{"id":11805,"date":"2006-10-28T07:56:22","date_gmt":"2006-10-28T05:56:22","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11805"},"modified":"2017-07-06T13:50:40","modified_gmt":"2017-07-06T11:50:40","slug":"11805","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11805\/","title":{"rendered":"Skandal&#246;ser Streikabbruch in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>  IG Metall handelt gegen die Belegschaft von Bosch-Siemens-Hausger&#228;te<!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nach 26 Tagen wurde der Streik bei Bosch-Siemens-Hausger&#228;te (BSH) in   Berlin-Spandau gegen Betriebsschlie&#223;ung und Entlassungen von der   IG-Metall-F&#252;hrung gegen den Willen der Mehrheit der Streikenden   abgebrochen. Damit ist nicht nur eine Chance vertan worden, gegen   Unternehmerwillk&#252;r in die Offensive zu kommen. Der Verlauf des Streiks   ist auch ein Armutszeugnis f&#252;r die Politik der IG-Metall-Oberen und ein   gro&#223;es Kompliment an die Streikenden.<\/p>\n<p>  <i>von Sascha Stanicic, Berlin <\/i><\/p>\n<p>  Im August hatte die Konzernleitung angek&#252;ndigt, das Werk zum   Jahreswechsel schlie&#223;en zu wollen. Der Schlie&#223;ungsbeschluss erging trotz   der Tatsache, dass der Konzern gro&#223;e Gewinne macht. Diese sind den   Bossen aber nicht hoch genug. Durch eine weitere Verlagerung der   Produktion in Niedriglohngebiete, in diesem Fall Polen und T&#252;rkei,   sollen die Profite maximiert werden &#8211; auf Kosten der Arbeiterinnen und   Arbeiter. So funktioniert der Kapitalismus &#8211; wenn man ihn l&#228;sst.<\/p>\n<p>  <b>Sozialtarif? <\/b><\/p>\n<p>  Die Besch&#228;ftigten des Werks und ihre gewerkschaftlichen Vertreter   wollten ihn nicht &#8222;lassen&#8220; und setzten sich gegen die Pl&#228;ne der   Gesch&#228;ftsleitung zur Wehr. Es wurde protestiert und verhandelt. Wieder   einmal stellte die Gewerkschaft die Forderung nach einem Sozialtarif   auf. Dies soll dazu dienen, einen legalen Streik f&#252;hren zu k&#246;nnen. Diese   Taktik f&#252;hrt aber auch dazu, dass &#246;ffentlich nicht f&#252;r den Erhalt aller   Arbeitspl&#228;tze argumentiert werden kann, da ein Sozialtarif ja   zwangsl&#228;ufig die Frage von Abfindungsregelungen f&#252;r ausscheidende   MitarbeiterInnen behandelt, und es der Gewerkschaftsf&#252;hrung leichter   f&#228;llt, faulen Kompromissen zuzustimmen. Nach dem Scheitern von   Verhandlungen traten die ArbeiterInnen dann am 26. September in einen   unbefristeten Streik.<\/p>\n<p>  <b>Streik und &#8222;Marsch der Solidarit&#228;t&#8220; <\/b><\/p>\n<p>  Die KollegInnen wussten: Allein machen sie dich ein. Sie organisierten   einen &#8222;Marsch der Solidarit&#228;t&#8220;, der sie &#252;ber Zwischenstationen bei   verschiedenen anderen BSH-Standorten und von Arbeitsplatzvernichtung   betroffenen Belegschaften am 19. Oktober zu einer Kundgebung vor der   Konzernzentrale in M&#252;nchen h&#228;tte f&#252;hren sollen. Durch den Marsch   politisierten sie die Auseinandersetzung und kn&#252;pften direkte   Verbindungen zu anderen Belegschaften. Die Resonanz, vor allem bei den   BenQ-Besch&#228;ftigten in Kamp Lintfort, war gro&#223;.<\/p>\n<p>  Durch die BenQ-Pleite und die &#246;ffentlichen Debatten &#252;ber   Manager-Geh&#228;lter und die &#8222;neue Unterschicht&#8220; geriet die Konzernleitung   unter wachsenden Druck. Vor allem die geplante Kundgebung in M&#252;nchen   machte ihnen Sorgen. Also wurde kurzerhand an den betrieblichen   Vertretern vorbei zwischen IG-Metall-Zentrale und Gesch&#228;ftsleitung ein   Kompromiss ausgehandelt und dieser ultimativ zur Unterschrift vorgelegt.   &#8222;Unterschreiben oder Werksschlie&#223;ung&#8220; war die Parole und Zeit f&#252;r   Beratung oder gar R&#252;cksprache mit der Streikversammlung blieb den   betrieblichen Vertretern nicht. Es wurde unterschrieben und die IG   Metall sagte die Kundgebung in M&#252;nchen ab. So sollte f&#252;r Ruhe gesorgt   werden &#8211; genau in dem Moment, in dem der Streik eine gr&#246;&#223;ere   gesellschaftliche und politische Wirkung entwickelte.<\/p>\n<p>  <b>Fauler Kompromiss <\/b><\/p>\n<p>  Das Verhandlungsergebnis war &#228;u&#223;erst schlecht. Es sah zwar die   Fortf&#252;hrung der Produktion bis 2010 vor und bedeutete damit erstmalig   eine R&#252;cknahme eines Schlie&#223;ungsbeschlusses. Gleichzeitig wurde dies   aber mehr als teuer erkauft: 216 (von 570 in der Fertigung)   betriebsbedingte K&#252;ndigungen, Lohneinbu&#223;en von 20 Prozent, eine   Abfindungsregelung weit unter der Forderung der Gewerkschaft. Und   skandal&#246;serweise verpflichtete sich die IG Metall in der Vereinbarung   dazu, keine Protestaktionen au&#223;erhalb von Berlin durchzuf&#252;hren. Die   Belegschaft nahm diese Vereinbarung mit heller Emp&#246;rung und offener   Ablehnung auf. Aus ihrer Sicht sollte der Kampf um alle Arbeitspl&#228;tze   gef&#252;hrt werden und war insbesondere das Hinnehmen von betriebsbedingten   K&#252;ndigungen inakzeptabel.<\/p>\n<p>  <b>Rebellion gegen IGM-F&#252;hrung <\/b><\/p>\n<p>  In einer offenen Rebellion gegen die F&#252;hrung der IG Metall wurde das   Ergebnis von der Mehrheit der KollegInnen in der Streikversammlung   vehement zur&#252;ckgewiesen und die Forderung nach Fortsetzung des Streiks   aufgestellt. Die folgende Urabstimmung brachte dann auch ein eindeutiges   Ergebnis: 67 Prozent der abgegebenen Stimmen f&#252;r Weiterf&#252;hrung des   Streiks. Dies reicht aber nach der reichlich undemokratischen Satzung   der IG Metall nicht aus. Diese sieht vor, dass ein Streik nur bei   75-prozentiger Zustimmung gef&#252;hrt werden kann. Die Streikversammlung   votierte trotzdem einstimmig f&#252;r eine Fortsetzung des Streiks f&#252;r drei   konkrete Forderungen. Die IG Metall wurde zur Unterst&#252;tzung einer   Streik-Fortsetzung aufgerufen. Doch diese ignorierte den Willen der   Streikenden und hielt an dem Beschluss zum Streik-Abbruch fest.   Dementsprechend wurde der Streik am 20. Oktober um Mitternacht beendet.<\/p>\n<p>  <b>Bilanz <\/b><\/p>\n<p>  Das Ergebnis bei BSH steht in einer Reihe mit den Ergebnissen &#228;hnlicher   Auseinandersetzungen, wie bei CNH in Berlin und AEG in N&#252;rnberg. Die   Auseinandersetzung ging hier aufgrund des Selbstbewusstseins der   KollegInnen und des Einflusses kritischer GewerkschafterInnen aber   deutlich weiter. Doch trotzdem war die Belegschaft nicht auf den &#8211; zu   erwartenden &#8211; Ausverkauf durch die IGM-F&#252;hrung vorbereitet. Sie hatte   keine ausreichenden Strukturen gebildet, die den Streik tats&#228;chlich   vollst&#228;ndig unter die Kontrolle der Streikenden gebracht h&#228;tte. Und auch   die linken und kritischen GewerkschafterInnen hatten keine Gruppe   gebildet, die schnell und geschlossen h&#228;tte handeln und eine alternative   F&#252;hrung h&#228;tte darstellen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Der einzige Weg w&#228;re die Besetzung des Werks gewesen, doch im   entscheidenden Moment orientierten die Wortf&#252;hrer der Belegschaft   darauf, die IGM-Funktion&#228;re zu &#252;berzeugen statt den Schritt zu einem   selbstst&#228;ndigen Streik zu gehen, sich an die Basis der Gewerkschaft in   anderen Betrieben zu wenden und so die F&#252;hrung unter Druck zu setzen.   Eine Besetzung h&#228;tte zweifellos die Gefahr beinhaltet, dass die   Konzernchefs (erst einmal) ihre Bereitschaft zum Kompromiss   zur&#252;ckgezogen h&#228;tten. Gleichzeitig h&#228;tte sie aber einen bundesweiten   Bezugspunkt f&#252;r andere betroffene Belegschaften bilden k&#246;nnen und eine   Welle der Solidarit&#228;t und des gemeinsamen Kampfes ausl&#246;sen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Was bleibt, ist trotzdem ein Erfolg. Denn die BSH-Bosse konnten sich mit   ihrem Schlie&#223;ungsplan nicht durchsetzen und der Kampf selber hat neue   Ma&#223;st&#228;be gesetzt. Darauf kann in zuk&#252;nftigen K&#228;mpfen aufgebaut werden.   Und der Streik kann auch ein Ausgangspunkt f&#252;r die bessere Vernetzung   kritischer MetallerInnen im Kampf f&#252;r eine k&#228;mpferische und   demokratische Gewerkschaft sein.<\/p>\n<p>  <i>Sascha Stanicic ist SAV-Bundessprecher<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      IG Metall handelt gegen die Belegschaft von Bosch-Siemens-Hausger&#228;te<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,17],"tags":[929,187],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11805"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11805"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11805\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34951,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11805\/revisions\/34951"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11805"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11805"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}