{"id":11906,"date":"2007-01-14T00:40:59","date_gmt":"2007-01-13T23:40:59","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11906"},"modified":"2012-12-30T12:07:58","modified_gmt":"2012-12-30T11:07:58","slug":"11906","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/01\/11906\/","title":{"rendered":"Buchtipp: &quot;Unsichtbar l\u00e4chelnd tr\u00e4umt er Befreiung&quot; &#8211; Erasmus Sch\u00f6fer       unterwegs mit Sisyfos"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0Zum 75. Geburtstag von Erasmus Sch\u00f6fer ist im letzten Jahr im Dittrich Verlag ein Sammelband mit Texten von und \u00fcber den Autor der Roman-Tetralogie &#8222;Die Kinder des Sisyfos&#8220; erschienen. F\u00fcr Leserinnen und Leser der drei bisher erschienen B\u00e4nde dieser Romanreihe, die eine Geschichte der bundesdeutschen Linken zwischen 1968 und 1989 darstellt, sind die Texte ein wichtiger Beitrag um Autor und Werk besser zu verstehen.<br \/>von Sascha Stanicic<!--more--><br \/>\u00a0Sch\u00f6fer ist und war Zeit seines Lebens Literat und politischer Aktivist und hat beides verbunden, wie kaum ein anderer. Wie G\u00fcnter Wallraff in einem in dem Buch abgedruckten Gespr\u00e4ch mit Sch\u00f6fer sagt, h\u00e4tte es den Werkkreis Literatur und Arbeitswelt ohne Sch\u00f6fer nicht gegeben. Wallraff bezeichnet Sch\u00f6fer als spiritus rector, Kopf, Geburtshelfer und hauptverantwortlichen Organisator des Werkkreises, der bis in die 80er Jahre hinein im Fischer Taschenbuch Verlag ca. sechzig B\u00e4nde in millionenfacher Auflage ver\u00f6ffentlichte, die sich mit der Arbeiterbewegung und der Arbeitswelt befassten und vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter selber zu Wort kommen lie\u00dfen. Da wurden Streikberichte genauso ver\u00f6ffentlicht, wie die unter dem Titel &#8222;Der rote Gro\u00dfvater erz\u00e4hlt&#8220; ber\u00fchmt gewordenen Erinnerungen von sozialistischen Aktivisten der Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Der Werkkreis hatte bis zu drei\u00dfig lokale Gruppen im ganzen Bundesgebiet, in denen Journalisten, Schriftsteller und schreibende Arbeiter zusammen kamen. G\u00fcnter Wallraff sagt dazu treffend: &#8222;Heute w\u00e4re diese Gruppenarbeit (&#8230;) wieder angesagt, noch st\u00e4rker als damals. Was jetzt an Mobbing, an Wegnahme erk\u00e4mpfter Rechte, an totalen Infragestellungen und R\u00fcckf\u00e4llen in fr\u00fchkapitalistische Zust\u00e4nde vorherrscht. Und es wird so gut wie nicht dar\u00fcber berichtet, oder nur am Rande, hier und da mal Spurenelemente in Tages- oder Wochenzeitungen. Aber als zentrales Thema ist es v\u00f6llig aus dem Blickpunkt. Aber es w\u00e4re l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig. Die Verh\u00e4ltnisse schreien f\u00f6rmlich danach.&#8220;<\/p>\n<p>Dies ist ein Hinweis auch auf die Aktualit\u00e4t von Sch\u00f6fers Werk. Denn seine Romane sind nicht nur ein &#8222;bedeutendes literarisches Geschichtsbuch&#8220;, sondern sie geben heutigen AktivistInnen die M\u00f6glichkeit, &#8222;auf diese Erfahrungen zur\u00fcckzugreifen, sich daran zu orientieren und sie f\u00fcr ihr eigenes Handeln nutzbar zu machen&#8220;, wie es sein Verleger Volker Dittrich in seinem einleitenden Beitrag zum Sammelband ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Diese Aktualit\u00e4t springt einem in dem abgedruckten Fragment des in Arbeit befindlichen vierten Bandes der Roman-Reihe geradezu entgegen. Unter der Kapitel-\u00dcberschrift &#8222;Arbeitsfreiheit&#8220; wird hier die Entlassung des Mannesmann-Betriebsratsvorsitzenden Manfred Anklam beschrieben. In seiner Reaktion auf die Zustimmung zu dieser Entlassung durch seine Gewerkschafts-&#8222;Kollegen&#8220; im Betriebsrat legt er die Finger in die Wunden der Gewerkschaften und klagt die B\u00fcrokratie an: &#8222;Kaum haben wir einen von uns dank Mitbestimmung in den Aufsichtsrat gehievt, versteht er die Logik der Bosse!&#8220; Und \u00fcber den Gewerkschaftschef: &#8222;Aber er hats gewusst, nat\u00fcrlich hat ers gewusst dass sie uns Reisholzer kaputt machen wolln, egal ob wir den besten Stahl in Deutschland schmieden, nur um aus Montan rauszukommen, kein Sterbenswort davon hat er uns wissen lassen, damit wir sch\u00f6n brav produzieren bis zur letzten Tonne und keinen Stunk machen und er, ihr werdets erleben, in der n\u00e4chsten Regierung Arbeitsminister wird, egalb ob bei Schmidt oder Strauss, oder vielleicht wie der Leber Verteidigungsminister und die ganze IG Metall wird jubeln Einer von uns im Kabinett! Kein Wort mehr von Gegenmacht! Das ist die Konzertierte Aktion \u00fcber die Hintertreppe meine Herrn, deshalb schei\u00df ich auf ihre Mitbestimmung, egal ob Montan oder nicht, mit der sie uns eingeseift haben, und ein ganzer stolzer betriebsrat, 14 Mann und eine Frau, nickts ab wenn ihm der Vorsitzende weggeschossen wird! Hab ich mir denn meine Bude renovieren lassen auf betriebskosten wie der Feckler von F&amp;G? Hab ich unsre Ellie vernascht? Hab ich Lustreisen nach Brasilien gemacht mit Mannesmannknete wie der Loderer? Hab ich das? Wie?&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Auszug aus dem in diesem Jahr hoffentlich zu erwartenden vierten Band mit dem Titel &#8222;Winterd\u00e4mmerung&#8220; macht gro\u00dfe Vorfreude.<\/p>\n<p>Der Sammelband &#8222;Unsichtbar l\u00e4chelnd tr\u00e4umt er Befreiung&#8220; enth\u00e4lt unter anderem auch einen Brief Heinrich B\u00f6lls an Erasmus Sch\u00f6fer, in dem er diesem 1984 als Lektor des LAMUV-Verlags erkl\u00e4rt, warum dieser seinen Roman &#8222;Tod in Athen&#8220; &#8211; die urspr\u00fcngliche Fassung des dritten Tetralogie-Bandes &#8222;Sonnenflucht&#8220; nicht herausbringt. Au\u00dferdem interessante Gespr\u00e4che mit Sch\u00f6fer selber und verschiedene Artikel zu &#8222;Die Kinder des Sisyfos&#8220;. Besonders interessant ist unter anderen der Text von R\u00fcdiger Scholz, in dem auch auf den autobiographischen Gehalt der Romanreihe eingegangen wird, aber auch einige interessante literaturtheoretische Positionen vertreten werden. So zum Beispiel zu Sch\u00f6fers sehr eigener darstellung von Liebe und Sexualit\u00e4t, die zu Kontroversen mit seinem Verleger Dittrich gef\u00fchrt hat. Scholz schreibt dazu: &#8222;Die sexuelle Liebe erh\u00e4lt eine eigene Sprache jenseits pornographischer Darstellung. Sch\u00f6fer hat versucht, eine neue Liebessprache zu entwickeln, die der Lebensmacht Liebe auch als k\u00f6rperlicher Liebe gerecht wird und damit klar macht, dass die Alternative Liebe oder politische Arbeit nicht existiert.&#8220;<\/p>\n<p>Scholz arbeitet auch andere interessante Aspekte von Sch\u00f6fers Roman heraus: die m\u00e4nnliche Perspektive, die historische Faktizit\u00e4t, die konsequente Perspektive von unten (im gesellschaftlichen Sinne). Doch Scholz irrt in einem Punkt. Er schreibt: &#8222;Die Romane konstatieren das Scheitern der Hoffnungen, die Grundhaltung ist pessimistisch, elegisch, resignativ. Schon der Gesamttitel &#8222;Die Kinder des Sisyfos&#8220; zeigt die Vergeblichkeit des Handelns.&#8220; Darauf antwortet Sch\u00f6fer selber in einem in der jungen Welt ver\u00f6ffentlichten Interview: &#8222;Mir geht es bei dem Sisyfos-Mythos nicht um die Vergeblichkeit, sondern um die Best\u00e4ndigkeit in dem Versuch, den Stein auf den Berg zu bringen und sich nicht entmutigen zu lassen. Die Menschen, von denen ich schreibe, das sind diejenigen, die zwar auch oft verzweifeln, vielleicht die Hoffnung mal verlieren, aber doch im Grunde wissen, dass sie weitermachen wollen, dass die humanit\u00e4ren Ideale und Einrichtungen, die in der Geschichte unserer abendl\u00e4ndischen Gesellschaften erarbeitet wurden, bewahrt, verteidigt und weiter entwickelt werden m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Schwachpunkt aus marxistischer Sicht bleibt auch in den Texten dieses Sammelbandes, wie auch in der Romanreihe selber, die Auseinandersetzung mit den sich sozialistisch nennenden Staaten der DDR, Sowjetunion und Osteuropas. Diese Auseinandersetzung wird gef\u00fchrt, aber sie geht viel zu wenig in die Tiefe und bringt keine treffende Analyse dieser b\u00fcrokratisch-diktatorischen Gesellschaften hervor. Sch\u00f6fer war DKP-Mitglied und nennt sich heute Mitglied der &#8222;KPW&#8220; (Kommunistische Partei der Welt). Es ist beeindruckend, wenn er sagt: &#8222;Ich bin nie ein parteih\u00f6riger Schriftsteller gewesen. Nach 1980 habe ich f\u00fcnf Jahre am Tod in Athen gearbeitet, der 1986 erschien. Da stand die ganze Verzweiflung eines Kommunisten \u00fcber die im Namen Stalins begangenen Verbrechen schon drin. Ich hatte eine ganz einfache Maxime, die hie\u00df, ich sage, was ich sagen will und was ich zu sagen f\u00fcr n\u00f6tig halte ohne R\u00fccksicht auf so genannte Parteidisziplin. Und wenn das den Genossen nicht passt, dann sollen sie mich ausschlie\u00dfen und ein Verfahren gegen mich machen. Ich von mir aus gebe aber den Gedanken nicht auf, dass eine Kommunistische Partei in diesem Land einen Sinn hat und dass man sie so entwickeln muss, dass sie auch eine gr\u00f6\u00dfere \u00dcberzeugungskraft findet.&#8220; Was fehlt, ist das Verst\u00e4ndnis, dass eine sozialistische oder kommunistische Partei nur dann an \u00dcberzeugungskraft gewinnen kann, wenn sie mit dem System Stalin, dem System Honecker, dem System Breschnew bricht und ein Programm authentischer sozialistischer Demokratie vertritt. Etwas mehr Trotzki w\u00fcrde Sch\u00f6fer und seinen Protagonisten in diesem Zusammenhang gut tun. Und trotzdem ist R\u00fcdiger Scholz in seinem Fazit zuzustimmen: &#8222;Die Romane als Repr\u00e4sentation bundesdeutscher Geschichte der linken Bewegung seit den 60er Jahren sind ein gro\u00dfer Wurf. Das Unternehmen ist einzigartig, Sch\u00f6fers Wissen und Kraft zur Verdichtung von immensem historischen Material bewundersnwert. H\u00e4lt der noch ausstehende vierte Roman Winterd\u00e4mmerung die H\u00f6he der drei vorliegenden, wird die Sisyfos-Tetralogie die authentischste Romandarstellung bundesdeutscher Geschichte vom Aufbruch in den 60er Jahren bis zum Ende des Sowjetsozialismus&#8220;<\/p>\n<p>Schade nur, dass die Auflage der B\u00fccher nur im vierstelligen Bereich liegt und keiner breiteren Leserschaft zug\u00e4nglich ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 75. Geburtstag von Erasmus Sch\u00f6fer ist im letzten Jahr im Dittrich Verlag ein Sammelband mit Texten von und \u00fcber den Autor der Roman-Tetralogie &#8222;Die Kinder des Sisyfos&#8220; erschienen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[252],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11906"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11906"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11906\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}