{"id":11902,"date":"2007-01-02T12:12:07","date_gmt":"2007-01-02T11:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11902"},"modified":"2017-07-06T13:51:32","modified_gmt":"2017-07-06T11:51:32","slug":"11902","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/01\/11902\/","title":{"rendered":"Gewerkschaften: Bilanz 2006"},"content":{"rendered":"<p>  Weitere Verschlechterungen bei Einkommen und Arbeitszeiten. Erbitterte   Gegenwehr auf betrieblicher Ebene. Linke nutzt Polarisierung bislang   nicht<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Daniel Behruzi <\/i><\/p>\n<p>  F&#252;r die Gewerkschaften war 2006 ein Jahr voller Widerspr&#252;che. Auf der   einen Seite steht eine verheerende Bilanz: Allerorten wurden   Arbeitszeiten verl&#228;ngert, L&#246;hne gek&#252;rzt und Arbeitsbedingungen   verschlechtert. Die Flucht der Unternehmer aus den Fl&#228;chentarifvertr&#228;gen   h&#228;lt ebenso an wie deren innere Zergliederung. Andererseits haben die   Besch&#228;ftigten in vielen betrieblichen und tariflichen Konflikten die   Kapitaloffensive nicht widerstandslos hingenommen.<\/p>\n<p>  <b>&#214;ffentlicher Dienst<\/b><\/p>\n<p>  Die Gewerkschaftsspitzen haben auch 2006 eine Vielzahl hart erk&#228;mpfter   Errungenschaften preisgegeben. Im &#246;ffentlichen Dienst hat die Ersetzung   der alten Fl&#228;chentarifvertr&#228;ge durch das &#187;Jahrhundertwerk&#171; TV&#214;D eine   scheinbar unaufhaltsame Abw&#228;rtsspirale in Gang gesetzt. Statt   Vereinheitlichung und Vereinfachung gelten bei Einkommen und vor allem   Arbeitszeiten nun zwischen Bund, L&#228;ndern und Kommunen sowie von   Bundesland zu Bundesland v&#246;llig unterschiedliche Regelungen. Die   &#246;ffentlichen &#187;Arbeitgeber&#171; haben die im TV&#214;D enthaltenen Zugest&#228;ndnisse   &#8211; u.a. die Einf&#252;hrung einer neuen Niedriglohngruppe und die Abschaffung   der Sozialzuschl&#228;ge &#8211; nicht beschwichtigt, sondern zu immer dreisteren   Forderungen angestachelt. Aktuell streitet die Vereinigung der   kommunalen Arbeitgeberverb&#228;nde (VKA) daf&#252;r, die Wochenarbeitszeiten   fl&#228;chendeckend auf die f&#252;r die bayerischen Landesbediensteten geltenden   40 Stunden und sechs Minuten zu verl&#228;ngern. &#220;blicherweise wird man aus   Schaden klug. Nicht so aber offenbar die ver.di-Spitze, die mit dem   &#187;Tarifvertrag Zukunftssicherung&#171; &#173;(ZuSi) Lohnk&#252;rzungen von bis zu zehn   Prozent in den Kliniken erm&#246;glicht, um damit Investitionen zu   finanzieren. Da&#223; ver.di damit eine Art &#187;Investivlohn&#171; geschaffen hat,   der in den grundsatzpolitischen Verlautbarungen der   Dienstleistungsgewerkschaft stets abgelehnt wird, interessiert offenbar   nicht.<\/p>\n<p>  Die Entwicklung im &#246;ffentlichen Dienst hat allerdings auch eine positive   Kehrseite. So haben 2006 Tausende Besch&#228;ftigte in Krankenh&#228;usern,   Landes&#228;mtern und Kitas &#8211; viele von ihnen zum ersten Mal &#8211; an zum Teil   wochenlangen Streiks teilgenommen. Auf diese Erfahrung werden sie   sicherlich schon bald wieder zur&#252;ckgreifen m&#252;ssen. Zentrum des Konflikts   war nicht zuf&#228;llig die baden-w&#252;rttembergische Landeshauptstadt   Stuttgart, einer der wenigen ver.di-Bezirke, in denen linke Funktion&#228;re   das Sagen haben. Weil hier in der Kommune fast 60000 und beim Land rund   75000 Streiktage &#187;verlorengingen&#171;, blieb die &#187;Arbeitgeber&#171;offensive hin   zur 40-Stunden-Woche auf halbem Weg stecken. Auch wie der Arbeitskampf   in Stuttgart &#8211; im Unterschied zu vielen anderen Bezirken &#8211; gef&#252;hrt   wurde, enth&#228;lt einige Lehren. Auf t&#228;glichen, auch betriebs&#252;bergreifenden   Versammlungen konnten sich die Streikenden austauschen. Mit   w&#246;chentlichen stadt- und landesweiten Demonstrationen zeigte man St&#228;rke.   Und mit der Blockade der &#246;rtlichen M&#252;llverbrennungsanlage fand ver.di   Stuttgart eine offensive Antwort auf die Streikbruchversuche der Kommune.<\/p>\n<p>  <b>Metallindustrie<\/b><\/p>\n<p>  Die in der IG Metall stattfindenden Prozesse &#228;hneln denen bei ver.di in   ihrer Widerspr&#252;chlichkeit. Die Spitze der Metallergewerkschaft war &#8211;   trotz teilweise hervorragendem Organisationsgrad &#8211; vielfach zu   kampflosen Zugest&#228;ndnissen bereit, um damit Produktionsverlagerungen   vermeintlich zu verhindern. Da&#223; diese &#187;Strategie&#171; nicht aufgeht, hat   nicht zuletzt der Fall BenQ gezeigt. Die in den seinerzeit noch zum   Siemens-Konzern geh&#246;renden Werken in Bocholt und Kamp-Lintfort 2004   akzeptierte unbezahlte Arbeitszeitverl&#228;ngerung &#8211; der erste bedeutende   Tabubruch dieser Art &#8211; hat die Betriebsschlie&#223;ungen und Entlassungen   letztlich nicht verhindert. Dennoch hat die IG-Metall-Spitze es   zugelassen, da&#223; ein Gro&#223;teil der Unternehmen dem &#187;Vorbild&#171; Siemens   gefolgt ist. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch das Pforzheimer   Abkommen von Anfang 2004, das betriebliche Abweichungen vom Fl&#228;chentarif   auch ohne &#246;konomische Notlage erm&#246;glicht. Laut IG Metall haben bis Ende   Oktober 2006 hiervon 938 Unternehmen Gebrauch gemacht.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Aber auch hier gibt es eine entgegengesetzte Tendenz. Obwohl selbst gut   organisierte Belegschaften &#8211; wie zuletzt bei VW &#8211; unter Erpressungsdruck   Verschlechterungen oftmals ohne gr&#246;&#223;eren Widerstand akzeptieren, nimmt   die Bereitschaft zum Lohnverzicht merklich ab. Das belegt u.a. eine   Umfrage vom April 2006, bei der zwar jeder zweite Besch&#228;ftigte sagte, er   habe Angst um seinen Arbeitsplatz, sich aber nur ein Drittel zu   Arbeitszeitverl&#228;ngerung und ein Viertel zu Lohnverzicht bereiterkl&#228;rte,   um den Job vermeintlich zu retten.<\/p>\n<p>  <b>Bittere Konflikte<\/b><\/p>\n<p>  Bereits 2005 fanden in einer Vielzahl von Betrieben Abwehrk&#228;mpfe gegen   Werksschlie&#223;ungen oder Entlassungen statt. Die H&#228;rte und Verbitterung,   mit der viele dieser Konflikte ausgetragen wurden, hat sich 2006 noch   versch&#228;rft. Exemplarisch hierf&#252;r war der Kampf um den Erhalt der   Berliner Waschmaschinenfabrik BSH, der erstmals zumindest die   Teilfortf&#252;hrung der Produktion erzwang. Kurzzeitig schienen die   Gewerkschafts- und Betriebsratsspitzen gar die Kontrolle &#252;ber die   aufgebrachten Arbeiter zu verlieren. Da&#223; der Streik aber trotz der   Ablehnung des erzielten Kompromisses durch zwei Drittel der Belegschaft   nicht fortgesetzt werden konnte, zeigt zweierlei: Zum einen fehlte   hierf&#252;r eine organisierte Gruppe oppositioneller Gewerkschafter, die den   Kollegen eine Alternative zum IG-Metall-Apparat h&#228;tte anbieten k&#246;nnen.   Zum anderen wurde deutlich, da&#223; der Widerstand gegen   Betriebsschlie&#223;ungen schwer in aller Konsequenz zu f&#252;hren ist, wenn das   private Eigentum nicht in Frage gestellt wird.<\/p>\n<p>  Dennoch sind die Ereignisse bei BSH ein Hinweis darauf, da&#223; die   Gewerkschaftsb&#252;rokratie zumindest in Einzelf&#228;llen die Belegschaften   nicht mehr vollends kontrollieren kann. Ein weiteres Beispiel hierf&#252;r   ist Panasonic in Ess&#173;lingen, wo die Besch&#228;ftigten die von der IG Metall   vereinbarte Einrichtung einer &#187;Transfergesellschaft&#171; zweimal ablehnten   und den Widerstand fortsetzten. Auch die spontanen Aktionen w&#228;hrend der   Arbeitszeit in diversen Metallbetrieben &#8211; die sich gegen mit dem   Entgeltrahmenabkommen (ERA) verbundene Lohnk&#252;rzungen richteten &#8211; belegen   die wachsende Unruhe. Diese k&#246;nnte insbesondere die Spitze der   Metallergewerkschaft dazu zwingen, Aktionen gegen Rente mit 67 und   &#187;Gesundheitsreform&#171;, zum Thema ERA oder im Rahmen der Tarifrunde zu   organisieren. Die im Herbst 2007 anstehenden Bundeskongresse der beiden   gr&#246;&#223;ten Einzelgewerkschaften ver.di und IG Metall k&#246;nnten auch dazu   f&#252;hren, da&#223; die bestehende innergewerkschaftliche Polarisierung wieder   st&#228;rker sichtbar wird.<\/p>\n<p>  2006 hat sich diese kaum in einer St&#228;rkung der organisierten   Gewerkschaftslinken niedergeschlagen. Und auch die Entstehung von WASG   und Linkspartei hatte zweischneidige Auswirkungen. Einerseits bieten sie   einen alternativen Bezugspunkt f&#252;r Gewerkschafter, die sich von der SPD   abwenden. Auf der anderen Seite hat es die &#187;neue Linke&#171; bislang v&#246;llig   vermieden, sich in den innergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu   positionieren.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <b>R&#252;ckblick: Protest<\/b><\/p>\n<p>  Im folgenden eine bei weitem unvollst&#228;ndige Zusammenstellung der   Aktionen im Jahr 2006<\/p>\n<p>  <i>von Ursel Beck<\/i><\/p>\n<p>  11. Januar: Eint&#228;gige Arbeitsniederlegung von 50000 Hafenarbeitern in   zw&#246;lf europ&#228;ischen L&#228;ndern gegen &#187;Port Package II&#171; <\/p>\n<p>  20. Januar bis 8. M&#228;rz: Arbeitskampf bei AEG in N&#252;rnberg gegen   Betriebsschlie&#223;ung<\/p>\n<p>  Ab 1. Februar: Neun- bzw. 14w&#246;chige Streiks in Kommunen und L&#228;ndern   gegen Arbeitszeitverl&#228;ngerung<\/p>\n<p>  14. Februar: Mehr als 100000 demonstrieren in Strasbourg gegen die   Bolkestein-Richtlinie<\/p>\n<p>  Ab 21. Februar: Mehr als 100 Tage Streik beim Baumaschinenhersteller CNH   in Berlin gegen Betriebsschlie&#223;ung<\/p>\n<p>  Ab 27. Februar: 101t&#228;gige Mahnwache gegen Betriebsschlie&#223;ung bei   Panasonic in Esslingen. Ab 6. Oktober treten einige Arbeiter sogar in   den Hungerstreik<\/p>\n<p>  Ab 3. M&#228;rz: Im Rahmen der Metall-Tarifrunde nehmen rund 800000   Besch&#228;ftigte an Warnstreiks teil<\/p>\n<p>  8. bis 10. M&#228;rz: In Nordrhein-Westfalens Kommunen legen insgesamt 15000   Arbeiter und Angestellte aus Solidarit&#228;t mit den streikenden   Landesbediensteten die Arbeit nieder<\/p>\n<p>  Bis 7. April: Mehr als sechs Monate Streik beim Airline-Caterer Gate   Gourmet in D&#252;sseldorf<\/p>\n<p>  3. Juni: Demonstration gegen Sozialabbau in Berlin, organisiert von   Erwerbsloseninitiativen und linken Organisationen mit 15000 Teilnehmern<\/p>\n<p>  Ab 28. Juni: Warnstreiks beim Versicherungskonzern Allianz<\/p>\n<p>  Ab 12. September: Zweiw&#246;chiger Streik an der Berliner Charit&#233;, der den   seit 2004 andauernden tariflosen Zustand beendet<\/p>\n<p>  25. September bis 20. Oktober: Streik im Berliner   Bosch-Siemens-Hausger&#228;tewerk (BSH) gegen Betriebsschlie&#223;ung<\/p>\n<p>  26. September: Mehr als 20000 VW-Besch&#228;ftigte beteiligen sich an Protest   gegen Arbeitszeitverl&#228;ngerung, die wenige Tage sp&#228;ter von der   Gewerkschaftsf&#252;hrung per Erg&#228;nzungstarifvertrag akzeptiert wird<\/p>\n<p>  21. Oktober: 220000 folgen dem Aufruf des DGB und protestieren in f&#252;nf   St&#228;dten gegen Sozialabbau<\/p>\n<p>  11. November: 1000 Besch&#228;ftigte von BenQ und Allianz demonstrieren in   D&#252;sseldorf gemeinsam gegen Arbeitsplatzvernichtung<\/p>\n<p>  Ab Anfang November: Spontane Aktionen w&#228;hrend der Arbeitszeit in   verschiedenen Metallbetrieben gegen Lohnk&#252;rzungen in Zusammenhang mit   der Umsetzung des Entgeltrahmenabkommens (ERA)<\/p>\n<p>  6. Dezember: 4000 Besch&#228;ftigte verschiedener Metallbetriebe   demonstrieren w&#228;hrend der Arbeitszeit gegen die Rente mit 67<\/p>\n<p>  15. Dezember: 2000 Arbeiter der Hamburger Hafen und Logistik (HHLA)   protestieren nach einer Betriebsversammlung vor der Konzernzentrale   gegen die geplante Teilprivatisierung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Weitere Verschlechterungen bei Einkommen und Arbeitszeiten. Erbitterte<br \/>\n      Gegenwehr auf betrieblicher Ebene. 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