{"id":11890,"date":"2006-12-16T15:10:20","date_gmt":"2006-12-16T15:10:20","guid":{"rendered":".\/?p=11890"},"modified":"2006-12-16T15:10:20","modified_gmt":"2006-12-16T15:10:20","slug":"11890","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/12\/11890\/","title":{"rendered":"Mikrokredite: Das zynische Konzept des Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p>  &#220;berraschend erhielt ein &#8222;Banker&#8220; den Friedensnobelpreis. Muhammad Yunus   ist der Gr&#252;nder der Grameen-Bank, deren System von &#8222;Mikrokrediten&#8220;   inzwischen weltweit Anerkennung und Nachahmung gefunden hat.<br \/>  <i>von Sonja Grusch<\/i><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Grameen-Bank ging 1983 aus einem Pilotprojekt in Bangladesh hervor   und hat nach eigenen Angaben bis heute Kredite an 6,6 Millionen Menschen   geben, davon 97 Prozent Frauen. Die Mikrokredite werden heute   international von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, von   Menschen mit sehr unterschiedlichem politischen Hintergrund, als ein   wesentlicher Ansatz f&#252;r die Armutsbek&#228;mpfung gesehen. Kritische Stimmen   h&#246;rt man selten. Ist die Quadratur des Kreises tats&#228;chlich gelungen? <\/p>\n<h4>  Armut: Ein Massenph&#228;nomen, das weiter zunimmt <\/h4>\n<p>  Von 1997 bis 2006 hatte die UNO das &#8222;Jahrzehnt f&#252;r die Ausrottung der   Armut&#8220; ausgerufen. Tats&#228;chlich ist die Armut aber gestiegen. Es reicht   nicht, hierzu Zahlen wie &#8222;wie viel Dollar hat ein Mensch pro Tag zur   Verf&#252;gung&#8220; heranzuziehen. Teilweise sogar aussagekr&#228;ftiger sind Angaben   zu Kindersterblichkeit, Unterern&#228;hrung, Zugang zu Bildung und   Gesundheitswesen oder die Stellung von Frauen. Tatsache ist, dass die   Anzahl der Hungersn&#246;te in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen hat.   Gab es in den 1980er Jahren durchschnittlich international 15   Hungersn&#246;te pro Jahr, so war diese Zahl nach der Jahrtausendwende auf   durchschnittlich 30 pro Jahr angestiegen. Zur selben Zeit hat rund ein   Viertel der Weltbev&#246;lkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In   Teilen von Afrika und S&#252;dostasien leiden 40 bis 50 Prozent aller Kinder   an Mangelerscheinungen. Die K&#252;rzungen und Privatisierungen im   Gesundheitswesen bringen nun auch in Osteuropa und den Staaten der   ehemaligen Sowjetunion Armutskrankheiten wie Tuberkulose wieder auf die   Tagesordnung. <\/p>\n<h4>  Entwicklungshilfe ist nicht ideologiefrei <\/h4>\n<p>  Konzepte, wie den Armen zu helfen ist, gab und gibt es viele. Niemals   sind sie ideologiefrei, sondern folgen in ihrer Entwicklung dem   politischen und &#246;konomischen Mainstream. Wenn nun Mikrokredite von   Institutionen wie UNO und Weltbank massiv unterst&#252;tzt und gef&#246;rdert   werden, dann ist Misstrauen angesagt. <\/p>\n<p>  In der Wirtschaftspolitik hat sich seit den 1980er Jahren die Doktrin   ma&#223;geblich ge&#228;ndert. Der Neoliberalismus ist das alles beherrschende   Prinzip und der Hype der Mikrokredite ist daf&#252;r Ausdruck. Hand in Hand   ging diese Entwicklung mit einem ge&#228;nderten politischen   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis. In den 1960er und 1970er Jahren traten die   ex-kolonialen Staaten selbstbewusst auf: sie waren noch nicht in der   Schuldenfalle, hatten gro&#223;teils ihre Kolonialherren abgesch&#252;ttelt und   zumindest formale Unabh&#228;ngigkeit erlangt und in Form der Sowjetunion   existierte eine Systemalternative zum Kapitalismus, wenn auch in Form   einer b&#252;rokratischen Diktatur statt einer sozialistischen Demokratie.   Heute ist die Schuldenlast der neokolonialen Staaten erdr&#252;ckend, ihre   politische und wirtschaftliche Abh&#228;ngigkeit wieder gro&#223; und ihre   herrschenden Eliten meist Marionetten verschiedener imperialistischer   Staaten <\/p>\n<h4>  Mikrokredite und Agrarpolitik <\/h4>\n<p>  Die Agrarpolitik ist ein international sehr brisantes Thema und Ursache   f&#252;r internationale Konflikte, zum Beispiel zwischen den USA und der EU,   oder auch innerhalb der EU. Auch in den internationalen Institutionen,   insbesondere der Welthandelsorganisation (WTO) stehen Agrarfragen ganz   oben auf der Tagesordnung. Die heutige Situation l&#228;sst sich im   wesentlichen in folgenden Punkten zusammenfassen: <\/p>\n<p>  * Die Industriestaaten haben Agrar&#252;bersch&#252;sse, die sie gerne in der   &#8222;3.Welt&#8220; absetzen wollen <\/p>\n<p>  * Die Agrarproduktion wird international immer st&#228;rker industrialisiert,   was insbesondere in &#228;rmeren L&#228;ndern zu Landverlust f&#252;r die bisherigen   Kleinbauern\/b&#228;uerinnen f&#252;hrt. Hybridsaatgut beschleunigt diesen Prozess   noch, da die Kleinbauern\/b&#228;uerinnen rasch in der Schuldenfalle landen. <\/p>\n<p>  * Die Industriestaaten exportieren Agrarprodukte in die &#8222;3.Welt&#8220;, die   ihrerseits auf Importe angewiesen ist, da sie auf exportorientierte   Produktion umgestellt hat (Kaffee, Tee, Tabak etc.). <\/p>\n<p>  * Die Agrarproduktion in den Industriestaaten wird teilweise hoch   subventioniert, w&#228;hrend unter anderem. durch die WTO bzw. Einzelvertr&#228;ge   den neokolonialen Staaten ihrerseits das Subventionieren verboten wird. <\/p>\n<p>  Die Politik von internationalen Institutionen wie Internationalem   W&#228;hrungsfonds (IWF), Weltbank und WTO versch&#228;rfen die Ungleichheit noch,   indem zum Beispiel die Kreditvergabe an weitreichende Zugest&#228;ndnisse   gekoppelt ist: <\/p>\n<p>  * Die Subventionen von lebensnotwendigen G&#252;tern werden stark reduziert   bzw. abgeschafft. D.h. das Grundnahrungsmittel und Heizmaterial stark im   Preis steigen, was den Lebensstandard der Bev&#246;lkerung teilweise rapide   absinken l&#228;sst. Die revolution&#228;re Bewegung 1998 in Indonesien wurde   durch ein derartiges IWF-Diktat ausgel&#246;st. <\/p>\n<p>  * Die landwirtschaftliche Produktion wird auf den Export umorientiert,   die Ertr&#228;ge f&#252;r den Schuldendienst verwendet. Die eigene Bev&#246;lkerung   kann nicht mehr ern&#228;hrt werden. <\/p>\n<p>  * Die Strukturanpassungsprogramme (SAP) bedeuten die Reduzierung von   Agrarsubventionen der &#228;rmeren L&#228;nder, wodurch diese am Weltmarkt noch   schwerer mit den &#8211; hoch subventionierten &#8211; Agrarprodukten der   imperialistischen Staaten konkurrieren k&#246;nnen. <\/p>\n<p>  Ein Ergebnis dieser Politik ist, dass es seit 1995 wieder eine Zunahme   der weltweiten Unterern&#228;hrung gibt. Die Mikrokredite wirken durchaus   auch in diese Richtung: Kredite werden zum Beispiel in Indien vor allem   f&#252;r die Errichtung kleiner Shops (Gesch&#228;fte) vergeben. Arme Menschen   werden aus der Landwirtschaft in den Dienstleistungssektor verschoben,   und sogar teilweise als Glied einer neuen Vertriebskette missbraucht.   Mit weitreichenden Folgen: Die Abh&#228;ngigkeit steigt massiv. W&#228;hrend   vorher die eigene Landwirtschaft zwar nur karge Ertr&#228;ge brachte, stellte   sie doch eine M&#246;glichkeit, die eigenen Grundbed&#252;rfnisse auch ohne den   Gelderwerb zumindest teilweise zu sichern. Durch den Wechsel in den   Dienstleistungssektor ist diese M&#246;glichkeit nicht mehr gegeben.   Angenehmer Nebeneffekt f&#252;r Multis: Land ist leichter zu bekommen, die   bisherigen LandbesitzerInnen erpressbarer (weil durch die Kredite   verschuldet), die Abh&#228;ngigkeit von importierten Nahrungsmitteln steigt. <\/p>\n<h4>  Mikrokredite und der internationale Finanzsektor <\/h4>\n<p>  Ein zentrales Argument f&#252;r Mikrokredite ist, dass hiermit ein Zugang zu   Krediten f&#252;r Menschen geschaffen wird, die zu &#8222;normalen&#8220; Krediten   aufgrund ihrer mangelnden Sicherheiten keinen Zugang haben. Hier muss   die Frage gestellt werden: Warum gibt es die Armut und auch teilweise   einen Kapitalmangel in diesen Gebieten? Die Armut der sogenannten &#8222;3.   Welt&#8220; ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen kolonialistischen und   imperialistischen Ausbeutung. Diesen L&#228;ndern wurden systematisch   Rohstoffe gestohlen, ihre Bev&#246;lkerung brutal unterdr&#252;ckt und ausgebeutet   und eine eigenst&#228;ndige industrielle Entwicklung mit aller Gewalt   verhindert. Die internationalen Institutionen &#8211; UNO, IWF, Weltbank, WTO   etc. &#8211; haben daran nicht nur nichts ge&#228;ndert, sondern betreiben diese   Politik &#8211; wenn auch in diffizilerer Form &#8211; weiter. Durch die neoliberale   Politik seit den 1980er Jahren haben sich die Gegens&#228;tze zwischen Arm   und Reich sowohl innerhalb der einzelnen Staaten, als auch zwischen den   &#8222;armen&#8220; und den &#8222;reichen&#8220; Staaten vergr&#246;&#223;ert. Bis in die 1970er Jahre   erhielten die ehemaligen Kolonien &#8211; meist staatliche &#8211; Kredite aus den   ehemaligen Kolonialstaaten. In den 1980er Jahren stiegen die Zinsen   stark an, was der Beginn der Schuldenfalle war, in dem ein Gro&#223;teil der   neokolonialen Staaten heute steckt. Tats&#228;chlich kam es in den 1980er   Jahren zu einer Umdrehung des Nettokapitalstromes &#8211; das hei&#223;t, dass die   &#8222;3. Welt&#8220; die Gewinne der imperialistischen Konzerne der &#8222;1. Welt&#8220;   finanziert. Zum Beispiel transferiert die Subsahara-Region seit 1995   j&#228;hrlich 1,5 Milliarden Dollar mehr in die n&#246;rdlichen Industriestaaten,   als sie erh&#228;lt. In den 1990er Jahren war der Zugang zu Krediten f&#252;r die   &#228;rmeren L&#228;nder schwer, was auch zu einem gewissen Kapitalmangel f&#252;hrte.   Seit der Jahrtausendwende hat sich das wieder ge&#228;ndert, teilweise auch   durch die Mikrokredite. <\/p>\n<p>  Ein weiterer Grund f&#252;r die Hinwendung internationaler   Finanzinstitutionen zu &#228;rmeren L&#228;ndern, ist die weltweite   &#220;berakkumulation. Der Kapitalismus befindet sich seit den 1980er Jahren   in einer Depression &#8211; es wird immer schwerer Gewinne zu machen. Die   internationale Konkurrenz steigt, Profite zu realisieren wird schwerer,   es gibt (gemessen an dem was sich die Menschen leisten k&#246;nnen, nicht was   sie brauchen) eine weltweite massive &#220;berproduktion. Es wird immer   weniger profitabel, Geld im Produktionsbereich anzulegen. Daher wandern   zumindest Teile des Kapitals in den spekulativen Bereich aus. Das dr&#252;ckt   sich im Boom der Finanzm&#228;rkte und immer neuen Finanz&#8220;produkten&#8220; und   Spekulationsfeldern aus. Mikrokredite stellen hier einen neuen   Finanzmarkt dar, eine neue Kundenschicht wird entdeckt, neue   Anlagem&#246;glichkeiten f&#252;r das internationale Kapital tun sich auf. <\/p>\n<p>  Die UNO hat das Jahr 2005 zum Jahr der Mikrokredite ausgerufen mit dem   Ziel 100 Millionen Menschen als Mirkokredit-KundInnen (und damit   SchuldnerInnen) zu erreichen. <\/p>\n<p>  Vergeben werden die Mikrokredite von NGOs   (Nicht-Regierungs-Organisationen), nationalen und internationalen   Bankinstituten. Schon l&#228;ngst ist dieser Markt von gro&#223;en Banken erobert   worden, wie zum Beispiel in Indien der Staatsbank Bank of India, der   Weltbank-Tochter FTC, dem Soros Economic Development Fund oder dem   responseAbilityGlobal Microfinance Fund, einem Fond an dem diverse   schweizer Banken, wie zum Beispiel die Credit Suisse Group beteiligt   sind. Viele der Gro&#223;banken arbeiten hier mit Tochtergesellschaften, in   derem Namen Begriffe wie &#8222;Entwicklung&#8220; oder &#8222;Development&#8220; oder &#228;hnliches   vorkommt, um ihren &#8222;humanistischen&#8220; Anspruch zu verdeutlichen. &#220;brigens   auch eine gute M&#246;glichkeit, kritischen AnlegerInnen in den   Industriestaaten, die ihr Geld nicht in R&#252;stungsaktien oder Umwelts&#252;nder   stecken m&#246;chten, eine Anlageform mit &#8222;reinem Gewissen&#8220; zu verkaufen   (teilweise bekannt als &#8222;Ethnikfonds&#8220;). Die internationale Koordination   findet unter dem Dach der Weltbank statt. <\/p>\n<p>  Die Austrian Development Agency (ADA), das &#8222;Kompetenzzentrum der   &#214;sterreichischen Entwicklungs- und Ostzusammenarbeit&#8220; schreibt daher   auch sehr direkt: &#8222;Anders als noch vor einigen Jahren gilt   Mikrofinanzierung heute nicht mehr als Wohlt&#228;tigkeit, sondern muss   profitabel sein.&#8220; <\/p>\n<p>  NGOs agieren oft als Vermittler zwischen Banken und &#8222;KundInnen&#8220; &#8211;   teilweise aus &#220;berzeugung, teilweise aus Alternativlosigkeit, teilweise   weil sie der verl&#228;ngerte Arm der Politik sind. Die Rolle von NGOs   insbesondere in neokolonialen Staaten, muss kritisch betrachtet werden,   da sie h&#228;ufig als Instrumente eingesetzt werden, um herrschende   Vorstellungen (das hei&#223;t Vorstellungen der Herrschenden) umzusetzen und   potentiellen Widerstand gegen Ungerechtigkeiten in kontrollierbare   Bahnen zu lenken. <\/p>\n<p>  Das Risiko f&#252;r die Banken ist vergleichsweise gering: die   R&#252;ckzahlungsrate bei Mirkokrediten liegt oft bei &#252;ber 90 Prozent, wohl   vor allem auch deshalb, weil es staatliche Zusch&#252;sse bzw. Garantien gibt   (was noch nichts dar&#252;ber aussagt, wie leicht oder eher schwer es den   KreditnehmerInnen f&#228;llt, die Kredite zur&#252;ckzuzahlen). Au&#223;erdem wird ein   gro&#223;er Teil der Kosten externalisiert &#8211; d.h. Beratung und Betreuung, die   Einsch&#228;tzung, wer einen Kredit erh&#228;lt und wer nicht, das Eintreiben und   Verwalten der Beitr&#228;ge\/Raten werden von NGOs und vor allem von den   KreditnehmerInnen (die teilweise, wie bei der Grameen-Bank als   Mitglieder gehandelt werden) geleistet. Dabei handelt es sich um   unbezahlte Arbeit, die oft als Vorbedingung f&#252;r die Gew&#228;hrung eines   Kredits geleistet werden muss. <\/p>\n<p>  Da die Kredite meist in Euro bzw. US-Dollar gew&#228;hrt werden (also quasi   Fremdw&#228;hrungskredite sind) tragen die KreditnehmerInnen bzw. die   zwischengeschalteten Stellen auch das volle Risiko von   W&#228;hrungsschwankungen. <\/p>\n<p>  Alles in allem also ein gutes Gesch&#228;ft &#8211; das sich auch noch mit   unbezahlbarer Werbung f&#252;rs eigene &#8222;humane&#8220; Image verbinden l&#228;sst. <\/p>\n<h4>  Durchsetzen einer Ideologie: Mehr Privat &#8211; weniger Staat <\/h4>\n<p>  Seit l&#228;ngerem ist ein R&#252;ckzug der Staaten aus der Entwicklungspolitik zu   verzeichnen. 1970 gab sich die UNO das &#8211; seither immer wieder &#8211;   bekr&#228;ftigte Ziel, dass die &#8222;reichen&#8220; Staaten 0,7 Prozent ihres   Bruttoinlandsproduktes f&#252;r Entwicklungshilfe zahlen sollten. Nachdem die   Zahlungen bis Anfang der 1960er Jahre gestiegen waren, sinken sie   seither wieder. Zur Zeit liegt der Wert bei durchschnittlich 0,4 Prozent   des BIP, in Deutschland bei circa 0,3 Prozent. Auch in den neokolonialen   Staaten selbst werden Ma&#223;nahmen zur Armutsbek&#228;mpfung u.a. auf Druck von   IWF und Weltbank abgeschafft &#8211; zum Beispiel die Subventionen f&#252;r   Grundnahrungsmittel. Das Konzept, Armut durch Zahlungen aus den reichen   Staaten (und nicht durch die Konzerne von der Ausbeutung dieser Staaten   profitieren) zu beenden, kann und soll hinterfragt werden, aber das   Sinken der Entwicklungshilfe spiegelt den Privatisierungstrend wieder,   der auch in diesem Bereich um sich greift. <\/p>\n<p>  W&#228;hrend also einerseits die staatlichen Ma&#223;nahmen zur&#252;ckgehen, findet   andererseits eine enorme Propaganda f&#252;r Mikrokredite statt. In den   1970er Jahren galt &#8222;Hunger ist kein Schicksal&#8220; und die Verantwortung von   Kolonialismus und Imperialismus f&#252;r Armut war breit bekannt. Viele   ex-koloniale Staaten setzten damals auf eine Politik der   Importsubstituierung, d.h. es wurde versucht, Produkte selbst anzubauen   und zu produzieren, um sich unabh&#228;ngiger von ausl&#228;ndischen Importen zu   machen (was in Zeiten zunehmender internationaler Konkurrenz von den   imperialistischen Staaten durch u.a. die WTO beendet wurde). Auch im   Verst&#228;ndnis f&#252;r die Verantwortung f&#252;r Armut fand ein Paradigmenwechsel   statt. Gerade die Mikrokredite schaffen die Illusion, das jede und jeder   nun eine Chance h&#228;tte, sich aus der Armut zu befreien. &#8222;Jeder ist seines   Gl&#252;ckes eigener Schmid&#8220; steht gro&#223; &#252;ber der Propaganda f&#252;r Mikrokredite.   Was auch bedeutet: Wer angesichts dieser gro&#223;artigen M&#246;glichkeiten arm   bleibt, ist selbst schuld. <\/p>\n<p>  In der Erkl&#228;rung des Microcredit Summits von 1997 wurde vermerkt,   Mikrokredite w&#228;ren der Sieg des Pragmatismus &#252;ber die Ideologie.   Richtiger w&#228;re es zu sagen, Mikrokredite sind der Austausch einer durch   eine andere Ideologie. <\/p>\n<p>  Die Position von Nobelpreistr&#228;ger Muhammad Yunus, passt gut in diesen   ideologischen Wechsel. Er ist z.B. gegen Schuldenstreichung f&#252;r die &#8222;3.   Welt&#8220; und meint &#8222;Menschen wachsen durch Herausforderungen, nicht durch   Linderungsmittel&#8220;. Und vergisst dabei ganz, dass das Leben in z.B.   Bangladesh an sich schon eine t&#228;gliche Herausforderung ist und dass es   nicht um Geschenke, sondern ein Ende der Ausbeutung geht. <\/p>\n<h4>  Mikrokredite: Was bringen sie den Armen? <\/h4>\n<p>  Nach all dieser Kritik k&#246;nnte man anmerken, dass Mikrokredite trotzdem   den Armen helfen, quasi eine Win-Win-Aktion sind, von der sowohl Banken   und Unternehmen als auch die Armen profitieren. Die Realit&#228;t sieht   allerdings anders aus. Umfassende Studien &#252;ber die Wirkung von   Mikrokrediten gibt es nicht, daf&#252;r eine Reihe herzerweichender   Einzelbeispiele von Frauen, die durch einen Mikrokredit eine Kuh   erhalten und ihr Selbstbewusstsein gest&#228;rkt haben. Warum es diese   Studien nicht gibt, ist an sich schon eine Frage: Warum wird ein   derartig gro&#223;angelegtes Projekt nicht bilanziert? Es gibt aber von   KritikerInnen eine Reihe von Untersuchungen und Beispielen f&#252;r die   negativen Auswirkungen von Mirkokrediten: <\/p>\n<p>  * Mikrokredite haben in der Regel sehr hohe Zinsen, die Grameen-Bank   verlangt f&#252;r Kredite zur Schaffung von Einkommen 20 Prozent pro Jahr,   aber es gibt auch Zinss&#228;tze von bis zu 40 Prozent pro Jahr. Diese Werte   sind zwar niedriger, als bei den lokalen, privaten Geldverleihern, aber   h&#246;her als gr&#246;&#223;ere Kredite bei den zum Beispiel staatlichen Banken.   Rechtfertigt werden die hohen Zinsen mit dem hohen administrativen   Aufwand, um die Kredite zu betreuen und &#8222;zum Kunden&#8220; zu bringen.   Allerdings werden ja gerade diese Kosten und Leistungen externalisiert,   sind also zum Gro&#223;teil von den KreditnehmerInnen selbst zu erbringen.   Und gro&#223;e Banken investieren in einen Bereich nur, wenn er Gewinne   verspricht. <\/p>\n<p>  * Durch den Wechsel von der Agrarwirtschaft, die eine gewisse   Unabh&#228;ngigkeit gew&#228;hrleistet, in den Dienstleistungssektor steigt die   Abh&#228;ngigkeit der KreditnehmerInnen, die oft in einen Teufelskreis   geraten. <\/p>\n<p>  * Die Verschuldung von KreditnehmerInnen &#8211; Einzelpersonen oder auch SHGs   (Selbsthilfegruppen, die oft als Basisstruktur f&#252;r die Kreditaufnahme   und -vergabe agieren) &#8211; steigt. Einerseits haben diese Menschen oft   keine Erfahrung mit &#8222;gr&#246;&#223;eren&#8220; Mengen Geld (denn auch wenn es   Mikrokredite sind, so sind es doch h&#246;here Betr&#228;ge als sie sonst haben).   Au&#223;erdem wird ein Gro&#223;teil der Kredite f&#252;r unmittelbare Ausgaben in   Notsituationen, Missernte, Tod eines Angeh&#246;rigen etc., ben&#246;tigt, der   dann keine entsprechenden Einnahmen, aber daf&#252;r k&#252;nftige Schulden   gegen&#252;ber stehen. Und dort, wo die Kredite als Investition eingesetzt   werden, gibt es, wie eine Untersuchung in S&#252;dindien zeigt, den Druck der   Banken, in Shops zu investieren. (Frauen z.B. die lieber in eine M&#252;hle   investiert h&#228;tten wurden davon &#8222;&#252;berzeugt&#8220;, in einen Shop zu   investieren.) Diese Shops sind selten profitabel &#8211; was logisch ist, denn   wer soll in diesen Shops einkaufen? Die lokale Bev&#246;lkerung hat kein   Geld, g&#228;be es die Nachfrage nach solchen Shops, dann g&#228;be es sie schon   l&#228;ngst. Aber irgendwoher muss das Geld ja kommen, um die Kredite   zur&#252;ckzuzahlen. Oft raten die Banken den KundInnen auch eher zu einem   Kredit, als zum Sparen (was keine Verschuldung bringen w&#252;rde). Andhra   Pradesh, das h&#228;ufig als &#8222;Erfolgstory von Mikrokrediten&#8220; pr&#228;sentiert   wird, ist gleichzeitig der indische Bundesstaat mit der h&#246;chsten Anzahl   an Todesf&#228;llen als Folge von Verschuldung. <\/p>\n<p>  * Mikrokredite gibt es nicht f&#252;r die &#196;rmsten der Armen. Durch die   Auswahlkriterien, die eine gewisse &#8222;Kreditw&#252;rdigkeit&#8220; ergeben m&#252;ssen   (also die Chance, dass der Kredit auch zur&#252;ckgezahlt werden kann)   bleiben all jene, die zum Beispiel nicht arbeitsf&#228;hig sind, als   KreditnehmerInnen ausgeschlossen. <\/p>\n<p>  * Das vielleicht h&#228;ufigste Argument f&#252;r Mikrokredite ist, dass dadurch   die Selbstst&#228;ndigkeit von Frauen in stark patriarchalen Gesellschaften   gest&#228;rkt w&#252;rde. Tats&#228;chlich sind in den meisten F&#228;llen Frauen die   bevorzugten oder ausschlie&#223;lichen KreditnehmerInnen. H&#228;ufig werden   Selbsthilfegruppen (SHG) eingerichtet bzw. bestehende   instrumentalisiert. Das Zusammenkommen von Frauen in Gruppen, der   Austausch von Erfahrungen etc. ist selbstverst&#228;ndlich f&#252;r das   Selbstbewusstsein positiv (wobei fraglich ist, ob es diese Strukturen   nicht ohnehin auch schon vor den Mikrokrediten gegeben hat). Aber je   mehr die Kredite, ihre Abwicklung und Betreuung, ins Zentrum r&#252;ckt,   desto mehr r&#252;cken andere Themen (Gewalt in der Familie, die Stellung von   Frauen ganz allgemein) in den Hintergrund. Oft werden die SHGs auch vom   Staat oder kreditgebenden Organisationen (zum Beispiel der Grameen-Bank)   ben&#252;tzt, um ihre Vorstellungen in Bezug auf Familienplanung, Hygiene   etc. durchzusetzen. Auch wenn vielleicht diese Vorstellungen (zum   Beispiel nur abgekochtes Wasser zu trinken) auch positiv sein k&#246;nnen,   dr&#252;ckt sich darin doch ein paternalistischer Zugang aus. Berichtet wird   auch von negativen Entwicklungen der SHGs, wenn es fehlende   wirtschaftliche Erfolge der Projekte gibt und die Schuldenr&#252;ckzahlung zu   Konflikten in der Gruppe f&#252;hrt. Besonders negativ ist, dass durch die   Tatsache, dass vor allem Frauen diese Kredite bekommen, sich aber an den   Familienstrukturen an sich nichts &#228;ndert, vor allem Frauen in die   Schuldenfalle geraten. Die Frau nimmt den Kredit auf &#8211; der Mann nutzt   das Geld bzw. zahlt Leistungen die er sonst zahlen w&#252;rde (Schulgeld f&#252;r   die Kinder) nicht, und die Frau muss den Kredit dann zur&#252;ckzahlen. Durch   zus&#228;tzliche Arbeit oder durch weiteren Verzicht bei eigenen   Bed&#252;rfnissen. <\/p>\n<h4>  Abschlie&#223;ende Bemerkungen <\/h4>\n<p>  Mikrokredite sind ein internationales Gesch&#228;ft, bei dem Millionen, wenn   nicht sogar Milliarden von Dollar im Spiel sind. Die damit betrauten   Institutionen sind sehr unterschiedlich. Nicht jede Kritik muss auf jede   Zutreffen. Zweifellos gibt es auch positive Erfahrungen mit   KreditnehmerInnen, die ihr Leben verbessern konnten. <\/p>\n<p>  Aber es ist wichtig festzustellen, dass Mikrokredite keine L&#246;sung f&#252;r   Hunger und Armut sind. Die Url&#252;ge des Kapitalismus, jeder k&#246;nne vom   Tellerw&#228;scher zum Million&#228;r werden, wird doch oftmalige Widerholung   nicht wahrer. Bangladesh wird gerne als Musterbeispiel f&#252;r die &#8222;Erfolge&#8220;   der Mikrokredite verwendet. Die Bev&#246;lkerung in Bangladesh leidet unter   anderem unter durch Arsen vergiftetes Trinkwasser und h&#228;ufige   &#220;berflutungen (die durch die Folgen der globalen Erw&#228;rmung noch   verschlimmert werden). Beides Probleme, f&#252;r die es keine individuellen   L&#246;sungen gibt. <\/p>\n<p>  Auch im 19. Jahrhundert gab es die Hoffnung durch Produktions- und   Konsumgenossenschaften quasi &#8222;soziale Inseln&#8220; im Kapitalismus zu   errichten. Auch der Versuch von Hugo Ch&#225;vez in Venezuela, eine Art   gerechtere Parallelwirtschaft aufzubauen, geht in dieselbe Richtung. <\/p>\n<p>  Aber letztlich sind all diese Ans&#228;tze zum Scheitern verurteilt wenn es   darum geht, Armut, Ausbeutung und Hunger f&#252;r alle Menschen zu   beseitigen. Eben weil die ungleiche Verteilung von Reichtum nicht   nat&#252;rlich ist, kann sie auch mit individuellen Ans&#228;tzen nicht gel&#246;st   werden. Im Gegenteil wirken Mikrokredite in Richtung einer   Individualisierung, Fragen von Widerstand zum Beispiel gegen &#252;berh&#246;hte   Preise bei Saatgut oder ungerechte Landverteilungen werden nicht   gestellt. <\/p>\n<p>  Hunger und Armut sind das Ergebnis einer Wirtschaftsordnung, in der   Profite der Dreh-und-Angelpunkt sind. Der Kapitalismus braucht   Arbeitslosigkeit und Armut um seine Profite machen zu k&#246;nnen. Ein   sozialer Kapitalismus &#8211; insbesondere f&#252;r alle Menschen auf der Welt &#8211;   ist eine Utopie, die den Notwendigkeiten und Mechanismen des Systems   widerspricht. <\/p>\n<p>  Es ist notwendig, hier und jetzt gegen Armut und Hunger zu k&#228;mpfen, aber   eine Beseitigung dieser Gei&#223;eln der Menschheit ist nur mit der   Beseitigung des Kapitalismus m&#246;glich. <\/p>\n<p>  <i>Sonja Grusch ist Bundessprecherin der Sozialistischen LinksPartei in   &#214;sterreich und Mitglied im Internationalen Vorstand des Komitees f&#252;r   eine Arbeiterinternationale. Sie lebt in Wien. <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      &#220;berraschend erhielt ein &#8222;Banker&#8220; den Friedensnobelpreis. 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