{"id":11870,"date":"2006-12-09T18:23:31","date_gmt":"2006-12-09T18:23:31","guid":{"rendered":".\/?p=11870"},"modified":"2006-12-09T18:23:31","modified_gmt":"2006-12-09T18:23:31","slug":"11870","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/12\/11870\/","title":{"rendered":"Weltwirtschaft: Wie lange steht das Kartenhaus?"},"content":{"rendered":"<p>  Die Instabilit&#228;t der globalen Finanzm&#228;rkte kann aus einer Abk&#252;hlung der   Weltwirtschaft schnell eine handfeste Weltwirtschaftskrise machen<br \/>Meldungen   &#252;ber neue Rekorde an den Aktienb&#246;rsen d&#252;rfen uns nicht dar&#252;ber   hinwegt&#228;uschen, dass an den Weltfinanzm&#228;rkten eine ganze Reihe von   Zeitbomben ticken: Hedgefonds, Immobilienpreis-Seifenblasen,   Konsumentenverschuldung, US-Zahlungsbilanzdefizit &#8211; fraglich ist nicht,   ob, sondern wann und in welchem &#8222;Geb&#228;udefl&#252;gel&#8220; zuerst das Kartenhaus   einst&#252;rzt.<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Wolfram Klein, Weil der Stadt<\/i><\/p>\n<p>  Ein Aspekt der Globalisierung der Weltwirtschaft seit den sp&#228;ten   siebziger Jahren war eine Gewichtsverlagerung innerhalb der Wirtschaft   von der Produktion hin zum Finanzsektor. In den f&#252;nfziger und sechziger   Jahren strichen Finanzkonzerne zehn bis 15 Prozent der US-Konzernprofite   insgesamt ein, inzwischen sind es 30 bis 40 Prozent. Dahinter steckt,   dass die Profite weltweit durch die versch&#228;rfte Ausbeutung der   Lohnabh&#228;ngigen zwar anstiegen, aber anders als in den f&#252;nfziger oder   sechziger Jahren wurde ein gro&#223;er Teil der Gewinne nicht investiert,   sondern damit spekuliert.<\/p>\n<p>  Einer der Gr&#252;nde, warum das &#252;ber viele Jahre gut ging war, dass der   R&#252;ckgang der Inflation nach den siebziger Jahren mit einer gewissen   Verz&#246;gerung zu einem R&#252;ckgang der Zinsen f&#252;hrte. Niedrige Zinsen f&#252;hren   aber tendenziell zu einem Preisanstieg bei Kapitalanlagen wie Aktien   oder Grundst&#252;cken. Anders als bei den Warenpreisen gab es in diesen   Bereichen eine ganz erhebliche Inflation.<\/p>\n<p>  Es entstand eine Seifenblase nach der anderen, deren Platzen die   betroffenen Regionen und Branchen in schwere Krisen st&#252;rzte (zum   Beispiel die &#8222;Tequila-Krise&#8220;, Asienkrise, Rubelkrise der neunziger   Jahre, das Platzen der Dot.com-Seifenblase 2001), aber unter dem Strich   wurde das Kartenhaus insgesamt immer gr&#246;&#223;er, auch wenn es an der einen   oder anderen Stelle br&#246;ckelte oder zum Einsturz kam.<\/p>\n<h5>  Hedgefonds<\/h5>\n<\/p>\n<table width=\"200\" cellpadding=\"5\" align=\"right\" border=\"0\">\n<tr>\n<td>\n<h5>   Derivate &#8211; &#8222;finanzielle Massenvernichtungswaffen&#8220;? <\/h5>\n<p> &#8222;<i>Im hei&#223;esten Spiel der Finanzjongleure<\/i>&#8220;, so der  Spiegel, wird mit Derivaten, die Kreditrisiken absichern, gehandelt.  Das Volumen dieser Gesch&#228;fte stieg auf 17 Billionen Dollar an. Der &#8211; nach Bill Gates &#8211; zweitreichste Mann Warren Buffet will lieber die  Finger davon lassen und bezeichnet sie als &#8222;<i>finanzielle  Massenvernichtungswaffen<\/i>&#8220;.    <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>  Hedgefonds sind in den letzten Jahren massenhaft gegr&#252;ndet worden, weil   sie hohe Profite machten (und ihre Manager sich gigantische Geh&#228;lter   g&#246;nnten). Unter der &#220;berschrift &#8222;Die Billionen-Bombe&#8220; schrieb der   Spiegel: &#8222;Hedgefonds sammeln immer mehr Geld und spekulieren mit allem,   was Profit bringt: mit Aktien, Devisen, Rohstoffen, sogar mit den   Schulden anderer. Niemand wei&#223;, welche Risiken sie eingehen. Darum sind   sie selbst zum Risiko geworden, Experten warnen vor einem Domino-Crash&#8220;   (39\/2006).<\/p>\n<p>  Inzwischen gibt es rund 9.000 Hedgefonds, die &#252;ber eine Billion Dollar   verwalten. Gemessen an den Finanzm&#228;rkten insgesamt ist das immer noch   sehr wenig, aber wegen ihren hochriskanten Anlagestrategien k&#246;nnen sie   Turbulenzen an den Finanzm&#228;rkten erzeugen, die in keinem Verh&#228;ltnis zu   ihrem Anteil stehen. Das wurde 1998 deutlich, als der Hedgefonds Long   Term Capital Management (LTCM) Pleite ging und die US-Notenbank eine   Rettungsaktion organisierte, um eine Katastrophe des Finanzsystems   aufzuhalten.<\/p>\n<p>  Ein neues Beispiel ist Amaranth, der letzten Sommer auf steigende   Erdgaspreise spekulierte. Brian Hunter, der das organisierte, bekam   letztes Jahr 75 bis 100 Millionen Dollar Gehalt, weil der Hurrican   Katrina neben New Orleans auch diverse Raffinerien zerst&#246;rte, die Preise   stiegen und Amaranth machte ein Verm&#246;gen. Dieses Jahr blieben die gro&#223;en   Hurricane aus, die Spekulation mit dem Elend der Menschen ging schief.   Im September verlor Amaranth sechs Milliarden Dollar, 65 Prozent seines   Werts. Die Rettung von Amaranth war nicht so spektakul&#228;r wie die von   LTCM, aber das Risiko nimmt zu, nicht ab. Je mehr Hedgefonds mit   einander konkurrieren, desto mehr sinken ihre Profite auf Normalma&#223; und   desto weniger k&#246;nnen spektakul&#228;re Gewinne solche Verluste ausgleichen.<\/p>\n<p>  Die Amaranth-Krise trat ein, obwohl inzwischen Hedgefonds in den USA   beh&#246;rdlich beaufsichtigt werden. Dass Amaranth keine Folgen wie LTCM   hatte, lag vor allem daran, dass es an den Finanzm&#228;rkten zur Zeit   ruhiger ist als damals, als W&#228;hrungskrisen in S&#252;dostasien, Lateinamerika   und Russland einander folgten. Eine Hedgefonds-Krise in einem   instabileren Umfeld kann wieder so gef&#228;hrlich werden wie bei LTCM.<\/p>\n<h5>  US-Immobilienblase<\/h5>\n<p>  Und einiges spricht daf&#252;r, dass das Umfeld wieder instabiler wird. Der   Immobilienboom in den USA geht zu Ende. In den letzten Jahren hat der   H&#246;henflug der Immobilienwerte f&#252;r die Masse der Eigenheimbesitzer eine   betr&#228;chtliche Einkommensquelle dargestellt. Immobilienbesitzer wurden in   f&#252;nf Jahren auf dem Papier um f&#252;nf Billionen Dollar reicher. Dadurch   erh&#246;hte sich der Konsum trotz stagnierender Reall&#246;hne. Das wurde   realisiert, indem Eigenheimbesitzer die steigenden Immobilienpreise und   niedrigen Zinsen f&#252;r immer h&#246;here Hypothekenkredite nutzten und auch   Kreditkarten- und andere Schulden zunahmen. Der US-Konsum war der   &#8222;Staubsauger&#8220; der Weltwirtschaft, der die Export&#252;bersch&#252;sse von Ostasien   und auch teilweise von Exportweltmeister Deutschland schluckte.<\/p>\n<h5>  Verschuldung<\/h5>\n<p>  Parallel zur privaten und Staatsverschuldung (zur Finanzierung von   Aufr&#252;stung, Krieg und Steuergeschenken f&#252;r Reiche) gibt es eine   wachsende Auslandsverschuldung der US-Wirtschaft wegen der regelm&#228;&#223;igen   astronomischen Zahlungsbilanzdefizite. 2005 betrug das   US-Zahlungsbilanzdefizit 717 Milliarden Dollar, sieben Prozent des   Bruttoinlandsproduktes (BIP); f&#252;r dieses Jahr wird ein Defizit von 790   Milliarden Dollar erwartet. In den letzten Jahren ist die   US-Auslandsverschuldung auf 2,69 Billionen Dollar gestiegen.<\/p>\n<p>  Dieser Schuldenberg wurde durch den Kauf von US-Staatsanleihen durch   ausl&#228;ndische, besonders ostasiatische, Konzerne und zunehmend   Notenbanken erm&#246;glicht. So halten sie den Dollarkurs hoch, um ihren   L&#228;ndern weiter hohe Exporte in die USA zu sichern. Allein die   Zinszahlungen an ausl&#228;ndische Eigent&#252;mer von US-Staatsanleihen betragen   schon 1,1 Prozent des US-BIP. Statt ihrem Defizit brauchen die USA also   eigentlich einen Export&#252;berschuss von 1,1 Prozent des BIP, um nur die   Zinsen f&#252;r ihre Auslandsschulden zu zahlen und sich nicht weiter zu   verschulden.<\/p>\n<h5>  Der Dollar vor dem freien Fall?<\/h5>\n<p>  Der k&#252;nstlich hoch gehaltene Dollarkurs ist einer der wichtigsten   Geb&#228;udefl&#252;gel des Finanzkartenhauses. Wenn er einst&#252;rzt, w&#252;rde das nicht   nur die internationalen Finanzm&#228;rkte, sondern auch den Welthandel   ersch&#252;ttern und Handelsstr&#246;me umkehren.<\/p>\n<p>  Der Zeitpunkt einer Krise l&#228;sst sich nicht vorhersagen. Wenn die   US-Notenbank auf die Abk&#252;hlung der US-Wirtschaft mit Zinssenkungen   reagiert, k&#246;nnte dem Kartenhaus sogar noch das eine oder andere   Stockwerk hinzugef&#252;gt werden, bevor es einst&#252;rzt. Wenn die   Wirtschaftsabschw&#228;chung aber zu Einbr&#252;chen beim Konsum und bei den   Profiten f&#252;hrt, k&#246;nnen Wirtschaftsabschwung und Finanzkrise einander   verst&#228;rken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Die Instabilit&#228;t der globalen Finanzm&#228;rkte kann aus einer Abk&#252;hlung der<br \/>\n      Weltwirtschaft schnell eine handfeste Weltwirtschaftskrise machen<br \/>Meldungen<br \/>\n      &#252;ber neue Rekorde an den Aktienb&#246;rsen d&#252;rfen uns nicht dar&#252;ber<br \/>\n      hinwegt&#228;uschen, dass an den Weltfinanzm&#228;rkten eine ganze Reihe von<br \/>\n      Zeitbomben ticken: Hedgefonds, Immobilienpreis-Seifenblasen,<br \/>\n      Konsumentenverschuldung, US-Zahlungsbilanzdefizit &#8211; fraglich ist nicht,<br \/>\n      ob, sondern wann und in welchem &#8222;Geb&#228;udefl&#252;gel&#8220; zuerst das Kartenhaus<br \/>\n      einst&#252;rzt.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[188],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11870"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11870"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11870\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11870"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11870"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11870"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}