr&#246;&#223;te &#214;llieferant der Vereinigten Staaten. Diese Einnahmequelle   kann &#8211; zum Beispiel in einer internationalen Rezession &#8211; versiegen. <\/p>\n<p>  Es ist folglich eine dringende Notwendigkeit, gro&#223;e Teile der Wirtschaft   zu verstaatlichen. Zudem gilt es, den Gro&#223;grundbesitz zu enteignen und   das Land an die verarmte Bauernschaft aufzuteilen.<\/p>\n<p>  Dar&#252;ber hinaus hat Ch&#225;vez den alten Staatsapparat, den er &#252;bernahm,   bisher nicht angetastet. Das venezolanische System &#8211; mit den ersten   kleinen Schritten Richtung Verstaatlichung der Wirtschaft,   Sozialprogrammen und einer enormen Erwartungshaltung unter ArbeiterInnen   und verarmten Bauern &#8211; ist mit vielen Widerspr&#252;chen behaftet. Das dr&#252;ckt   sich nicht zuletzt in der nach wie vor grassierenden Korruption aus.<\/p>\n<p>  Der alte Staatsapparat darf nicht fortbestehen. Die Macht der   Unternehmer und Gro&#223;grundbesitzer muss gebrochen werden. Die   Verstaatlichung der Schl&#252;sselindustrie, Arbeiterkontrolle in den   Betrieben sind n&#246;tig. Es ist erforderlich, das ganze kapitalistische   System zu &#252;berwinden und die Grundlagen f&#252;r eine Arbeiterdemokratie zu   legen.<\/p>\n<h4>  Ch&#225;vez beruft sich auf den russischen Revolution&#228;r Leo Trotzki und   verweist auf Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution.<\/h4>\n<p>  Es bleibt abzuwarten, wie ernst er es mit den Ideen von Trotzki meint.   Trotzki erkl&#228;rte schon vor Jahrzehnten, dass der Kapitalismus heute in   den unterentwickelten L&#228;ndern unf&#228;hig ist, den ArbeiterInnen und   verarmten Bauern eine Perspektive zu geben. Wir m&#252;ssen das   kapitalistische System abschaffen. Die Arbeiterklasse ist die   entscheidende Kraft. Wie Trotzki sagte, kann es keinen Sozialismus in   einem Land geben, sondern nur international.<\/p>\n<h4>  Ch&#225;vez wird bisher im Parlament von mehreren Parteien gest&#252;tzt. Jetzt   hat er die Gr&#252;ndung einer neuen Vereinigten Sozialistischen Partei   angek&#252;ndigt.<\/h4>\n<p>  In der Tat haben sich die Parteien, die bisher im Parlament Ch&#225;vez   unterst&#252;tzen und die Regierung mittragen, sofort bereit erkl&#228;rt, der   neuen Partei beitreten zu wollen. Es wird abzuwarten sein, ob sich diese   Parteien lediglich zu einem &#252;bersichtlicheren und homogeneren Block   zusammenschlie&#223;en, oder ob in die neue Partei auch AktivistInnen aus der   Bewegung ihren Weg finden, die neue Partei also gr&#246;&#223;eren Zustrom bekommt. <\/p>\n<p>  Es ist absolut notwendig, dass diese Partei in den Betrieben, in den   Stadtteilen, an den Universit&#228;ten aufgebaut wird. N&#246;tig ist eine Partei   mit einem sozialistischen und revolution&#228;ren Programm. Eine Partei, die   sich das Ziel der Arbeiterdemokratie auf die Fahnen schreibt.<\/p>\n<h5>  Welcher Bedeutung kommt deiner Ansicht nach dem Internationalismus zu?<\/h5>\n<p>  Wenn es gelingen sollte, in Venezuela die kapitalistische Herrschaft zu   st&#252;rzen, k&#246;nnte und m&#252;sste von Venezuela aus die sozialistische Bewegung   ihren Siegeszug weltweit antreten. Das Schicksal Venezuelas geht allen   ArbeiterInnen und Jugendlichen auf dem Globus etwas an. Darum ist   internationale Solidarit&#228;tsarbeit und politische Diskussion &#252;ber die   Ereignisse in Venezuela so wichtig. Nicht nur in Venezuela, auch in   anderen Teilen Lateinamerikas tut sich was, wird rebelliert, &#252;ber   Sozialismus diskutiert. Lateinamerika straft das Gerede vom&#8220;Ende der   Geschichte&#8220; L&#252;gen.<\/p>\n<p>  Rosa Luxemburg hat Recht, die Alternative lautet: &#8222;Sozialismus oder   Barbarei&#8220;. Wir werden siegen!<\/p>\n<table cellpadding=\"5\" border=\"0\">\n<tr>\n<td style=\"border: 1px dashed rgb(204, 0, 0)\">\n<p>   <i>Venezuela: Die reichsten zehn Prozent der Bev&#246;lkerung verf&#252;gen    &#252;ber 50 Prozent des nationalen Einkommens, die &#228;rmsten zehn    Prozent verf&#252;gen nur &#252;ber zwei Prozent. <\/i> <\/p>\n<p>   <i>Hugo Ch&#225;vez kam bei der Pr&#228;sidentschaftswahl im Dezember auf 63    Prozent, sein konservativer Gegenkandidat erhielt 37 Prozent.    Damit wurde Ch&#225;vez zum dritten Mal in Folge gew&#228;hlt. Bei einer    Wahlbeteiligung von 70 Prozent schnitt Ch&#225;vez um sechs Prozent    besser ab als 1998.<\/i> <\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <i><img align=\"left\" src=\"\/media\/2007\/JohanVenezuela_inMuenchen.jpg\"><br \/>\n      Gespr&#228;ch mit dem Sozialisten Johan Rivas &#252;ber Ch&#225;vez und die Frage des<br \/>\n      &#8222;Sozialismus im 21. Jahrhunderts&#8220;<\/i><br \/>Johan Rivas ist<br \/>\n      Sprecher der Gewerkschaft SIRTRASALUD im El Agodonal. Diese Gewerkschaft<br \/>\n      wurde 2004 gegr&#252;ndet. 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