{"id":11921,"date":"2007-01-24T19:37:54","date_gmt":"2007-01-24T19:37:54","guid":{"rendered":".\/?p=11921"},"modified":"2007-01-24T19:37:54","modified_gmt":"2007-01-24T19:37:54","slug":"11921","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/01\/11921\/","title":{"rendered":"Venezuela: Ch&#225;vez k&#252;ndigt weitere Verstaatlichungen an"},"content":{"rendered":"<p>  <img loading=\"lazy\" align=\"left\" src=\"http:\/\/www.socialistparty.org.uk\/Images\/webpic\/6.48378.jpg\" height=\"120\" width=\"170\">  Ch&#225;vez: &#8222;<i>Wir bewegen uns in Richtung einer sozialistischen   Republik Venezuela<\/i>&#8220;<br \/>von Karl Debbaut, <a href=\"http:\/\/www.socialistworld.net\/\"> Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale<\/a>, 10. Januar 2007<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nach der Vereidigung seines neuen Kabinetts k&#252;ndigte Hugo Ch&#225;vez in   einer im Fernsehen &#252;bertragenen Ansprache die Verstaatlichung von   Electricidad de Caracas, Venezuelas gr&#246;&#223;tem privaten Stromversorger, und   dem Telekommunikations-Riesen CANTV an. Beide Firmen wurden von der   Vorg&#228;ngerregierung in den fr&#252;hen neunziger Jahren privatisiert.<\/p>\n<p>  &#8222;Die Nation sollte ihr Eigentum an strategischen Sektoren der Wirtschaft   wieder erlangen&#8220;, sagte Ch&#225;vez. &#8222;Alle privatisierten Betriebe sollen   verstaatlicht werden.&#8220; Der Spott, der in der internationalen Presse &#252;ber   Ch&#225;vez ausgesch&#252;ttet wird, ist nur Ausdruck der Angst des Imperialismus   vor einer Radikalisierung in Venezuela und deren Auswirkungen auf den   Rest von Lateinamerika.<\/p>\n<p>  Die Ank&#252;ndigung Electricidad de Caracas und CANTV zu verstaatlichen und   die lukrativen &#214;lprojekte im Orinoco-Becken unter die Kontrolle der   Regierung zu stellen, kommt nach der dritten Wiederwahl von Ch&#225;vez bei   den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Dezember. W&#228;hrend des Wahlkampfes hatte er   angek&#252;ndigt, im Falle seiner Wiederwahl radikalere Ver&#228;nderungen   einzuleiten. In seiner Rede vom 9. Januar sagte er nicht nur: &#8222;Wir   bewegen uns in Richtung einer sozialistischen Republik Venezuela&#8220;. Er   bezog sich auch auf die Ideen von Marx, Lenin und Trotzki: &#8222;Ich bin sehr   deutlich auf (Leo) Trotzkis Linie &#8211; der permanenten Revolution.&#8220; <\/p>\n<p>  Es ist positiv, dass Ch&#225;vez Trotzki zitiert und dadurch Trotzki und den   Trotzkismus Millionen von Menschen in Venezuela n&#228;her bringt. Aber er   hat noch nicht die Methode und das Programm von Totzki angewendet,   insbesondere nicht im Hinblick auf die entscheidende Rolle der   Arbeiterklasse und der revolution&#228;ren Partei in der sozialistischen   Revolution und hinsichtlich der Frage der Arbeiterdemokratie.<\/p>\n<p>  Die Umgruppierung seines Kabinetts in der letzten Woche und die   Absetzung des Vize-Pr&#228;sidenten Vicente Rangel und des Innen- und   Justizministers Jesse Chac&#243;n k&#252;ndigten einen Linksruck von Ch&#225;vez an.   Vicente Rangel wurde generell als die Person betrachtet, die der   Koalition von nicht weniger als zwanzig Pro-Ch&#225;vez-Parteien politische   Stabilit&#228;t bringt. Rangel ist ein Veteran des venezolanischen   politischen Lebens und spielte eine pro-kapitalistische Rolle in der   letzten Regierung. Er hat Wirtschaftsf&#252;hrer wiederholt aufgefordert   &#8222;institutionelle politische Posten&#8220; zu &#252;bernehmen.<\/p>\n<h4>  Internationale Bedeutung<\/h4>\n<p>  Die Stellungnahmen von Ch&#225;vez und sein Vorschlag Venezuela in   &#8222;sozialistische bolivarianische Republik&#8220; umzubenennen sind von   au&#223;erordentlicher Bedeutung f&#252;r die Arbeiterbewegung in Lateinamerika   und international. Nach den als die &#8222;ersten Verstaatlichungen des 21.   Jahrhunderts&#8220; benannten Neuverhandlungen der Vertr&#228;ge mit   multinationalen Gaskonzernen durch den Pr&#228;sidenten von Bolivien, Evo   Morales, k&#246;nnte Venezuela formal die &#8222;erste sozialistische Republik des   21. Jahrhunderts&#8220; werden. Dies ist Ausdruck davon, wie weit die   Ablehnung von Neoliberalismus und Imperialismus durch die Massen auf dem   lateinamerikanischen Kontinent geht. Es dr&#252;ckt aber auch aus, dass die   Idee des Sozialismus im Kampf gegen kapitalistische und imperialistische   Ausbeutung zur&#252;ck gekehrt ist.<\/p>\n<h4>  Breite Unterst&#252;tzung f&#252;r Ch&#225;vez, aber nicht f&#252;r seine Politiker <\/h4>\n<p>  Ch&#225;vez gewann die Wahlen mit 63 Prozent der Stimmen gegen den Kandidaten   der, seit einigen Jahren erstmals einheitlich agierenden, Opposition,   Manuel Rosales. Kein anderer Pr&#228;sident auf der Welt, am wenigstens Bush   junior, kann von sich behaupten, drei aufeinanderfolgende   Pr&#228;sidentschaftswahlen mit wachsendem Stimmenanteil gewonnen zu haben.   Bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent, erzielte Ch&#225;vez sechs Prozent   mehr Stimmen als bei seiner ersten Wahl im Jahr 1998. Jedoch zeigt die   pers&#246;nliche Unterst&#252;tzung f&#252;r Ch&#225;vez nicht die Gesamtsituation in der   venezolanischen Politik bzw. der Politik und dem Ansehen der Regierung.<\/p>\n<p>  Es gibt ein tiefsitzendes Misstrauen gegen die politischen Parteien in   Ch&#225;vez` Umfeld und es gibt die weitverbreitete &#220;berzeugung, dass eine   Schicht von B&#252;rokraten sich bereichert. Das f&#252;hrte anfangs zu einer   vergleichsweise geringen Beteiligung an der Wahlkampagne. Erst als der   Oppositionskandidat Rosales es schaffte, die gr&#246;&#223;te   Oppositionsdemonstration in Caracas seit einigen Jahren zu organisieren,   f&#252;hrte die Angst vor einer R&#252;ckkehr der pro-USA-Opposition zu einem   Anstieg in der Wahlbeteiligung.<\/p>\n<p>  Obwohl die Sozialprogramme der Ch&#225;vez-Regierung den Armen geholfen   haben, weist das wachsende Gef&#252;hl der Frustration und des Misstrauens   darauf hin, dass die Politik bisher scheiterte, die fundamentalen   Probleme der Mehrheit der VenezolanerInnen zu l&#246;sen. 25 Prozent der   Bev&#246;lkerung leben weiterhin von weniger als einem US-Dollar am Tag.   W&#228;hrend die reichsten zehn Prozent der Bev&#246;lkerung &#252;ber f&#252;nfzig Prozent   des Nationaleinkommens verf&#252;gen, sind es f&#252;r die &#228;rmsten zehn Prozent   lediglich zwei Prozent. Der Zufluss von &#214;l-Einnahmen in die Wirtschaft   f&#252;hrte zu einem Anstieg der Bankeinlagen von 84 Prozent im letzten Jahr.   Seit 2003 ist das Bankverm&#246;gen um 20 Milliarden US-Dollar angestiegen.   Davon haben vor allem die reiche Mittelklasse und Oberschicht   profitiert. Gleichzeitig haben ArbeiterInnen und Arme relativ wenige   Verbesserungen der Infrastruktur erlebt und gibt es einen Anstieg von   Gewaltkriminalit&#228;t. Die Mordrate ist seit 1999 um 67 Prozent gestiegen   und Venezuela hat laut UNESCO eine der h&#246;chsten Raten an Todesf&#228;llen   durch Schussverletzungen weltweit.<\/p>\n<h4>  Schwung nach Links<\/h4>\n<p>  Die ideologische Offensive, die Ch&#225;vez nun zur Frage der Notwendigkeit   des Sozialismus und mit der Ank&#252;ndigung der Verstaatlichungen   eingeleitet hat, markiert eine klare Linksverschiebung. Damit reagiert   Ch&#225;vez sicherlich teilweise auf den Druck von unten f&#252;r weitergehende   Ma&#223;nahmen zur Armutsbek&#228;mpfung und f&#252;r eine st&#228;rkere Kontrolle der Macht   der wachsenden B&#252;rokratie. Dieser Druck w&#228;chst, da immer mehr Menschen   von der Bereicherung einer Schicht von Pro-Ch&#225;vez-B&#252;rokraten und   zeitweiligen Freunden der Regierung angewidert sind. Diese machen viel   Geld mit Projekten, die von der Regierung subventioniert werden.   Aufgrund des Fehlens einer wirklichen Arbeitermitbestimmung und   -kontrolle gibt es einen Anstieg der Korruption. Teile der   Ch&#225;vista-B&#252;rokratie sind mit unabh&#228;ngigen Bewegungen der Arbeiterklasse   kollidiert. Solche B&#252;rokraten agieren gegen jede unabh&#228;ngige Bewegung   der Arbeiterklasse und gegen Kritik an der Regierung. Sie verteidigen   ihre pers&#246;nlichen Privilegien indem sie unabh&#228;ngige   ArbeiteraktivistInnen als vom Imperialismus bezahlt bezeichnen. Im Laufe   der Wahlkampagne wurden verschiedene unabh&#228;ngige ArbeiteraktivistInnen,   darunter auch Mitglieder von Socialismo Revolucionario (Sektion des   Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale in Venezuela), von Teilen der   B&#252;rokratie als &#8222;ausl&#228;ndische Agenten&#8220; bezeichnet, weil sie die   b&#252;rokratischen Elemente des Regimes kritisierten. Das selbe geschah mit   Fischern in Guiria, die den Hafen im Kampf um ihre von einer Koalition   privater Firmen und der Hafenverwaltung bedrohten Lebensgrundlagen   besetzt hatten.<\/p>\n<p>  Die Ank&#252;ndigung von Ch&#225;vez eine Vereinigte Sozialistische Partei   Venezuelas zu bilden, die die verschiedenen Parteien der   Pro-Ch&#225;vez-Koalition ersetzen soll, ist auch ein Versuch der Kritik an   der B&#252;rokratie zu begegnen und unpopul&#228;re Politiker zu entfernen. In   seiner Ank&#252;ndigung der neuen Partei, betonte er, diese m&#252;sse von unten   aufgebaut werden und ehrlich und demokratisch sein. Er sagte, es w&#228;re   eine T&#228;uschung, wenn die neue Partei aus den Gesichtern best&#252;nde, die   die alten Parteien f&#252;hren. Er lobte au&#223;erdem die Bolschewistische   Partei, die die Russische Revolution von 1917 f&#252;hrte und kritisierte die   stalinistische &#8222;Abweichung kurze Zeit danach&#8220;. Tats&#228;chlich hat er ein   Ultimatum an die bestehenden Parteien, inklusive der Kommunistischen   Partei, gestellt: l&#246;st Euch auf und tretet der neuen Partei bei oder ihr   werdet euch au&#223;erhalb der Regierung wieder finden. Gleichzeitig wurde   erstmals ein Mitglied der Kommunistischen Partei ins Kabinett   aufgenommen.<\/p>\n<p>  Es ist unsicher, wie sich diese Vereinigte Sozialistische Partei   Venezuelas entwickeln wird. Man wei&#223; nichts &#252;ber ihr zuk&#252;nftiges   Programm, ihre Struktur und Arbeitsweise. Sicher ist der Aufbau einer   neuen revolution&#228;ren Arbeiterpartei, die einen unabh&#228;ngigen   Klassenstandpunkt einnimmt und ein revolution&#228;r-sozialistisches Programm   hat, eine der grundlegenden Aufgaben, um eine sozialistische Revolution   in Venezuela zu vertiefen und zu beenden.<\/p>\n<p>  Eine solche Partei muss jedoch von unten aufgebaut sein, mit einer   aktiven Beteiligung der Arbeiterklasse und der Armen. Ein   Zusammenschluss verschiedener B&#252;rokraten der alten Parteien, wird eine   Top-Down-Herangehensweise reproduzieren, die die Entwicklung der Partei   blockieren wird.<\/p>\n<p>  Stattdessen m&#252;sste die Partei demokratische Beteiligung, Debatte und   Entscheidungsprozesse garantieren. Sie m&#252;sste Minderheitstendenzen das   Recht geben, sich zu artikulieren und zu organisieren, und auf der Basis   gew&#228;hlter VertreterInnen agieren, die nicht mehr verdienen d&#252;rfen, als   einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn, und die abw&#228;hlbar sind.<\/p>\n<p>  Da die Arbeiterklasse die Schl&#252;sselrolle bei der Ver&#228;nderung der   Gesellschaft spielen muss, muss ihre Partei auch in der Arbeiterklasse   verankert sein und deren Klasseninteressen zum Ausdruck bringen. In   einer Partei der Klassenvers&#246;hnung w&#252;rde die Arbeiterklasse automatisch   gezwungen, eine zweitrangige Rolle zu spielen und w&#228;re nicht in der Lage   eigene Erfahrungen zu sammeln, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen und   ein eigenes revolution&#228;res Programm zu entwickeln<\/p>\n<h4>  Wirklicher Sozialismus ist n&#246;tig<\/h4>\n<p>  Das Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale unterst&#252;tzt jede   Errungenschaft und jeden Schritt voran, den die ausgebeuteten Massen in   ihrem Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und imperialistische   Dominanz gehen. Wir stehen in unvers&#246;hnlicher Opposition gegen den   US-Imperialismus und die venezolanische Bourgeoisie, die versuchen die   Ch&#225;vez-Regierung zu st&#252;rzen und das Rad der Geschichte zu den Zeiten der   offenen internationalen Auspl&#252;nderung des Landes zur&#252;ck zu drehen. <\/p>\n<p>  Aber auf halber Strecke zwischen Kapitalismus und Sozialismus stehen zu   bleiben, gef&#228;hrdet die Errungenschaften f&#252;r die Arbeiterklasse und l&#228;dt   die Konterrevolution dazu ein, sich zu organisieren und Schl&#228;ge   auszuf&#252;hren. Bisher hat es nur sehr begrenzte Verstaatlichungsma&#223;nahmen   in solchen F&#228;llen gegeben, wo die Regierung unter dem Banner der   &#8222;cogesti&#243;n&#8220; (Mitbestimmung) zwischen Staat und ArbeiterInnen   Mehrheitsanteile an Fabriken &#252;bernommen hat. Ch&#225;vez hat auch davon   gesprochen, eine staatliche Kontrolle der Zentralbank, mehr   Preiskontrollen, Kontrollen &#252;ber Zinsraten und Au&#223;enhandel einzuf&#252;hren.   Der neue Finanzminister, Rodrigo Cabezas, sagte, &#8222;Regulierung der   Einkommen ist f&#252;r uns eine Priorit&#228;t. Wir bitten um Verst&#228;ndnis bei den   Finanz- und Wirtschaftssektoren, aber wenn es kein Verst&#228;ndnis gibt &#8230;   werden wir die notwendigen Reformen einleiten.&#8220;<\/p>\n<p>  Bisher wurden aber die entscheidenden Bereiche der Wirtschaft noch nicht   verstaatlicht. Mark Weisbrot vom Centre for Economic und Policy Research   in Washington wurde im englischen Guardian zitiert: &#8222;Nach fast acht   Jahren der Ch&#225;vez-Regierung hat der private Sektor heute einen gr&#246;&#223;eren   Anteil an der Wirtschaft. Dies mag sich nun &#228;ndern aber nicht sehr   schnell oder drastisch.&#8220;<\/p>\n<p>  Ch&#225;vez und seine Minister haben wiederholt erkl&#228;rt, dass es nicht ihr   Ziel ist die gesamte Wirtschaft zu &#252;bernehmen und haben die den   Privatsektor eingeladen zu kooperieren. Die jetzt angek&#252;ndigten   Verstaatlichungen w&#252;rden nur diejenigen strategische Bereiche betreffen,   die in den fr&#252;hen neunziger Jahren privatisiert wurden. CANTV ist die   gr&#246;&#223;te Gesellschaft, deren Aktien frei gehandelt werden und Venezuelas   einziges Unternehmen, das an der New Yorker B&#246;rse notiert ist. CANTV   wurde erlaubt mehrere Gerichtsurteile zu brechen, um seine   Rentenzahlungen dem derzeit geltenden Mindestlohn-Niveau anzupassen. Es   ist unklar, was die Ank&#252;ndigung der Verstaatlichung von CANTV und des   Energiekonzerns in der Praxis bedeuten werden. In den letzten Jahren hat   es die Ch&#225;vez-Regierung vorgezogen, Vertr&#228;ge neu auszuhandeln oder sich   an Joint-Ventures zu beteiligen, anstatt direkte Verstaatlichungen   durchzuf&#252;hen. Diese Politik wurde von der Morales-Regierung in Bolivien   aufgegriffen, die die Verstaatlichung der Erdgasindustrie ank&#252;ndigte,   aber in Wirklichkeit nicht weiter ging, als die bestehenden Vertr&#228;ge neu   auszuhandeln, um dadurch die Position des Staates im Vergleich zu den   internationalen Energiekonzernen zu verbessern.<\/p>\n<p>  Es gibt historische Lehren der Allende-Regierung in Chile. Diese   verstaatlichte vierzig Prozent der Wirtschaft. Die Sandinisten in   Ncaragua verstaatlichten 25 Prozent der Industrie. In beiden F&#228;llen   bedeutete der Verzicht darauf die Expropriateure zu expropriieren [= die   Enteigner zu enteignen &#8211; Anmerkung des &#220;bersetzers], dass die   kapitalistische Klasse weiterhin die Wirtschaft kontrollieren konnte.   Auch wenn die Konterrevolution in Chile und Nicaragua unterschiedliche   Formen annahm, so waren doch die Voraussetzungen gleich, die diese   erm&#246;glichten. Nachdem die Bourgeoisie in Angst und Schrecken versetzt   wurde, weil die Massenbewegungen unterst&#252;tzt und einige Ma&#223;nahmen gegen   ihre Interessen ergriffen wurden, f&#252;hrte der Verzicht auf die v&#246;llige   politische und wirtschaftliche Entwaffnung der herrschenden Klasse zur   M&#246;glichkeit der Konterrevolution. In Chile und Nicaragua startete die   herrschende Klasse, in Zusammenarbeit mit dem US-Imperialismus, eine   Kampagne zur wirtschaftlichen Sabotage, verbreitete Chaos und bereitete   so den Weg f&#252;r die Niederlage der Sandinisten in Nicaragua und die   Milit&#228;rdiktatur in Chile.<\/p>\n<p>  Obwohl die Massen Ch&#225;vez in drei F&#228;llen gerettet haben, ist die Gefahr   der Konterrevolution nicht verschwunden. Die Probleme des   US-Imperialismus im Irak m&#246;gen dazu f&#252;hren, dass dieser vor&#252;bergehend   sein Eingreifen in Lateinamerika einschr&#228;nken muss. Dies wird sich   jedoch &#228;ndern, wenn sich die Revolution in Richtung Sozialismus weiter   entwickelt. Der Imperialismus kann weiterhin &#252;ber Stellvertreter   eingreifen. Er kann konterrevolution&#228;re Kr&#228;fte finanzieren und in Unruhe   versetzen, paramilit&#228;rische Organisationen entlang der kolumbianischen   Grenze unterst&#252;tzen oder rechte Kr&#228;fte im Staatsapparat und im Milit&#228;r   ausbilden.<\/p>\n<p>  Ch&#225;vez scheint einigen Aspekten der kubanischen Revolution nachzueifern   &#8211; in Zeitlupentempo. Aber die historische Erfahrung der Arbeiterklasse   hat gezeigt, dass es nicht m&#246;glich ist, in Trippelschritten zum   Sozialismus zu gelangen. Eine sozialistische Revolution bedarf der   bewussten und konzentrierten Beteiligung der Arbeiterklasse, in einem   B&#252;ndnis mit der Bauernschaft, um die politische Macht zu ergreifen. Der   erste Schritt ist die herrschende Klasse von ihrer wirtschaftlichen und   politischen Macht zu st&#252;rzen und unabh&#228;ngige Institutionen der   Arbeiterklasse aufzubauen. Dies kann nicht schrittweise, durch   aufeinanderfolgende im Sozialismus endende Reformen, erreicht werden.<\/p>\n<h4>  Die permanente Revolution<\/h4>\n<p>  Ch&#225;vez liegt richtig, wenn er sich auf Trotzki und die Theorie der   Permanenten Revolution beruft. Es muss sich allerdings noch zeigen, ob   er diese in der Praxis auch anwendet. Dabei handelt es sich um die   Schl&#252;sselfragen f&#252;r Venezuela und ganz Lateinamerika. In ganz   Lateinamerika haben in den letzten Jahren riesige Bewegungen   stattgefunden. Tausende waren von Mexiko im Norden bis zu L&#228;ndern wie   Bolivien, Ecuador, Argentinien an K&#228;mpfen und aufstands&#228;hnlichen   Bewegungen gegen den Neoliberalismus und Imperialismus beteiligt. Die   Aufgaben, die sich diesen Bewegungen stellen, sind die Entwicklung der   Industrie, die L&#246;sung der Landfrage, die Ausbeutung durch den   Imperialismus zu beenden und einen einheitlichen, unabh&#228;ngigen   Nationalstaat mit einer stabilen parlamentarischen Demokratie zu   errichten. Dabei handelt es sich grunds&#228;tzlich um die Aufgaben der   b&#252;rgerlichen Revolution.<\/p>\n<p>  Wie Lenin und Trotzki erkl&#228;rten, k&#246;nnen diese Aufgaben in der heutigen   Epoche nicht durch den Kapitalismus gel&#246;st werden. Das gilt umso mehr   f&#252;r die schwachen, nationalen, kapitalistischen Klassen in den   kolonialen L&#228;ndern. Die einheimische kapitalistische Klasse ist nicht in   der Lage eine unabh&#228;ngige Rolle zu spielen, weil sie aufs Engste mit dem   Imperialismus und dem einheimischen Gro&#223;grundbesitz verbunden ist. Die   L&#228;nder Lateinamerikas werden, wie auch die anderen neo-kolonialen   L&#228;nder, vom Imperialismus als Quellen billiger Arbeitskr&#228;fte benutzt;   ihre Rohstoffvorkommen werden ausgepl&#252;ndert und sie werden in einer   unterw&#252;rfigen Rolle gehalten.<\/p>\n<p>  Trotzki erkl&#228;rte, das in der modernen &#196;ra die Arbeiterklasse die Aufgabe   hat, diese grundlegenden Aufgaben zu l&#246;sen, welche f&#252;r die weitere   Entwicklung der Gesellschaft unentbehrlich sind. In der Russischen   Revolution zeigte sich, dass es die Aufgabe der Arbeiterklasse war, die   Ketten zu sprengen, die Russland mit dem ausl&#228;ndischen Imperialismus und   dem einheimischen Gro&#223;grundbesitz verband. Um dies erfolgreich zu tun,   konnte man nicht im Rahmen des Kapitalismus agieren. Um die   Produktivkr&#228;fte der Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen, war es   notwendig die Wirtschaft zu verstaatlichen und einen zentralisierten   Produktionsplan zu erstellen, der auf einem System der   Arbeiterdemokratie basierte. Mit anderen Worten: um die Aufgaben der   b&#252;rgerlichen Revolution zu erf&#252;llen, war es notwendig die   wirtschaftliche und sozialistische Kraft einer sozialistischen Revoluion   zu mobilisieren. Trotzki formulierte das so: &#8222;Das als F&#252;hrer der   demokratischen Revolution an die Macht gelangte Proletariat wird   zwangsl&#228;ufig und sehr schnell mit Aufgaben konfrontiert, deren Erf&#252;llung   eng mit Eingriffen in das b&#252;rgerliche Eigentumsrecht verbunden ist. Die   demokratische Revolution geht direkt in die sozialistische Revolution   &#252;ber und wird dadurch zur permanenten Revolution.&#8220;<\/p>\n<p>  Eine weitere Art, in der die Revolution permanent sein muss, ist ihr   Ziel aus dem Grenzen eines r&#252;ckst&#228;ndigen, unterentwickelten Landes   auszubrechen. Die Vollendung der sozialistischen Revolution ist nicht im   Rahmen der nationalen Grenzen des Nationalstaates m&#246;glich. Um Trotzki   noch einmal zu zitieren: &#8222;Die sozialistische Revolution beginnt in der   nationalen und entfaltet sich in der internationalen Arena.&#8220;<\/p>\n<p>  Das bedeutet, dass die sozialistische Revolution internationalisiert   werden, aus der Isolation herausbrechen und sich auf andere   lateinamerikanische L&#228;nder ausdehnen muss &#8211; als Schritt hin zum Aufbau   einer weltweiten sozialistischen F&#246;deration.<\/p>\n<h4>  Wirklicher Internationalismus<\/h4>\n<p>  Die heutigen Bedingungen in Lateinamerka sind sehr gut f&#252;r eine   Kooperation und f&#252;r gemeinsamen Kampf der lateinamerikanischen   ArbeiterInnen und Bauern \/ B&#228;uerinnen. Die Vollendung einer wirklichen   demokratisch-sozialistischen Revolution in Bolivien, Venezuela und Kuba   k&#246;nnte den Beginn der Planung und Etablierung einer sozialistischen   F&#246;deration erm&#246;glichen, die ein erster Schritt w&#228;re, den Rest des   Kontinents zu erfassen.<\/p>\n<p>  Selbst in ihrer ersten Phase k&#246;nnte eine demokratisch-sozialistische   F&#246;deration von Kuba, Venezuela und Bolivien enorme wirtschaftliche und   soziale Entwicklungen erm&#246;glichen und ein Attraktionspol f&#252;r   ArbeiterInnen und Jugendliche auf der ganzen Welt sein. Sie w&#252;rde   verdeutlichen, was auf der Basis von wirklichem demokratischem   Sozialismus m&#246;glich ist und die V&#246;lker von Kuba, Bolivien und Venezuela   w&#252;rden schnell einen h&#246;heren Lebensstandard als die Mehrheit der   Bev&#246;lkerung auf dem Kontinent genie&#223;en.<\/p>\n<p>  Aber diese enormen Aufgaben k&#246;nnen nicht im Namen der Arbeiterklasse, in   ihrem Dienst durch gut-meinende F&#252;hrer erf&#252;llt werden. Es sind die   Aufgaben der Arbeiterklasse, die die v&#246;llige Beteiligung und F&#252;hrung der   Arbeiterklasse verlangen. Viele Aspekte des durch Ch&#225;vez initiierten und   gef&#252;hrten Prozesses beinhalten eine starke Top-Down-Herangehensweise,   die die unabh&#228;ngige Initiative der Massen durch Gebote der Regierung   ersetzt. Viele der Errungenschaften, die Ch&#225;vez erreichen konnte, wurden   durch den hohen &#214;lpreis erm&#246;glicht. Aber der &#214;lpreis hat begonnen zu   fallen und k&#246;nnte deutlich weiter fallen, wenn die Weltwirtschaft in   einen Abschwung ger&#228;t oder gar in Stagnation oder Rezession abrutscht.   Dies k&#246;nnte die Reformen untergraben und die Reaktion st&#228;rken, was nur   durch eine sozialistische Politik verhindert werden kann, die die Macht   des Kapitalismus bricht und einen internationalen Appell aussendet. Wenn   die neue Partei und die Reformen die schon bestehende Tendenz zur   Machtkonzentration in den H&#228;nden von Teilen der B&#252;rokratie und der   chavistischen F&#252;hrung verst&#228;rkt, wird dies die aktive und bewusste   Beteiligung der Arbeiterklasse untergraben. Deshalb sollten die   vorgeschlagenen Verstaatlichungen Hand in Hand gehen mit der Einf&#252;hrung   von Arbeiterkontrolle als erstem Schritt zu Arbeiterverwaltung.   Arbeiterkontrolle bedeutet, dass gew&#228;hlte VertreterInnen der   ArbeiterInnen die vollst&#228;ndige Kontrolle &#252;ber Einstellungen und   Entlassungen, &#252;ber L&#246;hne und die t&#228;gliche Leitung der Betriebe erlangen.   Um Korruption zu bek&#228;mpfen, m&#252;ssten Ma&#223;nahmen ergriffen werden, die   L&#246;hne von Managern zu begrenzen und Manager und Vorgesetzte sollten   au&#223;erdem w&#228;hl- und abw&#228;hlbar sein. Letztlich m&#252;ssen die verstaatlichten   Betriebe Teil eines gr&#246;&#223;eren nationale Produktionsplans sein, um die   wirtschaftlichen Kapazit&#228;ten vollst&#228;ndig auszusch&#246;pfen.<\/p>\n<p>  Die Art und Weise, in der die Ch&#225;vez-Regierung in der Lage war, in den   &#246;ffentlichen Dienst, Infrastruktur und das Bildungswesen zu investieren,   gibt eine Vorstellung davon, was auf Basis einer demokratisch geplanten   Wirtschaft m&#246;glich w&#228;re &#8211; im Gegensatz zu der derzeitigen Politik, die   versucht die chaotischen Markt-Kr&#228;fte durch eingeschr&#228;nkte staatliche   Regulierung und Intervention zu kontrollieren. Auf der Basis von   Arbeiterkontrolle und -verwaltung der Schl&#252;sselbereiche der Wirtschaft   w&#228;re es m&#246;glich, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zu planen.   Der &#252;bergro&#223;e Anteil des &#214;lreichtums w&#252;rde f&#252;r den Wiederaufbau des   Lebens der einfachen VenezolanerInnen genutzt, anstatt in den Taschen   der privaten Vertragspartner zu landen. Eine demokratische   Planwirtschaft k&#246;nnte die venezolanische Gesellschaft und das Leben von   Millionen ArbeiterInnen und Armen radikal ver&#228;ndern. Arbeiterdemokratie   kann nur erreicht werden auf der Basis massenhafter Beteiligung der   Arbeiterklasse an den politischen Prozessen und durch den Aufbau von   Instrumenten zur Kontrolle, Verwaltung und Planung der Wirtschaft und   vorhandenen nat&#252;rlichen Ressourcen. In allen Betrieben, Universit&#228;ten   und Stadtteilen m&#252;ssten Komitees gebildet werden. Diese w&#252;rden   VertreterInnen w&#228;hlen, die jederzeit abw&#228;hlbar sind und nicht mehr als   einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn verdienen w&#252;rden. Diese   VertreterInnen w&#252;rden sich dann in lokalen, regionalen und nationalen   Strukturen treffen. Die Verbindung dieser Komitees auf Stadt-, Regional-   und Landesebene w&#228;re die Basis f&#252;r die Bildung einer Regierung der   ArbeiterInnen und Bauern \/ B&#228;uerinnen.<\/p>\n<p>  Ein sozialistischer gesellschaftlicher Fortschritt w&#252;rde eine   elektrisierende Wirkung auf die Massen in Lateinamerika haben und eine   neue Sprache des Sozialismus verbreiten. Dies w&#228;re die Sprache von   sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt, die sich in den gebauten   Wohnungen, der Menge an verteilten Nahrungsmitteln, den geschaffenen   Arbeitspl&#228;tzen und gesicherter Demokratie artikulieren w&#252;rde. Das w&#228;re   der beste Garant f&#252;r die nationale und internationale Verteidigung der   venezolanischen Revolution und die Basis f&#252;r die Verbindung mit anderen   lateinamerikanischen Staaten zur Bildung einer sozialistischen   F&#246;deration Lateinamerikas als erstem Schritt zu einer weltweiten   F&#246;deration demokratisch-sozialistischer Staaten.<\/p>\n<p>  <i>&#220;bersetzung von Sascha Stanicic<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img loading=\"lazy\" align=\"left\" src=\"http:\/\/www.socialistparty.org.uk\/Images\/webpic\/6.48378.jpg\" height=\"120\" width=\"170\"><br \/>\n      Ch&#225;vez: &#8222;<i>Wir bewegen uns in Richtung einer sozialistischen<br \/>\n      Republik Venezuela<\/i>&#8220;<br \/>von Karl Debbaut, <a href=\"http:\/\/www.socialistworld.net\/\"><br \/>\nKomitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale<\/a>, 10. Januar 2007<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11921"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11921"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11921\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11921"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11921"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11921"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}