{"id":11928,"date":"2007-01-31T19:27:32","date_gmt":"2007-01-31T19:27:32","guid":{"rendered":".\/?p=11928"},"modified":"2007-01-31T19:27:32","modified_gmt":"2007-01-31T19:27:32","slug":"11928","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/01\/11928\/","title":{"rendered":"Streiken gegen die Regierung"},"content":{"rendered":"<p>  Zur Debatte um &#8222;Politische Streiks&#8220; gegen Gesundheits-&#8222;reform&#8220;, Rente   mit 67 und weitere Angriffe der Gro&#223;en Koalition<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i><b>Erste Proteste von Besch&#228;ftigten w&#228;hrend der Arbeitszeit gegen die   Rente mit 67 fanden eine scharfe Reaktion der Unternehmer. Dieter Hundt   stufte den Aufruf der IG Metall als &#8222;Aufforderung zum politischen   Arbeitskampf&#8220; ein. &#8222;Solche Streiks sind rechtswidrig und unzul&#228;ssig&#8220;, so   der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb&#228;nde (BDA).<\/b><\/i> <\/p>\n<p>  <i>von Stephan Kimmerle, Berlin.<\/i><\/p>\n<p>  Der Arbeitgeberpr&#228;sident drohte KollegInnen mit &#8222;arbeitsrechtlichen   Konsequenzen&#8220;, sollten sie sich daran beteiligen. Der   SPD-Bundestagsabgeordnete Rainer Wend mahnt die IG Metall, sich &#8222;an die   verfassungsrechtlichen Vorgaben&#8220; zu halten und &#8222;keine politischen   Streiks&#8220; durchzuf&#252;hren. Frostige &#246;ffentliche Briefe zwischen Peter   Struck, SPD, und dem IG-Metall-Vorsitzenden J&#252;rgen Peters beleuchten den   tiefen Graben der sich zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften,   selbst ihren Spitzen, auftut.<\/p>\n<p>  Hundt und Co versuchen sich in verbaler Aufr&#252;stung, bevor sich die Wut   Bahn bricht: Der Unmut in den Betrieben &#252;ber die Angriffe der letzten   Jahre und die Verschlechterungen bei Arbeitszeiten und durch sinkende   Reall&#246;hne ist gewaltig. Ob Ford, Saarstahl, Dillinger H&#252;tte oder bei den   BMW-Werken: Wann immer die Gewerkschaft zu Protesten w&#228;hrend der   Arbeitszeit rief, verschafften tausende KollegInnen ihrer aufgestauten   Emp&#246;rung Geh&#246;r.<\/p>\n<p>  Dabei gehen die Gewerkschaften nur z&#246;gerlich an die Proteste, da die   Gewerkschaftsspitzen ebenfalls bem&#252;ht sind, den Ball flach zu halten.   &#8222;Reine Oppositionspolitik bringt uns nicht weiter&#8220;, rudert DGB-Boss   Sommer schon wieder zur&#252;ck bevor der DGB-Tanker auch nur richtig   abgelegt hat. IG-Metall-Vize Huber wollte sich &#8222;nicht grunds&#228;tzlich   gegen die Anhebung des Renteneintrittsalters&#8220; positionieren, nur m&#252;&#223;ten   es die Arbeitnehmer gesund erreichen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Doch mehr und mehr KollegInnen ziehen die Schlussfolgerungen aus den   vergangenen Jahre. Ein Teil des Gewerkschaftsapparats versucht, diesen   Unmut zu kanalisieren, um &#8211; begrenzt und unter eigener Kontrolle &#8211;   Proteste zu organisieren.<\/p>\n<h4>  Erfahrungen der letzten Proteste<\/h4>\n<p>  Schon aus der Protestwelle 2003 \/ 04 wurde ersichtlich: Demos k&#246;nnen der   Bewegung ihre eigene St&#228;rke vor Augen f&#252;hren. Sie k&#246;nnen aber auch noch   recht relaxed von den Herrschenden und ihren Politikern ausgesessen   werden.<\/p>\n<p>  Zwei Schlussfolgerungen wurden daraus gezogen: Ein Teil argumentierte   f&#252;r die Steigerung der Proteste durch Streiks in den Betrieben, mittels   derer die Unternehmer politisch herausgefordert und &#246;konomisch getroffen   werden sollten. Leider blieben die betrieblichen Proteste aber in ersten   Ans&#228;tzen stecken.<\/p>\n<p>  Die andere Schlussfolgerung wurde praktischer gezogen: Mit der WASG   wurde die Einheitslogik der neoliberalen Parteien aufgebrochen. Eine   politische Kraft begann, der kapitalistischen Logik etwas entgegen zu   setzen und sie heraus zu fordern.<\/p>\n<p>  Kommt die Bewegung nun durch den Niedergang der WASG hier nicht weiter,   wendet sie sich erneut der anderen Seite zu: Die f&#252;nf Demonstrationen am   21. Oktober mit rund 200.000 TeilnehmerInnen war f&#252;r viele ein   Neubeginn. Beginn hei&#223;t aber: Es muss weiter gehen.<\/p>\n<p>  Hier wird von vielen aufgegriffen, wovon Oskar Lafontaine 2006 sprach:   Ein &#8222;Recht auf Generalstreik&#8220;1 soll her, meinte der Linksfraktionschef   im Bundestag. &#8222;Betriebsr&#228;te und Gewerkschafter begr&#252;&#223;ten den Vorsto&#223; zum   Generalstreik. Demonstrationen und Kundgebungen, die oft folgenlos   blieben, seien f&#252;r viele frustrierend und die Beteiligung daher gering,   hie&#223; es&#8220;, so der Bericht der jungen Welt &#252;ber eine Betriebsr&#228;tekonferenz   der Linksfraktion im vergangenen November.<\/p>\n<h4>  &#8222;Politischer Streik&#8220;<\/h4>\n<p>  Lafontaine redet nur vom &#8222;Recht&#8220; auf einen solchen Streik. Konkretere   Initiativen sind von ihm nicht zu erwarten. Doch der Ansto&#223;, Streiks   gegen die Regierung in Erw&#228;gung zu ziehen, hilft der Debatte um den   Widerstand weiter. Die Geist des Streiks ist aus der Flasche und Hundt   und Co beziehen instinktiv Stellung. Eine Stellung, die in den 1950er   Jahren aufgebaut wurde und einen Bestandteil der Stabilisierung des   westdeutschen Nachkriegs-Kapitalismus ausmachte: &#8222;Politische   Demonstrationsstreiks sind illegal&#8220;, so Hundt.<\/p>\n<p>  Dabei wird der Begriff &#8222;politischer Streik&#8220; verwendet, um   Arbeitsniederlegungen gegen staatliche Ma&#223;nahmen zu bezeichnen.   Lafontaine verwendet den Begriff im gleichen Sinn und verlangt,   &#8222;politische Entscheidungen eines vom Volkswillen abgehobenen Parlaments   durch das Mittel des politischen Streiks korrigieren zu k&#246;nnen&#8220;2. <\/p>\n<p>  1952 streikte die IG Druck und Papier (sp&#228;ter IG Medien, heute in ver.di   aufgegangen) zwei Tage lang gegen das Betriebsverfassungsgesetz, da die   Mitbestimmung in den Betrieben zwischen Unternehmern und Arbeitgebern   nicht h&#228;lftig sondern zu Gunsten der Arbeitgeber geregelt wird. Au&#223;erdem   verpflichtet es die Betriebsr&#228;te zu &#8222;vertrauensvoller Zusammenarbeit mit   der Gesch&#228;ftsf&#252;hrung&#8220;. Der von Adenauer als &#8222;Angriff auf die   Pressefreiheit&#8220; diffamierte Streik war Teil einer Protestwelle, an der   sich Hunderttausende beteiligten. Zwar scheitert die Argumentation der   von den Arbeitgebern beauftragten Juristen, der Streik der Drucker sei   eine verfassungswidrige N&#246;tigung der Parlamente3, doch zivilrechtlich   erhalten die klagenden Verlage letztlich Recht, und die Gewerkschaft   wird zu hohen4 Schadensersatzleistungen verurteilt.<\/p>\n<p>  Nicht aufgrund eines ausformulierten Streikrechts sondern auf der   Grundlage dieser Rechtssprechung gilt seither in Deutschland:   Demonstrations- oder Erzwingungsstreiks gegen staatliche Ma&#223;nahmen   werden illegalisiert.<\/p>\n<h4>  Streikrecht nehmen, Angriffe stoppen<\/h4>\n<p>  Das Verbot des &#8222;Politischen Streiks&#8220; verhinderte ihn keineswegs: 1958   streiken Zehntausende ohne gewerkschaftlichen Aufruf gegen die atomare   Aufr&#252;stung. 1968 streiken erneut ohne Aufruf der Gewerkschaftsvorst&#228;nde   Zehntausende gegen die Notstandsgesetze. 1972 streiken Hunderttausend   gegen das Misstrauensvotum im Bundestag gegen Willy Brandt. Am 1.   Oktober 1996 legen mehr als 100.000 Besch&#228;ftigte bei Daimler die Arbeit   nieder, um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu verteidigen. Die   Proteste markierten den Anfang vom Ende der Kohl-Regierung.<\/p>\n<p>  Die jetzt erhobene Forderung nach einem &#8222;Recht auf Generalstreik&#8220; wird   nicht durch die spontane Einsicht der Abgeordneten des Deutschen   Bundestags durchgesetzt werden. Das Neue Deutschland berichtete am 30.   Oktober 06 von der &#8222;Debatte&#8220; zum Antrag der Linken5: &#8222;F&#252;r die   SPD-Abgeordnete Anette Kramme waren es &quot;die absurdesten Minuten&quot; ihres   Lebens&#8220;, die CDU-Abgeordnete Gitta Connemann sprach von einem   &#8222;verstaubten Instrument aus der Tradition sozialistischer Kaderlehre&#8220;. <\/p>\n<p>  Verbesserungen erk&#228;mpfte die Arbeiterbewegung in den letzten 150 Jahren,   indem sie sich ihre Rechte nahm.<\/p>\n<p>  Der Streik gegen staatliche Angriffe auf den Lebensstandard der   Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen im Interesse der Unternehmer ist n&#246;tig,   um dem Klassenkampf von oben etwas entgegen zu setzen. Und die Stimmung   daf&#252;r ist l&#228;ngst vorhanden. Bleiben die Schritte dahin von den   Gewerkschaftsspitzen weiter aus, so m&#252;ssen von unten lokale und   regionale Aktions- und Streiktage durchgesetzt werden, verbunden mit   einer Kampagne f&#252;r bundesweiten Protest in den Betrieben. Ein eint&#228;giger   Generalstreik in Deutschland k&#246;nnte den Besch&#228;ftigten ihre eigene St&#228;rke   plastisch vor Augen f&#252;hren und den weiteren Widerstand &#8211; auch gegen   betriebliche Angriffe &#8211; auf eine ganz andere Stufe bringen.<\/p>\n<p>  Massenhaft befolgt, kann das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Kapital und   Arbeit ver&#228;ndert werden, so dass auch die Gerichte unter Druck kommen,   ihre Rechtssprechung zu &#228;ndern. Denn Recht in der kapitalistischen   Gesellschaft ist eine Machtfrage. Das machen die Urteile &#8222;gegen&#8220; Peter   Hartz und Josef Ackermann deutlich: Die Reichen und M&#228;chtigen, brauchen   kein Gesetz zu f&#252;rchten. So regiert das Kapital in den Gerichtss&#228;len. So   wird der Widerstand illegalisiert.<\/p>\n<p>  Zeit, dass sich etwas grundlegend &#228;ndert.<\/p>\n<\/p>\n<table cellpadding=\"5\" border=\"0\" cellspacing=\"5\">\n<tr>\n<td style=\"border: 1px dashed rgb(204, 0, 0)\">\n<h5>   Politischer und &#246;konomischer Kampf aus marxistischer Sicht <\/h5>\n<p>   F&#252;r die b&#252;rgerlichen Juristen ist die Definition des &#8222;politischen    Streiks&#8220; vor allem ein Mittel, Widerstand als illegal    darzustellen. Marxisten unterscheiden politischen und &#246;konomischen    Streik nach anderen Kategorien: Solange sich Besch&#228;ftigte    unmittelbar um den f&#252;r sie g&#252;nstigsten Verkauf ihrer Arbeitskraft    k&#252;mmern, und zum Beispiel f&#252;r h&#246;here L&#246;hne gegen &#8222;ihren&#8220;    Unternehmer streiken, handeln sie &#246;konomisch. Sobald sie aber    beginnen, sich als Klasse gegen die Kapitalisten zu wehren, wird    die Auseinandersetzung zu einem politischen Kampf. Es entwickelt    sich Klassenbewusstsein. <\/p>\n<p>   &#8222;Marx gab daf&#252;r ein Beispiel: So sei ein Streik von Arbeitern    einer einzelnen Fabrik, mit dem Ziel von den Kapitalisten eine    Beschr&#228;nkung der Arbeitszeit zu erzwingen, ein &#246;konomischer    Streik. Dagegen sei ein Streik f&#252;r die Einf&#252;hrung des    Achtstundentags per Gesetz ein politischer Streik&#8220;, so Lucy Redler    in <a href=\"\/?p=11929\"> &#8222;Der Politische Streik in Deutschland nach 1945&#8220;<\/a>, 2004. <\/p>\n<p>   Karl Marx schrieb 1846 \/ 476: &#8222;Die &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse haben    zuerst die Masse der Bev&#246;lkerung in Arbeiter verwandelt. Die    Herrschaft des Kapitals hat f&#252;r diese Masse eine gemeinsame    Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse    bereits eine Klasse gegen&#252;ber dem Kapital, aber noch nicht f&#252;r    sich selbst. In dem Kampf, den wir nur in einigen Phasen    gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse zusammen,    konstituiert sie sich als Klasse f&#252;r sich selbst. Die Interessen,    welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf    von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf.&#8220; <\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Zur Debatte um &#8222;Politische Streiks&#8220; gegen Gesundheits-&#8222;reform&#8220;, Rente<br \/>\n      mit 67 und weitere Angriffe der Gro&#223;en Koalition<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[189],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11928"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11928"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11928\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11928"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11928"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}