{"id":11811,"date":"2006-11-10T09:34:45","date_gmt":"2006-11-10T09:34:45","guid":{"rendered":".\/?p=11811"},"modified":"2006-11-10T09:34:45","modified_gmt":"2006-11-10T09:34:45","slug":"11811","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/11\/11811\/","title":{"rendered":"F&#252;r den Aufbau neuer Arbeiterparteien &#8211; international"},"content":{"rendered":"<p>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Mit der Gr&#252;ndung der WASG und dem nun zu erwartenden Zusammengehen von   WASG und Linkspartei.PDS stellt sich in aller Sch&#228;rfe die Frage: Was f&#252;r   eine linke Partei brauchen abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte, Erwerbslose und   Jugendliche? Welches Programm, welche Politik, welche Strukturen sind   n&#246;tig?<\/p>\n<p>  Diese Fragen stellen sich nicht nur in Deutschland, sondern   international. &#220;berall forcieren Unternehmer und Politiker Sozialabbau,   Lohnk&#252;rzungen, Entlassungen und Aufr&#252;stung. &#220;berall ist die arbeitende   Bev&#246;lkerung auf eine Partei angewiesen, die f&#252;r ihre politischen   Interessen eintritt, K&#228;mpfe miteinander verbindet und Antworten auf die   kapitalistischen &#8222;Sachzw&#228;nge&#8220; gibt.<\/p>\n<p>  In L&#228;ndern wie Schottland oder Brasilien sind neue linke Parteien   entstanden, die in Protestbewegungen eine Rolle gespielt haben und   Abgeordnete stellen. In Gro&#223;britannien und Belgien wird die Frage einer   Parteigr&#252;ndung derzeit unter gewerkschaftlichen und sozialen   AktivistInnen intensiv diskutiert. In Italien und in den Niederlanden   haben schon l&#228;nger existierende Formationen in den letzten Jahren Zulauf   gehabt.<\/p>\n<p>  <b>Sozialdemokratie <\/b>    <\/p>\n<p>  Jahrzehntelang waren sozialdemokratische (in einigen L&#228;ndern auch   kommunistische) Parteien eine dominierende Kraft in der   Arbeiterbewegung. Das ist Geschichte. Die SPD hat seit1990 400.000 (von   950.000) Mitglieder verloren, bei der Bundestagswahl 2005 b&#252;&#223;te sie 2,3   Millionen W&#228;hlerstimmen ein. Besch&#228;ftigte und Erwerbslose wenden sich in   Scharen von ihr ab, nachdem sie dem massivsten Umverteilungsprogramm   seit 1945 den Weg ebnete. &#196;hnliche Entwicklungen vollzogen sich in   anderen L&#228;ndern. So kassierte New Labour in Gro&#223;britannien bei den   j&#252;ngsten Kommunalwahlen ihre gr&#246;&#223;te Wahlniederlage seit 30 Jahren. Seit   Tony Blair 1997 Premierminister wurde, traten 200.000 (von 400.000)   Mitgliedern aus der Labour Party aus.<\/p>\n<p>  Jahrzehntelang hatten diese Parteien in der Arbeiterklasse eine starke   Basis, wurden von vielen als &#8222;ihre&#8220; Partei gesehen, obwohl die F&#252;hrung   auch damals kapitalistisch war. Im Zuge der Ver&#228;nderungen vor 15 Jahren   &#8211; Wiedereinf&#252;hrung der Marktwirtschaft in Osteuropa, Schw&#228;chung der   Linken und neoliberale Offensive &#8211; gingen diese Parteien vollst&#228;ndig in   das b&#252;rgerliche Lager &#252;ber.<\/p>\n<p>  Seitdem hat sich die kapitalistische Krise versch&#228;rft. Der Kampf um   Absatzm&#228;rkte und Rohstoffe tobt ungehemmter. Die Vorst&#228;nde in den   Konzernen haben eine h&#228;rtere Gangart eingeschlagen. Dagegen regt sich   verst&#228;rkt Widerstand.<\/p>\n<p>  <b>Neue linke Parteien <\/b>    <\/p>\n<p>  Die Herausbildung von politischen Formationen, die f&#252;r die   Arbeiterklasse &#8222;Partei&#8220; ergreifen und in Betrieben, Gewerkschaften,   Stadtteilen verankert sind, steckt noch in den Kinderschuhen. Der Aufbau   von politischen Interessenvertretungen f&#252;r Lohnabh&#228;ngige und Erwerbslose   wird ein in die L&#228;nge gezogener Prozess sein. Aber ein Prozess, der   bereits begonnen hat.<\/p>\n<p>  In Brasilien wurde vor zwei Jahren die P-SOL (Partei f&#252;r Sozialismus und   Freiheit) ins Leben gerufen. Gegr&#252;ndet wurde sie von verschiedenen   revolution&#228;ren, sozialistischen Organisationen und von ehemaligen   Mitgliedern der Arbeiterpartei (PT), die unter Lula an der Regierung   eine neoliberale Politik verfolgt. Bei der Pr&#228;sidentschaftswahl   erreichte P-SOL-Mitglied Heloisa Helena 6,85 Prozent. Um &#252;berhaupt bei   Wahlen zugelassen zu werden, konnten P-SOL-Anh&#228;nger im Jahr 2004 800.000   Unterschriften sammeln.<\/p>\n<p>  In Schottland gelang es der vor wenigen Jahren gegr&#252;ndeten Schottischen   Sozialistischen Partei (SSP), sechs Parlamentssitze zu erobern.   Ma&#223;geblich daf&#252;r war die Rolle, die AktivistInnen &#8211; nicht zuletzt von   Mitgliedern der dortigen SAV-Schwesterorganisation &#8211; bei der   Boykottkampagne gegen die Einf&#252;hrung einer Kopfsteuer vor gut 15 Jahren   spielten. Tommy Sheridan, das prominenteste SSP-Mitglied, war w&#228;hrend   dieser Kampagne aus dem Gef&#228;ngnis heraus in den Stadtrat von Glasgow,   sp&#228;ter ins schottische Parlament gew&#228;hlt worden.<\/p>\n<p>  Diese junge Partei geriet jedoch schnell in eine tiefe Krise. Ma&#223;geblich   daf&#252;r war ein politischer Rechtsschwenk der Parteispitze, die Illusionen   in ein unabh&#228;ngiges Schottland auf kapitalistischer Basis verbreitet.   Damit einher gehend spitzten sich pers&#246;nliche Konflikte zu. In diesem   Sommer kam es zur Spaltung. Unter Federf&#252;hrung der Abgeordneten Tommy   Sheridan und Rosemary Byrne, aber auch unter der Beteiligung von   CWI-Mitgliedern, wurde die Schottische Sozialistische Bewegung (SSM) aus   der Taufe gehoben. Zur Gr&#252;ndungsveranstaltung kamen 600 TeilnehmerInnen.<\/p>\n<p>  <b>Kampagnen f&#252;r Arbeiterparteien <\/b>    <\/p>\n<p>  Im Januar lud Bob Crow, Generalsekret&#228;r der Eisenbahngewerkschaft RMT,   in Gro&#223;britannien zu einer Konferenz ein, auf der Alternativen zu New   Labour diskutiert wurden. &#220;ber 300 TeilnehmerInnen z&#228;hlte die   Veranstaltung. Ein Vierteljahr sp&#228;ter beteiligten sich ebenfalls   Hunderte daran, eine Kampagne f&#252;r eine neue Arbeiterpartei zu starten.   Darunter einige Vorstandsmitglieder nationaler Gewerkschaften, Stadtrat   und CWI-Mitglied Dave Nellist, der in den achtziger Jahren im Unterhaus   sa&#223;, und eine wichtige Zahl gewerkschaftlicher und sozialer   AktivistInnen. Die Kampagne hat sich die Aufgabe gestellt, in der   n&#228;chsten Zeit die Idee einer neuen Arbeiterpartei zu verbreiten,   Argumente daf&#252;r zu liefern, Veranstaltungen (zum Beispiel am Rande von   Gewerkschaftskongressen) zu organisieren und   Unterst&#252;tzungsunterschriften zu sammeln.<\/p>\n<p>  Angef&#252;hrt vom Parlamentsabgeordneten George Galloway gibt es in   Gro&#223;britannien auch die Initiative Respect. Diese gewann bei den   Kommunalwahlen im Mai 16 Stadtratsposten. Respect orientiert   schwerpunktm&#228;&#223;ig auf MuslimInnen; die 16 Stadtr&#228;te, davon zw&#246;lf im   Londoner Tower Hamlets, haben alle einen muslimischen Hintergrund.<\/p>\n<p>  In Belgien gab es vor dem Hintergrund von zwei Generalstreiks in den   letzten zw&#246;lf Monaten, 18 Jahren sozialdemokratischer   Regierungsbeteiligung und Zuwachs f&#252;r die rechtsextreme Vlaams Belang   (nicht zuletzt mangels einer starken linken Alternative) einen Appell   unter dem Motto &#8222;Eine andere Politik ist n&#246;tig, eine andere Politik ist   m&#246;glich&#8220;. Angesto&#223;en wurde diese Initiative von Jef Sleechx (21 Jahre   f&#252;r die sozialdemokratische SP Parlamentsabgeordneter), Lode Vanoutrive   (f&#252;nf Jahre SP-Europaabgeordneter) und Georges Debunne, langj&#228;hriger   f&#252;hrender Kopf des sozialdemokratischen Gewerkschaftsverbandes   ABVV\/FGTB. In dieser Gewerkschaft soll es noch vor Jahresende eine   Abstimmung &#252;ber ihre politischen Verbindungen geben. Nach einer Serie   von Diskussionen unter Betriebsr&#228;ten und diversen Versammlungen wurde   f&#252;r den 28. Oktober zu einer Gro&#223;veranstaltung aufgerufen, auf der eine   neue politische Bewegung gegen Neoliberalismus gestartet werden soll.<\/p>\n<p>  In Frankreich ist eine Initiative zur Gr&#252;ndung einer neuen   Arbeiterpartei l&#228;ngst &#252;berf&#228;llig. Der Widerstand gegen die &#196;nderungen   beim K&#252;ndigungsschutz, die Massenproteste gegen Le Pen und die   Faschisten sowie die zehn Prozent f&#252;r die beiden trotzkistischen   Kandidaturen von LO und LCR bei der Pr&#228;sidentschaftswahl 2002 zeigen das   Potenzial. Leider haben bislang weder LO noch LCR einen konkreten   Schritt in diese Richtung unternommen.<\/p>\n<p>  <b>Perspektiven <\/b>    <\/p>\n<p>  Neben diesen Neugr&#252;ndungen und Kampagnen gibt es in Einzelf&#228;llen auch   Parteien mit einer l&#228;ngeren Geschichte, die einen Bezugspunkt f&#252;r   ArbeiterInnen und Jugendliche darstellen. In Italien trifft das auf die   RC zu, die aus der alten KP hervor ging. In den Niederlanden schlugen   sich K&#228;mpfe und Debatten in der dortigen Sozialistischen Partei nieder,   einer fr&#252;her von MaoistInnen aufgebauten Partei.<\/p>\n<p>  Von entscheidender Bedeutung werden in der n&#228;chsten Zeit die Teile in   der Arbeiterklasse sein, die heute (oft zum ersten Mal) aktiv werden,   sich politisieren, radikalisieren und Schlussfolgerungen ziehen. In   einzelnen F&#228;llen k&#246;nnen aus K&#228;mpfen heraus, zun&#228;chst auf lokaler oder   regionaler Ebene, B&#252;ndnisse entstehen oder Kandidaturen stattfinden. In   anderen F&#228;llen k&#246;nnen bekannte Streik- oder Gewerkschaftsf&#252;hrer   parteipolitische Vorst&#246;&#223;e unternehmen, die Resonanz finden. Seltener ist   von relevanten Abspaltungen sozialdemokratischer Parteien auszugehen, da   diese schon weitgehend &#8222;entleert&#8220; sind. Unter bestimmten Umst&#228;nden kann   auch der Zusammenschluss bestehender sozialistischer Organisationen,   wenn sie eine gewisse Basis haben, eine Rolle spielen. Sicherlich wird   es kein geradliniger, sondern ein l&#228;ngerer, komplizierter Prozess sein.<\/p>\n<p>  Da sich der Kapitalismus im Niedergang befindet, und es wenig Spielr&#228;ume   f&#252;r Reformen gibt, stehen neue linke Parteien heute schnell vor der   Alternative, entweder entschlossenen Widerstand zu organisieren oder dem   Druck von oben nachzugeben.<\/p>\n<p>  Die SAV und ihre Schwesterorganisationen machen sich daf&#252;r stark, die   Konsequenzen aus dem Scheitern der fr&#252;heren sozialdemokratischen und   kommunistischen Parteien zu ziehen. Das Scheitern begann mit der   Akzeptanz des Kapitalismus und der Abkehr vom Sozialismus. Erst in der   &#8222;Realpolitik&#8220;, dann in der Programmatik. Daraus m&#252;ssen die Lehren   gezogen werden. N&#246;tig sind Parteien, die bereit sind, sich mit den   Herrschenden anzulegen. N&#246;tig ist ein sozialistisches Programm f&#252;r diese   Parteien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[187],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11811"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11811"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11811\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11811"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11811"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11811"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}