{"id":11816,"date":"2006-10-31T19:19:16","date_gmt":"2006-10-31T19:19:16","guid":{"rendered":".\/?p=11816"},"modified":"2006-10-31T19:19:16","modified_gmt":"2006-10-31T19:19:16","slug":"11816","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11816\/","title":{"rendered":"Eine sozialistische Arbeiterpartei &#8211; was ist das?"},"content":{"rendered":"<p>  Die SAV setzt sich f&#252;r den Aufbau einer Arbeiterpartei mit einem   sozialistischen Programm ein. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  von Georg K&#252;mmel, K&#246;ln<\/p>\n<p>  Solch eine Partei ist notwendig, um die Interessen der breiten Masse der   Bev&#246;lkerung zu verteidigen. Der Begriff &#8222;Arbeiterpartei&#8220; f&#252;hrt   allerdings immer wieder zu Missverst&#228;ndnissen. Bei &#8222;Partei&#8220; denken die   meisten eher an Wahlbetr&#252;ger als an ihre Interessenvertretung. Und mit   dem Wort &#8222;Arbeiter&#8220; verbinden viele einfach Menschen in Blaum&#228;nnern, die   schwere k&#246;rperliche Arbeit verrichten. Was versteht also die SAV unter   einer sozialistischen Arbeiterpartei und wie kann sie entstehen?<\/p>\n<p>  Der Arbeiter-Begriff hat im marxistischen Sinne nichts mit der konkreten   Arbeit zu tun, die jemand macht. Die Frage ist nicht, ob jemand Hand-   oder Kopfarbeit macht, Arbeiter oder Angestellter ist. Im marxistischen   Sinne z&#228;hlen alle zur Arbeiterklasse, die abh&#228;ngig besch&#228;ftigt sind.   Au&#223;erdem, alle die es einmal sein werden, also die Sch&#252;lerInnen und   Studierenden, nat&#252;rlich auch die Erwerbslosen und ehemalige Besch&#228;ftigte   &#8211; die RentnerInnen und Rentner. Damit ist auch klar, dass es noch eine   Arbeiterklasse gibt, auch wenn diese sich selber zur Zeit nicht   unbedingt als &#8222;eine Klasse&#8220; sieht.<\/p>\n<p>  <b>Echte Arbeiterpartei unbekannt <\/b>    <\/p>\n<p>  Mit dem Wort &#8222;Partei&#8220; verbinden mittlerweile die meisten Menschen   feindliche Organisationen, denn alle gro&#223;en Parteien machen seit Jahren   eine Politik gegen die Interessen der Arbeiterklasse. Auch die   vermeintlich linken Parteien, SPD und Gr&#252;ne. Dass es eine starke Partei   geben k&#246;nnte, die Interessen der Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen gegen   die Angriffe von Unternehmern und Regierung verteidigt, kann sich kaum   noch jemand vorstellen. Eine gro&#223;e Partei, die richtig Widerstand   organisiert, die nicht blo&#223; Spr&#252;che im Parlament macht, sondern Gelder   f&#252;r streikende Arbeiter sammelt, protestierende Studierende, von   Abschiebung bedrohte Fl&#252;chtlinge, von Privatisierung betroffene Mieter   praktisch unterst&#252;tzt, eine gro&#223;e Partei, die solch eine Politik macht,   hat ja auch noch niemand wirklich erlebt.<\/p>\n<p>  Sicher, man hat vielleicht davon geh&#246;rt, dass die SPD einmal anders war,   dass sie in den 70ern mal zumindest einige echte Reformen, also   Verbesserungen, gebracht hat. Manch einer wird sich auch noch daran   erinnern k&#246;nnen. Auch die Gr&#252;nen, haben ja mal au&#223;erparlamentarischen   Protest gegen Startbahnen und Atomkraftwerke organisiert. Aber das liegt   alles 20, 30 Jahre zur&#252;ck. Sogar hundert Jahre muss man zur&#252;ckgehen, um   in der damaligen SPD eine Partei zu finden, die den Namen Arbeiterpartei   noch verdiente. Damals identifizierte sich die Mitgliedschaft mit dieser   Partei, es war eine k&#228;mpfende Partei, eine Partei, die den Kapitalismus   ablehnte und Sozialismus als Alternative anstrebte. Revolution&#228;re wie   Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren damals Mitglieder dieser   Partei. (Der rechte Fl&#252;gel meinte allerdings man k&#246;nnte schrittweise,   ohne Revolution, zum Sozialismus gelangen).<\/p>\n<p>  Das ist lange her. Ist die Idee vom Aufbau einer Arbeiterpartei mit   sozialistischem Programm deshalb heute reine Nostalgie, illusorisch,   &#252;berholt? Das Gegenteil ist der Fall. Die Idee ist aktuell, weil n&#228;mlich   Regierung und Unternehmerverb&#228;nde zur&#252;ck zu Verh&#228;ltnissen wie vor   hundert Jahren wollen. Und dagegen muss man sich wehren.<\/p>\n<p>  Warum wurden einst Arbeiterparteien in praktisch jedem Land der Welt   gegr&#252;ndet? Warum haben sich ArbeiterInnen in diesen Parteien organisiert?<\/p>\n<p>  Die elementaren Organisationen der Arbeiterklasse sind die   Gewerkschaften. Arbeiter haben sich in ihnen zusammengeschlossen, um   ihre unmittelbaren Interessen gegen&#252;ber den Unternehmern zu vertreten.   Der gewerkschaftliche Kampf beschr&#228;nkt sich in der Regel auf Fragen des   Lohnes, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen. Im gewerkschaftlichen Kampf   stehen sich die Besch&#228;ftigten eines Betriebes, eines Konzernes oder   einer Branche dem Chef, der Konzernleitung oder dem Unternehmern einer   Branche gegen&#252;ber, zum Beispiel bei einem Tarifkampf in der   Metallindustrie.<\/p>\n<p>  <b>Arbeiterklasse gegen Kapitalistenklasse <\/b>    <\/p>\n<p>  Es gibt aber eine ganze Reihe von Fragen, bei denen die gemeinsamen   Interessen aller Besch&#228;ftigten, und Arbeitslosen gegen die gemeinsamen   Interessen aller Kapitalbesitzer stehen. Kurz die Interessen der   Arbeiterklasse gegen die Interesse der Kapitalistenklasse.<\/p>\n<p>  Etwa die H&#246;he und Dauer des Geldes bei Arbeitslosigkeit, die Fragen   h&#246;here Mehrwertsteuer oder h&#246;here Unternehmenssteuern, Studiengeb&#252;hren   oder Bildung f&#252;r alle. Bei all diesen Fragen, einschlie&#223;lich den   Auslandseins&#228;tzen der Bundeswehr, geht es in letzter Instanz darum,   welche Klasse zahlt und welche profitiert. Dass Hartz IV ein Gesetz zum   Nachteil der Arbeitslosen und der Noch-Besch&#228;ftigten und zum Vorteil der   Kapitalisten ist, d&#252;rfte sich herumgesprochen haben. Dass bei den   Gesundheits- und Renten-&#8220;Reformen&#8220; die Arbeiterklasse belastet und die   Kapitalisten entlastet werden, braucht hier auch nicht weiter erl&#228;utert   werden. Wenn es also um die Interessen der einen Klasse gegen die andere   Klasse geht, dann handelt es sich um politische Fragen.<\/p>\n<p>  Die Arbeiterklasse braucht also eine starke Organisation, die ihre   politischen Interessen formuliert, also Forderungen stellt, ein Programm   entwickelt. Sie braucht eine Organisation, die die Interessen der   Arbeiterklasse dann auch konsequent verteidigt, sie braucht also eine   Partei. Es muss logischerweise eine Arbeiterpartei sein, da keine Partei   gleichzeitig die Interessen der Besch&#228;ftigten und der Kapitalisten   vertreten kann. Die Interessen von Arbeiterklasse und Kapitalisten sind   nun mal gegens&#228;tzlich, unvers&#246;hnlich, auch wenn das st&#228;ndig bestritten   wird.<\/p>\n<p>  Der Begriff der Volkspartei ist in Wahrheit Etikettenschwindel. Das hat   mittlerweile auch der Gro&#223;teil der Arbeiterklasse gemerkt. Deshalb   wurden bei Landtagswahlen in Berlin die beiden gro&#223;en &#8222;Volksparteien&#8220;   nur noch von unter einem Drittel aller Wahlberechtigten gew&#228;hlt.<\/p>\n<p>  Um gemeinsam f&#252;r ihre politischen Interessen k&#228;mpfen zu k&#246;nnen, haben   ArbeiterInnen schon fr&#252;h Arbeiterparteien gegr&#252;ndet. Das kam auch im   Namen zum Ausdruck. Die SPD hie&#223; urspr&#252;nglich &#8222;Sozialistische   Arbeiterpartei Deutschlands&#8220;, der Name der 1900 in Gro&#223;britannien   gegr&#252;ndeten Labour Party hei&#223;t w&#246;rtlich &#252;bersetzt &#8222;Arbeitspartei&#8220;. Beide   haben l&#228;ngst aufgeh&#246;rt Arbeiterparteien zu sein. Genau wie praktisch   alle gro&#223;en sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien haben sie   ihren Charakter grundlegend ge&#228;ndert und sind zu Interessenvertretungen   der Kapitalisten geworden.<\/p>\n<p>  Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist aber in der Krise. Um ihre   Profitraten auf ihr eingesetztes Kapital jeden Tag neu zu erzielen, sind   die Damen und Herren Kapitalisten weltweit zum Angriff auf L&#246;hne,   Arbeitszeiten, auf das Gesundheits- und Bildungswesen &#252;bergegangen.   Kriege und Aufr&#252;stung im Konkurrenzkampf um Absatzm&#228;rkte und um die   letzten Bodensch&#228;tze nehmen zu.<\/p>\n<p>  <b>Aus dem Versagen lernen <\/b>    <\/p>\n<p>  Eine neue Arbeiterpartei ist notwendig, aber man muss aus dem Versagen   der ehemaligen Arbeiterparteien lernen. Der Niedergang der   sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien begann mit ihrer   Akzeptanz des Kapitalismus und Aufgabe des Sozialismus als Ziel,   zun&#228;chst in Taten. Dann in Taten und Worten. Ihre F&#252;hrer wurden damals   und heute korrumpiert, durch hohe Einkommen, durch legale und illegale   Privilegien. Die Hauptamtlichen &#8222;verdienten&#8220; das Vierfache eines   durchschnittlichen Arbeitereinkommens.<\/p>\n<p>  Der Versuch, Politik im Rahmen des Kapitalismus zu machen, f&#252;hrte in die   Katastrophe des 1. Weltkrieges, und wenige Jahre sp&#228;ter zur   Machtergreifung der Faschisten und zum 2. Weltkrieg. Auch heute   versuchen SPD, Gr&#252;ne die kapitalistische Wirtschaft zu &#8222;gestalten&#8220;. Das   Ergebnis ist &#8211; innenpolitisch &#8211; Sozialabbau ohne Ende und &#8211;   au&#223;enpolitisch &#8211; Bundeswehr in alle Welt. Die Linkspartei PDS beteiligt   sich mittlerweile in Berlin und etlichen ostdeutschen St&#228;dten und   Gemeinden an diesem Versuch.<\/p>\n<p>  Die logische Konsequenz aus diesen Erfahrungen w&#228;re, eine neue   Arbeiterpartei mit einem klaren sozialistischen Programm aufzubauen.   Grundprinzipien dieser neuen Partei m&#252;ssten, neben dem Ziel Sozialismus,   sein: innerparteiliche Demokratie und keine Privilegien f&#252;r Funktion&#228;re,   also zum Beispiel nur einen Durchschnittslohn f&#252;r die Abgeordneten der   Partei. Und sie muss selbstverst&#228;ndlich international sein.<\/p>\n<p>  Leider kommt die Arbeiterklasse nicht als Ganzes und nicht gleichzeitig   zu diesen Schlussfolgerungen. So erscheint vielen die Idee, zun&#228;chst   Ver&#228;nderungen am und im Rahmen des bestehenden Gesellschaftssystem zu   versuchen, als der einfachere Weg. Die ersten Ans&#228;tze einer neuen linken   Partei rufen zudem alle m&#246;glichen Kr&#228;fte auf den Plan. Darunter nicht   wenige Karrieristen. Diese Leute k&#246;nnen die Unerfahrenheit der Mehrzahl   der Basismitglieder in parteitaktischen-Fragen ausn&#252;tzen. Als ehemalige   SPD- oder Gewerkschaftsb&#252;rokraten sind sie mit allen Wassern gewaschen   und verf&#252;gen &#252;ber vielf&#228;ltige Verbindungen. Diese leidvolle Erfahrung   haben die Mitglieder der neuen WASG gerade gemacht. Von Sozialismus   reden diese Karrieristen, wenn &#252;berhaupt, auf Parteitagen am Wochenende   und dann auch nur als abstrakte Idee statt als notwendige Alternative.   In ihrer kapitalistischen Praxis st&#252;tzen sie sich auf das verbreitete   Misstrauen gegen&#252;ber dem Sozialismus als Gesellschaftssystem. Die   Verbrechen des Stalinismus haben die Idee des Sozialismus diskreditiert,   weil die Machthaber in DDR und Sowjetunion sich zu Unrecht mit dem   Etikett &#8222;Sozialismus&#8220; schm&#252;ckten. Das alles macht die Herausbildung   einer neuen k&#228;mpferischen, sozialistischen Arbeitermassenpartei zu einem   komplizierten Prozess. Die SAV hat sich am Aufbau der WASG beteiligt,   weil sie die Meinungsf&#252;hrerschaft im Parteibildungsprozess nicht   kampflos Leuten &#252;berlassen wollte, die die gescheiterten Ideen der   Sozialdemokratie der 80er Jahre und der Mit-Regierungs-PDS in Berlin als   zukunftsweisende L&#246;sungen verkaufen wollen.<\/p>\n<p>  Wenn die Bef&#252;rworter eines Anschlusses an die Politik und Partei PDS   sich durchsetzen sollten, ist das Kapitel WASG beendet. Aber das Buch   mit dem Titel &#8222;Aufbau einer Arbeiterpartei mit sozialistischem Programm&#8220;   ist gerade erst neu aufgeschlagen worden.<\/p>\n<p>  Die SAV wird sich auch in Zukunft daf&#252;r einsetzen, dem Prozess zur   Herausbildung einer neuen Arbeiterpartei eine demokratische,   k&#228;mpferische und sozialistische Richtung zu geben. Die praktische   organisatorische Form unserer Beteiligung wird dabei von den jeweiligen   konkreten Bedingungen abh&#228;ngen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Die SAV setzt sich f&#252;r den Aufbau einer Arbeiterpartei mit einem<br \/>\n      sozialistischen Programm ein.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11816"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11816"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11816\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11816"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11816"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11816"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}