{"id":11833,"date":"2006-11-17T12:26:52","date_gmt":"2006-11-17T12:26:52","guid":{"rendered":".\/?p=11833"},"modified":"2006-11-17T12:26:52","modified_gmt":"2006-11-17T12:26:52","slug":"11833","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/11\/11833\/","title":{"rendered":"Kriegs&#228;hnliche Zust&#228;nde in Oaxaca"},"content":{"rendered":"<p>  <img src=\"\/media\/2006\/PoliceattackOaxaca.jpg\" align=\"right\">  25 Tote und 400 Verschwundene nach Bundeseinsatz zur Zerst&#246;rung der APPO<br \/>  <i>vom Dirk Kozijns, Mexiko Stadt, Freitag, den 10. November 2006   (&#220;bersetzung: Johannes Ullrich)<\/i><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Der milit&#228;rische Angriff auf die LehrerInnen und weitere Mitglieder der   APPO &#8211; &#8222;Volksversammlung der V&#246;lker Oaxacas&#8220; &#8211; setzt sich fort. Die   mexikanische Bundesregierung hat die PFP &#8211; Policia Federal Preventiva,   eine milit&#228;risch ausger&#252;stete Polizei-Sondertruppe &#8211; entsandt, um den   Aufstand zu beenden und die Barrikaden in Oaxaca-Stadt aufzul&#246;sen. Die   PFP tat sich dazu auch mit anderen paramilt&#228;rischen Gruppen, welche   praktisch eine &#8222;Lizenz zum T&#246;ten&#8220; haben, zusammen. Eine aktuelle   Zwischenbilanz jagt einem Schauer &#252;ber den R&#252;cken: Seit dem Beginn des   LehrerInnenstreiks vor f&#252;nf Monaten hat die mexikanische &#8222;Demokratie&#8220; 25   Leichens&#228;cke mit sozialen AktivistInnen des Staates Oaxaca gef&#252;llt.   Weitere 54 Personen erlitten schwere Schusswunden und &#252;berlebten nur   durch Gl&#252;ck.<\/p>\n<p>  Derzeit sieht es so aus, als w&#252;rde die schlimmste Phase erst beginnen.   Die von der Bundesregierung in einer aufgehetzten Atmosph&#228;re gef&#252;hrten   Verhandlungen gehen einher mit Kidnappings und dem &#8222;Verschwinden&#8220; von   Personen &#8211; die Chinesische Folter, aber auf die Massen angewandt. &#220;ber   400 Personen wurden als verschwunden gemeldet, aber die Beh&#246;rden in   Oaxaca geben nur 85 Festnahmen zu, von denen aktuell noch 24 in   Gewahrsam sind. In einem &#252;berraschend ehrlichen Interview in der   mexikanischen Tageszeitung La Jornada gab Lizbeth Ca&#241;a vom   oaxacensischen Justizministerium einen Einblick in die Attit&#252;de der   lokalen Eliten. Sie sagte, dass die APPO eine &#8222;gewaltt&#228;tige Gruppe&#8220; sei,   die Taten ver&#252;bt habe, welche &#8222;per Gesetz als Terrorismus definiert   sind&#8220;. Sie sagte auch, dass &#8211; obwohl die Mehrheit der Oaxacenser   ind&#237;gena-Wurzeln h&#228;tten und nicht immer Spanisch spr&#228;chen &#8211; &#8222;die   Offiziere und Mitarbeiter der Ordnungskr&#228;fte nicht die   Eingeborenen-Sprachen sprechen m&#252;ssen, da wir &#220;bersetzer haben.&#8220; Auf den   Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen, Folter und Kidnappings von   staatlicher Seite angesprochen, antwortete sie, dass diese Vorw&#252;rfe auf   Stereotypen aufbauen, die bestimmte Leute benutzen w&#252;rden, und dass im   &#220;brigen solche Dinge &#252;berall in Mexiko vork&#228;men und nicht nur in Oaxaca. <\/p>\n<h5>  Verhandlungen mit der Bundesregierung<\/h5>\n<p>  Der &#8220;secretario de Gobernacion&#8221; &#8211; Staatssekret&#228;r &#8211; Carlos Abascal   Carranza, der h&#246;chste Bundesbedienstete f&#252;r Inneres in Mexiko, hat   Verhandlungen zwischen dem oaxacensischen Ministerpr&#228;sident Ulises Ruiz   und Vertretren der APPO in die Wege geleitet. Als Vertreter der   Bundesregierung ist er letztendlich daran interessiert, in Oaxaca wieder   Ruhe einkehren zu lassen, damit die Bundesbeh&#246;rden die sttatliche   Einheit Mexikos aufrechterhalten k&#246;nnen. Er forderte Ulises Ruiz auf,   eine &#220;bereinkunft mit der APPO zu erreichen oder zur&#252;ckzutreten. Dieser   gab zur Antwort, dass &#8211; da die mexikanische Regierung Angst habe, das   Recht durchzusetzen, obwohl noch brutalere Repressionsma&#223;nahmen   ergriffen werden m&#252;ssten &#8211; vielmehr der Staatssekret&#228;r zur&#252;cktreten   sollte.<\/p>\n<p>  In den letzten Tagen hat sich die Position der Regierung versch&#228;rft. Die   PRI, welche noch vor Wochenfrist ihr Mitglied Ruiz zum R&#252;cktritt   aufforderte, sagt nun, dass diese Entscheidung vom Volk in Oaxaca   getroffen werden m&#252;sse. Die Handelskammer f&#252;r Radio und Fernsehen Oaxaca   (CIRT) hat sich als sch&#228;rfste Vertreterin der lokalen Reaktion   profiliert. Sie fordert den Staatsapparat auf, alle von der APPO   &#252;bernommenen Radiostationen zur&#252;ckzuerobern und jedweden Sender, welcher   Mitteilungen der APPO oder der Gewerkschaft verbreitet, zu schlie&#223;en.   Und dies, w&#228;hrend der von PRI-Anh&#228;ngern in Oaxaca gef&#252;hrte Radiosender   offen zu Lynchmorden und Angriffen auf bestimmte F&#252;hrer und   AktivistInnen der APPO aufruft.<\/p>\n<h5>  Forderungen der APPO<\/h5>\n<p>  Die Forderungen der APPO haben sich w&#228;hrend des 5-monatigen Kampfes kaum   ver&#228;ndert. Die LehrerInnengewerkschaft begann ihren Streik mit vagen   Forderungen. Mit einem Ministerpr&#228;sidenten konfrontiert, welcher es   ablehnte, mit Vertretern der Gewerkschaft zu reden, schlossen sich   verschiedene Basisorganisationen, Organisationen, welche die indigene   Bev&#246;lkerung vertreten, und lokale AktivistInnen dem Kampf an und schufen   die APPO, die &#8222;Volksversammlung der V&#246;lker Oaxacas&#8220;. Sie &#252;bernahmen   sodann die Forderung nach einem R&#252;cktritt Ulises Ruiz&#8217;. Derzeit   organisiert und verhandelt die APPO weiterhin um dieses zentrale Thema   und fordert gleichzeitig die Freilassung aller gefangenen AktivistInnen,   die Aufhebung aller Haftbefehle und den Abzug der PFP, der   Eingreiftruppe der Bundespolizei. Diese Forderungen werden von den   Massen unterst&#252;tzt, wie eine Demonstration von 1,5 Millionen Oaxaque&#241;os   letzte Woche zeigte. Die fr&#246;hliche, aber k&#228;mpferische Stimmung w&#228;hrend   dieser Demonstration erkl&#228;rt sich dadurch, dass die APPO und   StudentInnen aus Oaxaca am Tag zuvor Polizeieinsatzkr&#228;fte nach einer   6-st&#252;ndigen Stra&#223;enschlacht in die Flucht geschlagen hatten.<\/p>\n<p>  Aber trotz der Perspektive einer Erneuerung der Institutionen, des   Kongresses und letztendlich der Schaffung einer verfassungsgebenden   Versammlung mit dem Ziel der Ausarbeitung einer neuen Verfassung zeigen   diese Forderungen keine politischen Fortschritte auf, geschweige denn   einen Weg, mit dem Kapitalismus zu brechen und eine neue Geselschafft   aufzubauen.<\/p>\n<p>  Dies ist der Grund, warum die APPO seit dem Sturmangriff auf Oaxaca in   der Defensive ist und die polizeilichen und milit&#228;rischen Bundestruppen   in der Lage scheinen, die Situation unter Kontrolle zu halten.<\/p>\n<h5>  APPO gegen Sektierertum<\/h5>\n<p>  Die APPO organisierte letzte Woche eine Konferenz, welche heute (10.11.)   in Oaxaca fortgesetzt wird. Dieses Unternehmen bringt, unter enormen   Schwierigkeiten und dem Damoklesschwert der Unterdr&#252;ckung &#252;ber sich,   3000 VertreterInnen aus ganz Oaxaca zusammen. Die F&#252;hrung der APPO gibt   an, 11 Landkreise im Bundesstaat Oaxaca &#252;bernommen zu haben und die   Blockaden von Hauptverkehrsstra&#223;en fortzusetzen. Diese Strategie, den   Konflikt geographisch auszuweiten, wird punktuelle Repressionen   schwieriger machen.<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung der APPO &#8211; wie von der gew&#228;hlten F&#252;hrung einer aus den   verschiedenen Schichten der Bev&#246;lkerung gebildeten Bewegung zu erwarten   &#8211; setzt sich aus unterschiedlichen politischen Richtungen und   Hintergr&#252;nden zusammen. Die am h&#228;ufigsten von der Presse zitierten   F&#252;hrungsmitglieder geben an, eine neue Art von Organisation zu bilden.   &#8222;Eine Organisation, die VertreterInnen der V&#246;lker, VertreterInnen von   Kollektiven, Gewerkschaften, sozialen und politischen Gruppen   zusammenbringt, aber vor allem namenlose VertrerInnen von all den   Barrikaden, aus jeder Stra&#223;e und jedem Viertel.&#8220;<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich ist dies ein riesiger Fortschritt, und die Tatsache, dass so   viele Menschen teilnehmen, welche nicht zu einer Organisation geh&#246;ren,   sondern sich dem Kampf individuell angeschlossen haben, zeigt, wieviel   erreicht worden ist. Ungl&#252;cklicherweise scheint aber die Konsequenz   hieraus zu sein, dass politische Ideen, wie der Kampf nach vorne   gebracht werden kann, beschr&#228;nkt sind, und die K&#228;mpfe auf   Tagesforderungen reduziert bleiben.<\/p>\n<p>  Zwar f&#252;hrt die APPO einen entschlossenen und heroischen Kampf, aber sie   muss die Volksversammlung weiterentwickeln und ein Programm diskutieren,   wie der Kampf weitergebracht werden kann. Die APPO k&#246;nnte zu einer   revolution&#228;ren Kampforganisation der Arbeiterklasse entwickelt werden,   um die Macht im Staat Oaxaca zu &#252;bernehmen. Dies k&#246;nnte durch Ausweitung   der lokalen Komittees auf jeden Arbeitsplatz und jede Gemeinde   geschehen, von denen jedeR eine Rolle im Kampf gegen den   Ministerpr&#228;sident spielen w&#252;rde, mit dem Ziel, die Masse der Bev&#246;lkerung   unmittelbar in Ma&#223;nahmen zur &#220;bernahme der gesellschaftlichen Macht   einzubeziehen und ihre Lebensverh&#228;tnisse zu verbessern.<\/p>\n<p>  Bei den Demonstrationen zur Unterst&#252;tzung der APPO &#8211; seien sie in Mexiko   Stadt oder Oaxaca &#8211; erklingt oft der Slogan &#8220;Kampf, Kampf, f&#252;r eine   Regierung der Arbeiter, Bauern und V&#246;lker&#8220;. Dies muss von der APPO   genutzt und konkretisiert werden. Was w&#252;rde eine Regierung der Arbeiter,   Bauern und V&#246;lker tun? Welche Programm braucht sie? Wie und warum w&#252;rde   sie sich von der Regierung der kapitalistischen Eliten unterscheiden,   und warum haben die Massen Oaxacas, und dies gilt auch f&#252;r ganz Mexiko,   kein Vertrauen in die b&#252;rokratisierten und korrupten F&#252;hrer der   Gewerkschaften oder der Parteien wie PRI, PAN oder PRD? Nur durch   Beantwortung dieser Fragen und ihrer Verbindung mit einem revoltion&#228;ren   sozialistischen Programm kann die APPO die Massen erreichen und einen   Weg aus ihrem aktuellem Kampf in Oaxaca hinaus nach ganz Mexiko   aufzeigen.<\/p>\n<p>  Diese revolution&#228;re sozialistische Programm m&#252;sste die Verstaatlichung   der wichtigsten Sektoren der Wirtschaft unter demokratischer Kontrolle   und F&#252;hrung der ArbeiterInnen beinhalten. Eine Regierung der   ArbeiterInnen und Bauern w&#252;rde einen Notfallplan &#246;ffentlicher Massnahmen   im Bundesstaat und in ganz Mexiko vorschlagen, um die Arbeitslosigkeit   und die schlimmsten Ausw&#252;chse der Armut zu mindern. Es w&#252;rde die   Wiederverstaatlichung von privatisierten Industribetrieben unter   demokratischer ArbeiterInnenkontrolle betreiben, die enormen   Bereicherungen, Korruptions- und Betrugsf&#228;lle aufdecken, welche w&#228;hrend   der Privatisierungsphase abgelaufen sind, und jegliche betr&#252;gerische   Privatisierung r&#252;ckg&#228;ngig machen, wobei Entsch&#228;digungen nur gezahlt   werden w&#252;rden, wenn Bed&#252;rftigkeit nachgewiesen w&#252;rde. Es w&#252;rde der   indigenen Bev&#246;lkerung die vollen demokratischen und B&#252;rgerrechte geben,   und es w&#252;rde eine sofortige Bodenreform einleiten, welche zun&#228;chst Land   verteilt und sodann all die Diebst&#228;hle untersucht, welche an den armen   Bauern und der indigenen Bev&#246;lkerung geschehen sind, um von den   Schuldigen Entsch&#228;digungen zu bekommen.<\/p>\n<p>  Manche F&#252;hrer der APPO, in diesem Fall der Professor Mario Cruz Lopez   und der Anwalt Filipe Canseco, erkl&#228;ren, dass die bestm&#246;gliche   Zielerreichung der aktuellen K&#228;mpfe &#8222;ein neuer Sozialpakt&#8220; f&#252;r Oaxaca   sei. Vielleicht k&#246;nne ein entschlossener Kampf einige Zugest&#228;ndnisse der   Staats- und Bundesregierungen erreichen.<\/p>\n<p>  Aber ein neuer Sozialpakt auf der Basis des Kapitalismus kann nicht   einmal anfangen, die Ausbeutung der lokalen Bev&#246;lkerung durch den   mexikanischen und internationalen Kapitalismus und die Gro&#223;grundbesitzer   zu verringern. Hingegen ist sicher, dass an diesem Punkt des Kampfes   jedwede Verbesserungen, die f&#252;r die Bev&#246;lkerung Oaxacas erreicht w&#252;rden,   von allen freudig aufgenommen w&#252;rden. Unsere Vision auf diesen enorm   harten Kampf f&#252;r einen Sozialpakt in den Grenzen des Kapitalismus zu   beschr&#228;nken, heisst jedoch, sich auf Desillusionierung und Scheitern   einzustellen und die M&#246;glichkeit aufzugeben, die heutigen K&#228;mpfe als   eine Vorbereitung auf die Zukunft zu benutzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <img src=\"\/media\/2006\/PoliceattackOaxaca.jpg\" align=\"right\"><br \/>\n      25 Tote und 400 Verschwundene nach Bundeseinsatz zur Zerst&#246;rung der APPO<\/p>\n<p>\n      <i>vom Dirk Kozijns, Mexiko Stadt, Freitag, den 10. 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