{"id":11883,"date":"2006-12-12T13:13:04","date_gmt":"2006-12-12T13:13:04","guid":{"rendered":".\/?p=11883"},"modified":"2006-12-12T13:13:04","modified_gmt":"2006-12-12T13:13:04","slug":"11883","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/12\/11883\/","title":{"rendered":"&#8222;Es ist Karneval! Der General ist tot!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Nachdem der Tod des fr&#252;heren chilenischen Diktators Augusto Pinchets   bekannt wurde, kam es im ganzen Land zu spontanen Jubelfeiern. Laut   Spiegel Online vom 11. Dezember sollen in Santiago de Chile &#252;ber 5.000   Menschen auf die Stra&#223;e gegangen sein. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Auch in einer Reihe weiterer St&#228;dte demonstrierten Hunderte. In einigen   Arbeiterstadtteilen und Armenvierteln organisierten AnwohnerInnen   Freudenfeuer. Auf den Demonstrationen wurden Slogans skandiert,   Transparente getragen, Fahnen geschwenkt. Immer wieder erklang der Ruf:   &#8222;Es ist Karneval! Der General ist tot!&#8220;<\/p>\n<p>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Als die Menge in Santiago de Chile entschied, zum Pr&#228;sidentenpalast zu   ziehen, trat der Polizeiapparat in Aktion. Wasserwerfer und Tr&#228;nengas   wurden gegen fr&#246;hliche DemonstrantInnen eingesetzt.<\/p>\n<p>  Unterdessen wurde der Sarg heimlich aus dem Krankenhaus in der   Hauptstadt, wo Pinochet im Alter von 91 Jahren verstorben war,   abtransportiert. Aus Sorge der staatlichen Beh&#246;rden um einen Aufruhr bei   dem Klinikum wurde der Sarg in einem grauen Lieferwagen fortgeschafft.<\/p>\n<p>  <b>Der Schl&#228;chter von 1973<\/b><\/p>\n<p>  Augusto Pinochet hatte am 11. September 1973 gegen den gew&#228;hlten   Pr&#228;sidenten und Sozialisten Salvador Allende geputscht. Pinochet lie&#223;   Soldaten Betriebe st&#252;rmen, Panzer auffahren, Tausende verhaften und   allein in den ersten Tagen des Milit&#228;rputsches Hunderte erschie&#223;en.<\/p>\n<p>  1970 war das Parteienb&#252;ndnis Unidad Popular von Sozialistischer Partei,   Kommunistischer Partei und anderen an die Regierung gekommen. Die   Arbeiterbewegung erwartete den Aufbau des Sozialismus in Chile. Ein   Gro&#223;teil der Betriebe wurde verstaatlicht und soziale Reformen   durchgef&#252;hrt. Die arbeitende Bev&#246;lkerung ergriff Initiativen, sich in   die Diskussions- und Entscheidungsprozesse einzubringen, vielerorts   wurden Komitees von unten gebildet. Tragischerweise tastete Allende   damals nicht den kapitalistischen Staatsapparat an. Die Massen   f&#252;rchteten schon vor dem September 1973 einen Schlag des Milit&#228;rs. Auf   einer Gro&#223;demo forderten sie, Waffen an die ArbeiterInnen und an die   verarmten Bauern zu geben. Allende hatte jedoch die Illusion, eine   sozialistische Ver&#228;nderung Schritt f&#252;r Schritt &#252;ber Reformen   herbeizuf&#252;hren &#8211; bis der b&#252;rgerliche Staat &#8211; mit der Unterst&#252;tzung des   US-Imperialismus &#8211; zuschlug. Pinochets Putsch war vom CIA ma&#223;geblich mit   vorbereitet worden.<\/p>\n<p>  <b>Neoliberalismus<\/b><\/p>\n<p>  Nach der brutalen Macht&#252;bernahme Pinochets wurde eine Milit&#228;rdiktatur   errichtet, Tausende verfolgt und umgebracht. Bis 1990 dauerte die   Herrschaft Pinochets an. Der Reallohn brach aufgrund der Repressalien   und einer Politik neoliberalen Kahlschlags im Schnitt um 25 Prozent ein.   Die fr&#252;here britische Premierministerin Margaret Thatcher zeigte sich   auf die Nachricht des Todes von Pinochet hin &#8222;tief betr&#252;bt&#8220;. Kein   Wunder, waren doch Pinochet, Thatcher und Reagan sich einig, dass die   kapitalistische Weltwirtschaftskrise Mitte der siebziger Jahre f&#252;r die   Kapitalistenklassen nur zu &#252;berwinden ist, wenn Privatisierung,   Neoliberalismus und eine entscheidende Schw&#228;chung der Arbeiterbewegung   erzielt werden. In Gro&#223;britannien und in den USA wurden nat&#252;rlich &#8211;   anders als unter Pinochet in Chile &#8211; keine Diktaturen errichtet.   Trotzdem einigte sie das Bestreben, keynesianischen Ma&#223;nahmen den R&#252;cken   zuzukehren und Schritte zu ergreifen, die heute das Etikett   &#8222;Neoliberalismus&#8220; erhalten. &#220;brigens galt der &#214;konom Milton Friedman   sowohl in Chile, als auch in Gro&#223;britannien und in den USA als geistiger   Vater dieses Kurses.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend Friedman, der ebenfalls k&#252;rzlich verstarb, in den b&#252;rgerlichen   Nachrufen &#252;berschwenglich geehrt wurde, ist man bei Pinochet nat&#252;rlich   etwas vorsichtiger. In Chile soll er aber als ehemaliger   Oberbefehlshaber der Armee trotzdem mit milit&#228;rischen Ehren beigesetzt   werden. In den Kasernen lie&#223; man bereits Halbmast flaggen.<\/p>\n<p>  <b>Klassenjustiz<\/b><\/p>\n<p>  Pinochet starb nicht in einem Gef&#228;ngnis, sondern in einem Krankenhaus,   in dem die besten &#196;rzte des Landes sich um ihn k&#252;mmerten. 16 Jahre nach   dem Ende der Milit&#228;rdiktatur, zum Zeitpunkt seines Todes, war er noch   immer nicht verurteilt und inhaftiert worden. Flugs nach Bekanntwerden   seines Todes erkl&#228;rte das chilenische Berufungsgericht alle Verfahren   f&#252;r eingestellt.<\/p>\n<p>  1998 war es Pinochet nach 508 Tagen unter Hausarrest in England unter   der Regierung von Tony Blair erlaubt worden, nach Chile zur&#252;ckzukehren &#8211;   w&#228;hrend Spanien auf den Druck von Hunderttausenden im Land hin seine   Auslieferung beantragt hatte, um ihn dort vor Gericht zu bringen.<\/p>\n<p>  <b>Neuer Aufschwung der K&#228;mpfe<\/b><\/p>\n<p>  W&#228;hrend die politische Radikalisierung in weiten Teilen Lateinamerikas   voranschritt und wir Zeugen von Massenprotesten waren, schien es in   Chile lange ruhig zu bleiben. Der Arbeiterbewegung Chiles war unter der   Diktatur von Augusto Pinochet ein schwerer Schlag verpasst worden. Es   dauerte bis in dieses Jahrzehnt hinein, dass die Arbeiterklasse sich   davon einigerma&#223;en erholte. Ausgerechnet in diesem Jahr, in dem Pinochet   &#8211; von den Millionen, die in Chile Opfer seiner Herrschaft waren, lang   ersehnt &#8211; seinen Tod fand, haben die chilenischen ArbeiterInnen und   Jugendlichen endlich den Anschluss an die Bewegung auf ihrem Kontinent   gefunden. Hunderttausende von Sch&#252;lerInnen und Studierenden streikten   &#252;ber Wochen und Monate hinweg &#8211; und nahmen sich dabei die franz&#246;sischen   Proteste in diesem Fr&#252;hjahr zum Vorbild. Das ging Hand in Hand mit einer   Zunahme von Arbeitsk&#228;mpfen. Die j&#252;ngsten Demonstrationen anl&#228;sslich des   Todes von Pinochet best&#228;tigen erneut den Umschwung in Chile.<\/p>\n<p>  Eine neue Generation beginnt heute, den Kampf gegen die Konzernherrchaft   aufzunehmen und wird in den n&#228;chsten Jahren die sozialistischen   Traditionen wiederentdecken. Es gilt, die Lehren aus den Jahren 1970 bis   1973 zu ziehen und sicherzustellen, dass ein zuk&#252;nftiger Versuch, der   unterdr&#252;ckten Massen Chiles, das Schicksal in die eigenen H&#228;nde zu   nehmen, anders ausgeht als 1973. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Nachdem der Tod des fr&#252;heren chilenischen Diktators Augusto Pinchets<br \/>\n      bekannt wurde, kam es im ganzen Land zu spontanen Jubelfeiern. Laut<br \/>\n      Spiegel Online vom 11. 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