{"id":11801,"date":"2006-10-19T19:09:51","date_gmt":"2006-10-19T17:09:51","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=11801"},"modified":"2017-07-06T13:50:40","modified_gmt":"2017-07-06T11:50:40","slug":"11801","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/10\/11801\/","title":{"rendered":"Streik bei Bosch-Siemens in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>  Dramatische Wende bahnt sich an &#8211; Fortsetzung des Streiks gegen   IGM-Beschluss <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Seit Monaten k&#228;mpft die Belegschaft des Bosch-Siemens-Hausger&#228;tewerks um   den Erhalt der Fabrik in Berlin-Gartenfeld. Im August kam die Nachricht,   dass die Gesch&#228;ftsleitung die Produktion zum Jahresende stilllegen will.   Seit drei Wochen befinden sich die Arbeiterinnen und Arbeiter im Streik.   Sie organisierten einen Marsch der Solidarit&#228;t quer durch die Republik,   der sie zu anderen von Arbeitsplatzvernichtung betroffenen Belegschaften   und den anderen BSH-Werken f&#252;hrte. Die Resonanz, vor allem in Kamp   Lintfort, wo BenQ vor der Schlie&#223;ung steht, und bei den AEG-KollegInnen   in N&#252;rnberg war hervorragend. Auch die internationale Solidarit&#228;t wurde   durch die BSH-Belegschaft entwickelt. Gewerkschaftsvertreter aus den   BSH-Werken in Polen und der T&#252;rkei wurden nach Berlin eingeladen und in   beiden Werken haben in den letzten Tagen erste Flugblatt-Aktionen zur   Solidarit&#228;t stattgefunden.<\/p>\n<p>  Die Siemens-Bosse stehen zur Zeit, unter anderem wegen der BenQ-Pleite,   unter erheblichem &#246;ffentlichem Druck. In der arbeitenden Bev&#246;lkerung   w&#228;chst die Wut auf millionenschwere Manager und Kapitalisten, die   Profite anh&#228;ufen und gleichzeitig Werksschlie&#223;ungen und   Massenentlassungen vornehmen. Deshalb wollte der Siemens-Vorstand eine   Demonstration vor der Konzernzentrale in M&#252;nchen &#8211; die als Abschluss des   Marsches der Solidarit&#228;t f&#252;r den heutigen Donnerstag geplant war &#8211;   verhindern. Diese h&#228;tte Arbeiterinnen und Arbeiter aus verschiedenen   Belegschaften zusammen bringen und die Perspektive eines gemeinsamen   Kampfes aufzeigen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  <b>Versuch des Streik-Abbruchs <\/b><\/p>\n<p>  So gelangten Gesch&#228;ftsleitung und Verhandlungsf&#252;hrer von IG Metall und   Betriebsrat am Mittwoch zu einer Einigung und die Kundgebung in M&#252;nchen   wurde schnell abgesagt. Die IG Metall beeilte sich das Ergebnis als   einen Erfolg zu verkaufen: zum ersten Mal sei ein Stilllegungsbeschluss   r&#252;ckg&#228;ngig gemacht worden, das Werk bleibe erhalten.<\/p>\n<p>  Bei genauerem Hinsehen blieb den Kolleginnen und Kollegen aber die   Freude im Halse stecken. Die Vereinbarung sah 216 betriebsbedingte   K&#252;ndigungen, zwanzig Prozent Lohnk&#252;rzungen f&#252;r die verbleibenden   Mitarbeiter und m&#228;&#223;ige Abfindungen f&#252;r die ausscheidenden KollegInnen   vor. Hinzu kommt, dass eine Aussicht f&#252;r eine Fortf&#252;hrung der Produktion   nach 2010 &#252;berhaupt nicht besteht und viele KollegInnen zurecht die   Sorge &#228;u&#223;erten, dass die Gesch&#228;ftsleitung schon vorher versuchen k&#246;nnte   diese Vereinbarung zu brechen, um einer dann geschw&#228;chten Belegschaft   das R&#252;ckgrat zu brechen. Die Zustimmung zu dieser Vereinbarung und   insbesondere die Absage der in M&#252;nchen geplanten Demonstration wurde von   vielen KollegInnen massiv kritisiert. Darunter auch von Mitgliedern des   Betriebsrats und dem Vertrauensk&#246;rperleiter H&#252;seyin Akyurt. Auch der f&#252;r   den Betriebsrat t&#228;tige Rechtsanwalt Thomas Berger kritisierte die   Vereinbarung &#246;ffentlich und bezeichnete sie als &#8222;schlecht&#8220;.<\/p>\n<p>  Erste Diskussionen am Mittwoch verliefen entsprechend kontrovers. Doch   vor allem wussten viele KollegInnen gar nicht, was genau vereinbart   wurde, da der Text der Vereinbarung nicht an alle verteilt wurde.   Gleichzeitig wurde f&#252;r den Donnerstag schon die Urabstimmung   durchgesetzt.<\/p>\n<p>  Donnerstag fr&#252;h um 6.30 Uhr wurde der Text der Vereinbarung dann von   SAV-Mitgliedern an die Kolleginnen und Kollegen verteilt, zusammen mit   einem <a href=\"\/?p=11797\">Flugblatt<\/a>   mit dem Titel &#8222;Sagt Nein!&#8220;, das zur Ablehnung des   Verhandlungsergebnisses bei der Urabstimmung aufrief. Beides wurde uns   aus der Hand gerissen und &#8222;Sagt Nein!&#8220; wurde zur Parole des Tages. Die   Emp&#246;rung &#252;ber den tats&#228;chlichen Text der Vereinbarung &#252;berstieg die   Kritik des Vortages um ein vielfaches. Noch vor der Er&#246;ffnung der   Streikversammlung ergriffen Kollegen das Wort im vollbesetzten   Streikzelt und wiesen darauf hin, dass die Behauptung, es habe keine   bundesweite Solidarit&#228;t f&#252;r den Streik gegeben (die von einigen   Bef&#252;rwortern der Vereinbarung als ein Grund f&#252;r den Abschluss genannt   wurde) nicht der Wahrheit entspricht. Ein Kollege, der am Marsch der   Solidarit&#228;t teilgenommen hatte, wies darauf hin, wie viele   Unterst&#252;tzungsunterschriften zum Beispiel gesammelt wurden. Ein   Betriebsratsmitglied forderte auch dazu auf, dass es keine Urabstimmung   geben d&#252;rfe, bevor nicht alle KollegInnen den Text der Vereinbarung   gelesen haben und alle Fragen dazu beantwortet sind.<\/p>\n<p>  <b>Streikversammlung am Donnerstag <\/b>    <\/p>\n<p>  Dann ergriff der Betriebsratsvorsitzende G&#252;ng&#246;r Demirci das Wort, der   den Verlauf der Urabstimmung erkl&#228;ren wollte. Er versuchte auch noch   einmal zu begr&#252;nden, warum er der Vereinbarung zugestimmt hat. Daraufhin   rief der VK-Leiter Akyurt unter tosendem Applaus der versammelten   Belegschaft aus, dass es sich um einen faulen Kompromiss handelt. Seine   Frage &#8222;wollt Ihr weiter k&#228;mpfen?&#8220; wurde ebenso begeistert wie lautstark   bejaht. Bei zum Teil tumultartigen Szenen wurde der Versuch die   Urabstimmung vor einer allgemeinen Aussprache und Kl&#228;rung der offenen   Fragen zu beginnen, verhindert.<\/p>\n<p>  Nach einer Pause wurde die Streikversammlung fortgesetzt, um die Punkte   der Vereinbarung durchzugehen und die Fragen der KollegInnen zu   beantworten. Direkt zu Beginn dieser Aussprache wies H&#252;seyin Akyurt noch   einmal darauf hin, dass eine Annahme nur zu einer Schw&#228;chung der   Belegschaft f&#252;hrt und es eine Illusion ist zu glauben, man k&#246;nne dann   2010 noch effektiven Widerstand gegen eine Schlie&#223;ung leisten. Den   Vereinbarungstext in die Luft haltend sagte er: &#8222;Schlimmer als das, was   wir jetzt haben, kann es nicht kommen!&#8220; Wieder tosender Applaus. Nach   einer, teilweise langatmigen, Diskussion &#252;ber die Einzelheiten der   Vereinbarung spitzte sich die Versammlung wieder zu, als der Punkt 9   aufgerufen wurde. In diesem hatten sich IG Metall und Betriebsrat   verpflichtet keine weiteren Aktionen au&#223;erhalb von Berlin durchzuf&#252;hren,   womit vor allem die Kundgebung in M&#252;nchen gemeint war. Der erste   Kollege, der dazu sprach schloss mit dem Satz: &#8222;Wir hatten unsere Hand   an der Gurgel der Gesch&#228;ftsleitung. Und die IG Metall hat uns auf die   Hand geschlagen.&#8220; Tosender Applaus. Der Begriff &#8222;Verrat&#8220; machte die   Runde. Kollegen wiesen darauf hin, dass der Kampf mit dem Versprechen   gef&#252;hrt wurde f&#252;r alle Arbeitspl&#228;tze zu k&#228;mpfen und man nun auch   diejenigen entt&#228;uscht, die solidarisch waren. Dann ergriff ein Mitglied   der Tarifkommission das Wort und sagte, er habe mit seiner Zustimmung zu   der Vereinbarung einen Fehler gemacht und beendete dies mit der   Bemerkung &#8222;Schei&#223; IG Metall&#8220;. Der verantwortliche IG Metall-Sekret&#228;r   Luis Sergio zog den Zorn der KollegInnen auf sich, als er behauptete,   man h&#228;tte in M&#252;nchen nur mit ein paar hundert Leuten demonstrieren   k&#246;nnen und dies w&#228;re ein Zeichen der Schw&#228;che gewesen. Dieser   Einsch&#228;tzung versprachen vor allem solche Kollegen vehement, die am   Marsch der Solidarit&#228;t durch das Land teilgenommen hatten. Als ein   Kollege dann sagte, dass man zumindest symbolisch h&#228;tte demonstrieren   k&#246;nnen und Sergio daran erinnert wurde, dass er noch vor wenigen Tagen   sagte, dass man auf jeden Fall die Demonstration in M&#252;nchen durchf&#252;hren   werde, erkl&#228;rte Sergio, Symbolik sei ihm &#8222;schei&#223;-egal&#8220;.<\/p>\n<p>  <b>Streik fortsetzen! <\/b>    <\/p>\n<p>  In einer bewegenden Szene ergriff dann ein Kollege das Wort und sprach   &#252;ber die famili&#228;ren Probleme, die der Streik bei ihm schon zur Folge   hatte. Und er beendete seine Ausf&#252;hrungen mit dem Satz: &#8222;Schei&#223;&quot; auf die   Probleme. Wir k&#228;mpfen weiter.&#8220; Stehende Ovationen und Sprechch&#246;re &#8222;Wir   k&#228;mpfen weiter &#8211; Solidarit&#228;t&#8220; waren die Folge. Auf der B&#252;hne wurde ein   Transparent mit der Aufschrift &#8222;Sagt Nein!&#8220; in die H&#246;he gehalten.<\/p>\n<p>  Kurze Zeit sp&#228;ter ergriff G&#252;ng&#246;r Demirci noch einmal das Wort, um eine   pers&#246;nliche Erkl&#228;rung abzugeben. In dieser sagte er, er werde sich   niemals gegen die Kollegen stellen. Er wiederholte, dass er die   Vereinbarung als einen Erfolg sehe, dieser aber einen Haken habe,   n&#228;mlich die betriebsbedingten K&#252;ndigungen. An dieser Stelle m&#252;sse die   Vereinbarung aufgebessert werden. Er habe den Kollegen zugeh&#246;rt und sehe   das Ergebnis der Urabstimmung vor Augen. Mit dem Satz: &#8222;Wir werden   gemeinsam weiter k&#228;mpfen&#8220; rief er faktisch zur Fortf&#252;hrung des Streiks   auf und konnte sich so wieder an die Spitze der Belegschaft stellen.   Allerdings diesmal, in dem er der Belegschaft folgte und nicht umgekehrt!<\/p>\n<p>  Die Urabstimmung l&#228;uft bis Freitag 12.00 Uhr. Der Gro&#223;teil der   KollegInnen stimmt jedoch offen ab, so dass es zur Zeit (19:30 Uhr am   Donnerstag Abend) wahrscheinlich ist, dass die n&#246;tigen 75 Prozent f&#252;r   die Fortsetzung des Streiks erreicht werden. Dies w&#228;re ein Novum in der   Geschichte von Arbeitsk&#228;mpfen der IG Metall und w&#252;rde den Streik mit   einem Schlag zu einem Kampf von enormer bundesweiter Bedeutung machen.<\/p>\n<p>  Da eine Urabstimmung f&#252;r den IG Metall-Vorstand nur empfehlenden   Charakter hat, wird sich die Frage stellen, wie dieser reagieren wird.   Vom Vorstand &#228;u&#223;erte sich niemand in den Debatten. IGM-Sekret&#228;r Sergio   sprach nur davon, dass man das Ergebnis &#8222;respektieren&#8220; werde, er aber   nicht f&#252;r den Vorstand sprechen k&#246;nne. Es wird von gro&#223;er Bedeutung   sein, dass IGM-Funktion&#228;re und -Mitglieder bundesweit in den n&#228;chsten   Tagen Solidarit&#228;tsbriefe f&#252;r die BSH-Belegschaft an den IGM-Vorstand   schreiben und diesen auffordern, den Streik fortzusetzen.<\/p>\n<p>  Die Auseinandersetzung wird dann zweifelsfrei eine neue Qualit&#228;t   annehmen und mit h&#228;rteren Bandagen gef&#252;hrt werden. Sie wird aber auch   eine ganz neue Ausstrahlungskraft gewinnen k&#246;nnen und zu breiterer   Solidarisierung f&#252;hren k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Entscheidend wird sein, dass die Belegschaft den eingeschlagenen Weg   weiter geht und die Kontrolle &#252;ber den Streik gewinnt.<\/p>\n<p>  Entscheidend wird aber auch sein, ob GewerkschafterInnen, soziale   Bewegungen und Linke in Berlin und bundesweit die Bedeutung dieser   Auseinandersetzung erkennen und sofort eine bundesweite und intensive   Solidarit&#228;tsarbeit beginnen.<\/p>\n<p>  <i>Sascha Stanicic, 19.10.2006<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Dramatische Wende bahnt sich an &#8211; Fortsetzung des Streiks gegen<br \/>\n      IGM-Beschluss<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,17],"tags":[929],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11801"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11801"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34964,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11801\/revisions\/34964"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}